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Nr. 443 42. Jahrg. Ausgabe A nr. 226

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

Redaktion und Verlag: Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292-297.

Sonnabend, den 19. September 1925

Vorwärts- Verlag 6.m. b. H., Berlin GW. 68, Lindenstr.3 Bostscheclonto: Berlin 37 536 Bentkonto: Bank der Arbeiter, Angestellten und Beamten, Wallstr. 65; Distonto- Gesellschaft, Depofitentaffe Lindenstr. 3.

Das Heidelberger Programm.

Fast einstimmige Annahme.- Erhebender Ausklang.

F. Kl. Der Barteitag von Heidelberg wird in der Ge-| sein kann. Wenn die Deutsch nationalen durch ihre schichte der deutschen Sozialdemokratie einen besonderen Platz Wahldemagogie sich in die Lage gebracht haben, daß sie nur einnehmen. In der Geburtsstadt Friedrich Eberis, des ersten unter neuem Wortbruch den Weg der von ihnen verläfterten fozialistischen Reichspräsidenten, hat sich die Bariei ein neues Erfüllungspolitik weiter gehen fönnen, wenn sie jetzt in der Brogramm gegeben, das als Heidelberger Programm fort- alle zappeln, die sie sich selbst gestellt haben, so hat die leben wird wie das Gothaer vor fünfzig Jahren und das Sozialdemokratie teinen Anlaß, sie aus Erfurter Programm, das nach dem Fall des Sozialistengesetzes ihrer Lage zu befreien! der Partei neuen Rüdhalt gab.

Ein Programm foll vorausschauen, kurz die Entwicklungs­reihe andeuten und in der Gegenwart Wegweiser sein. Man darf es deshalb nicht allzuoft umgestalten und in seinen Grundsätzen erschüttern. Wir hoffen darum, daß das nun neu geschaffene Heidelberger Programm Bestand haben wird. Man fann Scheidemann zustimmen, daß manches noch schärfer und flarer hätte formuliert werden können, aber gerade die Kritif Levis beweist, daß die Anhänger der von Scheidemann vorgetragenen Auffassungen feinen Grund haben, gegen das neue Programm irgend welche grundsäglichen Bedenken zu hegen. Im großen ganzen ist das Programim nach den Ver­befferungen, die es erfahren hat, die theoretische Funda­mentierung der praktischen Arbeit, die die Partei in der Deut fchen Republik geleistet hat und weiter zu leisten entschloffen ift: prattische Arbeit für die großen Massen des arbeitenden Bolles, praktische Arbeit im Geiste und mit dem Ziel des demokratischen Sozialismus.

Jezt geht es von der Heidelberger Tagung in neue Kämpfe. Im Badener Land stehen unsere Genoffen in Front, um ihren Einfluß im Landtage nicht nur zu behalten, sondern zu erweitern. In Berlin sollen die Stadtverord wahl des 25. Oktober zeigen, daß die Partei des Sozialismus nicht überwunden werden kann, sondern daß fie marschiert; fie sollen die Sozialdemokraten weiter erweisen als starken Hort des sozialen Fortschritts inmitten der fapitalistischen Unfultur.

Was dem Parteitag fein Gepräge gab, war der starte Wille, von unfruchtbarer Diskussion zur praktischen Arbeit, vom Streit um Personen zu fruchtbringender Einheit des Handelns zu gelangen. Es ist kein Geheimnis, daß der Konflikt inner­halb der sächsischen Sozialdemokratie auf der Arbeits­fähigkeit der ganzen Bartei in Sachsen lastete. Nachdem durch mehrere Jahre eine Unsumme von persönlicher Berbitterung und Streit aufgespeichert worden war, fchien es fa ft un möglich, die streitenden Parteien und Kampfgenossen wieder zu gemeinsamer Arbeit zusammenzuführen. Trotzdem muß und wird der Bersuch gemacht werden. Die Entschließung des Parteitages, die nach eingehender und sehr ausführlicher Aussprache in der Kommission mit großer Mehrheit gefaßt wurde, zeigt den Weg, auf dem sich die sächsischen Sozial­demokraten alle wieder vereinigen müssen. Diejenigen säch­sischen Delegierten, die gegen diese Entschließung stimmten, haben sich trotzdem verpflichtet, den Beschluß des Gesamtpartei tages zu refpettieren und ihn loyal durchzuführen. Dazu gehört auch, daß die bis nun vom Ausschluß bedrohten 23 Fraktionsmitglieder gleichberechtigt im Versammlungsleben und in der Presse zu Worte tommen, um die Berbin­dung mit den Parteigenoffen wieder aufnehmen zu fönnen. Wenn auf beiden Seiten der Bunsch und der ernste Wille vorhanden ist, das Bergangene zu begraben, dann dürfte der fächsische Konflikt bald zu den überwundenen Dingen gehören. Das schon vor mehr als 20 Jahren das rot Sachsen " genannte Land wird dann bald wieder zur Hochburg der deutschen Sozialdemokratie werden.

An der lleberwindung des Zwiespalts zu arbeiten, ist besonders Aufgabe der Parteipreffe. Wir haben den Bruderkampf, der lange Jahre die Sozialdemokratie Deutsch­londs in zwei Lager riß, überwunden und die Wiederver einigung zweier Parteien feiern dürfen, die innerlich zu­sammengehörten. Auch damals war es notwendig, zunächst in der Presse und in Versammlungen den Streitfall zu begraben. Und wieviel mehr und leichter muß das in Sachsen möglich sein, wo doch der Streitgegenstand viel geringer und es zur Spaltung aus diesem Anlaß glücklicherweise gar nicht erst gekommen ist.

Der Wille der Gesamtpartei, in Sachsen wie überall Frieden unter Bleichstrebenden zu schaffen und zu erhalten, ift so start und unzweideutig zum Ausdrud gebracht morden, daß es niemandem schmer fallen wird, ihm Rechnung zu tragen. Die politische Situation im Reiche ist derart, daß die Bereinigung der gesamten Arbeiterklasse mehr als je not­mendig ist, wird doch schon die Frage des Sicherheitspattes und die Stellung der ersten Regierungspartei zu dieser Frage an die Sozialdemokraten binnen furzem neue Aufgaben her antragen, über deren Umfang und Bedeutung fein 3weifel

Aber noch weniger fann sie selber sich von dem Wege ab­wenden, den zuerst beschritten zu haben, ihr von nationa­liftischen Demagogen als Landesverrat zum Vorwurf gemacht worden ist. Die Sozialdemokratie wird, darüber hat sich der Baiteitag flar und unmißverständlich ausgesprochen, die Be r ständigung der Völker zu fördern suchen, auch auf der Weg der Sicherheitspatt Politik, damit nicht zu den Greueln des Weltfrieges neue friegerische Berwickelungen hinzugefügt werden. So wird dem Wiederaufbau der Welt gedient, nicht zuletzt aber dem deutschen Bolte, für dessen arbeitende und darbende Teile zu wirken, die Aufgabe der Sozialdemokratie war, ist und bleiben wird.

wieder die Einheitsform des Finanztapitals annimmt. Dieses Finanzkapital stellt schließlich die starke Gesellschaftskonzentration dar, die nach ihrer hierarchischen Form überhaupt denkbar ist. der Fall Stinnes. Worauf beruht die sozialistische Kritik dieses Falles? Weder in der Kombination verschiedener Produktionszweige noch auf dem Versuch, in die anderen Kapitalssphären, wie das Handels- und Banffapital einzudringen, noch bezieht sich unsere Kritit darauf, daß, als Stinnes zusammenbrach, die Großbanten sich vereinigen mußten, um auf Verlangen der Reichsbank mit Unter­flüßung der preußischen Seehandlung den völligen Zusammenbruch des Konzerns zu verhindern. Die sozialistische Tendenz bei dieser Kritik ist vielmehr, daß Stinnes zwar in anormalen Zeiten, aber nur talistischen Produktionsweise vorhanden sind, einen großen Teil anormal als Steigerung von Bedingungen, die immer in der kapi­der deutschen Volkswirtschaft unter seine Bot mäßigteit bringen konnte,

Schlaglichtartig beleuchtet das Resultat dieser ganzen Entwicklung

aus Geldern, die in Wirklichkeit erarbeitet sind von der Arbeiter­

Aber so sehr die Reaktion außenpolitisch gebunden ist, so volfsverderbend sind ihre Bläne im Reich und in den Ländern. Die ohne Zutun der Regierung erfolgte Veröffent- fügen.( Sehr wahr!) Und wenn die Banken eingreifen mußten, fo lichung des Reichsschulgefehentwurfs zeigt bereits, mohin der Kurs gesteuert werden soll. Hier wird ganz offen an Etelle der Toleranz der Kulturfampf eingeleitet, nicht ein Kampf gegen die katholische Kirche , wie zu Bismards Beiten, sondern ein Kampf gegen die neue Kultur, die in der Arbeiterklasse im Bachsen ist. Da ist es selbstver­ständlich, daß unser Parteitag die Kampfansage aufnimmt, und die Partei sich rüstet für das schwere Ringen um die Freiheit der Schule, die gleichzeitig die Freiheit der Ent. wicklungsmöglichkeit für die Kinder der Arbeiterklasse darstellt. Die Partei ruft alle auf, mit ihr zusammenzugehen und jeden Rückschritt auf dem Gebiete der Schule als eine Ver­schlechterung der gesamten Kulturgrundlage des deutschen Volkes zu verhindern.

Inhalt und Austlang der Arbeit des Parteitages ist der ille zum Kampf um das sozialistische Biel auf dem Boden der Republik . Für diesen Kampf hat die Partei sich die Rüftung des neuen Programms gegeben. Mögen alle Partei­genossen es studieren, feine einzelnen Forderungen durch denten und in sich verarbeiten. Dann aber: Vorwärts zu neuer Friedenswerbearbeit für die Sozialdemokratie, für die Partei der Gegenwart und der Zukunft! Auf, Sozialisten, schließt die Reihen!

Im weiteren Berlauf seiner Rede zum Programmentwurf führte Hilferding aus:

So stellt unsere Programmarbeit den Anfang der Arbeit für fünftige Parteitage dar. Wir müssen unbedingt zu unserem Programm Stellung nehmen, weil die Wirklichkeiten nahe

geworden sind.

und zwar ausschließlich unter Benuhung von Mitteln, die im Grunde genommen der Verfügung der Deffentlichkeit gehören mußten. Stinnes fonnte seinen Konzern nur aufbauen mit Hilfe der Niesen­tredite der Reichsbant. Alle diese Riefenkonzerne können sich nur weiter entwideln, wenn sie über öffentliches Eigentum ver­taten fie das mit Mitteln, die ihnen aus den Depots vi. zufließzen, schaft, die einer unendlichen Anzahl von Lenten gehören, die über die Berwendung ihrer Gelder gar keine Bestimmung mehr haben, und diese Gelder müssen in Bewegung gefeht werden, um sich vor dem völligen Bankroti zu retten, weil dieser Bankrott die gesamte Bolkswirtschaft bedroht hätte.( Sehr richtig!) Das Brivat­eigentum erweist sich nun als heute nicht mehr vorhan den. Das Großmonopol verfügt vielmehr über das öffentliche Eigentum und wir verlangen, daß diese Verfügung von jenen erobert wird, die dieses Eigentum geschaffen im Produktionsprozeß, d. h. die demokratisch- sozialistische Gesellschaft verlangt die Verfügung über das öffentliche Eigentum.( Lebhafte Zustimmung.) Dieser Konzentrationsprozeß ist vielleicht nie so beschleunigt gewesen, wie in unserer Periode. Der Krieg hat hier einen un­geheuer starten Anstoß und ebenso dann die Inflation, die Er schütterung unserer Währung. Aber auch nach dieser Inflation hat dieser Prozeß nicht aufgehört. Im Gegenteil, gerade nach der Stabilisierung erleben wir eine Steigerung dieses Prozesses der technischen Revolutionierung und der ökonomischen Monopolisierung. Die Stellung der Kohle wird erschüttert durch die Verbesserung in der Verfeurung, durch die Erzeugung der Elektrizität aus den Wasserkräften, durch den lebergang zur Delfeuerung. Sie fann nur wiederhergestellt werden durch eine neue technische Revolutionierung, durch die Berflüssigung der Kohle. Und dies Problem kann im Grunde nur gelöst werden, wenn die Re­gierungen der Kohle produzierenden Länder, Deutschland , England und andere Staaten, sich vereinigen würden zu einer Regulierung und Neugestaltung der Kohleproduktion, d. h. wenn diese Re gierungen bewußt die Privatwirtschaft auf diesem Gebiet verlassen und zu einer gesellschaftlichen internationalen Regelung der Grund­lage aller Produktion fommen. Auf der anderen Seite sehen wir eine Revolutio. nierung der Arbeitsverfahren. Die alten Erfahrungen, von der Arbeit des Bauern angefangen bis zur kompliziertesten Arbeit eines Mechanikers, wurden psychologisch und physiologisch geprüft, phyfiologisch auf den Grad ihrer Wirksamkeit, ihrer Intensität untersucht. Die Arbeit wird immer mehr zerlegt, und diese Zer­neuen Betriebsorganisation, die auf dem Prinzip un maschinerien. Diese ganzen Prozesse werden zusammengefaßt in der unterbrochener Kontinuität des Betriebes beruht. Das hat wieder zur Folge eine ungeheure Steigerung der produk­tipen Kräfte und auf der anderen Seite Monopolisierung diefer produktiven Kräfte in der Hand einer fleinen Kapitalsgruppe. Jetzt erfolgt der

Was bedeutet der vorliegende Programmentwurf nun in seinem grundsäglichen Teile? Die grundsätzliche Analyse der fapi­talistischen Entwicklung im Erfurter Programm ist im legten Jahr zehnt in jeder einzelnen Phase bestätigt worden. Zuerst im tom­munistischen Manifest hat Marr das große Entwicklungs gesetz der Industrie, das Konzentrationsgefeß entwickelt. Im " Rapital" hat er es mit allen Fundamenten der Wirtschaft unterlegung führt zu immer meiterer Anwendung neuer Arbeits­fiert. Aber alles das war nur sozialistische Prophetic, während mauert und Rautsty hat es dann im Erfurter Programm formu heute bas 3onzentrationsgefes als wirklich objektives Gesetz der fapitalistischen Entwicklung erwiesen ist. Die erste Stufe war, daß die technische und ökonomische Ueberlegenheit der Großbetriebe die Kleinbetriebe zur sozialen Bedeutungslosigkeit zurückwarf. Die 3 meite Stufe, daß die Großbetriebe einen immer größeren Teil des Profites in fires Kapital verwandelten und in den Zeiten der Krisen durch Vereinigung zu monopolistischen Organisationen die Konkurrenz ausschalteten. Dadurch entstand eine Berschiedenheit in der Höhe der Profitraten, und die dritte Stufe war ein Ausgleich der Profitraten durch die Konzentration der horizontalen und verti falen Richtung. Die freie Konkurrenz wurde in immer stärkerem Maße aufgehoben burd) fapitalistische Monopolbildung und die An­archie der tapitalistischen Produktionsweise durch die Organisa= tionstenbenz der Kapitals selbst überwunden.

Aber die Wirtschaft wurde nicht zugunsten der Allgemeinheit organisiert, sondern für die Oligarchie weniger Kapitalisten, die die Produktionsmittel der Gesellschaft für fich monopolisierten und das gesamte Wirtschafts- und das persönliche Schicksal der Arbeiter, Angestellten, Beamten und konsumenten immer stärker bestimmten.

Im Zusammenhang damit folgt der Uebergang der einzelnen Betriebe in Attienform, die engere Zusammenschließung des Industriellen­fapitals mit der Kreditorganisation der Gesellschaft, die alles flüssige Sapital in den Banten ansammelt. Die Entmidlung führte fchließ ay dazu, daß die alte Trennung des Kapitals in Industrie, Handels- und Banttapital immer mehr aufhört und das Kapital

Uebergang von der Kartellorganisation zur Trustorganisation zur Zusammenschweißung der Gesamtkonzerne in einem einzigen Unternehmen, innerhalb deffen dann wirklich rationell produziert werden kann, aber wiederum zu­gunsten der kapitalistischen Monopolsinhaber.

Diese ungeheure Kraft des monopolifierten Kapitals wendet sich nun nach außen, um für die steigende Produktion zu größerem Profit Absahmärfte zu finden, Das führt zu den imperialistischen Tendenzen. Das Kapital bringt so in bisher davon unberührte Länder die moderne Kapitalistentlasse, das moderne Bürgertum, die moderne Intelligenz und die moderne Arbeiterklasse. Das Bürgertum und die Intelligenz sind dann be­strebt, sich von den Einflüssen des ausländischen Kapitals zu emanzipieren. Es begann ein internationaler Un­Gestaltung Europas vollständig umgestaltet hat. Durch die Re abhängigkeitstampi, der im neunzehnten Jahrhundert die polution und den Krieg ist dieser Prozeß außerordentlich be. schleunigt und hat einen weltweiten Maßstab angenommen, fich aus. gedehnt auf den Nordrand Afrikas , China , Japan , Indien usm. Damit schafft der Kapitalismus neue gewaltige Entwicklungen, he rührt mit seinem Zauberstab ungeheure, bisher unerwachte Menschen­