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Nr. 517 42.�ahrgaag

7. Seilage öes vorwärts

Sonntag, 1. November 1925

Die Behandlung des ijeimarbeiterelends durch unsere Genossin channa im Preußischen Landtag bei der Beratung des Etats für das Handelsministerium lenkt die Aufmerksamkeit erneut auf diese Parias der arbeiienden Bevölkerung. Wir geben in folgendem eine Schilderung der Verhältnisse in den verschiedenen Heimarbeitsbezirken Deutschlands . Sonneberger Spiel- unö Slaswaren. Noch jeder, der Thüringens Wälder und Auen durchwanderte, noch jeder, der Thüringens Täler und Berge kennen und lieben lernte, wird mit Entzücken der Zeit gedenken, wo er diese Herrlichkeiten genießen und in sich aufnehmen konnte. Merkwürdigerweise wissen aber die wenigsten davcu zu berichten, daß gerade in den land- schastlich hervorragendsten Gegenden das größte Elend in der Be- völkerung herrscht. 2m Thüringer Wald , und da besonders in der Eonneberger Gegend, wohnen die Heimardeiter der Spielwaren- industrie. Jener Industrie, die jahraus, jahrein ihre Erzeugnisse in alle Welt sendet, Erzeugnisse, die den Herstellern kaum das täglich« Brot, aber Sorge und Not im Ueberfluh bringen und die doch ge> rode dazu berufen fein sollen, Freude und Annehmlichkeiten zu be- reiten. Die Sonneberger Spielwarenherstellung geschieht fast voll- tommen«in der Heimarbeit. Jedes Dorf, jedes Städtchen im freund. lichen, sonnigen Tal oder am bewaldeten Bergabhang ist bewohnt von den kleinen Spielwarenfabrikanten. Viele arbeiten für den Unternehmer, der vielleicht einen kleinen Fobrikbetrieb unterhält, in der Mehrheit aber seine Heimarbeiter an der Hand hat, die ihm die Waren herstellen. Vereinzelt kommt es noch vor. daß Heim- erbeiter ihre Arbeitsprodukte den.Verlegern' anbieten, die, je nach

So wobnt der Heimarbeiter-- der Konjunktur, dem Arbeiter die Waren abnehmen, oder mich nicht. Diese sich als.selbständige Hausgewerbetreibende' bezeich- nende» Heimarbeiter leben noch unter ungünstigeren Bedingungen als die anderen. In den niedrigen Stuben der flachen Häuschen sitzt die Heimarbciterfamilie um den einzigen Tisch der mehr als ärm-

lichen Wohnungseinrichtung und fertigt jene Gegenständ« an. die besonders zur Weihnachtszest in den Läden der Großstädte zu finden sind und die beim bloßen Anblick jedes Kinderherz höherschlagen lassen, hier wohnen die Helfer des Weihnachtsmannes; emsig arbeiten die Kleinen und Kleinsten, damit der Gabensack des um die Weihnachtszeit so beliebten Manne» auch zur Zeit voll wird. Für sie selbst gibt es kaum einen Gabentisch. Vielleicht ist ihnen auch die Illusion des Spielzeuges abhanden gekommen, wenn sie tagtäglichBää in de Bruder* stecken und.de Pfaarmäuler tusche müsse*.(Beine in die Bretter, aus denen nachher Holzpferde werden. steckeii müssen und die Pferdemäuler onzutuschen haben.) Glaubt man noch, daß das Mädchen Lust zum Spielen hat, das von sich und seiner Arbeit berichtet:.Ich geh nei die Drahbänk un drambel un nouchar muß ich aa die Lää zammhäng.*(Ich gehe in die Dreh- bank und trete, nachher muß ich die Beine der Puppen zusammen- hängen.) wie sie leben unü arbeiten. Der Vater geht tu den Wald and holt sich da» hol; selbst, au» dem die Pferde- und Puppenleiber hergestellt werden. Mit dem Schnitzmesser richtet er es zu, Mutter und Kinder tuschen, malen. kleben, formen daran herum und schließlich haben alle zusammen In emsiger Arbeit lb M. in der Woche verdient. Was soll davon zuerst gekauft oder bezahll werden? Nur die wenigsten haben einig« Quadratmeter Land, auf dem Kartoffeln und einiges Gemüse ge- zogen wird. Es fehlt an Zeit für diese Arbeit. Schlechtes Brot. billige Margarine,«ine Mehlsoße zu den Klößen. Sonntags ein halbes Pfund Fleisch für die achtköpsige Familie: damit werden die leiblichen Bedürfnisse befriedigt. Glücklich wird derjenige gepriesen, der etwa von Verwandten aus der Großstadt gelegentlich ein Bündel alter, abgelegter Sachen geschickt erhält. Ein Sonntagsanzug muß oft für Lebenszeit halten, für die Schmutzarbeit beim Hobeln. Malen und Leimen genügt dos älteste Zeug. Ein Kulturbedürfnis kennt der Heimarbeiter nicht, Arbeit und Schlaf, damlt erschöpft sich sein Leben. In der Üauscha-Sleinacher Glaswarenindustrie sind die Verhältnisse nicht viel besser. Die Glasbläserei eignet sich ganz besonders für die Heimarbeit. Der Glaswarenheimarbeiter braucht so gut wie kein Werkzeug. Eine offene Gasflamme, ein blafebalg- ähnliches Gebläse unter dem Arbeitstisch und vielleicht noch ein Taster ist olles, was er nötig hat. Sein Rohmaterial sind Glas- röhren der verschiedensten Stärken, aus denen er alle nur erdenk- l-chen Gegenstände herstellen kann. Von der einfachen Ampulle bis zum komplizierten chemischen und technischen Laboratoriumsgerät fornit er alles, fast möchte man sagen, mit der Hand. Hört man die Preise, die als Arbeitslohn für die feinen, zerbrechlichen In- ftrumente bezahll werden, so bekommt man erst die richtige Hoch- ochtung vor der Qualifikation des Arbeiters, der dabei den Unter- hall für seine große Familie erwerben kann. Zn Sleinach wohnen die Hersteller der künstlichen Augen, eine Arbeit, die sich vom Dater auf den Sohn vererbt. Obwohl nur etwa lOO Augcnmacher vor­handen sind, muß man sich doch wundern, wo all die Puppen und Tiere bleiben, in die die Unzahl von Augen hineingesetzt werden, die täglich hier hergestellt werden. Für 100 Augen gibt es 1.80 M.. Arbeitsdauer 7 Stunden. Die Leute sind sehr schwer zu organi-; sicren. Nach den Entscheidungen der Arbeitsbehörden werden sie i als Heimarbeiter betrachtet, die Steuerbehörden verlangen von ihnen I

Gewerbesteuer, die sonst nur Gewerbetreibende zu zahlen brauchen. So ist ihre Lage ungeklärt. Nur eins steht fest: daß sie alle ei» Elendsdasein führen, das auch dadurch nicht gemildert wird, daß man versucht, dem steinigen Bergboden einige Früchte abzuringen. Eine andere Erwerbsmöglichkeit besteht hier oben, 900 Meter übe.' dem Meeresspiegel, nicht. Elend, Not, Krankheit, früher Tod sind die Etappen der Glashcimarbeiter, besonders die Lungentuberkulose fordert zahlreiche Opfer. vom armen Sürsienbinüer. Die Zentrale für die deutsche Bürstenindustrie ist das Städtchen Schönhcide im Sächsischen Erzgebirge . Die Anfänge der Bürsten- fabrikation gehen bis in das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert zurück. Von Schönheide hat die Industrie Verbreitung in die nächste Umgebung gefunden. Wenn auch in neuerer Zeit die ma- schinelle Herstellung der Bürstenwaren ausschlaggebend geworden ist, eine Arbeitsvcrrichtung wird auch heute und wahrscheinlich noch in langer Zukunft mit der Hand in der Heimarbeit vorge­nommen werden, nämlich das Borsteneinziehen, dasBinden der Bürsten*. Alleszieht ein*. Wenn man bedenkt, daß in der Stunde 200 bis 250 Löcher mit Borsten oder Haaren versehen werden müssen und daß im Schönhcider Bezirk etwa 2000 Heimarbeiter ausschließ- sich mit dieser Arbeit täglich bis zu 18 Stunden beschäftigt sind, kann man ermessen, was die Welt in Bürstenwaren umsetzt. Die Verdienste sind unter aller Kritik, wenngleich der Holzarbciterver- band auch hier schon sein möglichstes getan hat. Slnndenverdicuste von 15 bis 20 Pf. sind der Durchschnitt: die Arbeiterorganisationen finden keine Unterstützung durch behördliche Anordnungen. An dem genannten Verdienst ist die ganze Familie beteiligt. Der Vater arbeitet meist, d. h. solange er noch irgend kann, in der Fabrik. Zur Erhöhung der Einnahnien arbeitet zu Hause die ganze Familie mit und abends, nach Feierabend arbeitet der Vater weiter. Die tariflich festgesetzten Löhne werden oft genug von den Unternehmer» nicht inWegehallen: die geringen Verdienste der Fabrikarbeiter zwingen die Frauen und die Familienangehörigen zur Heimarbeit. Um sie nicht zu verlieren, bieten sich die Frauen billiger an, die Unternehmer machen sich das zunutze. Die Heimarbeit kommt ihnen auf alle Fälle billiger als die Betriebsarbeit, weil die Betriebs­unkosten, Sozialbeiträge und ähnliches mehr gespart werden. Das kllogenüe Tal im vogtlanö. Am Rand« Westsachsens, im Vogtlande, dicht an der tschecho- stowakischen Grenze, siegt in einzigartiger Umgebung die INusik- instrumenlenskadt Klingenthal . Niemand hat bei der Namengebung dieser Stadt daran gedacht, daß hier einmal der Hauptsitz der

-- und so der Arbeitgeber Harmonikaindustrie werden würde, und doch klingt's nicht nur in jedem Hause, nein im ganzen Städtchen, in allen Dörfern ringsum, im ganzen Tal. Eine amtliche Arbeiterzählung ermittelte im Com- mer des vorigen Jahres 1936 männliche und 772 weibliche B e- t r i« b s arbeitet. Die� Zahl der Heimarbeiter ist schwer sestzm

Die Passion. Roman von Tlora viebig. Manfred, sieh mich anl* Die Stimme Berndorffs klang jetzt genau so ruhig, wie die des Sohnes geklungen hatte, sie war von einer unheimlichen Ruhe.Lkomm hierher, ganz nahe, tritt vor mich!" Er streckte den Arm aus, faßte den Sohn, wie man einen Knaben faßt, pslan.zte ihn dicht vor sich hin und hielt ihn so fest:So. Run sag' mir noch ein- mal, Auge in Auge he, nicht gezwinkert, nicht auf die Seite geblickt! Auge in Auge sag nach einmal, daß es Verleumdung ist, daß du niemals in der Heiligkreuzgasse ge- wesen bist, bei den verfluchten Dirnen der Lukaszewicz, fag's vor Gott , dem Allmächtigen, der uns jetzt hört he. warum bist du so fahl? Deine Augen zwinkern fag's, nun fag's!" Wozu die Komödie?! Das ist ja albern!" Der junge Mensch riß sich los.Ich habe keine Lust, mich von dir wie einen dummen Jungen behandeln zu lassen!" Du bist da gewesen jetzt weiß ich's!" Ein furchtbarer Schlag traf den Sohn ins Gesicht. Dann ein Äufbrüllen: Lügner!" Und dann wich Hermann Berndorff plötzlich zurück. Er schlug hintenüber ohne erst zu taumeln, ohne zu wanken, glitt zu Boden wie ein Baum, der gefällt ist. 2. Im Eckhaus der neuen Kulmstraße, vier Treppen bei Bergmann, wohnte Manfred Berdorff. Bor beinahe drei Vierteljahren war er nach Berlin gekommen. Er hatte erst feinere Wohnungen gehabt, aber nun war er hier gelandet'. die Witwe Bergmann war eine saubere, ordentliche Frau, trotzdem vermietete sie nicht so leicht, denn sie duldete keinen Zimmerherrn, der sich Weiber mit aus die Bude brachte. Wenn Manfred am Fenster stand, konnte er hinüberblicken auf den Schienenstrang der Eisenbahn, und das tat er oft stundenlang, starrte hinter den davonbrausenden und eifrig schnaubenden Zügen drein; und seine Gedanken drehten sich wie die geschwinden Räder dort, aber planlos und ungewiß. Er hatte nicht das Gefühl des Fleißes, das zur Eile treibt. Er bereitete sich noch immer zum Abiturium vor, das heißt, er hatte noch gar nicht angefangen mit der Borbereitung. Trotzdem nannte und schrieb er sich: Stud. jur._________

Zu Hause war's nichts mit dem Examen geworden, ob- gleich er nun hätte bei der Mutter wohnen können. Das Gut war verkauft, mußte subhastiert werden; leider blieb nicht sehr viel für die, solange sie lebte, zur Nutznießerin der Erb- schaft eingesetzte Frau. Nur soviel, daß Frau Malvine eine k�ne Wohnung in der nicht teuren Kreisstadt beziehen und 'WWSohn monatlich eine Summe von hundertfünfzig Mark abgeben konnte. Sie hatte ihn innigst gebeten, bei ihr zu bleiben, wenigstens so lange, bis er fertig war sollte sie denn auf einmal alles verlieren, mit dem Mann, der ihr so plötzlich genommen worden war, auch den Sohn? Aber Man- fred blieb fest: nein, das hielt er nicht aus, nun hier noch länger auf dieser elenden Penne zu hocken, in der er doch nicht voran kam; alle wollten ihm da nicht wohl, augefangen vom unwichtigsten Lehrer bis hinauf zum allmächtigen Di- rettor. Und das sah dann die Mutter auch ein: ihr Manfred machte hier kein Glück, und Glück mußte einer in dieser Atmo- sphäre kleinstädtischen Klatsches und Tratsches haben, der glatt durchs Examen kommen sollte. Frau Malvine war müde, willenlos. Sie hatte keine Fata Morgana mehr; feit sie picht mehr durch die gelbe und grüne Scheibe sah, die ihr die WeU verschönte, war alles so trübe, daß es auf noch mehr Trübung ihr kaum mehr ankam. Wie sah ihr Manfred grau und hohläugig aus! Er klagte immer über Müdigkeit, über Kopfschmerzen und war zu allem unlusttg. Kein Wunder war das nach dem Entsetzen, mit dem der jähe Tod des Baters ihn erfüllt hatte. Tagelang hatte er geweint, sich nicht beruhigen können. Und dann die vielen Aufregungen durch die Auflösung der bisherigen, doch immerhin behaglichen Ber- hältnisie, durch den Ernst der Existenzfrage. Und dann sein glühender Wunsch, aus der Enge in die Weite zu kommen. Vielleicht mochte ihm auch die Mandelentzündung, die ihn bald nach dem Tod des Vaters befallen hatte, noch immer in den Gliedern liegen. Die war recht hartnäckig gewesen. Doktor Iarzebowski war stets sorgsam in seiner Behandlung und bei Mandelentzündungen besonders vorsichtig, die ließen oft lange ihr Gift im Körper zurück. Der junge Berndorff durfte das Bett nicht verlassen. Da die Mutter noch draußen in Bukowitz war, um das, was sie an Möbeln mitnehmen wollte und tonnte, unter vielen Tränen zusammenzusuchen, übernahm Fräulein Wilkowski die Pflege. Sie lachte, als der Arzt sie darauf aufmerksam machte, daß eitrige Mandelentzündung anstecke: o, sie hatte gar keine Angst. Sie hatte immer ihre verstorbene Mutter,

die häufig an Halsentzündungen litt, gepflegt, und sogar vor zwei Iahren bei der Scharlachepidemie die kleine Tochter von Bekannten, wo noch mehr Kinder krank lagen. Nun, sie brauchte ja auch Herrn Jerndorff nicht so nahe zu kommen, konnte für alle Fälle ein Gurgelwasser gebrauchen. Doktor Iarzebowski schrieb ihr aus Vorsicht eines auf. Sie brauchte es auch. Aber die Nächte, in denen sich Manfred schlaflos warf, faß sie dicht an seinem Bett und hielt seine fiebernden Hände beruhigend in den ihren, nahm, wenn er gar zu un- ruhig war, seinen Kopf an ihre Brust. Die Mandelentzündung war denn auch endlich gewichen, nur die geschwollenen Hals- drüfen waren noch geblieben, aber das war ja weiter nicht schlimm. Nur die Nerven blieben noch schlecht. Die wurden erst besser, wenn er hier heraus war nur heraus, heraus! Dem jungen Mann schien der Boden unter den Füßen zu brennen. Es war seine Absicht, sich in Berlin sofort einen tüchtigen Einpauker zu nehmen; bei dem ließ er sich privatim schnell vorbereiten und machte binnen kürzester Frist an einem, für nicht allzuschwer bekannten Gymnasium das Examen. Manfred wies jede Einrede ab; er war förmlich unnahbar und fo verschlossen, daß Frau Malvine fast aufatmete, als es sich ermöglichen ließ, daß er schon bald nach Ostern nach Berlin abreiste. Sie hätte ihn jetzt lieber in Posen gesehen, da konnte sie ihn, wenn es ihr gar zu hart ankam, doch auch einmal besuchen; aber ihm war Posen nicht weit genug, er bestand auf Berlin. -- Und nun war er schon so lange hier. Der müßig am Fenster stehende und hinüber auf den Schienenstrang starrende junge Mann fuhr zusammen. Er war jetzt immer so schreck- Haft. Da hatte er neulich einen Brief von der Olga bekommen, der ihm kaltes Entsetzen durch alle Glieder rieseln ließ: denn ich kann nicht mehr länger hier bleiben, wo alle mit Fingern auf mich zeigen. Ich will zu meinem Bruder Stefan nach Berlin , der hat eine gute Stellung als Buch- Halter in einer großen Wollwarenfirma, vielleicht kann er mich da später auch anbringen, mir ist egal als was. Es ist mir ja hart Vaters wegen; der allein hat noch keine Ahnung. Aber ich muß fort wo loll ich hin?! Und dann bin ich doch auch in Deiner Nähe. Geh doch mal zu Stefan, Du kannst ja Grüße bringen, er wohnt Alexanderstraße 22. drei Treppen links, und sieh Dich um, wie es bei ihm ist. und wie er selber ist. Er war so lange nicht hier. Er ist jetzt verheiratet, ich kenne seine Frau gar nicht." ....,.(Fortsetzung folgt.)