deutschen Volkes: die Verminderung der alliier- ten Truppenzahl im Rheinlande oder die oertrcgsmägig mögliche Abkürzung der Besatzungsfristen, auf die der„Vorwärts" zuerst hinwies, um von der nationalen Presse stillschweigend abgeschrieben zu werden, und die all- gemeine europäische Abrü st u n g, die der Sozialis- mus längst fordert«, ehe die Deutschnationalen merkten, daß er das Ziel des nationalen Pazifismus ist, der Politik der deutschen Sozialdemokratie. Hierüber zu ringen und zu kämpfen gilt es vor allem nach der Unterzeichnung. Denn mit der Londoner Konfernez ist der Vertrag von Locarno noch nicht rechtskräftig: erst muß er von sechs oder sieben europäischen Parlamenten beraten, angenommen und ratifiziert werden. Je größer die Mehrheit ist, mit der der deutsche Reichstag den Vertrag von Locarno zum verbindlichen Gesetz erhebt, je mehr die deutschnationale Opposition gegen die Politik des deutschen Voltes zusammenbricht, um so eher ist zu erwarten, daß sich ein Teil dieser Auswirkungen zur Ratifizierung des Vertrags von Locarno vollzieht. Es ist eben für Deutschland die letzte und tieffte Aus- Wirkung des Vertrags von Locarno , daß er uns neue Mittel gibt, den Vertrag von Versailles zu überwinden. Locarno nimmt den Alliierten die Auslegung des Vertrages aus der Hand. Statt der.Alliierten"' entscheiden in Zukunft un- parteiische Instanzen über Recht und Unrecht. Durch die Zauberkraft des neuen Völkerrechts wird Deutschland eine Stuft der Gleichberechtigung höher gehoben. Roch und für lange Jahre noch sind die Alliierten zwar machtpolitisch stärker als Deutschland ; ihr« Ansteen und Floften übersteigen den deutschen Rüstungsstand um das Zehn-, um das Zwanzig- fache. Aber der Vertrag von Locarno mindert diese Macht. Der Vertrag beschränkt die Rechte der Alliierten. Sie dürfen das Schwert nicht mehr in die Wagschale der Politik werfen. Es wird entwertet. Die Gewalt' verliert ihre Uebermacht. Machtfragen werden Rechtsfragen. Sollte es zutreffen. daß die Alliierten vertraglich verpflichtet sind, eine Truppen- zahl im Westen zu halten, die die deutschen Garnisvnszahlen nicht überschreitet, so kann hierüber in Zukunft ein Gerichts- Hof entscheiden. Das wäre von weittragender polftischer Be- deutung. Und wenn es sich handelt um die Abkürzung der Besatzungsfristen, die der Verfailler Vertrag für den Fall vor- sieht, daß Deutschland ftine Verpflichtungen erfüllt, dann kann Deutschland , falls es Widerstand findet, ebenfalls ein« un- parteiische Feststellung ftiner Vertragserfüllung erreichen. So wie die Reparationskommission abgebaut wurde, so wird die Macht der Botschafterkonferenz eingeengt. An ihre Stelle tritt der International« Gerichtshof. Große Teile des deutschen Volkes vermögen den Vertrag von Locarno nur unter rein deutschen Gesichtspunkten, vom Standpunkt des Vorteil», zu würdigen. Der Sozialdemo- kratie sind auch die internationalen und die ideellen Folgen gegenwärtig. Bleibt die hellsehend« Vernunft gegen den blinden Unverstand siegreich, wird Deutschland seinen Sitz im Rate der Völker sehr bald einnehmen. Damit werden die letzten Schranken beseitigt, die Deutschland von der Mitwirkung am Wiederaufbau Europas und der Welt fernhalten. Wie die soziale Demokratie im inneren Staatsleben olle Kräfte entbindet, so öffnet der Vertrag von Locarno , im Geiste inter - nationaler sozialer Demokratie abaeschlosftn, Deutschland den Weg. in der Gemeinschaft der Völker sich zu bewähren.
Reichstag am 20. November. veginn der Locartto-Tebatte am 23. November. Der Aeltestenrat de« Reichstags hat gestern nach- mittag beschlossen, den Reichstag zu F r e i! a g. d e n 20. d. M., nachmittags 1 Uhr. einzuberufen. Am Freitag und Eonnabend werden der i t a l i e n I s ch e und russische Handelsvertrag in erster Lesung beraten werden. Am Montag, den 2 3. November, beginnt di« Beratung über den Locarno - Vertrag. Die Frage, ob für diesen Vertrag«in« Zweidrittelmehrheit erforderlich sei oder nicht, ist von
öegegnung in Sapreuth. Don Joses Maria Frank. Kart Heimster«. der berühmte zeitgenösstsch« Dichter, raste im D-Zug durch die fröstelnd« Novemberlandschaft. Aus seinen De» danken an Prag , wo man sein neues Stück aufführen, an Warschau , wo man seinen Roman übersetzen wollte, an das Dutzend Austräge für Essays. Gedichte, Skizzen, Novellen, die er unterwegs noch erledigen mußte, fuhr er jäh auf. als der Zug bremste, langsam anhielt und die behaglich näselnde Stimme eines Bahnhofoorfteh-r» erklang:.Nach Bayreuth um— siei— gen!' Impulsiv sprang er auf. Warum sollte er nicht auch diesem Rufe folgen? Prag und War- schau liefen nicht fort. Und Heimstern fuhr nach Bayreuth . Zwei Stunden später saß er in einem Gasthau, vor der und langweilte sich noch mehr ol« vorher. E» war«ine Enttäuschung gewesen, wie immer. Heimstern saß vor der dritten Flasche Rot- spon— Bier zu trinken, hatte er nicht über» Herz bringen können—; das Einglas blinzelte blasiert; wie bläulicher Nebel legte es sich um den Dichter— er schloß die Augen und nickte gelangweilt ein. Merkwürdig l Er hatte den komischen Gast drüben am Tisch« wohl übersehen: ein pralles Biedermeiergesicht, in dem es von Zeit zu Zell aufleuchtete, darüber«ine hohe Stirn, dahinter lang« Locken, die in einen widerspenstigen Nocken fielen: der ganz« Mensch in unmöglicher Kleidung, in einem blauen oorväterlichen Rock, in Kniehosen und Schnallenschuhen. Vor ihm stand ein großer Krug Kulmbacher Bier: daneben lag ein« Perlmutterschnupftabakdos« mit aufgemaltem Vergißmeinnicht: dich dabei stand ein Wasserglas mit bunten Astern— zwischen allem lag ein« schwarze Kladde auf. geschlagen: die weißen Blätter waren zierlich eng beschrieben. Heimstern schüttelt« den Kopf— wie diessr komisch« Kauz nur jetzt den Krug hob, als wäre er ein Edelpokal. wie er jetzt trank, als sei «s Nektar, wie er jetzt in di« Schnupftabaksdose hineinkicherte und beide geblähte Nasenlöcher kitzelt«, wie er jetzt an den Astern roch und mit den funkelnden Aeugelchen sie streichelte, wie er an dem Federhalter knabberte, mll den Fäusten auf den Tisch schlug, sich auf die Stirn tippte, jetzt sogar aufsprang und rief: �a! Ich werde dieses Satzungetüm überwältigen! 0, ich werde es streicheln, glätten, liebkosen, küssen, kleiden, bemalen, bis es lächell wie das Fichtel» gebirge im Mai und mein«.Station", di«.Jobelperiode" dieses Romans, der nie ankommen will, mit einem Rosenkranz schließt, in dem noch die Dornenstücke duftenl Immer Ruhe, wir werden schon zu Ende kommenl Ein Roman muß ein« Reis« sein durch »inen ewigen Sommerl Und wie soll man da aushören! Hol Jetzt habe ich den Satz, die Stimmung, den Akkord, dt« Sentenz, den Schluß der Postille— oder soll es wieder ein neuer Anfang sein? Gleichgüllig. er wird hingeschrieben, weil er zu hübsch ist, ihn nicht zu schreiben!" Da stand Heimstern auf. trat näher, verbeugte sich und fragte: .VA verzeihen 61«, wohl«in Kollege?" Der komisch« Kauz kicherte
keiner Selle im Aeltestenrat angeschnitten worden, da zurzell noch das sachverständig« juristische Gutachten darüber erwartet wird. Die Regierung wird dem Reichstag zur Beschlußfassung zwei ganz kurze Gesetzentwürfe vorlegen: 1. Der Reichstag stimmt den in der Anlage beigefügten Verträgen zu. 2. Der Reichstag ermächtigt die Regierung zum Beitritt in den Völkerbund.
Ein Gpfer üer Höchste Standesherren— Locarnisten? Die„Kreuzzeitung " fällt aus der Rolle. Sie ver- öffentlicht eine Zuschrift des Kreisvereins Potsdam der deutschnationalen Dolkspartei gegen die Unterzeichner der deutschnationalen Kundgebung für Locarno . Die Unterzeichner .rhalten darin ein Kolleg über konservative Gesinnung. Erstes Kapitel:„Die Deutschnationalen bringen innerpolitisch nur Opfer". Damit bleibt die„Kreuzzeitung " noch sie selbst. Ra- türlich: Schutzzölle und Steuervorzüge sind deutschnationale Opfer. Zweites Beispiel: .Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die— de- stimmten Wirtschaftskreisen entstammenden— Urheber der Kundgebung" zur Unterzeichnung Trögerbe rühmterund klang- voller Namen gesucht und gesunden haben. Die ver- kennung des Fundamentalgesetzes, daß die Wirtschaft der Politik folgt und letzten Ende» Machtfrage ist, zeigt, daß den Unterzeich- nern konservative und deutschnationale Besin- nung weltenfern liegt. Es tut uns weh, unter ihnen auch einen Enkel des Schöp- fers des deutschen Reiches zu finden. Bei einer ganzen Anzahl anderer kann man bedauern, daß sie die gewohnte Arena de» Sports, auf der sie sich bewährt haben, mit der ihnen fern liegenden politischen Arena vertauschten. Denkend« Politiker werden die.Kundgebung" nicht ohne Kopf- schütteln au» der Hand legen können. Die Geschichte wird über Locanw und L o c a r n i st e n ihr hartes aber verdientes Urteil sprechen." Aber, aber! Wie kann ein konservatives Organ so weg- werfend von höchsten Standesherren reden! Die„Locarnisten" beschimpfen und ihnen konservative und deutschnationale Ge- sinnung absprechen, und ihnen obendrein noch ihren P f e r» dever stand zum Vorwurf machen. Das gerade war doch bisher der Vorzug und das Vorrecht jener Kreise, für deren Exklusivität di«.Kreuzzeitung" wirkte, daß sie den Pferde- verstand besaßen. Man gibt sich nicht ungestraft mit parlamentarischer Politik ab— wie hätte das der.�kreuzzeitung" sonst passieren können. So aus der Rolle zu fallen! Ja, ja. auch die„Kreuz- zeitung " ist zum bedauernswerten Opfer der demokratischen Verrohung der Zeiten geworden! Ermäßigung üer Lohnsteuer. Ab 1. Januar 1926.— Ein Erfolg der Sozialdemokratie. In den Steu erkämpfen der letzten Monat« kämpften die bürgerlichen Parteien für hie Ermäßigung der Besitzsteuern, die Sozialdemokratie für di« Milderung der Lohn» st euer. Sie sollt« vor allen Dingen durch die Erhöhung der steuerfreien Grenze auf 100 fDL - monatlich herbeigeführt werden. Ader selbst diese» bescheiden« Verlangen scheitert« an de« Wider- stand der Reichsregierung, der von den Regierungsparteien gestützt wurde. Vor allem war«» da» Zentrum, das damit feine eigen« Forderung nach sozialer LastenverteUung im Stiche lleß. Diese starke Anspannung der Lohnsteuer ist ein« der wichtigsten Ursachen für die günstig« Entwicklung der Reichsfinanzen. Im ersten Halbjahr des Rechnungsjahres 1925 erbracht« sie: April 125, Mai 137, Juni 131, Juli 119, August 115, September 120, ins- gesamt also 717 Millionen Mark. Gegenüber dem Boranschlag ist das«in Mehrertrag von 117 Millionen Mark. Da di« Neuregelung der Lohnsteuer, die am 1. Oktober in Kraft getreten ist, im allgemeinen keine Senkung der Steuerleistung bedeutet, so ist auch in den nächsten Monaten mit einem dauernden
von der Seite und sagte: Leon Paul ist mein Namel Sie ver- zeihen, wenn ich Sie gestört habe. Ich schreib« nämlich jeden Tag hier mein« zehn Seiten m die Kladde." Heimstern faßt« sich an di« Stirn: Leon Paul! Siel— sind doch längst tot!"— La. ja, tot! Di« Menschen haben heute keine Zeit mehr, ich weiß! Meine Romane stehen heut« ganz oben in den Bücherreihen, wo kein« Leiter mehr hinlangtl Die Leute wissen nicht mehr, wie man mit Worten lächeln urib die Welt vekgessen kann! E» ist doch so schän, wie das Wort, wenn man es langsam schreibt, schnörkelt, malt, mit ihm au» dem Hundertsten ins Tausendste kommt. Kapriolen schießt, wie etwa in meinen«Verschiedenen prophetischen Gedanken, welch« teils ich. teils hundert andere wahrscheinlich 1807 am 31. Dezember haben werden", oder im.Glück, auf dem linken Ohr taub zu sein". oder in meiner.Ruhigen Darlegung der Gründe, warum di« jungen Leute jetzt mit Recht von dem Aller die Ehrfurcht erwarten. welch« sonst selber dieses von ihnen fordert". Wie, Sie kennen dies« meine Schriften nicht? Das ist schade! Sie beruhigen, und Sie scheinen mir— wie sagt man doch heute?— nervös! Ich werd« morgen eine neue Postill« beginnen:.Erwägungen, wieso junge Hunde. Kinder. Schnupftabak. �Blumen. Kullnbacher Bier und Geduld der best« Teil der Menschhell sind!" Und st» Ihnen dedi- zieren, vorausgesetzt, daß ich mich auf dieser Erwägungsreise nicht verirre. Di« Hauptsache ist. dabei glücklicher zu werden, mein jung» Freund. Es gibt drei Wege, glücklicher, nicht glücklich zu werden: der erste Weg, der in di« Höhe geht: so well über das Gewölke des Lebens hinauszudringen, daß man die ganz« äußer« Well mit ihren Wolfsgruben. Beinhäusern und GewllterablellSrn von wellem unter seinen Füßen nur wie ein eingeschrumpftes Kindergärtchen sieht. Der zweit«: gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so heimisch in eine Furch« einzunisten, daß, wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man ebenfalls keine Wolfsgruben. Beinhäuser und Stangen, sondern nur Aehren erblickt, deren jede für den Restoogel ein Baum und«in Sonnen- und Regenschirm ist. Der drille endlich, den ich für den schwersten und klügsten Halle, ist der, mll den beiden zu wechseln!— Lesen Sie» tn meiner Vorrede zum.Fixlein", und— oersuchen Sie'» einmal, mein junger Freund!" Damit schlug er zum Abschied dem Berwirrten auf die Schuller, nahm seine Lampe. Schnupftabaksdose, Blumenglas und ging. Da fuhr Heimstern empor. Der Wirt hatte ihm auf die Schulter geklopft:«Herr, in einer halben Stunde geht Ihr Zug. Sie haben geschlafen und— wies scheint— geträumt. Hoffentlich gut!" Helmstern zwinkert« in die Stube; er war der einzige Gast. Ueber dem Sofa hing ein Bild von Jean Paul . Heimstern be- trachtete es. Da erzählte ihm der Wirt, daß Jean Paul hier in der Stube gedichtet habe. Heimstern durchzuckte es: Richtig! Der 11. November stand vor der Tür. Jean Pauls Todestag. Zwei Stunden später rast« Karl Heiinstern im D-Zug« durch di« Nacht und klapperte auf jener Reiseschreibmaschine eine Novelle. die morgen abgesandt werden mußt« und nicht länger al» drei Spall« sei» durste.
Mehrertrag der Lohnsteuer von etwa 25 Millionen monatlich zq rechnen. Damit sind clle Voraussagen der Sozialdemokratie über den dauernd steigenden Ertrag der Lohnsteuer in Erfüllung gegangen und ihre Haltung zur Steuerreform glänzend gerechtfertigt. Heute besteht nicht der geringste Zweifel mehr, daß die B e r e ch- nungen des Reichsfinanzministeriums über den Ausfall an Lohnsteuer bei Erfüllung der sozialdemokratischen Forderung falsch waren. Da dos von den Sozialdemokraten damals bereits nochgewiesen wurde, so ist es nur dem mangelnden guten Willen der Rcchtsregierung und der Regierungsparteien zu verdanken, daß eine so berechtigte Forderung unerfüllt blieb. Daß man den Lohn- und Gehallsempfängern gegenüber da- mols ein schweres Unrecht beging, kam in dem Versprechen zum Ausdruck, die Lohnsteuer zu ermäßigen, wenn ihr Ertrag in sechs aufeinanderfolgenden Monaten die Summe von 600 Millionen Mark übersteigt. Di« Sozialdemokratie wollte, daß diese sechs Monate den Zellraum vom 1. April bis 30. September 1925 umfassen, da dadurch die Ermäßigung der Lohnsteuer baldigst hätte vorgenommen werden müssen. Das lehnte man ob und bestimmte die Zeit vom 1. Oktober 1925 bis zum 31. März 1 9 2 ö als die Grundlage, das bedeutete, daß frühestens am 1. April nächsten Jahres eine Senkung der Lohnsteuer zu er- folgen Hab«. Die steigend« Erregung der Lohn- und Gehaltsempfänger über die unsoziale Verteilung der Steuerlasten hat die Regierung ge- zwungen, ihr« damaligen Absichten zu ändern. In den nächsten Togen wird dem Reichsrat«in Gesetzentwurf zugehen, der eine Erhöhung der steuerfreien Einkommens- grenze auf 100 M. monatlich(21 M. wöchentlich) ab 1. Januar 1926 vorsieht. Auch das Reichsfinonzministerium. das noch vor kurzem diese Forderung als.agitatorisch" bekämpfte, scheint nun einzusehen, daß ein Zustand unhaltbar ist, der die schwächsten Kreise auf das stärkste belastet. Die Sozialdemokratie kann diese Wandlung als die Frucht ihrer Arbeit ansehen. Ohne die unermüdliche sozialdemokratische Kritik an der deutschen Steuergesetzgebung würden auch heute noch nicht die bescheidenen Versuche zur Milderung des Steuerunrechts eingeleitet, zu denen sich jetzt die Regierung und die Rechtsparteien gezwungen sehen._ Neues Militärrecht. Beseitigung der freien Richterwahl der Soldaten. Im Rechtsousschuß des Reichstags wurde am Donnerstag bei der Beratung des Gesetzentwurf» über Militärgerichte und mllitörgerichtliche Verfahren die freie Richter- w a h l der Soldaten, wie sie durch eine Verordnung der Volksbeouf. tragten vom ä. Dezember 1918 verfügt worden war. beseitigt. Jene Verordnung destimmte, daß die Militärgerichte anstatt der Offiziererichter mit Militärpersonen zu ersetzen sind, die von den Vertrauensleuten der Soldaten gewählt werden und der DienststeU lung der Angeklagten entsprechen. Im neuen Gesetz soll die Zu- sammensetzung der Gerichte so geregcll werden, daß sich unter de» Beisitzern st« t»« i n O f s> z i« r befindet, während die übrigen Bei- sitzer grundsätzlich der gleichen Rangklasse wie der Angeklagte ange- hören sollen. Genosse Rosens-ld wandte sich gegen die Beseiti- gung des durch die Revolution errungenen Wahlrechts der Soldaten. Bezeichnend sei, daß die Soldaten niemals Offiziere zu Richtern wählen. Auch Genosse Landsberg wies daraus hin, daß sich aus der jetzigen Ordnung keine Mißstände ergeben hätten. Dennoch wurde wll 11 gegen 8 Stimmen der Sozialdemokraten und Kommunfftcn die Zusammensetzung der Kriegsgerichte und Oberkriegsgerichte im Sinne des Gesetzentwurfes angenommen. Für das mUitärgerichtlich« Verfahren ist im Gesetzentwurf di« Ausschließung der Berufung gegen Urteile der Kriegs. gerichte bei Uebertretungen sowie die Möglichkeit der Verwerfung einer offensichllich unbegründeten Revision entsprechend der Emmia- ger-Derordnung durch Beschluß des Reichsgerichts vorgesehen. Ge- nasse Rosenseld bezeichnete diese Ausdehnung der Emminger-Derord. nung als bedenklich und beantragte die Streichung dieser Bestim- mungen. Unter Ablehnung des sozialdemokratischen Antrags wurde jedoch auch hier mll 11 gegen 8 Stimmen die Vorlag« angenommen.
Ordensabeuleuer. Man weiß, daß der erste Ravoleon dem größten Deutschen seiner Zell . Goethe, den fünfftrahligen. weiß emaillierten Stern mit dem roten Bande der Ehrenlegion verliehen hat. Es wird den Dichterfürsten in der Gruft zu Weimar nicht allzu tief bekümmert haben, daß er nach Beginn des Wsllkrieges mit allen anderen deutschen Inhabern dieses Ordens aus der Liste der Ordens- ritter gestrichen wurde. Schmerzlicher empfand das Ordenskapitel den Verlust, als es nach Wiederkehr ruhiger Zetten die also verödeten Listen der Ordensritter durchsah. Und so ist denn— diesmal ganz ohne Ausbietung de» sonst unerläßlichen— Goethe durch einen heim- lichen Federstrich ouss Neue zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Wir nehmen lächelnd davon Kenntnis, denn Gott sei Dank haben wir bisher nichts davon bemerkt, daß das Spiel der Ordens« männer dem Dichterfürsten auch nur einen Zoll seiner Größe hat nehmen oder wieder hinzufügen können, während wir e» sehr wohl verstehen, daß es«in immerhin schätzenswertes Gefühl sei» mag, sich Ordensbruder eines Goethe nennen zu dürfen. Zu welcher Sprache redete die Schlange im Paradies? Die merkwürdige Frage, in welcher Sprache die Schlange im Paradies Eva zu dem verhängnisvollen Apselbiß zuredete, dürft« bei einer Verhandlung vor der holländischen Kirchensynode erörtert werden, die letzt die holländischen Blätter beschäftigt. Es Handell sich da um ein« Art„Schlangenprozeß", der mll dem amerikanischen „Asfenprozeh" Aehnlichkeit hat. Ein cawinistischer Geistlicher Dr. Vangeellerkrn hat sich nämlich im Haag vor der Kirchenbehörde wegen einer Pre- digt zu verantworten, in der er die Sprachföhigkeiten der Paradies« schlang« in Zweifel gezogen hatte. Man hat es ihm in kirchlichen Kressen sehr übel genommen, daß er bei einer Besprechung der Ge- schichte von Adam und Eva von der redenden Schlange nichts wissen wollte, und will aus diesem Grunde seine Absetzung erwirken. Die holländischen Blätter sind darauf gespannt, welche Sprach« wohl von der Synode als diejenige angegeben werden wird, in der die�chlange ihr« verführerischen Anerbiemngen machte, und man schwankt zwischen Hebräisch und Syrisch , hall es aber auch nickst für ganz un- möglich, daß schließlich das gute Holländisch des den Holländern ge- laufigen Bibellextes als maßgebend anerkannt wird. Märtyrer der Wissenschaft aus der Bühae. Von dem in Deutsch - land besonders durch sein Drama„Berg Eioind und sein Weib" be- kannten verstorbenen isländischen Dichter Johann Sigurjonsiou brachte da» Kopenhagener Lntim« Theater " ein Drama in vier Akten„Dr. Rung" zur Erstaufführung Der Dichter zeigt darin den idealen Mann der Wissenschaft, der nicht nur Liebe und Leben, lon- der» auch dos Leben seiner Geliebten der wissenschaftlichen Arbeit opfert. Diese Arbeit lockt ihn nicht aus selbstischen Gründen, wie Ruhm und Ehre, auch nicht aus Freude am Experiment, sondern aus Menschenliebe. Er sucht ein Mittel zur Bekämpfung der Tuber- tulose und impft sich selbst mit dem tödlichen Bazillus, ebenso wie seine Geliebte, di« mit ihm an der Krankheit zugrunde geht. Die Handlung klingt aus in der Lehre, daß auch die Wissenschaft Ihre Märtyrer kennt.'_
Nei« eiierawr Nobelpreis. Die Ichwedilche Akademie beschloß, den diesjährigen NodclvreiS für LUcratur nicht zu verleihen. Zm«roße» Schao'pieldov, geht.Funiheinzelmann« Welbnacktsmarlt' ein moderne« RmidsrnikmSrchen, verfaßt und Insten er! von Srit Sharell, am Sonnabend, nachmiitogt 3'/, Uhr, erstmalig t» Szen «.