Abendausgabe
Nr. 53842. Jahrgang Ausgabe B Nr. 267
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10 Pfennig
13. November 1925
Vorwärts=
Berliner Volksblatt
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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands
Geßler als Monarchist.
Enthüllungen von Oberbürgermeister Dr. Luppe.
Geßler moralisch erledigt.
Die Frankfurter Zeitung " veröffentlicht folgende Erflä-| Herrn Dr. Geßlers Auffaffung fund gab, erwiderte er mir, ich kenne rung des Oberbürgermeisters Dr. Luppe Nürnberg: eben Bayern nicht, die Bayern wollten und brauchten Ich habe lürzlich auf Wunsch eines Barteifccundes Herrn Emil einen& önig; den fönnte man ihnen auf die Dauer doch nicht Ludwig eutige Ausfünfte über die politischen Berhältnisse in vorenthalten. vorenthalten. Da ich von einem Königsputsch schwere ErschütteBayern gegeben. Ich mußte dabei vorausfehen, daß Emil Ludwig rungen für Reich und Bayern befürchtete, habe ich am gleichen sich der Tragmeite des ihm mitgeteilten bewußt sei und nicht ohne Abend Herra Dr. Haas fyrifflich von der Unterredung des Herrn mein Wissen und Willen Dinge der Deffentlichkeit mitteilen würde. Dr. Geßler Kenntnis gegeben. beren Beröffentlichung ich der Deffentlichkeit gegenüber nicht für zmed mäßig hielt. Nachdem Herr Emil Ludwig leider meine Mitteilungen unberechtigterweise und zum Teil unrichtig in die Deffentlichkeit gebracht hatte, versuchte ich zunächst durch ein Dementi, eine weitere Erörterung der Dinge abzuschneiden. Leider nötigen mich aber die neuen Erflärungen des Herrn Reichswehrministers Dr. Geßler und des Herrn Ludwig nun doch, den wirklichen Sachverhalt mitzuteilen.
Herr Reihswehrminiffer Dr. Gehler tam Ende Oftober 1924 während der Regierungstrife zu mir auf mein Bureau und fragte mich dabei u. a., wie ich die Verhältnisse in Bayern beurteiltz. Als ich ihm erklärte, daß nach meiner Ansicht in bezug auf einen Königspuffch der kritische Moment wohl überftanden fel, ecwiderte er mit: Nein, die Cage jei absolut ernst. Rapprecht beab. fichtige vorzugehen, und er wolle mir jebt schon fagen, daß, wenn dies gefchehen sollte,
die Reichswehr nicht eingreifen werde. Daß Herr Dr. Gekler mit bayerischen Monarchisten gesprochen und ihnen entsprechende Zusagen gemacht habe, habe ich Herrn Emil Cudwig nicht gesagt, da Herr Dr. Geßler davon auch nichts gefagt hat. Als ich meine Verwunderung und Erregung über
Rückwirkungsschwindel der Rechtspresse.
Locarno muß unter allen Umständen entwertet werden.
Die teutschnationalen Vaterlandsverteidiger sind in den legten Tagen auf einen neuen Dreh gekommen, um die Rüdwirfungen von Locarno zu entwerten. Als wenn eine einheitliche Leitung dahinter stände, wiederholen sie von Tag zu Tag einen alten Schwindel. Je deutlicher erkennbar wird. daß Die Besagungsziffer ber alliierten Truppen im Westen als Rüdwirtung von Locarno herab. gesetzt werden wird, um so hysterischer schreien sie das auch von ihnen bisher ängstlich behütete Geheimnis aus, daß die Alliierten fich bisher einer Bertragsverlegung schuldig machten, indem sie etwa doppelt soviel Truppen im Westen unterhalten, als die deutschen Garnisonen zu Friedenszeiten zählten. Von Rechts wegen müßte die Rechtspresse gegen ihre bisherigen Bertreter im Reichsfabinett patriotische Klage erheben, daß fie die vaterländische Pflicht versäumt hätten, im Namen der Gerechtigkeit an das Weltgewiffen gegen eine solche unerhörte leberschreitung des Versailler Vertrages zu proteftieren. Immerhin wird ihre Leidenschaft für eine nationale Außen politit nicht so weit gehen. Sie werden sich damit begnügen, auch ein Bugeständnis der Alliierten in der Besatzungszahl als eine Selbstverständlichkeit oder als die Wiedergutmachung eines Unrechtes zu entwerten.
Benn Herr Dr. Haas sich an diesen Brief nicht mehr erinnert, so ist mir das nicht recht verständlich, wenn diefer Brief nicht etwa in seiner Abwesenheit einem anderen Parteifreunde gegeben worden sein sollte. Mir ist von anderer Seite befannt, daß der ver. storbene Reichspräsident Ebeert von den Butsch abfichten Renntnis erhalten hat, nachdem wenige Tage darauf auch maßgebende Sozialdemokraten aus Kreisen der Bayeri schen Volkspartei, die mit schwerer Sorge über die drohenden Gefahren erfüllt waren, Kenntnis erhalten hatten. Ob der befannte Artifel im Regensburger Anzeiger" und meitere Artitel in den Münchener Neuesten Nachrichten" und der Augsburger Post. Beitung" furz darauf erflärten, daß die Königsfrage in Bayern feineswegs reif fei, auf ein Eingreifen von Berlin oder auf Vorgänge innerhalb der Bayerischen Boltspartei zurückzuführen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Damit dürfte meines Erachtens das Vorspiel des im Jahre 1924 beabsichtigten Butsches genügend geflärt sein."
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Nun ist es an Herrn Geßler, fich auf das genaueste zu den Feststellungen von Dr. Luppe zu äußern. Wenn er diese Feststellungen nicht entfräften fann, so ist er als Reichs mehrminister der Republik moralisch erledigt.
Quaglia war es!
Die Inszenierung des Mussolini - Attentats. Lugano , 10. November 1925. Die Berichterstattung aus Italien muß auf einmal ganz morttarg werden. Nachdem der Wortschwall alles zu ver schlingen drohte, nachdem wir gehört haben, daß Mussolini unsterblich ist, daß die Hand, die ihn träfe, Italien niederftreden würde, daß das Geschid dieses Mannes das Geschick der Nation ist und solche Dinge mehr, wird uns ganz undermittelt der Alkohol der hohen Worte entzogen. Wir sollen nichts tun, als ganz nüchtern abwarten, was die Regierung uns über das Komplott" durch ihr offizielles Telegraphenbureau befannt gibt.
Das Attentat war wie eine furzblühende Pflanze; mas es geben fonnte, hat es in der Treibhausluft des offiziölen Ueberschwanges schnell gegeben. Jetzt bleiben nur die dürren leeren Stengel. Man hat die Einheitspartei aufgelöst, den Freimaurerorden militärisch besetzen lassen, ohne ihn aufzulösen, und hat die Oppositionspresse lahmgelegt. Mehr ließ sich aus einem hypothetischen Komplott nicht herauspreffen. Und jetzt tommt nun eine Art Ernüchterung.
Das Bublitum fragt sich: was ist an der Sache Wahrheit und was ist Dichtung? Die Versionen der offiziellen Brejse sind verschieden. Wenn Zaniboni auf der Treppe Der haftet wurde, mit dem Gewehr in feinem Futteral, dann fann er unmöglich gleichzeitig in seinem 3immer verhaftet worden sein, mit dem Gewehr im Anschlag. Wenn er den Rechtsanwalt und Journalisten Quaglia zum Mitfchuldigen hatte, wie die genauesten und eingehendsten Befchreibungen der Regierungsblätter beweisen, dann ist es unfaßlich, daß man diesen Quaglia in Freiheit gesetzt hat. Die Situation ist derartig, daß man überhaupt nicht über sie nachdenken, reden oder schreiben kann, ohne zu den merfwür
aber muß darüber geschaffen werden, daß die Bertragsgegner big it en Schlüffen zu fommen. Es ist also logisch, daß sich bisher einer Bertragsverlegung nicht schuldig die Breffeabteilung der Ministerpräsidentschaft der Presse gemacht haben, und daß eine her abfegung der Bebefiehlt: Mund halten und abwarten. [ agungen eine der wichtigsten Rüd mirtungen der Abkommen von London und von Locarno fein würde.
Rein gutes Zeichen für die Regierung aber ist es, daß fie nicht von sich aus den Mut findet, dem Entwertungs schwindel der Deutschnationalen entgegenzutreten. Sie über läßt es der Opposition, die deutsche Außenpolitik mitzutragen. Die Sozialdemokratie aber wird den Entwertungs. schwindel der Deutschnationalen mit derselben Sachlich feit und Schärfe bekämpfen wie sie gegen den Auf wertungsschwindel diefer Bartei anfämpfte.
Guter Fortgang der Rückwirkungen.
Der Entwaffnung 3ftand befriedigend. hält die in Paris eingetroffene deutsche Note nichts, was eine Condon, 13. November. ( WEB.) Den Blättern zufolge entenderung der Borkehrungen wegen der Räumung der Kölner 3one nötig machte
welches Datum in diplomatischen Streifen für besonders geeignet anEs verlautet, daß die Räumung am 1. Dezember beginnen wird, gesehen wird, da die endgültige Unterzeichnung des Cocarnopattes in London an diesem Tage erfolgen soll.
Tatsächlich kann, und wir sagen ausdrücklich leider, von einem Rechtsanspruch Deutschlands auf eine Her absehung der alliierten Garnisonen auf den deutschen Friedens stand nicht die Rede sein. Auf die Gefahr hin, daß der " Lokal- Anzeiger" und feine Gesinnungsgenossen unsere Be mühungen, feine Tendenzbehauptungen im Interesse der deutsch - französischen Verständigung zu widerlegen, uns Schä digung deutscher Belange vorwirft, müssen wir um der deut. fchen Außenpolitit willen feststellen: weder ist im Friedens. vertrage noch im Rheinland - und Waffenstillstandsabkommen mit einem Bort die Rede von einer Pflicht der Alliierten, eine bestimmte Besatzungsziffer nicht zu überschreiten. Es ist auch in feinem späteren Notenwechsel irgendwie die Rede davon, daß die Alliierten eine Verpflichtung in dieser Hinsicht ein gegangen wären. Die Behauptung hiervon stügt sich auf eine mündliche und unverbindliche Aeußerung Loucheurs gegenüber dem deutschen Delegationsführer Lewald, der anläßlich der Uebergabe einer Note der Hoffnung Ausdruck gegeben hatte, daß die Alliierten die deutsche Garnisonziffer nicht überschreiten würden. Loucheur hatte damals geantwortet: Bielleicht nicht erheblich." In dem damaligen Notenwechsel ist feinerlei Bezug genommen auf die unverbindliche Mei- des großen fozialistischen Setzerverbandes. nungsäußerung des Franzosen .
Mussolini kann nicht nach London kommen. Er muß in Rom fich um seine Herrschaft fümmern. Rom , 13. November. ( Eigener Drahtbericht.) Entgegen einer ersten Anfündigung wird der italienische Ministerpräsident Muffo. lini nicht zur Unterzeichnung des Locarnovertrages nach London fahren. Er wird durch dringende politische Geschäfte in Rom feft. gehalten.
Die Beurteilung des Vertragswertes von Locarno wird fabotiert, wenn solche falschen Ansichten, wie sie von ber nationalen Breffe verbreitet werden, meiterhin im Umlauf bleiben. Die Bedeutung der Rückwirkungen von Locarno wird nur dem deutlich, der sich über die Rechte und Pflichten Deutschlands aus dem Versailler Berirage ein Bild machen
tann.
Die deutliche Erkenntnis von der Rechtslage hat nichts bamit zu tun, daß Deutschland einen fittlichen und politischen Anspruch auf Herabminderung der Befagungstruppen hat. Diesen Anspruch und diesem Berlangen ift niemals so deutlich Ausdrud gegeben worden mie auf dem Heidelberger Parteitag der Soizaldemokratie in der von den rheinischen Delegierten abgegebenen Erilärung. Es gibt innerhalb Deutschlands feine Meinungsverschiedenheit über die unbedingte Notwendigkeit, die alliierte Befagung weit unter das Maß des jeßigen Standes herabzusehen. Klarheit
Rom , 13. November. ( TB.) Am 18. November wird sich die Rammer mit den Maßnahmen beschäftigen, die gegen die politischen Emigranten ergriffen werden sollen, die in Frankreich gegen die italienische Regierung agitieren. Diese Maßnahmen sollen den Blättern zufolge in der Aberkennung der italienischen Staatsange. hörigkeit, gegebenenfalls auch der Wegnahme der Güter dieser Emigranten und ihrer Berhaftung bei ihrer Rückkehr nach Italien be stehen.
Die faschistischen Blätter berichten, daß sämtliche Hafenarbeiter von Genua in die faschistischen Gewerkschaften eingetreten seien. Bopolo di Roma" verlangt von der Regierung die Auflösung
Deutschnationaler Parteitag.
Die Tagesordnung für den in Berlin stattfindenden deutsch nationalen Parteitag ist nun endgültig festgefeßt. Am Sonntag, den 15. November, tritt im Plenarjaal des Preußischen Landtages die Parteivertretung zusammen. Zunächst wird eine Bc sprechung des Parteitages stattfinden, dann werden der Jahresbericht und der Kaffenbericht erstattet und Sagungsänderungen vor genommen werden. Schließlich fommen Anträge zur Beratung. Der ordentliche Reichsparteitag tritt am Montag, den 16. November, im Kriegervereinshause zusammen. Nach der Eröffnungs ansprache des Parteivorsitzenden D. Windler und nach weiteren Begrüßungsansprachen hält bas Hauptreferat Reichstags. abgeordneter Graf Beft arp über Deutschnationale Außen. politif". Eine Aussprache wird sich anschließen. Nach der Mittags pause wird Reichstagsabgeordneter Dr. Rademacher über Deutsche Wirtschaftsnot" sprechen. Auch hier folgt eine Aussprache.
Die Situation ist von troftlofer Klarheit: Quaglia ift der Lodspikel der Bolizei, wahrscheinlich sogar des Ministers des Innern. Er hat den Auftrag gehabt, ein ihm und bem Freimaurerorden herzustellen. Für das Attentat zu organisieren und irgendeine Berbindung zwischen Attentat hat er sich an einen tollfühnen Mann gewendet: die Berbindung mit den Freimaurern hat er erst am Vorabend des Bolizeicoups hergestellt, indem er eine Unterredung zwischen Capello und 3aniboni zustande brachte, bei der die Polizei zugegen war und sogar gelehen haben will, daß Capello ein Baket von... Tausendlirefcheinen aus händigte. Das gan e ist also recht plumne mache; mir hätten Feder oni feinere Arbeit zugetraut. In die faum verflungenen Klänge des Danfgottesdienstes mischt sich bereits Faschismus war, so ift diesmal die Enthaftung des Quaglia Wenn seinerzeit die Berhafiung Duminis ein Fehler des Das Gähnen eines greulichen Kazenjammers. ein hundertmal größerer Fehler.
offiziell feit den erften Anfängen des Komplotts" unterrichtet den Widersinn verschluckte, der barin liegt, daß die Polizei So tief fann das Schweigen gar nicht werden, daß es mar, daß sie wußte, ein gewiffer Quaglia traf alle Bor bereitungen zu einem Berbrechen, und daß sie dann diesen Quaglia gleich nach der Berhaftung seines Komplizen" in Freiheit fetzt. Gleich zu Anfang fagte man leiſe: Quaglia war der Spion; jegt fagt man noch leiser: Quaglia war der Lodipinel.
Was bleibt denn nun überhaupt vom Komplott und von der Schuld, wenn der Plan zu der Sache aus dem Minifterium des Innern stammte, und zu der Ausführung nur Versuche mit ungeeigneten Mitteln gemacht wurden? Der Anstifter, der mandant, ist ein Werkzeug des Ministeriums des Innern: die Ausführung ist mißlungen. Was übrig bleibt, mas sich Federzoni als Reinertrag ausrechnet, find die Maßnahmen gegen die Opposition; es bleibt nicht einmal jene moralische Wirkung, Die ein Attentat auszulösen pflegt, und burch die es das von ihm bedrohte Regiment feftigt. Die ist sofort verflogen. Man hat zu dentlich sehen laffen, daß nach Maß gearbeitet wurde.
Ja, sagt man mobl, immerhin hat das Regime doch be mielen, daß es feine Leute feft im Rügel hält und keinerlei Gewalttat geduldet hat. Aber selbst diese scheinbare Rehabilitierung liefert nur neues Belastungsmaterial gegen den Faschismus. Warum hat man diesmal feine Mordtaten und Plünderungen zu berichten? Einmal, weil die Entrüftung ziemlich talt war, da niemand die Sache recht alaubte. Dann aber, und hauptsächlich, meil die Regierung diesmal fein Blutvergießen und feine Eigentumsverbrechen wünschte, um nicht die Berhandlungen wegen der interalliierten Schulden in Amerika zu schädigen. Es folat also daraus, daß für die vergangenen Ueberariffe die Regierung voll verantwortlich ist, daß es bei ihr gestanden hätte, fie zu verhüten, daß sie durch die ihren Organen aufgezwungene Ohnmacht mitschuldig war, während ihre Presse und die leitenden Parteistellen die Hetzer und Mandanten waren. Die Regierung fann Repreffalien verhüten, wenn sie will: da fie fie bisher nicht verhütet hat, geht daraus hervor, daß sie fie mollte.
Zum Schluß noch ein paar Säße aus der Botschaft", in der Farinacci die Summe des Attentatsertrages zieht: „ Der Freimaurerorden ist ins Herz getroffen: seine Logen find militärisch besetzt; die Sozialistische Bartei ist aufgelöſt;