dkenstag 15. Dezember 1925
Unterhaltung unö AAissen
öeilage ües vorwärts
Zum Zeitvertreib. Don Ludmilla a Behren «crr Siegfried Heumann faß in dem, mit höchstem Komfort eingerichteten Rauchzimmer feiner eleganten Junggesellenwohnung und langweilte sich entsetzlich. Cr hatte soeben sein Mittags- schläfchen beendet und wußte nicht, was er nun ansangen sollte. Zum lesen hatte er keine Lust, keine Lust auszufahren und zuni Ipazierengehen erst recht nicht. Ob er wohl eine seiner kleinen Freundinnen besuchte? Ach, bah— die langweilten ihn eigcnllich alle ebenfalls, diese Mizzis, Lores, Ollys, und wie sie sonst alle bicßen, und überdies war um diese Zeit wahrscheinlich keine zu 5)ouse. Für den Abend hatte er ein Billett zum Gastspiel einer berühmten Diva, aber fürs Theater war es noch viel zu früh. Was fing er bloß mit seiner Zeit bis dahin an? Gähnen und rauchen allein war zu öde. Das Leben konnte doch manchmal entsetzlich fade sein, und dabei wurde er noch von so vielen beneidet, die eine be- fried'gende Arbeit hatten, weil er nichts zu tun hotte, als das Geld, das die Fabriken seines Vaters einbrachten, unter die Leute zu bringen. Die paar Stunden, die er vormittags anstandshalber im Bureau saß, konnte nzag ja nicht als Arbeit bezeichnen. .Eine junge Dame ist da und wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen/ meldete sein Diener Friedrich. Siegfried Heumann sah mehr geärgert als erfreut au». .Wer ist es denn?' fragte er gähnend. „Es ist eine fremde junge Dame, sehr schüchtern und sehr be- scheiden angezogen/ berichtete Friedrich weiter und— nach einem leichten Hüsteln—.sehr hübsch/ „Nun— meinetwegen, also laß sie eintreten/ Eine hübsch« Blondine trat schüchtern ins Zimmer. Siegfried .Neumann erhob sich zu seiner ganzen stattlichen Länge, legte die Zigarre fort und verbeugte sich. „Was verschafft mir die Ehre?' .Verzeihen Sie', sagte das junge Mädchen mit leicht zitternder Stimme,»daß ich etwas früh gekommen bin. Ich fürchtete, man tonnte mir zuvorkommen, und mir log soviel daran... Es ist wegen der Annonce,» in der eine Prioatjekretärin gesucht wird, die slott englisch und französisch korrespondieren und stenographieren kann. Ich glaube, dem kann ich entsprechen/ Herr Heumann musterte sie wohlwollend. „Bitte nehmen Sie Platz und reden Sie ganz unbefangen. Haben Sie bereits eine ähnliche Stellung bekleidet?' Das junge Mädchen zog aus chrem Handtäschchen ein Papier hervor. .Ich war bereits einige Jahre Korrespondentin— hier ist mein Zeugnis— und augenblicklich bin ich noch in ungekündigter Stellung. Aber sie wird nicht sehr gut bezahlt, und ich hoffe...' Sie errötete. „Hm. nun sa— dos Zeugnis ist sehr gut. Also Frieda Gerd es heißen Sie. Erzählen Sie bitte weiter. Stehen Sie allein?' Di« junge Dame erzählte, bei wem sie angestellt wäre, wieviel Gehalt sie beziehe, und wieviel Arbeit sie zu leisten habe..Ich wohne mit meiner Mutter zusammen", sagte sie,.die ich unter- stützen muß. Sie hat zwar eine kleine Pension, die aber bei weitem » cht ausreicht, und ist sehr leidend, so daß sie nichts hinzuverdienen kann/ .Das ist recht traurig. Man kann auch nicht gerade sagen, daß ihr Geholt hoch ist. Es ist verständlich, wenn Sie sich verändern wollen. Weshalb heiraten Sie denn nicht— ein so hübsches Mädchen, wie Sie sind?' Die junge Dame errötete wieder. „Ich war verlobt, aber— mein Dater verlor fein Vermögen und da... Es ist vielleicht bester, daß es anders kam/ .So, so, nun. es findet sich wohl noch ein anderer, der Sie zu schätzen weiß. Aber nehmen Sie doch ihren Hut ab, Fräulein Frieda, so... Genieren Sie sich nicht. Erlauben Sie. daß ich Ihnen eine kleine Erfrischung anbiete, der Weg war gewiß lang/ Er klingelle und bestellte bei dem eintretenden Friedrich Wein und Kuchen. Die junge Dame, die eine so freundliche Aufnahme in keiner Weise erwartet hatte, taute immer mehr auf. Sie erzählle Herrn Heumonn, auf seine anteilnehmenden Fragen hin. immer mehr von ihren Lebensverhällnisten: Daß ihr Vater' vor drei Iahren ge- siorben wäre und ihr Bruder noch das Gymnasium besuche: daß sie zwar Verwandte in guten Stellungen und Vermögensverhält- nisten besäße, aber, wie das so ist. piemand wollte sich jetzt um sie kümmern. Friedrich brachte das Bestellte. Die junge Dame nahm, mit schüchternen Fingern, ein Stück Kuchen und trank, nach einigem Zureden, in kleinen Schlückchen von dem Wein. Ihre Wangen röteten sich, ihre Augen fingen an zu glänzen. Sie war wirklich sehr hübsch. Man wurde immer vertrauter. Herr Heumann kannte bald die ganze emfache Lebensgeschichte von Fräulein Gerde-, tröstete sie und ließ sie auf eine bessere Zukunft hoffen. Dann erzählle er einige Witze, und Fräulein Frieda mußte herzlich lachen. Es war sehr gemütlich. Eine Uhr schlug im Nebenzimmer. Das junge Mädchen fuhr auf..Ach— so spät schon.... Ich muß fort!' „Das tut mir herzlich leid, es war doch so nett. Können Sie nicht noch bleiben?' .Nein, heute nicht. Jetzt muß ich gehen. Also— ich darf hoffen?' .Worauf?' „Nun, auf die Stellung als Prioatfekretärin/ .Ja, liebes Fräulein, ich habe keine Stellung zu vergeben, das habe ich doch auch gar nicht gesagt. Der Bankdirektor wird es sein, der eine Etage höher wohnt. Sie haben sich um ein« Treppe geirrt: wahrscheinlich sahen Sie das etwas hohe Hochparterre für die erste Etage an. Aber Sie gefallen mir wirtlich sehr gut. Müssen Sie denn durchaus Privatsekretärin sein? Wie wäre es, wenn wir heute miteinander ins Theater fahren? Vorher kaufen wir für Sie eine hübsche Toilette, und dann essen wir Abendbrot zusammen." Die junge Dame war ausgestanden. Sie war sehr blaß. „Es— es wird wohl bester sein, wenn ich gehe...' »Nun, dann nicht— schade! Sie gefallen mir wirklich, aber lcider tonn man niemand zu seinem Glücke zwingen. Also wirklich nicht— kein Zureden hilft? Dann leben Sie also wohl, es war mir ein Vergnügen. Sie kennen zu lernen../ Als Fräulein Gerda mtt Tränen in den Augen, die Treppe zur nächsten Etage emporgestiegen war, wurde ihr mllgeteill, daß merzehn Bewerberinnen sich gemeldet hätten, und die Stellung be- jetzt wäre..
Sozialististhe Lehr- unö Vanöerjahre. Von Louis Eohn.
Berlin — Erfurt . Mit der Verlegung des in Gemeinschaft mit einem meiner Brüder übernommenen elterlichen Geschäftes von Leipzig nach Ber» lin erfolgte insofern eine Wendung meines Lebenslaufes, als große Verluste im Auslande zur Auflösung des Geschäftes führten und mich zur Ausgabe meiner Selbständigkeit zwangen. Mein fünf- jähriger Aufenthall in Berlin fiel in die Periode der Hochblüte und gleichzeitig des Abflauens des Ausnahmegesetzes. Wie überall, so hatte auch in Berlin die Partei den Puttkamer-Bismärckschen Ge- waltstreichen ein Paroli geboten: wie im ganzen Reiche, so zcr- schellten auch in Berlin alle Versuche, durch Lockspitzel a la Jhring-
Der Rciffkejn Doorn-.
.Wenn ich schon kein Sriegsgewinner sein konnte, will ich wenigstens ein Kriegsgewinnler werden.'
Mahlow die Partei m das Polizeigarn zu locken. Ebensowenig konnte der mit dem Spitzeltum verquickte Anarchismus die Kraft und Einheit der Partei brechen. Die Partei hatte sich in Berlin zur Abwehr raffinierter Polizeikniffe trefflich ausgerüstet. Die Disziplin der Berliner Arbeiter war bewunderungswürdig. In ihren engeren Zusammenkünsten der„Capora" herrschte«in Geist brüderlicher Ge- meinschast und vertrauensvollen Zusammenwirkens, doch sind die zur Vernichtung der Sozialdemokratie angestellten Experimente zu bekannt, um hier im einzelnen nochmals beleuchtet zu werden. Am 28. November 1878 war über Berlin der Belagerungs- zustand verhängt worden. Die daraufhin vorgenommene Aus- Weisung von 67 Genosten, von denen 66 Familienväter waren. hatte m Verbindung mtt anderen Schandtaten der Polizei das Gegenteil der beabsichtigten Zermürbung der Partei bewirkt: cln unzerreißbares Band umschlang alle Genossen, und von ihrer ge- schickten Taktik und unermüdlichen Ausdauer bei Wahlkämpfen spricht deutlich die von 311 S61 im Oktober 1881 aus 1427 298 im Februar 1896 gestiegene sozialdemokratische Stimmenzahl. Bei der Wahlagitation"am 21. Februar 1887 konnte ich mich persönlich überzeugen, wie in Berlin gearbeitet wurde. Die Hauptarbett fand in der Nacht statt. Tausende von Arbeitern, die tagsüber gefchar- werkt hatten, waren fast die ganze Nacht tätig, um Wahlaufrufe und Zettel anzukleben und die Namen unserer Kandidaten auf den Trottoirs mit Schablonen zu fixieren. Die Geschlossenheit der Partei war um so notwendiger, als die Entwicklung der anarchisti - schen Bewegung sich immer mehr mit der Lockspitzelei durchsetzte. Man kann sich heute kaum einen Begriff von dem Eindruck machen. den die Enthüllungen des Genosten Singer hervorriefen, als er am 27. Januar 1888 bei der Verlängerung des Sozialistengesetze» an der Hand von amtlichen Schweizer Aktenstücken bewies, daß der Druck der Most schen„Freihett' von einem Schreiner Schröder bezahll wurde, der seit Iahren im Dienst der Berliner Polizei stand. Dieser Schröder empfing Geld von dem Polizeirat Krüger, und seine Berichte waren an einen Polizeibeamten adressiert. Der Verkehr unter den Genossen beschränkte sich naturgemäß auf kleinere Kreise, die meist in den Lokalen zuverlässiger Wirte zusammenkamen. Ein fester Treffpunkt für die Reichstagsabge- ordneten und andere Genosten hatte sich in der schon lange nicht mehr existierenden Schankstätte des Münchener Hofbräu- Hauses in der Leipziger Straße gebildet. Die von einer Frau Danziger bewirtschaftete Filiale befand sich in einer zur Gaststätte umgewandelten, aus mehreren großen Zimmern bestehenden Par- terrewohnung. Was man dort bekam, war gut, reichlich und ver- hältnismäßig billig. Man konnte sicher sein, dort abends an einem bestimmten Tische Genossen zu treffen, um mit ihnen in einen an- regenden Gedankenaustausch zu treten. Dabei kam der Humor zu seinem Rechte und er erhielt noch eine besondere Färbung durch den bekannten Berliner Witz. Hervorragendes darin leisteten der ver- antwortliche Redakteur des„Berliner Dolksblattes' C r o n h e i m. ein ehemaliger Leutnant in der holländischen Kolonialarmee, und der Prokurist der Firma Max Babing, Drucker und Verleger des Parteiblattes. Bamberger , kurzweg und allgemein„B a m" genannt. Die Derfolgungswut der Behörden zwang dazu, die preß- gesetzliche Verantwortung möglichst neutralen Persönlichkeiten zu übertragen. So gelangte außer Cronheim auch ein bekannter Natur- Heilapostel vorübergehend zu diesem Amte. Der unter der S t ö ck e r schen Agitation aufgeblähte A n t i- s e m i t i s m u s war zu jener Zeit zwar schon im Abflauen be- griffen, aber in den Versammlungen der Antisemiten tobte noch eine wilde Hetze gegen Juden und Sozialdemokraten. Der Rektor Ahl- warbt, das Urbild Hitlers , stand damals auf dem Zenitd seiner Erfolge. Auch Liebermann von Sonnenberg stand in den vordersten Reihen der antisemitischen Schreier. Zwischen Bamberger . Cronheim und ihm entwickelle sich einmal folgende drollige Episoden Bambergcr hatte meiner Frau so lange von einer
gebratenen, im Stile seiner östlichen Heimat reichlich mtt Knoblauch gespickten Gans vorgeschwärmt, bis sie nicht umhin konnte, ihn und Cronheim zum Verspeisen eines derartig zubereiteten Vogels ein- zuladen. Nachdem sie beim Mittagesten reichlich der Gans zuge- sprachen, begaben sich beide abends in ein Theater. Bamberger hatte wohl etwas des Guten zuviel getan: denn im erften Zwischenakte erhob sich ein neben ihm im Parkett sitzender Herr mit dem entrüsteten Ausrufe:„Pfui Teufel, hier riecht es nach Juden!' Dieser Herr war Liebermann von Sonnenberg . Tableau! Es gab eine kleine Szene, die unsere beiden Genostcn veranlaßte, vorzeitig das Theatex zu verlosten. Aber die geknob- lauchte Hüterin des Kapitals sollte noch weitere Folgen zeitigen: denn als Bam seine Braut aufsuchte undn sie mtt dem üblichen Müsse begrüßen wollte, wandte sie sich entrüstet von ihm ab. Einem der- artig nach Knoblauch stinkenden Juden wollte sie nicht angehören. Das Endresultat dieses denkwürdigen Tages bestand also in der Auflösung eines Herzensbündniffes. Dem Berliner Hasten und Treiben hatte ich mich ntryi«m- bequemen können. Gern nahm ich daher das Angebot einer an- genehmen Stellung in Erfurt an, weil sich damit die Möglich- keit verband, auch für die Partei zu wirken. Ich fand in Erfurt bei dem Abgeordneten R e i ß h a u s, dem Redakteur der„Tribüne' Hülle, dem biederen Geschäftsführer Stegmann und anderen Genosten die beste Aufnahme. Die„Tribüne" lag damals im hef- tigen Kampfe mit den zur Vernichtung der Sozialdemokratie dressier- ten evangelisch. sozialen Vereinen, an deren Spitze ein Pastor Lorenz und ein Professor Heinzelmann standen. In der„Tribüne' eröffnete ich einen Feldzug gegen diese Retter der Gesellschaft, der nicht erfolglos blieb. Mein Inkognito blieb jedoch nicht lange verborgen. Auch die Polizei nahm bald Veranlassung, sich mit meiner Person zu beschäftigen. Als Ersaiz für die fehlende Bildungsorganisation hatte ich einen kleineren Kreis jüngerer Genossen um mich vereinigt, um ihre Fortbildung in Elementarfächern, deutsche Sprache, Buchhaltung. Literatur und Volkswirtschaft zu fördern. Zum Zwecke der volkswirtschaftlichen und dialektischen Schulung hatte ich ein kontradiktatorisches Ver- fahren gewählt. Einer der Teilnehmer dieses Kurses mußte vom Arbeitgeber st and punkte aus die sozialdemokrattschen Irr- lehren rücksichtslos bekämpfen, ein anderer hatte darauf zu er- widern. Die Kontroverse nahm bisweilen so hesttge Formen an, daß ich oft Mühe hatte, die streitenden Kampshähne wieder aus- einanderzubringen. Diesen an sich harmlosen, nur aus Bildungs- zwecke und dialektische Schulung zielenden Veranstaltungen bereitete die Erfurter Polizei ein frühzeitiges Ende. Sie forderte mich näm- lich auf, mein« Lehrtätigkett solange einzustellen, bis ich ein Zeugnis über meine Befähigung zum Lehramt beigebracht hätte, was mir natürlich nicht möglich war. Dagegen gelang es mir, bei meiner Mitarbeit an der„Tribüne' die Klippen des Ausnahme- gefetzes meist glücklich zu umschiffen. Eines Tages erschien jedoch ein Setzerlehrling in meinem Bureau mtt dem Ersuchen, sofort in die naheliegende„Tribüne" zu kommen, da der Redakteur Hülle verhaftet worden sei und das Blatt nicht fertiggestellt wer- den könnt«. Ich sprang also hinüber und wollte mich gleich an die Arbeit begeben, aber es war kein Federhalter in der Redaktion aufzutreiben. Hülle hatte das einzige Exemplar des für jede Re- daktion unentbehrlichen Instrumentes hinter sein Ohr gesteckt und es mit in das Gefängnis genommen. Bis zur Beschaffung eines Er- satzes mußte ich mich mit Kleister und Schere behelfen. Meine Chefs hatten bis dahin meiner journalistischen Tätigkeit ruhig zugesehen. Einmal, weil sie der Ansicht waren, daß es für die Juden das beste sei, sich politisch neutral zu verhalten, dann aber, weil die von ihnen beschäftigten Schneider, und gerade die leistungsfähigsten, durchweg der Partei angehörten. Sich mit ihnen zu verhallen, lag angesichts der großen Konkurrenz am Orte, in Berlin und Breslau durchaus im Interesse des Geschäftes Ihre Duldung sollte jedoch durch den Erfurter Schuhmacher streik im Jahre 1891 auf eine harte Probe ge- stellt werden. Die„Rädelsführer" wurden durch ein Ueberein- kommen der FabrikoMen nicht wieder eingestellt. Sie gründeten eine Genossenschaft, deren beschränkte, durch Anteilscheine aufgebrachte Mittel bald ernste Verlegenheiten hervorriefen. Sie wandten sich deswegen ar mich und ich zögerte nicht, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die Genossenschaft bestand aus tüch- tigen Arbeitern und ihr Geschäftsführer Rahmig war durchaus geeignet, das Unternehmen zu leiten und vorwärts zu bringen. Bor allem handelte es sich darum, ihm Kredit zu verschaffen. Rahmig und mir gelang es, auf der Leipziger Ledermeste einen größeren Pump einzuleiten. Das Fabrikat fand Anklang und Aufträge lagen schon gnügend vor: es hätte somit alle Aussicht zu einer gedeih- lichen Entwicklung bestanden, wenn nicht durch innere, meist persön- liche Konflikte eine verhängnisvolle Zwietracht hervorgerufen wor- den wäre. Wie bei so vielen produktivgenossenfchastlichcn Unter- nehmungen offenbarte sich auch hier ein Mangel an Disziplin und Unterordnung unter die Dispositionen der Geschäfts- lettung. An ihren Matznahmen wuvilx eine selten gerechte Kritik geübt, die sich schließlich zu kleinlicher Nörgelei steigerte. So wurde dem Geschäftsführer vorgeworfen, daß er im Betriebe einen Steh- kragen trage, was doch zu einer Repräsentation des Geschäftes unerläßlich war. Solche Quertreibereien veranlaßten Rahmig, feine Stellung aufzugeben. Er erlangte später die Stellung eines tech- nischen Leiters einer großen Schuhfabrik in Meuselwitz . Inzwischen hatte der Verband der Schuhmacher in die Entwicklung der Ge- nosienschaft eingegriffen. Er ließ sich durch den von einem reichen Lederhändler angebotenen großen Kredit verieiten, die Genossenschaft einer schnellen Entwicklung zuzutreiben, die schließlich in den Hasen eines großkapitalistischen Unternehmens mündete. Aus der ehe- maligen Genosienschaft ist später eine der größten Erfurter Schuhfabriken als Aktiengesellschaft hervor- gegangen. Für mich hatte diese Sache eine für mein ferneres Schicksal entscheidende Wendung herbeigeführt. Die Schuhfabrikanten hatten meinen bisher so duldsamen Chefs solange in den Ohren gelegen, daß es doch nicht anginge, wenn einer ihrer Angestellten die Ar- beiter aufhetze und zur Gründung von Konkurrenzunternehmen seine Hand biete, bis sie mich schließlich in höflichster Form baten, mich fernerhin in dieser Hinsicht mehr zurückzuhalten. So blieb mir keine Wahl zwischen der Aufgabe jener politischen und.journalistischen Tätigkeit oder der Aufgabe meiner Stellung. Ich wählte das letztere. Bebel, über meine Lage unterrichtet, forderte mich auf, die Ge- schäftsführung eines Parteiblattes zu übernehmen, wozu ich um so mehr Neigung hatte, als ich von dem bevorstehenden Erlöschen des Ausnahmegesetzes eine günstige Entwicklung der Parteipreste er- wartete. Der Parteivorstand schlug mir vor, zwischen München und Magdeburg zu wählen. Och wählte München , das metner Individualität mehr Anregungen bot. Wie das Aroliierhandtuch erfunden wurde. Die Erfindung des so nützlichen und heute so viel gebrauchten Frottierhandtuchs wird einem Zufall verdankt. Ein englischer Fabrikant von weichen Hand- tüchern hatte einst einen Maschinendesekt, und so kam ein rauh und unregelmäßig gewobener Stoff aus der Maschine heraus, der zum Verkauf ungeignet erschien und weggeworfen werden sollte. Da sich der Fabrikant beim Reparieren der Maschine die Hände schmutzig gemacht hatte, wusch er sich und benutzte zum Abtrocknen eins dieser rauhen Tücher. Er bemerkte, daß das Abtrocknen damit vortrefflich vonstatten ging, viel besser als mit dem gewöhnlichen Handtuch, und er kam' dadurch auf den Gedanken, solche rauhen Tücher in den Handel zu bringen. Sie erwiesen sich als außerordentlich praktisch und bürgerten sich in der ganzen Welt ein.