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1. Seilage ües vorwärts

kk. 73 43.�ahrgat»s M**/ V �4/14 5r Sonaabeaö, 13. Februar 1�2»

In alten Urkunden und Berichten kiest man bisweilen von eigen» artigen Begräbnissitten unserer Dorfahren, die ihr« Toten manchmal auf seltsame Art bestarteten, teils, um irgendeiner religiösen Forde- rung zu genügen, teils aus rein äußerem Zwang, den ihnen Kriege oder Epidemien auferlegten. Besonders aus dem letzten Grunde legten die Anhänger der christlichen Religionen mehrfach unterirdische Grabgewölbe, sogenannte Katakomben, an. und mancher Reisende durchschreitet heute mit leisem Gruseln diese Totenstätten, die in einigen Gegenden geradezu als Sehenswürdigkeit gegen ein Ein- trittsgeld Fremden zugänglich gemacht werden. Bekannt find so die Katakomben in Paris ; aber auch in Italien findet man häufig ähnliche Grabstätten, zumal in alten Klöstern. Auch in Deutsch - land gibt es an einigen Orten solche unterirdischen Gräber. Di« bekanntesten sind wohl die sogenannten Blei- oder Silbertommeru in Bremen , in denen die Toten, ohne besonders präpariert zu sein, durch die trockene Luft, die darin herrscht, vollständig mumifiziert wurden. Die meisten Grabstätten dieser Art mögen freilich längst verfallen und vergesien sein, und nur dem Zufall ist e» häufig zu verdanken, wenn die Osffentlichleit wieder davon erfährt. So gibt es sogar in der nächsten Umgebung Berlins solch« unterirdischen Gräber, von denen kaum jemand weiß, obgleich L ü b b« n. al« Ein- gangstor zum Spreewald, von zahlreichen Fremden aufgesucht wird. Aber selbst die wenigsten Lübbener kennen ja diese Ruhestatten chrer Toten. Saag Surch Lübbe». Der Reisende, der das Svreewaldstädtchen betritt, glaubt sich um' Jahrzehnte, um Jahrhunderte viclleichl zurückversent. Kein Industriebetrieb hat sich hier entwickelt, der da» Stadtbild hätte um- gestalten können. Die freundlichen, bescheidenen chäuschen erwecken oft einen fast mittelalterlichen Eindruck, und auf dem romantischen Marktplatz erhebt sich die Nikolaikirch« noch unverändert wie vor zweihundert Jahren, als der Liederdichter Paul Gerhardt an ihr als Pieditzer amtierte. Auch die Menschen der kleinen Stadt scheinen dun«4»- und lärmgevuthnten Großstädter ost altmodisch umständlich. Aber wer sich's nicht verdrießen läßt, bei seiner Wanderung durch die Stadt ein wenig hin- und hergeschickt zu werden, bekommt manches Interesiante zu sehen und zu hören. Da gibt es auf. den Kirchbösen alte Grabsteine mit seltsamen Inschriften, in denen längst vergangene Generationen ihrer Toten gedenken, und wenn der Küster, der dem Fremden als Führer dient, sieht, daß er Sinn und Liebe für diese Vergangenheit bat, so erzählt er auch wohl mehr von den eigenartigen Bcgräbnissitten ferner Zeiten. Die besonders Vornehmen wurden damals in Lübben nicht in der Erde beigesetzt, sondern in unterirdischen Slrcheagcwölben. Unter der Mkolaikirche soll sich eins betinden, dos noch vor Iahren von der Sakristei der benochbanen Wendenkirche aus zugänglich gewesen sein soll. Aber als die Keller baufällig wurden, mauerte man den Eingang zu. Doch auch die hospltalkirche soll solche Totenkammeru haben Di« chospitalkirche ist das erste Gotteshaus, dem der Besucher Lübbeas begegnet, wenn er vom Bahnhof kommt. Sobald man den kleinen

nach faulendem holz schlägt dem Besucher entgegen, obwohl gleich unten an der Treppe der erste Sarg steht, zusammengefallen, die Streu, die ehemals dos Lager des Toten bildete, aus der Erde ver- streut. Der Sorgdeckel schirmt ihn noch. Hebt man ihn auf, so sieht mau die Leiche, zur Mumie zusammengetrocknet, vollständig erhalten. Dann betritt man die erste Totenkammer. In doppelter Reihe stehen hier etwa dreißig Särge, darunter auch Kindersärge. Alle sind aus schweren eichenen Bohlen hergestellt, die reiche Schnitze» reien ausweisen. Ueberoll blinken Metallbeschläge, und größere Platten tragen ost die Namen der Talen. Der ganze Prunk der Särge läßt daraus schließen, daß nur begüterte Leute sich einst den Luxus dieser Grabstätte leisteten. Fast an ollen Särgen sind die Deckelschrauben ossen; doch zeigt sich nirgends an den Toten eine Spur von Verfall. In einem offenen Kindersarg liegt eine kleine Mumie, zusammengekrümmt. Arme und Beine eingeknickt, den Kops fest in die Unterlage gedrückt. Unter einem losen Deckel sieht man in einem anderen«arg die Leiche einer Arao in einem blauseidenen Kleid; Jatbe und Stöfs sind noch voll'länöig erhallen. Die unver» schlossenen Särge erwecken zuerst den Anschein, als habe das G� wölb« früher einmal nur als Totenkammer gedient, und durch irgendwelche Umstände seien plötzlich die Beerdigungen der hier Aufgebahrten unterblieben. Aber die Namensschilder wisien es anders; aus verschiedenen Jahrzehnten, ja, wie sich nachher in dem benachbarten Gewölbe heraubstellt, aus verschiedenen Jahrhunderten 6 gar, stammen die Toten. Es muß also doch von vornherein die bsichi bestanden haben, sie hier dauernd zu lassen..Richter, ver- unglückt auf der Jagd 27. Februar 1819" kündet eins der reich- verschnörkelten Metallschilder in dem ersten Raum. Nebenan findet man dann Särge noch aus dem Jahre 1694. wie man mit einiger Mühe entziffern kann. Auch hier gibt es einen Toten namens Richter,»geboren 15. September 1765, gestorben 11. Dezember 1670". Also kaum mehr als«in halbes Jahrhundert ist es her, daß dieser chundertfünjjöhrige hier beigesetzt wurde. Der Küster der Wendenkirche will sogar wissen, daß 1873 zum letztenmal Särge hier «ingestellt wurden. Im übrigen macht diese zweit« Kammer nicht mehr den geordneten Eindruck der ersten. Die Särge scheinen hin- gesetzt, wo sich gerade Platz für sie fand. Wahrscheinlich sind sie allerding» erst nachträglich so durcheinandergetürmt, um Raum für Später Verstorbene zu schaffen. Von einem Teil der Särge fehlen lier bereit» die Deckel. Aber auch hier liegen die Toten vollständig erhalten auf ihrer Ruhestatt, anscheinend ohne Derwesungsanzeichen zusammengetrocknet. Selbst ihre Kleider und Schuhe sind noch un- zeAtört. und kelu Sarg zeigt auch vor den Aascheia faulenden tiolze». Dabei befindet sich unmittelbar neben der zweiten Kammer eine Oesfnung. die für Lustzufuhr sorgen soll, und daß sie funktw niert. beweist da» welke Laub, das die Füße de» Ruhestörers um» raschelt. » Langsam steigt man schließlich die Treppe wieder empor. Mit einem letzten dösen Lechzen gegen den Eindringling schnappt dos Borhängefchloß zusammen, und dann schläft wieder hinter ihm. unwirklich und spukhast fast, die Vergangenheit, die hier Jahr- hundert« überdauert«.

«i» KrankenkaffenhauS in Köpeuick. Die Allgemeine Ort»trant«ntass« Köpenick hat sich ein eigene» Geschäftshaus errichten müssen, das bei der an- dauernden Mehrung der Mitglieder nicht länger entbehrt werden konnte. Di« bisher benutzten Räume waren unzulänglich geworden. wirklich geeignet« Räume liehen sich an anderer Stell« in Miet- äusern nicht beschaffen und die geforderten Mieten waren auch zu och. Das eigene chaus, da» auf einem für die Krankeukass« getauf- ten Grundstück m der Gutenbergstraße gebaut worden lst, wurde am Donnerstag mit«wer kleinen Feitr eingeweiht. Unter den Teilnehmern, die sich mit dem Vorstand, den Aus- schußmitglledern, dem Aussichtsrat, der Geschäftsleitung und dem Verwaltüngsperfonal in dem neuen Heim oersammelten, waren die Vorstände anderer Krankentasien und de» Berliner Krankenkasien- Verbandes, Vertreter des Dersicherungsamts und des Bezirksamts Gesang eine« Schülerchors und«in Prolog leiteten die Feier«in. Die Union -Baugesellschoft, die den Bau ausgeführt hat, übergab durch den bauleitenden Architekten Schweizer das fertige Gebäude dem Porftand. Der Borsitzende Nickel, der sich um da» Zu» standekommen de» Werke« unendlich bemüht hat. hielt die Weihe- red«. Er schilderte die Entwicklung der Allgemeinen Ortskranken- kasie Köpenick, die im Jahr« 1908 nur 2000 Mitglieder zähste, aber jetzt bereits«inen Mitgliederbestand von 11 000 hat. Die Beschaffung de» Baugeldes zur Errichtung des notwendig gewordenen eigenen Heims war schwierig. Sie wurde ermöglicht tell» durch eigene

Hai« durchschritten hat, hinter dem da» Städtchen deginnt, erblickt man an seinem Eingang« die Kirche, vor der eine atte sächsische Postsäule als Wahrzeichen längst vergangener Tage steht. Ein« greis« Schwester des �chofpiz zum helligen Geist" führt den Fremden durch das Innere der Kirche und geleitet ihn wohl auch, verwundert ob des sellsamen Begehrens, durch ihre unterirdischen Grabräum«. Die Lübbener Katakombe». Mit einer Petroleumlampe bewaffnet wird der Weg in» Ge- wölbe angetreten. Ein alles oerrostete« Vorhängeschloß bewacht die Toten. Es bedarf einiger Anstrengung, bis es widerwillig knarrend eine Störung der Toten gestattet. Kein Modergeruch, kein Geruch

D/e Hospltalkirche In Lübben .

GnKel Moses. Romao voll Schalom Asch . »Onkel Moses ist nicht hier. Was willst dp von ihm? »Ich weiß schon, was ich will." Das Mädchen ging weiter und fragte einen anderen Burschen. .Ich will den Onkel Moses sehen." Onkel Moses, welcher, noch immer die große Schneider- schere in der Hand, die er sein ganzes Leben lang nicht los ließ, im Hintergnmd seines Geschäftes zwischen der Tur zu seinem Privatkonwr und dem Treppenaufgang zu den Arbeitsräumen stand, hörte die Frage des Mädchens. So fragte er denn von weitem, ohne feinen Blick von seinen Nägeln zu erheben: »�Vdnt is the matter?"(Was gibt's?) An dem Ton der Frage erkannte das Mädchen, daß dies Onkel Moses war; sie ging rasch aus ihn zu und sagte in kindlich bittendem Tone: »IMeaoe, Onkel Moses, de pood to my father.(Bitte, Onkel Moses, sei gut zu meinem Vater.)' Du kannst ihm helfen. Please. hilf ihm." »Wem gehört die da?" fragte der Onkel seine Angeslellren. Die Burschen zuckten mit den Achseln, um pantomimisch auszudrücken, daß sie es nicht wüßten. »What is your narne?(Wie ist dem Name?) Dem gehörst�du?�� Mascha. Ich bin Aarvn Melniks Tochter. Du bist' sein Onkel. I Koov. Hu bist Onkel Moses Pa Ä�dem gehörst du! Ich weiß schon. 1 tnow was willst du?" .Ich will, du sollst Pa hundert Dollar borgen. Pa will dnsiuesp(Geschäft) an'angen. Er bat tein Geld. Du hast Geld. Please. borge chm hundert Dollar. Please. Onkel." Onkel Moses erhob seme Augen. Er wollt« dem Mädchen etwas sagen. Doch als er die zwei feuchten, schwarzen Zopf« und die weiße Schürze sah. senkte er die Augen wieder. rGo hoTno. kid(Geh heim. Kleines), go zr-r Mutter. Ich will sehen, was ich tun kann.". »Wirst du P« hundert Dollar borgen, wenn er Busineß anfangen will. Onkel? Bes?" »All right, Ko hörne. Ich will sehen, was ich tun kann. Maüto stand noch vor dem Onkel, als die Tür ausging und ihr Vater Äauon NU» sei V»«lbijt« Sruöer La! eintrat.

Beide schoben sich ängstlich Herein und steuerten furchtsam auf den Onkel zu. »Da ist Pa!" rief Mascha, als sie den Vater sah.»Weißt du. Bater, Onkel Moses hat gesagt, daß er dir Geld borgen wird, um Busineß anzufangen. »Was tust du hier? Geh nach Haufe. Nach Haufe geh." Aaron schämte sich vor den Leuten, well sein Kind gekommen war. um für ihn zu bitten. Mascha drückte sich in eine Ecke. »What is the matter?" schrie der Onkel schon von wettem, als er die beiden Brüder eintreten sah. Dieses What is the matter?" zwang die Brüder, stehen zu bleiben. Sam, ein kräftiger Bursche von einigen zwanzig Jahren, lief herbei, hiett die Brüder an und flüsterte ihnen etwas zu. Sam war Onkel Moses Liebllng. Er war der Sohn seiner«Schwester, den Onkel Moses nach Amerika gebracht und ins Geschäft genommen hatte. Sam war dem Onkel sehr ergeben und wahrte immer und überall des Onkels Interessen. Der Onkel wußte dos und schenkte dem jungen Manne mehr Vertrauen als allen anderen. Er machte ihn zum Kassierer. Niemand durfte Gelder in Empfang nehmen, wenn er etwas verkaufte, außer Sam. Onkel Moses liebte Sam, well er ihm ähnlich sah. So hatte Onkel Moses ausgesehen, als er in der Heimat noch Fleischerburfch« gewesen war. Sam konnte beim Onfest alles erreichen, und alle Landsleute, die etwas vom Onkel wollten, wandten sich zu erst an Sam. damit er ihr Fürsprecher sei. »Sam, leg ein gutes Wort führ ihn ein. Du tust etwas Gutes damit. Sam. tu Aaron den Gefallen, tu ihm den Gefallen, sei gut," bat Verl Sam für seinen Bruder. Sam ging zum Onkel und sagte: »Onkel. Aaron Melnik aus Kusmin ist wieder zur Arbeit gekommen sollen wir ihn wieder aufnehmen?" »Nothing doivp!"(Nicht zu machen.) Der Onkel be- gann sich mit der Schere zu beschäftigen, was bei ihm das Zeichen war, daß»alle Tore geschloffen waren".»Er kann ja mit dem Bruder nach Brooklyn Schürzen nähen gehen. Zusammen mit den Italienermädeln, ich brauche ihn nicht mehr. Mr mich ist er schon zu alt." Sam gab Berk einen Wink mit der Hand und verzog die Lippen. Das sollte bedeuten, daß er nichts tun konnte. »Onkel, habt doch Mitleid mll ihm." Verl raffte sich auf, «iit«n Schritt näher vor den Onkel zu treten.Er hat doch Weib und Kinder. Der Onkel muß doch Mitleid haben mit ferner Frau und seinen Kindern. Der Onkel wird wirklich ein gute» Werk tun. Es ist ein« gwße Mizwah."_

»Ich tue kein« Mizwah. Davon Hab ich schon genug. Ich ernte dafür ohnedies nur Schinwfworte und Flüche. Was at er mir gesagt? Sag' doch. Sam. was er zu mir gesagt at, wie er von oben Heruntergelaufen ist." »Der Onkel braucht sich wirklich nicht zu kümmern, was er gesagt hat und wer es gesagt hat. Lauter Schnorrer. Ohne den Onkel wären sie doch alle in Kusmin verfault. Der Onkel hat ihn hergnommen, mll Sack und Pack, ihm Geld geschickt und Schiffskarten. OH, und er wagt es, gegen den Onkel etwas zu sagen. Es ist fein Glück, daß ich damals nicht im Geschäft war. Ich hätte ihm gezeigt, was das heißt, gegen den Onkel etwas zu sagen." In mächtigem Wortschwall er- hitzte sich Sam plötzlich für den Onkel. »Ach was, man sagt soviel. Er hat etwas gesagt. Weiß er denn, um Himmelswillen, was er redet? Es geht ihm schlecht, da redet er Gott verzeiht doch auch er hat Unsinn geredet. Da kann ihm doch..." »Unsinn. Bei mir wirb kein Unsinn geredet: bei mir wird gar nicht geredet bei mir wirb geschwiegen. Ver- standen? Schweigenl" Der Onkel hob die Brauen.»Wie hat er doch daheim geheißen. Sam?" »Aaron Gorgel." »Gorgel hat man ihn genannt," der Onkel lachte aus vollem Halse»Gorgel, sehr gut aber hier in Amerika wird nicht gegurgelt, in Kusmin wird gegurgelt, nicht hier in Aaron stand die ganze Zeit mit gesenktem Kopf, den Blick in die Erde gebohrt. Geduldig ließ er über seinen Kopf allen Spott niederpraffeln und schwieg. Er hatte nur den einen Wunsch, so schnell als möglich wieder ins oberste Stock- werk zur Maschine zu kommen und wieder in das Triebrad seines bisherigen Lebens«ingespannt zu sein. »Der Onkel kann doch Mitleid haben, wenn schon nicht mit ihm, so mit seiner Frau und seinen Kindern. Was sind denn sie daran schuld, wenn er Unsinn schwatzt? Er wird schon nicht mehr reden« wird schon daran denken fem Leben lang..." .Nothing doing!" Mascha stand im Winkel; sie sah und hörte, wie ihr Bater verspottet und beleidigt wurde. Are Wangen glühten und ihr« Hände zitterten. Zuerst war sie verwundert, daß dar Vater alles über sich ergehen ließ und schwieg. Dann aber schmerzte es sie. Sie wollte weinen, schreien. Gewaltsam hielt sie sich zurück. Sie sagte sich: Es find mächtige Leute, sie wissen, was sie tun.< ___________ alIä!« fflterffcfcwa f-wu