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Wilsons Irieöensfuhlerim�anuarl�lö Aus den Privatpapieren des Obersten House.

Das Verhältnis zwischen dem Präsidenten Wilson und dem Obersten House steht wohl in der Geschichte fast einzig da. Gewiß hat jeder Staatsmann mindestens einen persön- lichen Vertrauten, der ihn freundschaftlich berät. Fast immer aber bekleidet ein solcher Vertrauensmann eine amtliche Stellung. Beim Obersten House lag der Fall insofern eigen- artig, als er zwar jahrelang der intimste Freund und einfluß- reichste Berater des demokratischen Präsidenten war, ohne jedoch im amerikanischen Staatsdienst irgendeinen Posten zu bekleiden. In dieser äußerlichen Unabbängigkeit des Obersten House von der amerikanischen Staatsmaschinerie lag aber gerade seine besondere Stärke: er war eben der Vertraute Wilsons schlechthin und genoß infolgedessen nicht nur im eigenen Lande. sondern auch in Europa das stärkste Ansehen. In London hatte man dies bester erkannt als in Berlin . Bereits in den hochol'iziösen Mis' onen. die House vor dem Krieg in Europa ausführte, trat diese unterschiedliche Einschätzung und BeHand- lung, namentlich zwischen London und Berlin , sehr deutlich ?utaqe und, wie sich später herausstellte, sehr zum Schaden Deutschlands . Die instinktive Abneigung eines Herrschers ..von Gottes Gnaden" gegen den Erwählten einer Volksab- stimmung und seinen Vertrauensmann gehört zu den zahllosen diplomatischen Sünden des alten Regimes, die sich später so schwer gerächt haben. Im Londoner Verlag Ernest Venn Lted. sind dieser Tage zwei starke Bände vonPrivatpapieren des O b e r st e n House" erschienen, die der Geschichtsprofestor an der Universität Pale Charles Seymour im Auftrag von House herausgibt. Die Lektüre dieser Dokumente ist spannend und lehrreich. Wir lassen hier einige Auszüge aus dem Kapitel der R e i s e folgen, die House im Austrage Wilsons im Januar 1916 nach Europa unternahm, um die Möglichkeiten einer amerikanischen Friedensver- m i t t l u n g zu sondieren,.fiouse war zunächst in L o n d o n, wo er sich etwa 19 Tage aufhielt und mit zahlreichen Person- lichkeiten Konferenzen hatte, über die er fortlaufend den Prä- sidenten unterrichtete. Seine Absicht, nach Berlin weiterzu- fahren, wurde vom Außenminister Edward Grey gutgebeißen, obgleich selbst der deutschfeindliche Botschafter Amerikas in London Page davon abriet. Fast obne Aufenthalt begab er sich über Paris , Genf und Basel n a ch B e r l i n. Am 26. Ja- nuar in der Frühe trifft House in Berlin ein und begibt sich zur amerikanischen Botschaft, wo er Quartier nimmt. Aus seinen Tagebuchnotlzen über seine verschiedenen Unterredungen sei solaendes entnommen: 27. Januar 1916. Die wichtigsten Leute, die ich heute gesehen habe, waren von Gwinner von der Deutschen Bank und S o l f, der Staatssekretär für die Kolonien, die beide zum Frühstück kamen. Solf ist der anständigste und weitherzigst« aller amtlichen deutschen Persönlichkellen, vor allem vermutlich, weil er einen großen Teil seines Ledens außerhalb Deutschland « verbracht bat. Er saate nur vertraul'ch,auch nicht zur Weitergabo an den Botschafter Gerard oder sonst wen", daß sich ein Gegensatz ent- wickle zwischen dem Kanzler lBethmonn Hollweg) esne�seits und von T i r p i tz und von Faltenhayn andererseits hinsichtllch des Unterseebootkrieges. Einstweilen habe der Kan-ler noch die Oberhand, aber Faltenhayn schwenke immer mehr auf Tirpitz' Solle ab und Solf sei über den Ausgang dieses Kampfes fm Zweifel. Er

ersuchte mich dringend, daß ich mit dem Kanzler ebenso offen spreche wie mit ihm und daß ich ihn über die Gefahr eines Bruches zwischen den Bereinigten Staaten und Deutschland unterrichte, für den Fall, daß Tirpitz' Ideen sich durchsetzen sollten. Dann sprach ich mit von Gwinner. Ich fand ihn einigermaßen vernünftig, weit mehr als mich Garard hatte erwarten lasten. Auch er wünscht den Frieden und gibt sich keinen Illusionen dar- über hin, wie er erreicht werden könnte. Der Staatssekretär von Jagow hat uns für Sonnabendabend zum Esten eingeladen. Aber wir lehnten ab, well ich der Meinung bin, daß es das Beste ist, keine Einladungen außerhalb der Bot- schaft anzunehmen. Ich wünsche nicht, auf irgendeine Art m i t Tirpitz zusammenzukommen, und das würde jenseits meines Einflusses liegen, wenn ich anderswo eingeladen wäre. Ich fühle, daß Tirpitz fast allein verantwortlich ist für Deutschlands Grausamkeiten auf dem Wasser. G e r a r d erzählte mir heute von seinem Gesprächmitdem Kaiser . Der Kaiser billigte nicht die Versenkung derL u- s i t a n i a" oder das Töten von Frauen und Kindern. Er war der Meinung, daß der U-Bsot-Kommandant das nicht hätte tun dürfen. Er nimmt diesen Standpunkt zwar jetzt ein, aber er mutz doch die Absicht der Versenkung wohl im voraus gekannt haben. Er war zu Beginn seines Gesprächs mit Gerard sehr kriegerisch, doch wurde er vernünftiger, je mehr die Diskussion fortschntt. Der Kaiser sprach vom Frieden, wie und durch wen er gemacht werden sollte. Er erklärte:Uch und meine vettern Georg und Nikolaus werden den Frieden machen, wenn die Zeit dazu reif ist." Gerard sagt, daß, wenn man ihn reden hört, man glauben würde. daß das deutsche, dos englische und das russische Volk nur lauter Bauern auf einem Schachbrett wären. Der Kaiser gab zu verstehen, daß gewöhnliche Demokratien wie Frankreich und die vereinigten Staaten niemals einen Anteil an einer solchen Frieden»- konserenz haben dürsten. Seine ganze Haltung ließ darauf schließen. daß der Krieg ein königlicher Sport sei, der eingeleitet werde durch erbliche Monarchen und nach deren Willen beendet werde. Der Kaiser sagte Gerard. er wisse, daß Deutschland in seinem Hechte sei. denn Gott sei aus seiner Seite: und Goti würde nicht aus Deutschlands Seile sein, wenn es im Unrecht wäre: und es wäre eben, weil Gott auf Deutschlands Seile sei. daß die Deutschen imstande gewesen wären, ihre Siege zu er­ringen. Ich fragte Gerard, oh der Kaiser verrückt sei oder ob er lediglich posiere... Ich frage mich erstaunt, w i e l a n g e ein Teil der Erde fortfahren wird, sich von solchen Herrschern regieren zu lassen." Logis-äzerweise müßte jetzt Wilhelm in Doorn davon über- zeugt sein, daß Deutschtand im Unrecht gewesen sei, da es schließlich von Gott verlassen wurde, der doch sonst niemals Deutschlands Niederlage zugelassen hätte. Denn Wilhelm ist doch bekanntlich, auch nach dem Zeugnis seiner intimsten Ge- treuen, wie des Potsdamer Hofpredigers" Vogel, frommer und bibelfester denn je. Aber seltsamerweise ist Wilhelm nach wie vor von der Güte seiner Sache durchdrungen. Seine Art, mitGott " in allen Lebenslogen zu operieren, mit dem Argu- mentGott " so umzuspringen, wie es den jeweiligen Verhält- nisten entspricht, in Sieg und in Niederlage, auf dem Thron und im Exil ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine einzige Gotteslästerung.

Der§all Vulle-Kube-flhlemann. (?'n Brief Grütte-Lehdcrs an den Unterfuchunasausschusz. Anklagen gegen Justizdeamte und völkische Politiker. Der Feme -Untersuchungsaueschuß des Preußischen Landtages setzte am Montag seine Verhandlungen zunächst in nichtöffent» licher Sitzung fort. Der Vorsitzende Abg. Göbel(Z.) gab einige Schreiben bekannt, die bei ihm eingegangen waren. Dar- unter befindet sich ein solches des bekannten Grütte-Lehder. Das Schreiben hat solgenden Wortlaut: 3m Auftrage der Abgeordnelen Vulle und Kube habe ich im November l!)ZZ den Spitzel Dammers erschossen, welcher im Begriff stand, einen vom Abgeordnelen Ahlemann ausgegangenen Attentats- plan am preußischen Innenminister Severing für Gel» zu oerraten. Mit Beschluß vom 11. Dezember 1925 bin ich wegen politisch motivierten Mordes zu acht Iahren Gefängnis verurteilt worden. Die Anklage vor dem Schwurgericht vertrat erst der Staats- anwalt Dr. Jäger, welcher auch das Ermlttlungsoer- fahren gegen den Abgeordneten W u l l e und meine diesbezüg- lichen Vernehmungen kellet. Ich habe den ganz bestimmten Eindruck, daß Oberstaatsanwalt Dr. Iäger die Schuld völkifcker Abgeordneter ungern erwiesen sehen würde und er die Klarstellung vorsichtig hintertreibt. Eine Rückfrage bei dem Justizministerium wird beskätiaen, daß Ober- staatsanwall Dr. Jäger vom Justizministerium zur Einleitung des letzt schwebenden Ermittlungsverfahrens beauftragt werden mußte, weil er von sich aus nicht gegen die Abgeordneten Wulle und Kube vorging, trotz der sehr belastenden Bekundungen in der Ver- Handlung vom 11. Dezember 1925. Während und vor der Verhandlung war von meinen Ver- teidigern wiederHoll beantragt worden, völkische Abgeord- n e t e vor Gericht zu laden, um die Frage der Begünstigung und Anstiftung zum Morde klarzustellen. Im Sinne des Ober- staatsanwalts und gegen meinen Wllen ist die Ladung der Abgeordneten abgelehnt worden. So gab man den besonders schwer belasteten Abgeordneten Wulle, Kube und Ahlemann Zeit, ihre Rechtfertigung zu überlegen und in jeder Hin- ficht vorzubereiten. Aus meine Frage gab der unier Eid vernommene Zeuge Dr. H e i n tz im Verhör zu, er wisse durch Dammers von dem Attentat, welches der Abgeordnete Ahlemann gegen den preußischen Innenminister Severing hat vor- bereiten lassen. Angesichts solcher Bekundung hat sich der Oberstaatsanwalt nicht veranlaßt gefühll. den Zeugen über d'ese bedeutsame Angelegenheit weiter zu hören. Der Oberstaats- anwalt h a t geschwiegen! Er hat nach dieser Richtung hin keinerlei Ermittlungen angestellt. Dem Oberstaatsanwalt ist bekannt, daß die genannten Abge- ordneten lediglich durch unwahre oder zurückhaltende Aussagen ge- wisser Zeugen bisher geschützt olleben. Als ich jetzt mehrere Zeugen schriftkich ersuchte, die Wahrheit zu sagen und die Abgeordneten nicht länger durch Lügen zu schützen, da verfügte Oberstaatsanwalt Dr. Zager sosort die Zurück­haltung dieser Briese! Vor der Verhandlung ließ der Oberstaatsanwalt einen Kassiber beschlagnahmen, besten InHall die Abgeordneten Wulle, Kube und Ahlemann belastete. Diese Tatsache hat der Oberstaatsanwalt in der Hauptverhandlung verschwiegen. Ich habe den Verdacht, daß dieses Belastunasdokument verschwunden ist. Der Oberstaatsanwalt sagt nämlich, das Schriftstück set nicht mehr da, es sei vielleicht In Leipzig : was darin stände, Wiste er nicht. Ich teilte schon mit, daß die von mir der Anstiftung zum Morde bezichtigten Abgeordneten Wulle und Kube absichtlich nicht zur Verhandlung geladen wurden. Diese Unterlassung motiviert der Oberstaatsanwalt jetzt damit, daß er sagt, ich hätte ja In der Verhandlung ausdrückl ch erklärt, nichtangestiftet" worden zu sein: daraus könne er tausend Eid« leisten! Das wären Meineide: denn auf die Frag« des Oberstaatsanwalts, ob die Ab- geordnetendie Tat als eine politische guthießen und wollten", habe ich erwidert:«So ist es!" Zehn Tageszeitungen haben Frage und Antwort genau so veröffentlicht. Meine Verteidiger haben die Anstiftung durch Abgeordnete zum Ausgangspunkt ihrer Plädoyers gemacht, doch Oderstaatsanwalt Dr. Jäger will das Gegenteil beschwören. Meinem Empfinden nach sagt er das, um mich einzuschüchtern, mich so weit zu binden, daß ich die nachträgliche Fälschung des Sachverhalts stillschweigend dulde. Als in der Vernehmung vom 13. Februar' ein solcher Versuch, mich zu beeinflussen, gescheitert war, sagte Herr Dr. Jäger:Ach. was Sie aussagen, kann mir ja auch ganz piepe sein: wer wird Ihnen denn glauben?" Unter Leitung des Oberstaatsanwalts Dr. Jäger verspreche ich mir von dem Verfahren gegen den Abg. Wulle nichts. Es würde mich nicht wundern, wenn das Verfahren bei nächster Gelegenheit ganz eingestellt wird. Ich bitte den Untersuchungsausschuß, Vor- stehendes als die Ursache der Resultatlosigkeit des Ermittlungsver- fohrens unterbreiten zu dürfen. Keinesfalls will ich aus dieser Sache eineAffäre" machen, bei der ich eher Schaden als Nutzen zu gewärtigen hätte sondern ich wünsche dem Rechtsausschuh das als Beitrag zu dem Ermittlungsgut über politische Morde ohne weiteres zu überreichen, um mich vielleicht später darauf berufen zu können, wenn die Mitschuld völkischer Abgeordneter auch an anderen Missetaten offenbar werden sollte. Ganz ergebenft Robert Grütte-Lehder." Der Zlusschuß behielt sich eine Beschlußfastung über dieses Schreiben für spätere Zeit vor. Das Arbeitsprogramm des �usfthusses. Sodann trug der Bertchterstatter. Abg. kuttner(Soz.). den In- hall der polizeilichen Ermittllingsakten imFalle Abg. Meyer sDnat.) Schulz" vor. Diese Akten sind umfangreicher, als man nach der bisherigen Beweisaufnahme annehmen konnte und dürften wohl, wie uns aus parlamentarischen Kreisen versichert wird. An- laß zu weiteren Beweisanträgen geben. Abg. kullner(Soz) trug noch einen Aktenauszug über das Konto für nationale Aufklärung" aus der weiter zu- riickliegenden Zeit vor. Es ergab sich aus diesen Aktenaufzeich- uungen, daß damals nur Einzahlungen von solchen Grund- besitzern stattgefunden haben, auf deren Gütern sich schwarze Reichswehr befand und daß nur Anzahlungen für den Ober- leutnant Schulz erfolgt sind. Der Berichterstatter meinte, es handele sich bei den Grundbesitzern, die die Anzahlung geleistet haben, um deutschnational eingestellte Gutsbesitzer. Er vertrat dann die Ansicht, daß es nicht notwendig sei, noch weitere Zeugen aus der Arbeitgebervereinigung zu hören. Dieser Auffassung traten die meisten nachfolgenden Redner bei. Abg Obuch lKomm.) hielt dann ein mehrstündiges Referat über dieSchwarze Reichswehr ", die Fememorde und die politischen Zu- sommenhänge. Er stellte weitgehende Beweisonträge in Aussicht »nd beantragte vorläufig, die Beziehungen de» Schul, zum früheren Reichsminister Schiele zu klären, sowie zum Reichslandbund, dem, wie er meint, die meisten deutschnationalen Abgeordneten angehörten. «bg. Riedel(Dem.) beantragte eine Untersuchung darüber. ob die sog. tandvolt-Genostenschnsten mit den Schwarzen. Reichswehr �ommandos idenllsch seien und ob Schulz deshalb vom Abg. Meyer nicht ausdrücklich für diese Zwecke angestellt worden sei. Den Anregungen des Abg. Riedel(Dem.) wurde stattgegeben. Der Abg. Obuch(Komm.) wird seinen erwähnten Antrag erst noch präziser formulieren. In einer öffentlichen Abendsitzung in der nächsten Woche sollen noch einige Zeugen vernommen werden» unter anderen will der Ausschuß auch nochmals dl« Zeugen Meyer und v. Zengen hören. Zum Schluß erörterte der Ausschuß die Modalitäten, unter denen demnächst im Untersuchungsgefängnis Moabit der Oberleut- nant Schulz und der Feldwebel Klapproth vernommen marhtfti(nffgn

Die Ab gg. Obuch(Komm.) und Riedel(Dem.) stellten in Aus- ficht, daß sie nach Erledigung der Angelegenheit Meyer-v. Zengen- Schulz eine Anzahl weiterer Beweisanträge über die politischen Beziehungen vorlegen würden. Hieraus vertagte sich der Ausschuß auf unbestimmte Zeit.

öescbwerüeftellen. Ein Erlnfj des preußische» Innenministers. Das preußische Innenministerium hat einen Erlaß heraus- gegeben, der die Beamten ersucht, Beschwerden direkt an das Ministerium und den Minister zu richten, und nicht an Beschwerde- stellen. Das Recht der Beamten, sich an Abgeordnete zu wenden, wird dadurch selbstverständlich nicht berührt. Der Erlaß weit entfernt davon, Beschwerden von Beamten unterbinden zu wollen soll eine rasche Erledigung berechtigter Beschwerden bewirten. Den Anlaß dczu hat eine. Reihe von Bor- gängen gegeben, in denen rechtsstehende Kreise eine Hetze gegen republikanische Beamte zu inszenieren suchten. Dt« Methode des Regierungsrats von Bachem, der die Beamten auffordert«, Ma- terial über Korruption und Amtsmißb-auch republikanischer Beamter beizubringen, ist»och im Gedächtnis. In Hörde hat der früher« Landrot des Kreises eineBeschwerdestelle" ausgeton. Ihr Zweck ist. den neuen Landrat durch Beamte beobachten zu lasten und Material gegen ihn zu sammeln. Di« Beamten sollen durch diese Beschwerdestelle geradezu zu Spitzeln gemacht werden. Der Erlaß des preußischen Innenministers richtet sich gegen diesen Unfug, er war eine höchst notwendige Maßnahme.

flufsthneiöen. Kommunistische Nullenfabrikatkon. Die kommunistische Presse berichtet am Montag in fetten Lettern und großer Ausmachung über den K v l n e rR o t« n T a g", der am Sonntag unter riesiger Beteiligung stattgefunden haben soll. In einzelnen kommunistischen Blättern wird von 49 000 bis 50 000 Demonstranten, in anderen sogar von 90 000 Teilnehmern gesprochen. Es muß festgestellt werden, daß diese Zahlen maßlos übertrieben sind. Nach sehr vorsichtigen amtlichen Schätzungen, die sich mit den Angaben unseres Kölner Vertreters durchaus decken, betrug die Zahl der aus ganz Rheinland-Westfalen nach Köln zu dieser Kundgebung zusammengeströmten roten Frontkämpfer 8 600 bis 9000 Mann. Mit ihrer alles Maß übersteigenden Auf- schneideret schaden sich die Kommunisten selbst am meisten. Die Kölner bürgerliche Presse spottet am Montag über die geringe Be. teiligung und gibt der ganzen VeranstaUung das Prädikatsehr mäßig"._

Kundgebung für deutsche Geifteskultur. Eine Rede des Reichskanzlers. Das Schutzkartell deutscher Geisteearbeiter veranstaltete am gestrigen Montagabend im Plenarsaal des Reichstages eine Kund- gebung für deutsche Geisteskultur. Der Vorsitzende Dr. O t t o E V e r- l i n g- Nikolassee eröffnete die Kundgebung und begrüßte zunächst den Reichskanzler Dr. Luther sowie die Gäste, unter denen man den R e i ch s m i n i st« r Külz, den Vizepräsidenten des Reickstao-s Nrot. Dr. RieKer und Gebeimrat Brot. D r.

Kahl bemerkte. Dr. Everling sprach über das Thema:A u s d e m Lager der Deutschen Geistesarbeiter". Unwersitäts- prosessor D r. Karo- Halle sprach dann überDie deutsche Geistesarbeit im Auslande". Hierauf nahm Reichskanzler Dr. Luther das Wort, der darauf h'nwies, daß die Arbeit nach der kulturellen Seite hin vielfach durch die Not der Zeit beengt werde. Er betonte dann, daß zwar das Fehlen des wissenschaftlich gebildeten Mittelstandes keineswegs ein Fehlen der Kultur schlechthin bedeute. Das Ringen um Kulturwerte ist in den breiten Votkeßl'ichten genau Io vorhanden wie in anderen, ja, vielleicht noch leb Meiner. Aber leitende Kulturbeamte fühlt doch, daß dort, wo ein Mangel an Mittelstand vorhanden ist, auch der eigentliche befruchtende Kultur- ström fehlt. Der Reichskanzler Dr. Luther gab dann die Versicherung ab, daß vom Reiche, auch wenn die Sorge für die deutsche Kultur im allgemeinen Ausanbe der Länder sei, alles geschehen werde, um die Kultur in ihren Aufgaben zu unterstützen.

Sie Justiz/ Tie Zeitschrift des Nepnvlitanischen Richterbundes. Die dritte Nummer der so zeitgemäß entstandenen Zeitschrift Zur Erneuerung des deutschen Rechtswesens" gelangt zur Ausgabe in einem Augenblick, wo im preußischen Landtage und im Reichstage zwischen Justiz und Volk die heftigste Fehde ausgefochien wird. Dieser Kampf ums wahre Recht, nicht um das Recht, für dessen legitimen Träger sich das deutsche Richtertum allein hält, findet in den Seiten der Zeitschrift seinen stärksten Wiederhall. Hatte in der zweiten Nummer, Genosse Prof. Dr. R a d b r u ch die Stellung der Deutschen Iuristenzeitung" zur Ernennung Kroners zum Oberver- waltunasgerichtsrot einer gründlichen Kritik unterzogen, so seht sich in der dritten Nummer der Rechtsanwalt Ernst Fuchs mit der Deutschen Richterzeitung" auseinander und findet gebührende Worte für deren Versuche, die Schar der Mitarbeiter derJustiz" zu spalten. Man kann wohl sagen: die Zettschrift sorgt vorzuglich für die Regierung der Atmoshäre in der deutschen Recbtsprechung: sie zwingt, Farbe zu bekennen für oder gegen die Republik . Beachtenswert sind die Ausfuhrungen Dr. ch e i n z P« t t h o f f s überDie rechtliche Stellung des Streiks". Aeußerst geistvoll sind die Auslastungen des Rechtsanwalts Dr. Robert Theilhabcr über dieWertung des Menschen im Recht". In ein paar Worten zusammengefaßt gipfeln sie in folgendem:Ueber der Sache steht der Mensch, wichtiger und heiliger als das Eigentum ist die Zlrbeits- kraft, bedeutungsvoller jür den Staat als das einseitige Wohlergehen der Gläubiger ist das allgemeine Fortkommen der Bürger. Zu- nächst ist der lebende, liebende, arbeitende Mensch zu werten, datrn erst sein vermögen und dieses erst als Ausfluß und Grundlage der Person." Ueber den Münchener Dolchstoßproz-ß stellt einer seiner«ach- verständigen, der Amtsgerichtsrat a. D. Dr. Ludwig ch e r z interessante Betrachtungen an. Der Rechtsanwalt Dr. Ludwig Bendix versucht dieIrrationellen Kräfte der strasreckitlichen Urteils- tätigkeit" auszudecken. Der Oberoerwaltungsgerichtsrat Wilhelm K r o n e r rechnet scharf mit der Justizreaktion ab. Genosse, Rechts- anwalt Alfred Oborniker erwidert treffend einem der Bei- sitz er im Prozesse gegen den völkischen Jüngling Rehnlg, der den Rcichsbannerniann Schulz erschossen hat. Bei dieser Gelegenheit erfährt die Oeffentlichkeit eine Kleinigkeit, von der sie bis zum Augen- blick keine Ahnung hatte. Es stellt' sich nämlich heraus, daß dem Wiktng-Iüngling Rehnig, trotzdem er selbst in keiner Weise be- bauptet hat, daß der Schulz ihm etwas getan hätte, am Tage de, Urteils durch Beschluß de» Gerichts eine Entschädigung für unschuldig erlittene Untersuchungshaft zu- aebilliat worden ist.