Einzelbild herunterladen
 

Nr. 161 43.Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts

Mittwoch, 7. April 1926

Wissen ist Macht

Die Arbeiterschaft Wiens hat in der letzten Zeit zwei feierliche Momente erlebt: die Eröffnung der Arbeiterhochschule und das 25jährige Jubiläum der Ottakringer Volkshochschule . Im Zusammen­tressen dieser beiden Arbeiterkulturereignisse liegt ein tieferer Sinn. Zu verstehen ist er nur aus der Entwicklung und der engen Ver­flechtung des Arbeiter und Volksbildungswesens in Wien . Hier hatte die 48er Revolution in der freisinnigen Bürgerschaft tiefere Wurzeln geschlagen als im übrigen Deutschland . In höherem Maße als dort blieben hier Akademiker und Intellektuelle den Traditionen dieser großen Volksbewegung treu und halfen später beim Ausbau des Volksbildungswesens.

-

ihren

Volksbildungs- und Arbeiterbildungswesen. Bereits im Jahre 1885 nahmen die Sonntagsvorträge und die Gründung der Volksbibliotheken heute sind es etwa 100. Anfang. 1895 entstanden die volkstümlichen Universitätskurse, für die sich eine Reihe von Universitätsprofessoren zur Verfügung stellten. 1905 folgt die Eröffnung des Volfsheims Ottakring, das in erster Linie der Wiener Arbeiterschaft zugute fam. Ihre Ver­treter waren es auch, die den größten Einfluß auf ihre innere Ge­staltung ausübten. Das Wiener Volksbildungswesen ist aufs engste mit dem Namen des Genossen Professor Ludo Hartmann verbunden. Parallel lief die Entwicklung des Arbeiterbildungswesens, das die sozialistische Lehre in die Massen und zu ihren zufünftigen Führern, den Partei- und Gewerkschaftsfunktionären, bringen sollte. Der Arbeiterverein Zukunft" war es, der im Jahre 1903 die Wiener Arbeiterschule begründete und das Vortragswesen der, Arbeiter­organisationen reorganisierte. Um das Jahr 1908 fällt der Beginn jezt gibt es ihrer in Wien 21, darunter

der Arbeiterbibliothek

-

mehrere mit 100 000 bis 150 000 Büchern, mit je 10 in speziellen Bibliothekarfurfen ausgebildeten Bibliothekaren. Im Jahre 1908 murde die Parteischule gegründet, in der 40 Hörer einige Monate hindurch in die verschiedensten Gebiete der sozialistischen Wissenschaft eingeführt wurden. Seit 1910 traten die Sommerparteischulen in Funktion, in denen drei Wochen lang die Funktionäre auf Kosten der Partei ihr Wissen bereichern durften. In dieser Weise wurden in den letzten Jahren 53 Arbeiterschulen mit 631 Vorträgen, 38 Frauenschulen mit 117 Vorträgen, vier Jugendschulen, 12 Be­triebsräte- und Gewerkschaftsvertrauensmännerschulen, außerdem 65 Vortragsreihen mit 358 Vorträgen veranstaltet. Es wurden 4693 Einzelvorträge gehalten und 393 Exkursionen in Museen, An­stalten und Betriebe unternommen. Hinzu kommen Redekurse, Parteischule, Arbeiterurlaubsreisen, Schriftenvertrieb, ein Kursus für Arbeiterbüchereiwarten, das Lichtbild- und Filmwesen. Die Krö­nung des Arbeiterbildungswesens stellt aber die am 17. Januar er­öffnete Arbeiterhochschule dar.

3]

yamile unter den Zedern.

Bon Henri Bordeaux.

( Berechtigte Uebersehung von J. Kunde.) Aber gerade diese Pferde legen unglaubliche Strecken ohne die geringste Ermüdung zurück, erflimmen schwindel­erregende. Felsen, ohne unsicher zu werden oder einen Fehl­tritt zu tun; man muß sich ihnen nur anvertrauen und ihnen mit dem einzigen Zügel nachgeben, damit sie den Hals vor­legen können und die Hindernisse abzuschäzen vermögen. Ich bewundere die Gemsen meiner Alpen und ihr Herumflettern auf Felsen und Eis nicht mehr so, seit ich im Libanon syrische Pferde geritten habe. Selbst das wenig gepflegte und schlecht genährte Pferd des ärmsten Bauern ist noch ein edles Tier und hat Raffe. Es gleicht einem ins Elend gerafenen Fürsten in Bettlerhülle. Aber die Pferde der Scheichs und Emire haben eine gerade unvergleichliche Eleganz. Mein Gastgeber hatte mir eine Apfelstute reserviert, auf die ich stolz sein durfte, nachdem es mir geglückt war, mich im Gleichgewicht auf ihr zu halten, denn das Tier tänzelte, bäumte sich und warf wütend den Kopf empor.

,, Sie ist 200 Goldpfund wert," erklärte der Diener, welcher sie hielt, als ich mich in den Bügel schwang. Nun, sie war sicher nicht halb so wertvoll wie die, welche Khalil Khury bestieg, die Stute, deren durchglühtes fuchs rotes Fell in der Sonne glänzte, wie wenn von jedem Härchen ein Leuchten ausginge, glich einer Flamme; so verzehrte sie die innere Glut. Leidenschaft blikte in ihrem Auge und Bonneschauer liefen über ihren Körper. Wie ich dem alten Scheich, der ganz verjüngt an der Kavalkade seine Freude hatte, ein Rompliment machte, sagte er: Ja, sie stammt von Salma ab. Aber Sie haben Salma nicht ge fannt." Er zitierte diese Salma, wie man auf dem Turf irgendein berühmtes Rennpferd, das den großen Preis ge­winnt, nennt. Ich tat ihm schließlich leid, daß ich Salma nicht gekannt hatte, denn er würdigte mich einer mysteriösen Auf­tlärung:

-

-

-

|

Arbeiterhochschule.

Solange die bürgerlichen Hochschulen in erster Linie der bürgerlichen Wissenschaft gehören, bleibt den Arbeiterparteien nichts anderes übrig, als eigene Hochschulen ins Leben zu rufen. Die österreichischen Genossen wissen aber nur zu gut, welch großer An­zahl von wissenschaftlich geschulten Kräften sie bedürfen, um den Aufgaben gewachsen zu sein, die ihrer in Staat und Kommune in tommenden Jahren harren.

26 junge Männer und 6 Mädchen, alles bereits bewährte und praktische, erfahrene Bertrauensleute der Partei und der Gemert­schaften, dürfen von diesem Tage ab sechs Monate lang das ehe­malige Barockluftschloß der Kaiserin Maria Theresia in Heiligenstadt , einem Vororte Wiens , bewohnen. Die österreichische Partei hat es zunächst für 10 Jahre von der Gemeinde Wien gepachtet und unter Leitung der Bauabteilung des Magiftrats zweckmäßig im Innern ausgestalten lassen. Helle, geräumige Studierfäle, mit Schreibtischen und Sesseln, mit Lehrfanzeln und Stioptikon, Gesellschaftsräume mit Klavier und Radio, anheimelnde Schlafzimmer mit Warmwasser­versorgung sind vorhanden. Die Wände der Zimmer sind mit Ge­mälden geschmückt. Neben Allegorien aus vergangenen Jahrhun- fang. derten drei Bilder, Arbeiten des Volksmalers Rudolf Scholz: Ein Mann im Gerüst"," Die Forschenden"," Die Versammlung". In diefen Räumen, frei von den Sorgen des Alltags und der Organi­fationspflichten, sollen die jungen Menschen Bartei entsandt, 16 von den Gewerkschaften 21 sind von der fich hier zu neuen Kämpfen für den Dienst am Proletariat rüsten. Nationalökonomie, Welt und Wirtschaftslehre, Rechts- und Staatslehre, Gemertschafts­lehre und Organisationsfunde sind die Hauptgebiete, in die sie, durch früheres eifriges Studium gut vorbereitet, unter Leitung von Ge­noffen wie Otto Bauer , Mar Adler, Siegmund Kunfi, Karl Renner , Julius Deutsch und Otto Neumann eindringen sollen. Am Nach mittag folgen Führungen und Uebungen auf arbeiterrechtlichem, statistischem, voltswirtschaftlichem, rednerischem und journalistischem Gebiete. Handbibliothek, Zeitungen, Zeitschriften, Lichtbilder auf Tafeln sind zur Unterstützung des Studiums vorhanden. Durch turnerische Uebungen, durch Sport und Wanderungen und Feste soll für die Ertüchtigung des Körpers und für die Bereicherung des Dauern sechs Monate. Gemüts- und Gemeinschaftslebens gesorgt werden. Die Kurse

-

-

Die österreichischen Genossen kommen nicht allein für den Unter­halt der Arbeiterstudenten auf, sie unterstützen auch, wenn nötig, sind die materiellen Opfer, doch bedeutet das Ganze nur den An­während der Studienzeit die Angehörigen der Hochschüler. Groß

Das, Theresenschlössel", Sitz der Wiener Arbeiter­hochschule.

rascht hätte. In seinem Blicke flammte es auf, wie der Schnee des Libanon beim Sonnenuntergang erglüht, und ich sah darin deutlich eines jener Frauenbilder vorübergleiten, die ihre Spuren einem ganzen Leben aufprägen.

Yamile," wiederholte ich. Wer war diese Damile?"

"

-

Die Frage schien ihn zu wundern, wie wenn sie in diskret gewesen wäre oder wie wenn er die vertrauliche Aeuße­rung, die ihm wider Willen entschlüpfte, bereute. Er fizelte sein Pferd mit den Sporen, das allzu leicht reagierend- einen Seitensprung tat, dem er mit leichtem Zügelhieb parierte. Diese plögliche Ablösung von mir enthob ihn einer Antwort.

-

Wir setzten uns an die Spitze der Karawane, deren an­gesehenste Persönlichkeiten wir waren, ich, der Fremde und er, der heimgefehrte verlorene Sohn, den zu beerben ganz Bscherre fich Hoffnung machte. Gleich hinter dem Flecken nachdem wir ein Laubdach von Nußbäumen passiert hatten arbeitet sich der Pfad die Felsenwand hinauf, welche die Quelle des Kadischa überragt. Unsere Pferde unternahmen gegen die Mauer einen Angriff, wie eine stürmende Truppe, und ihre Hufe klirrten an den Steinen. Khalil Khury zwang mich zu schnellem Ritt, und wir erreichten bald den Gipfel des steil abfallenden Schroffens, von wo es zur Flußquelle niedergeht. Der Alte schien dem Schwindel zu trogen, denn er ritt, wie wenn er die Gefahr herausforderte, am Abgrund hin, und ich fonnte mein Pferd, welches den anderen folgte und mich der gleichen Gefahr aussette, faum zurückhalten. Bald erblickten wir eine Gruppe mächtiger Bäume in der Wüstenöde des Gebirgstefsels. In den tiefen Schründen der violett schim­mernden Felswände und auf den Gipfeln lagen noch Schnee­reste.

Khalil Khury sagte mit würdevoller Geste: ,, Die Bedern!" Und ließ sein Pferd im Galopp die letzte Steigung Ich ritt im Gegenteil langsamer, um mich zu sammeln und den Anblick zu genießen.

nehmen.

Unter den 3edern.

,, Das war die Stute von Butros Hame, meinem Freunde, Bor mir standen in einer Gebirgsfalte die überlebenden meinem Bruder. Auf ihr ist er von Tripolis in einer furzen Riesen des Libanon, älteste Zeugen des Weltgeschehens. Diese Sommernacht mit Damile im Arm zurüdgefehrt." Bäume, von denen Lamartine gesagt hat, daß fie das be So ein Bravourftüd verdiente wohl, daß man es nicht rühmteste Naturdenkmal der Erde find. Salomo erachtete vergaß; es gehörte ein ausgezeichnetes Pferd dazu, um so ein fein anderes Holz für wertvoll genug, daß es zum Tabernakel fernes Ziel in wenig Stunden mit einer zweifachen Laft zu des einzigen Gottes verwendet würde. Die Bracht dieser erreichen. Aber ich maß der Bemertung feine besondere Be- Bäume diente dem Propheten zu erhabenen dichterischen Ber­deutung bei. Und auch die drei Silben Vamile, die ich zum gleichen. Schwarz umbuntelte sie von ferne ihr eigener ersten Male vernahm, hätten mich nicht gerührt, wenn mich Schatten. Sie hoben sich wie gigantische Vögel mit ausge­nicht ein plögliches Aufleuchten dieses Greifenantliges überbreiteten Schwingen vor der fahlen Landschaft ab.

Das Jubiläum der Wiener Volkshochschule .

Es sind jetzt 25 Jahre her, daß die Volkshochschule Verein Bolfsheim" gegründet wurde. Aus dem noch heute bestehenden Arbeiterbildungsverein hervorgegangen, war es anfangs genötigt, mit zwei Kellerzimmern auszufommen. Sehr bald wuchs der junge Verein und mußte im selben Hause eine Wohnung mieten. Aber auch das genügte nicht lange, und das Verlangen nach einem eigenen Gebäude wurde immer mächtiger und mächtiger. Am 5. November 1905 tonnte dieses Haus eröffnet werden. Rastlose Sammeltätig­feit der Mitglieder, Zuwendungen der damals noch recht wenig finanzkräftigen Gewerkschaften, und-auch Spenden einiger weniger Reicher ermöglichten den Bau des stolzen Hauses, das in Ottakring , einem der dichtbevölferten Arbeiterbezirke Wiens , steht. Zu Ehren Ludo Hartmanns, des ersten Gesandten der deutschösterreichischen Republik in Berlin , der sich um die Ausgestaltung des Volksheims raftlos mühie, wurde soeben der Play, an dem das vierstöckige Ge-. häude steht, in Ludo- Hartmann- Play" umbenannt. Es ist die älteste deutschsprachliche Volkshochschule , eine der ersten überhaupt und wahrscheinlich die größte Bildungsstätte ihrer Art. Neben den zahlreichen Vortragsjälen und Zimmern besigt es ein chemisches Laboratorium, naturwissenschaftliche Sammlungen, ein photogra­phisches Atelier mit zahlreichen Dunkeltammern, Arbeitsräume für Phyfit, eigene Werkstättenzimmer usw. Ein besonderes Gewicht wird auf die Arbeit in den Fachgruppen gelegt, die durch femina­riftische Uebungen im engeren Kreise, durch Spezialfurfe und durch Fachbibliotheken ein tieferes Eindringen in die Disziplinen ermög lichen. Rund 12 000 Hörer befuchen jetzt im Ottakringer Stamm­haus und in den vier Zweigstellen die 400 Kurse, die sich meist über das ganze Studienjahr erstrecken. Daneben arbeitet im gleichen Sinne der Wiener Volksbildungsverein", der ebenfalls eine eigene Bolkshochschule und eine Zweigsiese unterhält. Der über 200 Bor­tragende umfassende Lehrkörper besteht zum größten Teil aus Pre­fefforen und Dozenten der Wiener Hochschulen, die aus Liebe zu Sache gegen ein minimales Entgelt, das faum die Straßenbahnspejen deckt, in den Abendstunden über sämtliche Gebiete des menschlichen Wissens Kurse abhalten. Der Eifer, mit dem die von der harten Arbeit ermüdeten Hörer und Hörerinnen bei der Sache sind, ist ihr schönster Dant. Alle Altersstufen und alle Berufe find vertreten. In dem Bestreben der Vereinsleitung, Wissen und Bildung nur um

Ich erreichte bald die ersten, vereinzelt dastehenden Bäume, die eine Art Vortrupp bildeten und in ihrem Buchse ungehemmt aufwärts strebten; nach allen Seiten streckten sie ihre langen horizontalen Weste aus. Khalil Khury hatte nicht auf mich gewartet. Ich setzte meinen Weg allein fort und war glücklich, mich ungestört Betrachtungen hingeben zu können. Die Begleiter folgten einige Meter hinter mir. So gelangte ich an die Umfassungsmauer, welche die dreihundert oder vierhundert majestätischen Gefangenen vor Beschädigung durch Horten und Herden und vor den Händen von Pilgern schützt. Die Pforte stand offen; der Wächter war von unserem Be­such in Kenntnis gesetzt. Andächtig, als besuchte ich eine Kirche, trat ich unter diese Versammlung von Bäumen, die an einen Konvent von Mönchen erinnerte, welche ihre Arme zum Segen erheben. Unwillkürlich entblößte ich den Kopf und bot ihnen meinen Gruß. Niemand betrachtete diese Ehr­furchtsbezeugung, niemand. Diese Bäume ragten einsam empor oder drängten sich aneinander; unheimlich gewaltige und verwitterte waren darunter. Ihre Wurzeln ragten aus dem Boden; sie ringelten sich wie die Schlange, welche den Laokoon und seine Kinder umflammert. Stämme gab es, die ineinander verflochten einen fabelhaften Umfang hatten; Kronen, die der Bliz gespalten; auch schlanke, weniger massive Stämme waren dabei, die durch Bliz gespalten; auch schlanke, weniger maffive Stämme waren dabei, die durch die reinen Linien ihres schlanken Buchses auffielen. Waren es nicht wunderbare Besen, welchen die Jahrhunderte das Recht ver­liehen hatten, den Eindringling, der sie gleichgültig und be­ziehungslos besuchte, verächtlich zu empfangen? Ich aber be­mühte mich um ihre Gunft; sie sollten eine nach Jahrtausenden zählende Bergangenheit für mich heraufbeschwören. Waren fie in den Bergen, über dem blauen Meer von Tripolis , nicht fpäte verschwiegene Zeugen so vieler Völkerwanderungen, so vieler religiöser Mysterien, so vieler blutiger Umwälzungen.

Die Eskorte holte mich ein. Wir pflodten die Pferde an. Ich umschritt die Einfriedigung und blieb vor den ältesten und verehrungswürdigsten Bäumen stehen. Auf einem ist der Name Julia de Lamartine eingegraben. Das geschah aber nicht durch des Dichters Hand. Seine Tochter war in Beirut - im Dezember 1832 menige Tage nach seiner Rückkehr aus Palästina gestorben. Das Mädchen war erst 11 Jahre alt. Ein jeder Sommer ließ sie schöner werden; Doch ihre Seele hat das Ziel erreicht, Wo sie der Himmel abruft von der Erden. Ihr Bild aus der Erinnerung nimmer weicht. Wa fie auch schrift, da folgten ihr die Blicke Der Bäter nach, die neidisch meinem Glüde. ( Fortsetzung folgt.)