Sonntag 4. 7uli192H
-Unterhaltung unö �Vissen
Vellage öes vorwärts
Zn'eörich II. über öle deutschen Zürften. Von Kurt Baurichter . Das Deutsche Reich ist eine Republik . So haben es die gewollt, die nach dem Ausammenbruch 1918 dos Reich retteten, und chinden- bürg, der„Retter" von 1925, hat es beschworen. Aus dieser einen Republik aber wollen ihre Gegner einige Duhend Vatcrländchen machen: konkurrierende Thronkondidaten buhlen um die Gunst vater- ländlicher Verbände, tioslieseranten in Bückcburg und Detmold putzen ihr Ladenschild. Bürgerblocktaktik und Kinopropaganda ver- fehlen nicht ihre Wirkung aus konservierte Untertanengesinnung. Probepredigten zukünftiger chofprediger Helsen nach. Wer Zweifel äußert an der guten alten Zeit wird durch geschäftlichen oder gesell- schaftlichen Boykott zum Schweigen gebracht. Fridericus Rex er- scheint als Schutzpatron deutschnationaler Hofschranzcn, um die landesvaterlosen Deutschen für Thron und Altar zu begeistern. Sauf- frohen Zechern winken neue Kaiscrgeburtstagsseiern: der Gedanke der Monarchie marschiert. Name und Bild Friedrichs des Großen werden der Bewegung vorangetragen. Wir fragen: mit welchem Recht? Was erlaubt- ihnen, diesen preußischen König für sich in Anspruch zu nehmen? War er wirtlich ihr Mann? Oder treiben .sie mit seinem Namen Mißbrauch? Geben wir ihm selbst das Wort, um darauf zu antworten. Seit dem Großen Kurfürsten pflegten die Herrscher des Hohen- zollernhauscs politische Testamente aufzusetzen, die zum Unterricht für ihrt Nachkommen dienen sollten und infolgedessen den Charakter systematischer, politischer Lehrschriften trugen. Solche politischen Testamente zur Unterweisung seiner Nachfolger hat 1752 und 1768 auch Friedrich der Große aufgesetzt. Sie sind in französischer Sprache abgefaßt und. fast 300 Seiten stark, als Ergänzungsbond zur„Po- �tischen Korrespondenz Friedrichs des Großen" erschienen(Verlag Reimar Hobbing, Berlin 1920). In diesen Testamenten hat der König, von desien Gesamt- persönlichkeit viele durch tendenziöse Kinopropaganda ein durchaus entstelltes und verzerrtes Bild bekommen haben, mit beispielloser Schärfe an den deutschen Fürsten Kritik geübt.„Man muß sich vorstellen," schreibt er,„daß derjenige, welcher sich mit all den großen Königen und Fürsten eingelassen hat, ungefähr in der gleichen Lage ist wie einer, der Räubern in die Hände fällt. Verrat, Mein- cide und andere S ch ä n d l i ch k e i t e n fallen ihnen nicht schwer". Er verachtet die Fürsten , die„sich m ä st e n mit dem Mark des Volkes, während alles darbt". Er wirft ihnen sträfliche Pflichtvergessenhcit vor und führt ihre Unfähigkeit, die Völker glücklich zu machen, auf ihre„Vergnügungssucht, Trägheit und Dummheit" zurück. Bemerkenswert, ist, daß er seine Vorwürfe nicht gegen einzelne, sondern gegen die Gesamt- heit der Fürsten richtet.„Mit Ausnahme der Königin von Ungarn und des Königs von Sardinien , deren Genie über ihre schlechte Erziehung triumphiert hat, sind alle Fürsten Europas nur üble Einfaltspinsel." schreibt er und streicht mit diesem einzigen Satze olle» da» durch, was ehrgeizige, nach Titeln und Ordensauszeichnungen gierende Geschichtsschreiber jahrhundertelang zur Verherrlichung des Fürstentums geschrieben haben. Er schildert die Eigenlieb« der Fürsten , die ganz aufgehen in dem Gedanken an ihr Ich und warnt davor, ihren schmeichelnden Reden Glauben zu schenken: „Der größte Irrtum, den Ihr begehen könnt, ist der, zu glauben, daß Könige oder Minister sich für euer Schicksal inter - essieren. Diese Menschen lieben nur sich selbst: ihr Interesse ist ihr Gott. Ihr Stil wird schmeichelnd und einladend, soweit sie euch nötig haben. Sie werden euch mit niederträchtiger Falsch- heit schwören, daß euer Wohl ihnen ebenso teuer ist wie das ihrige: aber glaubt es ihnen nicht und verschließt eure Ohren den Gesängen dieser Sirenen." Dos sind Worte, die man auch an unsere Generation mahnend richten sollte und die durchaus übereinstimmen mit dem, was ehr- liche Beobachter über ihre Erfahrungen an deutschen Fürstenhöfen im 19. und 20. Jahrhundert berichtet haben. Wieviel Mühe haben sich Geschichtsschreiber und-lehrer ge- geben, um das uneigennützige Handeln der Fürsten zu schildern, die edlen Motivationen ihrer Handlungen nachzuweisen und ihre vorbildliche nationale Gesinnung zur Nacheiferung zu empfehlen. Nicht so Friedrich II. : „Zur Schande meiner Nation muß ich gestehen, daß niemals dos öffentliche Wohl mehr dem persönlichen Jnteresie geopfert worden ist als gegenwärtig. Da kommt ein englischer König mit einem Sock voll Guineen(engl. Goldmünzen) über das Meer und gering« Summen genügen, um die mächtig st en Fürsten der deutschen Länder zu bestechen. Sie sind Kaufleute geworden: sie handeln mit dem Blut ihrer Untertanen: sie verkaufen ihre Stimmen in der Versammlung der Fürsten und Kurfürsten. Ich glaube, daß sie ihre eigene Person verkaufen würden, wenn sich jemand fände, der sie bezahlte." Hier ist ein Urteil über deutsche Fürsten , das die Unehrlichkeit des Geschichtsunterichts im kaiserlichen Deutschland treffend kenn- zeichnet. Wo bleibt alle Romantik und Verklärung gegenüber diesem einen Satz des großen Königs:.Sie verkaufen sich dem Mei st bietenden!" Gill das nicht auch von vielen ihrer Geschichtsschreiber? Man kann dagegen micht einwenden, daß heute die Grenzen der fürstlichen Macht zu eng gezogen wären, um eine Politik zu ermöglichen, die das Gesamtinteresse der Nation den Sanderinteressen des eigenen Hauses unterordnet. Die Monarchisten von heute wollen keine Herrscher mit bloßen repräsentativen Funktionen, sondern fordern ausdrücklich eine„starke Monorchie", und das heißt doch wohl eine konstitutionell so wenig wie möglich beschränkte Monarchie. Herrenhaus und Klassenwahlrecht würden wiederkehren, wenn jene Geschlechter erneut den Thron bestiegen, von deren„unverschämter Anmaßung und unaus- stehlichem Stolz" Friedrich berichtet. Die fortschreitende Der- ständigung der Völker würde gehindert werden durch die Politik der Fürsten , die der Soldatenkönig als ein„Gewebe von Betrug" bezeichnet, als eine Politik,„die zum großen Teil aus Schlauheit, Verstellung und Ruhmsucht besteht".» Es ist gut, die agents provocateurs der Monarchie an diese Worte und Mahnungen des Soldatenkönigs zu erinnern, dem man ja die Kompetenz in solchen Dingen nicht wird absprechen können. Aber auch wir andern sollten dieses Urteil sehr ernst nehmen. Es verpflichtet zu unausgesetzter Aufklärung und zu stetem Kampf gegen alle, die im Namen de» König » das tun, wovor er warnt, und die ihn, wenn er heute lebte, wahrscheinlich ächten würden.
Eine königliche Tat.
„Cine wahrhast vornehme königliche Tot verlangt üie„kölnijche Zeitung" von uns Zürsten!— Nun wohl, ich werüe dieses male- rische Schloß an den Staat freiwillig abtreten."
Dummi. Von Svend Fleuron . Er wußte weiß Gott nichts davon, daß etwas Böses darin sein konnte, zuzuschnappen. Du liebe Zeit, e r fühlte ja nicht, daß es weh tat! Seine herrlichen Zähne mit den kräftigen Kiefern, das ganze Mundwerk war in schönster Ordnung— und ihm doch wohl zum Gebrauch gegeben. Wenn einer kam und drohend aussah, Scheltworte gegen ihn ausstieß und nicht erraten konnte, wie e r oerlangte, daß man ihm die gewünschte Hochachtung«erwies— nun ja, dann muhte er ja zuschnappen.' Leugnen wollte er nicht, daß es ihn fürchterlich danach kitzelte, das herrliche Werkzeug gebrauchen zu dürfen, das der Schöpfer ihm da ins Gesicht hineingesctzt hatte; aber er tat es ja weder bei Bäumen oder Büschen, und auch nicht gegenüber Hühnern, Lämmern oder Schafen. Nur wenn diese Wesen in Hosen und Kleidern unter- ließen, ihm den ihn zukommenden Tribut zu erweisen... dann tat er seine Schuldigkeit, dann biß er! Außer den Zähnen und dem Zermalmapparat hatte der Herr- gott ihm ja eine erstklassige Nase verliehen, deren Aufgabe gerade darin bestand, ihm beizeiten zu melden, wenn er auf seinem Posten sein mußte. Ost kam dieser und jener, dessen Geruch ihm nicht paßte. Uebler Gestank war ihm sehr zuwider, und alten Menschen- schweiß konnte er auch nicht vertragen: das mußten diese Menschen lernen. Ja, du lieber Gott — darum schnappte er zu. Und wenn sie dann trotz seinem bestimmten Protest, trotz seinem warnenden Knurren aus ihn zugingen, wenn sie es wagten, seinen Protest zu überhören, in sein Bereich eindrangen, den Arm hoben, den Stock schwangen oder den Stiefel in Bewegung setzten— was, konnte man dann etwa von ihm verlangen, daß er nicht zubiß? Er lebte wohl in der Welt und kannte die Gesetze der Welt,
sie wohnten ja in- seiner Brust und waren nicht zu verkennen. So ein Hosenbein, da» platzte und schönes warmes, weißes Schenkel- fleisch sehen lieh, das war ja zum Hineinbeißen. Es wäre Tollheit, zu versuchen, ihm etwas anderes auseinanderzusetzen. Ach, die Welt war ihm zuwider; von seinem schönen Daga- bundenleben rings auf Hof und Feld mächte er plötzlich den Sprung in die umgekehrte Wel: hinüber: die Bewegungsfreiheit wurde ihm eines Tages ohne weiteres genommen—«ine Kette schnürte seinen Hals ein. Gleich vor der Toröffnung, wo sich nach dar einen Seite der Pferdestall öffnete und der Knecht, der jetzt fast drei Jahre bei Ole Tolleröd diente, unter die Gänsefedern kroch, klebte sich die Hunde- Hütte an, vor Wind und Regen geschützt; nur eine schmale Passage blieb für die Menschenbeine. Wenn er wütend an der Kette tm Kreise herumsprang, konnte bloß s«in Schwanz, nicht seine Zahn- schere die Beine erreichen. Dummi nannte man ihn: und vor denen, die er kannte, wedelte er, wenn ihre Mundspalte sich auftat und ihn mit diesem Namen be- ehrte: an ollen anderen ließ er seinen Zorn aus. Dann lag er die langen Sommertage und Winternächte hier, bekam sein Stroh und sein Milchbrot, haarte, verlor sein Winter- kleid, und zum Herbst wuchsen dann wieder die krausen Härchen nach, und immerzu dachte er das Seine über das Dasein: Der Sinn für das Ursprüngliche war fort. Von Kunst hing alles hier im Leben ab. Für die ihm innewohnenden Talente hotten die Menschen keine Vciwendung. Er sollte immer etwas anderes tun. was sie ausfindig machten. Es war nicht möglich, sich in alledem zurecht zu finden. Wunderlich genug, daß man ihm sein eigenes Fell ließ! Wozu hatte er die Zähne? Er glaubte: um sich zu wehren und fein Recht behaupten zu können. Nein, er hatte die Zähne nicht zum Beißen— sondern weil es nun einmal garstig war, wenn sie in einem Gesicht fehlten. Und der Schwanz? Hatte er den zur Stütze beim Jagen, als Schwingflegel bei den Wendungen? Nein,