Nr. 362 43.Jahrgang
1. Beilage des Vorwärts
Mittwoch, 4. August 1926
Aussenspiete
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Ferienzeit ist seit Wochen auch in die dumpfen Räume der Schulen eingezogen. Einige Tausende nuzten die Verbindungen mit Berwandten auf dem Lande. Und in Scharen brachten die Züge großstädtisches Jungvolt nach Süd und Nord, nach Ost und Best. Einige Hunderte der Begüterten durften an die See oder ins Gebirge fahren, um hier ihren gesungen Körper noch gesünder zu ge stalten. Die eigentlich Erholungsbedürftigen aber mußten daheim bleiben, denn sie hatten meder Berbindungen noch Mittel. Ihre Er holung bot sich auf staubigen, vom Verkehr durchraften und von Gefahren umlauerten Straßen und auf engen Hinterhöfen.
Fürsorge der Stadt.
Hier Milderung oder gar Abhilfe zu schaffen, war von jeher Aufgabe aller jugendpflegerisch tätigen Kreise und insbesondere der Kommune. Auch die Stadt Berlin hat seit Jahren die Erholungsfürsorge eifrig gefördert. Verschidung von Kindern auf das Land oder in Kinderheime ergaben oft prächtige Resultate bei den Kindern, die hier sechs Wochen lang nur der Pflege ihres Körpers und ihres Geistes Leben durften. Aber wie die Anschauung lehrt, ist diese jugendpflegerische Arbeit längst noch nicht ausreichend genug, um allen Bedürftigen Hilfe zuteil werden zu lassen. Immer wieder fommt von den Proletarierbezirken Berlins die Mitteilung, daß von den mehr als 25 Broz. dringend erholungsbedürftigen Kindern faum ein Drittel bei der eigentlichen Erholungsverschidung Berücksichtigung finden kann. Den übrigen soll in anderer Weise geholfen werden. Als Ergänzung zur Berjchidung hat die Stadt Berlin bereits vor Jahren rund um den engeren Großstadtbezirk herum eine Reihe von Außenspielplätzen angelegt, die während der Ferienzeit den Kindern der Aermiten zur Erholung dienen. Die Spielplätze sind zum Teil gut gelegen im Walde, wie Pferdebucht, Jungfernheide, Grune wald und Plänterwald, oder mit Waldflächen verbunden, wie Tegel , Buch, Wuhlheide und Wartenberg. Nicht alle aber genügen unbedingt den Ansprüchen, die zur Erholung Vorbedingung sein müßten. Go der Spielplatz Hohenschönhausen, der den Kindern im Sonnenbrand feinen Schuh bietet und so zu einem unerträglichen Aufenthalt wird. An guten Tagen sind die vorhandenen 13 Spielplähe insgefamt von rund 22 000 Kindern befucht, die dort draußen unter Aufficht von ausgebildeteten Helfern 10 Stunden ihres Tageslaufs verbringen.
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Die Figurantin.
Roman eines Dienstmädchens von Léon Frapié . Plutorisierte Uebersetzung aus dem Französischen von Kunde- Grazia.
1.
Auf dem Bahnhof Saint- Lazare wurde der Koffer Sulettes am Boden geschleift gestürzt, gegen die Eisenpfeiler gestoßen; dann lud ihn ein Gepäckträger auf die Schulter, schritt bis aufs äußerste Trottoir und ließ ihn dort mit heftigem Rud herab, bevor er ihn brutal in die Droschke schleuderte.
Jede Erschütterung entlockte dem Koffer sozusagen ein lautes Stöhnen, das nicht ohne Eindruck auf Sulette blieb. Als Dienstmädchen nach Paris engagiert, kam sie direkt aus ihrer Heimat, und dieses Gepäck war alles, was an Teurem, Persönlichem, Familiärem sie begleitete.
Ihre Herrin, Frau Coton, stieg vor ihr, nach Angabe der Adresse: Rue Saint- Denis, in die Droschke.
Es war im Juni, ein schöner, sonniger Tag. Eben schlug's elf. Sofort zogen die weißen Schürzen, wodurch die Dienstmädchen im Farbengewirr der Straße erfenntlich, Sulettes Blicke besonders auf sich. Die einen begleiteten mit Einkaufsnegen ihre Herrinnen, andere näherten sich den Geschäften oder standen vor den Wagen der Grünwarenhändler. Auf der Rue Auber zeigte sich eine zum Stelett Abgemagerte, die mit Anstrengung eine Frau von riesigen Körperformen führte. Der Arm der folossalen Gebieterin, der das hagere Mädchen wie angeschraubt umschloß, schien der Schlauch zu sein, durch den der fleischige Körper so wader gepumpt und den vegetierenden ausgesogen hatte.
Der Portier trug den Koffer hinauf.
Frau Coton wies Sulette an: Hier ist Ihre Kammer." Die sogenannte Kammer war nur ein dunkles Gelaß, das Luft durch eine Deffnung nach der Küche empfing; eiferne Bettstelle und weißer Holztisch auf der einen Seite bildeten die Möbel. Der Portier fügte den Reisefoffer hinzu, den er mit einem Fußstoß an die Wand drängte.
Herr Coton und drei Kinder waren herbeigestürzt, das neue Mädchen anzusehen; sie inspizierten genau die magere Brünette mit ihren achtzehn Jahren, der gefunden Gesichtsfarbe, dem schwarz und weiß gestreiften Kleid. Sulette hatte Guten Tag" gesagt; man erwiderte nichts, und sie blieb am Eingang festgewurzelt stehen, indem sie versuchte, das nicht gewürdigte Angebot ihrer Höflichkeit unbeholfen auszudehnen. Frau Coton hatte ihren Hut in ein Zimmer, dessen Ele
Dom Leben dort draußen.
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Hier auf den Plähen herrscht munteres Leben. Borerst gibt es morgens nach Ankunft der einzelnen Trupps einen Frühtrunt bzw. eine Morgenfuppe. Dann wird gespielt. Auf manchen Spielplägen bietet sich jetzt auch die Gelegenheit, wie z. B. im neuen Volkspark Wuhlheide, daß die ruppen sich abwechselnd in den vorhandenen Planschbecken tummeln. Mittags wird ein fräftiges Mittagessen ver. abreicht, und nachmittags gibt es noch einmal Kaffee und Brötchen. In den Zwischenzeiten aber fofern nicht für furze Zeit ausdrüdlich absolute Ruhe vorgeschrieben ist geht der Spielbetrieb ununterbrochen fort. In einer Ede finden wir für die ganz Kleinen denn bereits Vier- und Fünfjährige trifft man hier schon an einen guten Buddelplag. Der Sand braucht nicht dauernd aufgefüllt mer. den wie in der Stadt, er geht hier nie aus. Dort hat sich eine Helferin eine Schar fleiner Mädels gegriffen und übt mit ihnen ferne, aber seine Kreisspiele. Manch fleiner Junge steht sehnsüchtigen Herzens von Jungenehre verbietet ihm hier das Mitspielen. Die Größeren aber spielen mit Borliebe Fauft- oder Völkerball. Das find heutzutage die Universalspiele der älteren Groß- Berliner Jugend. Hier und dort findet man sogar fleine Gruppen bei gymnastischen
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Die Speisung der Kinderschar llebungen. Auch das gehört zum diesmal guter Zug der Zeit. Selbst an Regentagen, die ja auch während dieser Ferien nicht selten sind, müssen es die Helfer verstehen, ihre Schüßlinge zu be. schäftigen. Die Unentwegten lassen sich vom Wetter nicht abschrecken.
ganz ein Klavier erhöhte, geschafft. Sie lehrte zu Sulette zurück. verlieren Sie teine Zeit," Nehmen Sie eine blaue
,, Gehen Sie in die Küche und Schürze und machen Sie Feuer." fuhr sie dieselbe unfreundlich an.
Fünf Minuten später ein anderer Befehl: ,, Kommen Sie her und sehen Sie sich an, wo Bürsten und Besen ihren Ort haben."
Die Familie Coton bewohnte im dritten Stod, nach dem Hofe, eine Wohnung für achthundert Franken; dieselbe enthielt: Speisesaal, Salon, zwei Schlafzimmer, einen schmalen Gang als Küche, schließlich den finsteren, Mädchenkammer ge= nannten Raum. Die Möbel der Schlafzimmer und des Speisesaales aus imitiertem Mahagoni verrieten fast Armut. Der ganze Lurus dieser Einrichtung konzentrierte sich im Salon, wo das Piano der gnädigen Frau, von vier mit gelbdamastenem Atlas überzogenen Fauteuils und einem Kanapee flankiert, thronte. Herausfordernde Gardinen, Konfolen, ein Tisch, progerische Seffel, eine Menge fostspieliger Nippsachen bildeten ferner eine Zusammenstellung, die in einer Wohnung von mehreren tausend Franken nicht unpassend gewesen wäre.
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Da setzt man sich eben im Schutz der Halle im kleinen Kreise zusammen und erzählt dies und das. Manches Gute fann man dabei aus Kindermund erfahren. Auch wird viel gesungen, und wenn gar ein Helfer seine Laute mitgebracht hat, vergehen die Stunden viel zu schnell. Helferinnen und Helfer rekrutieren sich zumeist aus den Kreifen der Junglehrerschaft und der Jugendbewegung, Manchmal dürfte das jugendliche Moment noch mehr Berücksichtigung finden, doch sind in den lezten Jahren Beschwerden ständig zurückgegangen. Trotz der weiten Flächen, die hier zur Verfügung stehen, werden die Spielpläge noch längst nicht genügend ausgenutzt. Schuld daran mag teilweise die Wirtschaftslage der Eltern sein, die oft ihren Rin. dern nicht die geringen Beiträge mitgeben können. So sind denn auch in diesem Jahre schon etwa 65 Proz. der anwesenden Kinder von allen Zahlungen befreit. Daß diese Spiele noch dringend des Ausbaues bedürfen, beweist der Ansturm nach Freifarten, z. B. im Bezirk Friedrichshain . Die Karten waren hier viel zu schnell ver. griffen. Das Jugendamt Friedrichshain sah sich deshalb gezwungen, aus eigenem heraus noch auf dem Spielplay im Friedrichshain Innenspiele einzurichten, die im gleichen Sinne ihren Verlauf finden.
Zwecke und Ziele.
Ueber 3wd und Ziel der Außenspiele läßt sich manches sagen. Geboren aus der Not der Großstadt, die die Kommune zur unbedingten Hilfeleistung verpflichtet, ist diese Tätigkeit eine gute Ergänzung zu der Landverschickung und der Erholungspflege. Gesund. heitliche Werte durch den ständigen Aufenthalt in Sonne und frischer Luft lassen sich in vielfachem Maße feststellen. Daneben aber findet das rein gesundheitliche Moment noch treffliche Ergänzung durch die sportliche Durchbildung des Körpers in der Hauptsache für die Welteren. Da man es schließlich verstanden hat, eine gute Helferschar heranzuziehen, werden den Kindern aber auch gute geistige Werte mit auf den Weg gegeben. Denn die Einwirkung eines guten Lehrers oder einer guten Lehrerin fann oft für den Lebenswea des Kindes entscheidend werden. Leider ist in dieser Hinsicht das Zusammensein zu furz, um dauernde Früchte zu zeitigen. Aber auch das wenige, das bleibt, kann für die Zukunft wichtig sein. Immer wird man durch das tägliche Zusammenleben den keim zu einem guten Gemeinschaftsfinn in die Kindesfeele pflanzen, man muß nur Selbst Gemeinschaftsmensch sein wollen. Andere aber sollten sich für diese Arbeit nicht bereitfinden.
Es ist zu wünschen, daß die hier eingeleitete jugendpflegerische Arbeit für die Zukunft einen weiteren Ausbau erfährt. Auch während
fuchte jedes von rechts und links einen Auftrag der ersten Aufzählung hinzuzufügen: in diesem Zimmer war noch Rupfergeschirr imftande zu erhalten, im Speisesaal war die Ampel, die viel Fürsorge verlangte, in jener Stube durften weder das Holzgetäfel, noch die Spiegel vergessen werden- und im Salon! Aufmerksamkeit im Salon! Schon der Name des Raumes mußte mit einem Akzent von besonderer Wichtigkeit ausgesprochen werden: ,, der Salon"! Ferner gehörte das Dienstmädchen speziell dem Herrn für die Arbeit im Keller, der Frau für den Puztisch, Germaine für deren schon lange 3öpfe, dem Jacques für seine Hosen; Friedrich wies sein Nachtgeschirr.
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,, Es flingelt!" rief plöhlich Frau Coton. ,, Schnell, binden Sie die weiße Spizenschürze vor und öffnen Sie laffen Sie in den Salon eintreten. Der Besucher war der Kassenbote eines Kreditkaufhauses. Frau Coton warf einen bedeutsamen Blick ihrem Gatten zu und sagte von oben herab:
,, Es ist ein Bote von der Bant da wegen deiner Börsenoperationen!"
Dann wendete sie sich ungeduldig zu Sulette: ,, Aber beeilen Sie sich doch, diese Schürze abzubinden. niemals um, nehmen sie nur beim Deffnen und, wenn man Man muß mit der Wäsche sparen. Sie behalten die Schürze Gie ruft, beim Hereinkommen in den Salon oder Speisesaal."
Herr Coton, ein Kahlkopf von fünfunddreißig Jahren, trug eine Brille auf einer großen, verhungert und erfroren aussehenden Nase; am Kinn sproßte der Bart wie frantes Moos. Frau Coton hatte schöne Augen in ihrem langen und Ach," brach sie beinahe heftig los,„ Sie glauben doch nicht, Noch etwas Regelwidriges, zu Selbstsüchtiges verlegte sie: eingefallenen, nervösen Blondinengesicht. Die neun Jahre altech," brach sie beinahe heftig los ,,, Sie glauben doch nicht, Bermaine ähnelte mit dem mageren, blaffen Aeußeren ihrer daß man Sie Sulette nennen wird? Man wird Sie Marie Mutter. Der fünfjährige Jacques schien sich trog fläglicher rufen, so heißen alle Dienstmädchen!" Baden einer guten Gefundheit zu erfreuen. In Anbetracht feiner drei Jahre war der Kopf Friedrichs zu groß.
Sulette beeilte sich, den Erfolg ihres schicklichen Be
auf: Tragen Sie ein schickliches Benehmen zur Schau und Gegen sechs Uhr segte die Gnädige eine feierliche Miene Sulette erfuhr, daß fie um sechs aufzustehen und frühe- holen Sie für zwei Sous Butter; nehmen Sie einen Korb." stens zehn Uhr abends schlafen zu gehen habe, wenn die Arnehmens" in den Schaufenstern zu bewundern. beit fertig wäre". Sie mußte alles beforgen. Dies alles" bestand ohne Angabe von Einzelheiten, besonders in Sauber halten der Wohnung, Kleider ausbürsten und Flecken besei tigen, Schuhe puzen, Bereiten der Mahlzeiten, Aufwarten bei Tische, Kinder pflegen und spazieren führen, im Waschen und Ausbessern des Weißzeugs, Bohnern des Parketts, Einkäufe besorgen.
Nach dem Frühstüc am Tage der Ankunft führten der Herr, die Frau und die drei Kinder Sulette von Zimmer zu Zimmer; alle zusammen gaben ihr um die Wette Arbeit an, zogen sie, hefteten sich an sie, und, um sicher zu sein, alle nur mögliche Dienstleistung aus dem Mädchen herauszupreffen,
3wei Sous Butter! Ach, Sie sind also bei Frau Coton! In Die Gemüsehändlerin rief mit erhobenen Armen aus: der ersten Stelle? Sie haben's gut getroffen!"
fort: So steht die Sache: Frau Coton verdient als KlavierSie warf Papier auf die Wage und fuhr in biffigem Tone lehrerin vielleicht sechshundert Franken jährlich, ihr Mann muß zweitausendvierhundert der Postbehörde abfnöpfen; drei Kinder sind da, und man lebt auf großem Fuße. Madame würde sich in ihrer Ehre geschädigt vorkommen, wenn sie in der Wirtschaft zugriffe, und Sie haben Spigen an der Schürze; auch schidt man für zwei Sous Butter abschaben."
( Fortsetzung folgt.)