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Nr. 426 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 218

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Zentralorgan der Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Freitag, den 10. September 1926

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Von Versailles nach Genf .

Eine weltgeschichtliche Wende.

Der Einzug des deutschen Boltes in Genf wurde vor­gestern beschlossen. Gestern reiste die Delegation ab, die unser Bolt international verantwortlich führt. Heute begeben sich drei Männer auf den Play, der ihrem Bolfe gebührt. Ein unscheinbarer Aft in einem bescheidenen Konferenzfaal. Es dröhnen keine Kanonen, es wird keine Schlacht geschlagen, es fallen nicht Menschenopfer unerhört. Nur eine Versamm lung von Politikern begrüßt ein neues Mitglied. Biel ge­schäftsmäßige und diplomatische Prosa, ein wenig Feier tagsstimmung. Und dennoch: ein gewaltiges geschicht­liches Ereignis.

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Westen Deutschlands und den Osten Frankreichs , Frieden, in-, dem es den Krieg und die Anwendung jeder Gewaltat für alle Zukunft zum Verbrechen stempelt und durch beson­dere Garantien praktisch verhindert. Und es schafft für den Often Europas durch Schiedsverträge eine Friedensbürg­schaft, die über die Grundsäße des Bölkerbundes noch hinaus geht. Zugleich aber gewinnen eben diese allgemeinen Völker rechtssäze erst durch Deutschlands Eintritt in den Bund rechte Kraft. Der Bölkerbund galt, mit Recht, nicht nur in Deutschland als ein Instrument der Sieger, geschaffen, um die Besiegten niederzuhalten. Selbst unvermeidliche und vielleicht Im Laufe der Menschheitsgeschichte lassen sich nur wenig nicht ungerechte Entscheidungen konnten sein Ansehen nicht Tage bestimmen, die eine E po che beenden und die nächste er stärken, weil das Volt an ihnen nicht mitwirfte, das an öffnen. Unsichtbar tun die ökonomischen und politischen Ent- ihnen vornehmlich interessiert war. Deutschland wurde wicklungsgefeße ihr Wert. Dennoch: wer sich in der Mühe als für den Bölkerbund unentbehrlich erkannt. der politischen Tagesarbeit den Sinn für ,, die ewigen, ehernen Jeder Bersuch zu neuen europäischen Berkehrsformen mußte Gesetze bewahrt hat, nach denen wir alle unseres Daseins Kreise scheitern, solange das große Kernland Europas im Bölfer vollenden", der spürt es: Heut und in diesen Tagen hat sich bund fehlte. Wir haben zugleich die begründete Hoffnung, die, mwälzung einer Ideologie" vollendet, eine daß auch der einzige europäische Staat, der sich jetzt zurück­Revolution der Dentart", vollzogen. Die Dialektik der Ge- zieht, daß Spanien der Völkerbundsgemeinschaft auf die fchichte hat sich sichtbar zugespitzt. Wie die Naturwelt ber Dauer nicht fernbleibt. Dennoch ist die Entschlossenheit, mit Sterne bestimmte, nie wiederfehrende Ronstellationen passiert, der die großen europäischen Mächte diesmal an Deutschlands so durchläuft heute unsere Menschenwelt eine Rurve ihrer Aufnahme festhalten, ein Zeichen, für wie wesentlich für mächtigen Bahn. Die Stunde gebietet, einen Blick in die den europäischen Frieden sie Deutschlands Teil Bergangenheit, einen Blid in die 3 ufunft zu tun. haberschaft in der Weltorganisation halten. Schon einmal verlangte unser Volk, in den Völkerbund Ist Deutschland dem Völkerbund unentbehrlich, so ist des­aufgenommen zu werden. In Versailles forderte das die halb der Völkerbund fein Paradies, in dem Deutschlands deutsche Rentering als Reiten des wahren Frieden und um Wünsche sich fampflos erfüllen. Deutschland tritt in den Beweis, daß mit Ende des Weltkrieges eine neue Epoche der Völkerbund mit mannigfachen politischen Zielen und be­Geschichte anfangen sollte. Dies war eine deuijche negierung rechtigten Ansprüchen. Noch ist Versailles nicht überwunden: unter Leitung und unter maßgeblichem Einfluß von uns Go- fremde Truppen stehen noch auf seinem Boden, eine Kom­zialdemokraten. Diesmal ist die Sozialdemokratie nicht mission fremder Militärs überwacht noch seine Rüstung ein­formell verantwortlich in der Regierung und in der Delegation gehender als der Völkerbund die Rüstungen aller Staaten vertreten. Und dennoch: Ohne uns wäre Deutsch - iberwachen will, ein Teil des deutschen Gebiets steht noch land heute nicht in Genf . Wir wissen es und wir immer unter ausländischer Verwaltungshoheit. Dies find find stolz darauf: Wir allein haben die Internationale durch militaristische Bruchstücke von Versailles , die un­den Sturm und Drang von sieben harten Nachkriegsjahren im vereinbar, die völlig unerträglich sind mit dem Geist, in Herzen und Hirne bewahrt. Nun ist sie zum Siege geführt. dem der Völkerbund den Frieden hüten und sichern will. Die Idee der internationalen Gemeinschaft Diese Ueberreste müssen fallen. hat den engstirnigen Nationalismus niedergerungen. Ein Generalfeldmarschall des alten Systems mußte die Vollmacht für die Delegation in den Bölkerbund ausstellen. Ein ehe­maliger Syndifus der kapitalistischen Industrie muß Deutsch land nach Genf führen. Der internationale Gedanke brach den Nationalismus in Trümmer. Die schwarzrotgoldene Fahne der deutschen Republik flattert leuchtend unter den Farben der anderen Nationen.

In dieser Stunde geziemt es sich, der Gräber an dem Wege von Versailles nach Genf zu gedenken. Erz­berger, der am Ende des Krieges tatkräftig die Wendung Deutschlands zum Völkerbundsgedanken organisierte, und Rathenau , der das Reparationsproblem anpacte, um der internationalen Wirtschaftsvernunft freie Bahn zu schaffen. Wir grüßen alle die, die glücklicher ihr Leben bewahrten, es aber wie die Gefallenen einfegten, um damit Deutsch lands nationales Leben und mit Deutschland Euro­ pas internationales Leben gewannen. Und wir schütteln in Gedanken all den Männern und Frauen über Deutschlands Grenzen hinaus die Hände, die litten und wirften, um den Ungeist von Versailles zu überwinden.

Aber als Völkerbundsmitglied ist Deutschland in einer besonderen Lage. Zwar alle Staaten ziehen für sich selbst Nußen daraus, wenn sie ohne Hintergedanken die friedlichen Methoden des Bölkerbundes für ihre international wohl ver­

standenen Zwede benutzen. Deutschland aber ist der einzige Großstaat, der auf diese friedlichen Methoden ein= zig angewiesen ist. Sein Schwert ist zerbrochen, das es. früher in die Wagschale der Politit werfen fonnte. Und wenn nach unserem Willen es das nie wieder soll tun dürfen, dann fann es um so vorbehaltloser sich dafür einsehen, daß auch die anderen Staaten abrüsten. B anderen Staaten liegt das unmittelbare, turzsichtige Interesse an militärischer Sicherheit im Widerspruch mit den Interessen der Gesamtheit an friedlicher Sicherung. Strebt Deutschland nach der Ab­rüstung aller, so dient es auch seinen unmittelbaren Jater­essen.

Der Völkerbund ist kein Paradies, in dem fampflos die Früchte den Interessenten in den Schoß fallen. Er ist aber eine demokratische Institution, die Geseze für das Berhalten aller aufstellt. Hier findet die Willkür der einzelnen Staaten die Schranke, die sie mit der Freiheit der anderen verträglich macht. Diese Schranken empfinden die Nationalisten als Fessel; denn sie sollen den Krieg unmöglich machen, der ihre Revanchegelüfte befriedigt. Deutschland erkennt diese Schranken des Bölterbundes freiwillig an. Es verzichtet damit, so wie die anderen Bundesvölker verzichteten, auf einen Teil seiner Souveränität, die es früher besessen.

Deutschland in Genf : Das bedeutet, in ganz Europa wird der Naturzustand der Staaten überwunden. Die Ideologie des Völkerrechtes überwindet die Ideologie der Ge­walt. Doch sind erst die Anfänge geschaffen. Aber in diesen Anfängen wandeln sich schon die Formen, in denen die Staaten miteinander verfehren. Der Krieg, die Drohung mit Krieg und die Gefahr des Krieges, das war der Inhalt deraus­wärtigen Politik der vergangenen Epoche. Friede, die Erhaltung des Friedens und die Sicherheit des Friedens, das ist der Inhalt der internationalen Politit des beginnenden Zeitalters.

Der

Im fommunistischen Manifest haben einst die Begründer des Sozialismus ,, von dem Sprung aus dem Reich der Not­wendigkeit in das Reich der Freiheit" gesprochen. Ein solcher meltgeschichtlicher Sprung vollzieht sich jetzt in Genf : Deutschland und Europa schreiten von dem Notstand internationaler Anarchie in den Zustand internatio= yaler Organisation, in der fich allmählich die Frei heit aller Bölfer verwirklichen soll.

Die Ankunft der deutschen Delegation.

Abwehr deutschnationaler Presschezze.

deutsche Delegation ist heute in zwei Teilen angekommen. V. Sch. Genf , 9. September. ( Eigener Drahtbericht.) Die Stresemann, Gaus, Bernstorff und einige andere um 46 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Schnellzug von Basel eintrafen, hatten sich eine für Genfer Verhältnisse sehr große Menschenmenge im Bahn­hof versammelt. Das erklärt sich erstens aus dem calvinistischen Kantonsfeiertag, wie auch daraus, daß es auf den Schweizer Bahn höfen Bahnsperre und Bahnsteigfarten nicht gibt. Das Journal de Genève" hatte die genaue Ankunftszeit mitgeteilt, und fo

stand ein wildes Gedränge, zumal die meisten sich um die Kino­Hunderte Einwohner nach dem Bahnhof. Als der Zug einlief, ent­operateure gefchart hatten, während der Wagen der deutschen Dele­gation, der sich an der Spitze des Zuges befand, 30 Meter von den verbugten Kurbelmännern entfernt hielt. Es gab deshalb einen Wettlauf der Rinoleute und des Publikums, um an die Tür des Wagens zu gelangen, aus dem die Deutschen ausstiegen. Es wäre sicher intereffanter gewesen, diesen Wettlauf im Film fest zuhalten, als die Begrüßung Stresemanns und seiner Begleiter durch den deutschen Gesandten in Bern , Genossen Adolf Müller, und den deutschen Generalfonful in Genf , Aschmann. Nur mit Mühe

Unsere politischen Gegner glauben uns verhöhnen zu dürfen, weil heller Jubel unsere Kehlen erfülle. So lügen sie sich darüber hinweg, daß wir ihr Jdeal der Revanche zer­trümmern. Zum Jubeln ist für uns kein Anlaß gegeben. Zuwanderten außer den Pressevertretern aus allen Ländern viele unerhört sind die Opfer, zu grauenhaft die Leiden gewesen, ehe die Bölfer begriffen, daß sie den Frieden international organisieren müssen. Ein einsamer indischer Denker, der den Weltkrieg von ferne verfolgte, schrieb vor wenigen Jahren in einem Büchlein, das er dem damaligen deutschen Außen­minister zusandte, er sei entsetzt, daß der Krieg keine größeren Dimensionen angenommen, daß er nicht länger gedauert und mehr Opfer gefordert habe; denn er sehe nicht, daß die Menschheit diesmal zur Vernunft gekommen sei, und er fürchte, sie werde noch eines Krieges bedürfen. Wer Europa in den Nachkriegsjahren beobachtete, der konnte wohl auf diesen Gedanken fommen. So bedeutet Deutschlands Er­scheinen in Genf mehr als nur den Abschluß der Nachkriegs­zeit. Es bedeutet die Grundlegung einer euro päischen Staatenvereinigung.

Es

Seit vorgestern und heute gilt europäisches Wölferrecht. Das Bertragswert von Locarno tritt in Rraft. schafft für das umstrittenfte Gebiet von Europa , für den

gelangten sie alle zu ihren Autos. Die Haltung der Menge war mehr als freundlich, zum Teil sogar begeistert. Wie wird das erst morgen im Reformationssaal werden!

Stresemann entschädigte einige Zeit später die enttäuschten Minooperateure, indem er einen Spaziergang unternahm, der ihn fchließlich zum Hotel Bictoria führte, dem der Reformationsjaal baulich angeschloffen ist. Der Saal war um diese Zeit völlig leer,

da am Nachmittag feine Sigung war. Die Deutschen ließen sich die Plätze zeigen, die für sie reserviert sind ganz vorn links, feit­weits vom Rednerpult, entsprechend der französischen alphabetischen Ordnung nebent Bulgarien , in der Nähe der Belgier , Engländer und unmittelbar Dor den Deutsch österreichern. Deutschland hat wie jedes Land in dieser Beziehung macht man hier zwischen England, Deutschland , Frankreich , Uruguay oder Liberia teinen Unterschied vier Pläge. Es sind allerdings noch Ersatzpläge in der Nähe belegt.

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Der zweite Teil der deutschen Delegation, unter anderem mit den Parlamentariern Genossen Breitscheid , Kaas, Rhein­baben und Gertrud Bäumer , sowie den Staatssekretär Weis­mann und dem Pressechef Riep, traf um 9 Uhr abends ein. Dem Bug entstieg auch der Pressechef der franzöfifchen Botschaft, Hesnard, der seit Locarno unentbehrlicher Berbindungsmann zwischen Briand und Stresemann ist. Zum Empfang des zweiten Teiles haiten sich am Bahnhof Stresemann mit den meisten anderen bereits eingetroffenen deutschen Herren eingefunden.

Dann empfing der Reichsaußenminister die deutsche und die eusländische Presse. In seiner Begrüßungsrede an die deutsche Presse teilte er an pofitiven Tatsachen nur mit, daß für die mor­gige Bersammlung vorgesehen sei, daß Nintschitsch die deutsche Delegation durch eine Ansprache begrüßen würde, er selbst wird sodann antworten und Briand danach im Namen aller Delegationen die Deutschen ebenfalls willkommen heißen. Demnach dürfte die vielfach angekündigte Rede Chamberlains unters bleiben. Es ist auch richtiger, daß nur einer im Namen aller sprechen wird, sonst müßten nacheinander die Bertreter aller