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Nr. 434 43. Jahrg. Ausgabe A nr. 222

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Mittwoch, den 15. September 1926

Neuer Faschistenterror.

Einbruch im Parteihaus zu Rom.

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Lugano , 12. September. ( Eigener Drahtbericht.) Die Formel für die Beurteilung der Anschläge gegen seine Person hat uns Mussolini selbst geliefert, als er als junger Mann und Sozialiſt die Attentate als die Betriebsun fälle der Monarchen" bezeichnete, wobei die authentische Her kunft diefes wißigen Ausspruchs ungeprüft bleiben mag. Mussolini ist Monarch im wörtlichen Sinne- Alleinherrscher. Wo sich Betriebs­unfälle häufen, find zweierlei Schlüsse zu ziehen: entweder handelt es sich um sehr gefährliche Arbeit oder um ihre Ausführung durch eine ungeeignete Person; in 25 Jahren liberalen Regimes ift nur ein einziger Anschlag gegen den König von Italien zu ver zeichnen, das Attentat von D'Alba, das ein geistig zurückgebliebener Bursche verübte, der im Gefängnis an Dementia praecox er­franfte.

Eine ethische Bewertung des Attentats ist für uns als Sozialisten überflüssig. Wir mißbilligen die Gewalttat und gründen unsere Opposition gegen den Faschismus gerade darauf, daß er ein Regime der Gewalttat über das Land verhängt hat. Der Faschis­mus, der seinen Kampf gegen die Opposition gegen jede Form der Opposition auf die Formel eingestellt hat:" Borwärts, wer Courage hat!", sollte die Tat des Attentäters anders beurteilen. Für uns ist sie ethisch verwerflich und ein taktischer Fehler.

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Sie schließt sich an eine Beriode sehr verschärfter Realtion an und bietet einen willkommenen Vorwand zu weiterer Verschärfung. Sie plaßt mitten in eine Phase systematischer und heftiger Heze gegen Frankreich und wird als Aniaß verstärkter Heze bemust.

Die Faschiffenblätter ffrohen von Drohungen gegen Frankreich , dem sogar ein römisches Morgenblatt vom 12. d. M. vorwirft, die italienischen Emigranten zu beherbergen, um den Aufstieg Italiens zu verhindern. Man will von Frankreich die Auslieferung aller politischen Flüchtlinge erzwingen, die als gemeine Verbrecher zu behandeln sind. Mussolini selbst hat von unerhörter und ver brecherischer Toleranz" gesprochen. Es sei daran er­innert, daß auch nach dem Attentat der Gibson die erste Demon. stration fich gegen die französische Botschaft gerichtet hat.

Weiter soll die Welle der Attentatsentrüftung die längst vor bereitete Wiedereinführung der Todesstrafe endlich in den Hafen tragen. Das römische Leiborgan Mussolinis, das sich eine italienische Weltherrschaft nur unter dem Banner der Todesstraße für politische Gegner vorstellen kann, fordert sogar für derartige Fälle das Standrecht. In allen Blättern kehrt weiter die Idee der kollektiven Verantwortung wieder, die Verantwortlichkeit aller Gegner des Regimes für derartige Anschläge.

Der Ertrag wird also sein: Verschlechterung der Be ziehungen zu Frankreich und neue reaktionäre Maßnah­men, besonders die längst beschlossene Einführung der Todesstrafe, für die bisher der auslösende Vorwand fehlte. Als weiterer Er trag sind zwei Interviews mit nordamerikanischen Journalisten zu verzeichnen und die wißige" Bewertung des Duce, daß er die Bombe zurückgeschleudert hätte, wenn sie ins Auto gefallen wäre, was auch nur eine Erinnerung aus Jules Vernes Kurier des Baren" ist. Daneben die Verschärfung der Legende der Unver

leglichkeit".

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Was an Repreffalien in der Provin 3 geschehen ist, wissen mir nicht und werden es kaum erfahren.

die Wohnung geplündert. Man weiß von Cesare Rossi cus der alten Zeit der Waffenbrüderschaft, daß er sich gut darauf versteht, Verbrechen zu organisieren. Aber man vergißt, daß es sich damals um Verbrechen handelte, für die die Auftraggeber Straf freiheit gewährleisten fonnten. Da findet man schon leich ter Menschen, die für Geld und gute Worte zu haben sind, vor allem für Geld. Glaubt man im Ernst, daß Ermete Giovannini Luceti aus Geldgier gehandelt hat? Das wäre eine schlechte Spekulation. Er ist aus einer Gegend, aus dem Mormor­gebiet der Garfagnana, wo der individualistische Anarchismus allezeit Anhänger und auch gelegentlich Bekenner gefunden hat. Für Geld jetzt niemand seine Existenz aufs Spiel, geht keiner sehenden Auges aus der französischen Freiheit ins italienische Gefängnis. Die Maffenverhaftungen

haben schon angefangen. Natürlich nimmt man an, daß der Atten­täter Mitschuldige gehabt hat. Die einen haben ihn mit zwei Män nern gesehen, die anderen mit zwei Frauen, wieder andere wollen ein gelbes Auto bemerkt haben.

So gehen wir einer verschärften eße gegen die Opposition aller Schattierungen entgegen. Ein Faschistenblatt verkündet, daß nunmehr auch die Opposition lernen müsse, ge­fährlich zu leben". Offenbar ist es jetzt mit dem bequemen Dasein vorbei, wie es Matteotti , Picinini, Amendola und Hunderte und aber Hunderte der Opposition zu führen beliebten.

Der Faschismus bedrängt Frankreich . Bergebliche Hehe gegen den Corr. degli Italiani".

Vorwärts- Verlag G.m.b.H., Berlin SW. 68, Lindenstr.3

Boftscheatonto: Berlin 37 536

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Gewerkschaftliche Lohnpolitik.

Ihre soziale und volkswirtschaftliche Bedeutung.. Von Friz Tarnow.

Der gewerkschaftliche Lohnkampf geht um tein begrenztes Ziel. Die Verbesserung der Lebenshaltung der lohnarbeiten­den Massen ist eine immerwährende Forderung, die durch feinen, wie immer gearteten Erfolg befriedigt werden fann. Diese prinzipielle ,, Unersättlichkeit" ist die Verzweiflung so mancher Wirtschaftspolitiker, die nicht müde werden, das innerste Wesen der Gewerkschaftsbewegung als das einer wirtschaftszerstörenden Kraft zu enthüllen. Nach ihrer Meinung würde das Allgemeinwohl mächtig gefördert werden, wenn die Arbeiterschaft fleißig und willig bis zum äußersten Ausmaß der Arbeitskraft ihrer Arbeitspflicht ge= nügen, aber in der materiellen Lebenshaltung bescheiden mit dem zufrieden sein würde, was das Schicksal freiwillig geruht, ihr in den Schoß zu werfen.

Daß dies Schicksal, zumal in der Nachkriegszeit, nicht gerade glimpflich mit der Arbeiterschaft verfährt, ist ja nicht zu bestreiten. Die vermehrte Unsicherheit der Existenz wird verschärft durch eine absolut unzulängliche Lebenshaltung selbst bei voller Arbeit. Aber daran ließe sich nichts ändern, heißt es, weil nun eben mal die Wirtschaft noch so schlecht ist und weil ja doch die Höhe des realen Lohnes untrennbar verbunden sei mit der jeweiligen Größe des Sozialprodukts aus der gesellschaftlichen Arbeit. Erst müsse durch ver­mehrtes und verbessertes Arbeiten das Produktionsergebnis gesteigert werden; dann erst könne und werde der Lebens­standard der Arbeiter verbessert werden. Indem aber den Gewerkschaften diese Einsicht zur lohnpolitischen Resignation fehle, verzögerten sie durch ihre zwedlosen Lohnkämpfe nur die Gesundung der Wirtschaft.

So ungefähr äußert sich die volkswirtschaftliche Beisheit, die uns in den letzten Jahren, abwehrend und ermahnend, bis zum lleberdruß vorgesetzt wird. Die Lohnpolitit erscheint dabei als ein Verteilungsproblem und die zu ver­teilende Gütermenge als eine gegebene Größe, von der aus­haftig genug Ursache für eine dauernde aktive Lohnpolitik wenden, daß, auch nur als Verteilungsproblem gesehen, wahr­besteht, da wir noch sehr weit von einer gerechten Verteilung des Arbeitsergebniffes entfernt sind. Man würde aber die Bedeutung des gewerkschaftlichen Lohnkampfes nur halb ver­stehen, wenn man darin nur eine Regelung der Verteilung sehen wollte. In Wahrheit ist er daneben ein außer­ordentlich wichtiger und unentbehrlicher aftor für die Gestaltung auch der Produktionsgröße.

Paris , 14. September. ( Eigener Drahtbericht.) Die Blätter fommentieren heute ausführlich die Besprechungen, die der franzöfifche Außenminister Briand mit dem italienischen Unterstaatsfefretär Grandi und dem italienischen Delegierten beim Völkerbund in Genf gehabt hatte. Dem ,, Matin" zufolge hat Briand in dieser Be­fprechung darauf hingewiesen, daß Frankreich unter feinen Umzugehen sei. Wir können mit Fug und Recht dagegen ein­werden könne. Es leben über 800 000 Italiener in Frankreich , und ständen für das Attentat auf Mussolini verantwortlich gemacht die französische Regierung könne sich nicht um die Politif jedes einzelnen fümmern. Es fei, wenn von anderen Staatsangehörigen ein politisches Attentat begangen worden sei, den Regierungen nie eingefallen, die Regierung des Landes, dem der Attentäter angehört, dafür verantwortlich zu machen. Demgegenüber soll der italienische Unterstaatssekretär betont haben, daß die ganze Mussolini feind liche Bewegung der letzten Jahre von Paris ausgegangen fei. Es sei in Paris eine Art Generalstab der Feinde Mussolinis, die darauf hinarbeiteten, ihn zu stürzen oder zu töten. Die französische Regierung möge alles tun, was in ihren Kräften steht, um diesen Leuten das Leben in Paris unmöglich zu machen und sie auszu weisen. Sie möge ebenfalls die ganze italienische, Mussolini feindliche Bresse verbieten, die in Paris gebrudt und in Italien verbreitet würde. Demgegenüber hat den Morgenblättern zu­folge Briand betont, daß diefes außerhalb seiner Macht läge. Nach dem französischen Pressegesetz kann feine Zeitung fuspendiert werden. Er fönne gegen die Zeitung nur vorgehen, wenn sie den König von Italien angreift. Uebrigens gäbe es eine Unmasse anderer

vorgehen würde, so würden sicher sofort diefelben Forderungen von anderen ausländischen Regierungen formuliert gegen Zeitungen, die in Paris erscheinen. Briand fönne deshalb unter fe in en um­die in Paris erscheinen. Briand könne deshalb unter feinen Um­ständen auf diese Forderung Italiens eingehen, trotzdem Mussolini noch gestern in einem dringenden Telegramm an den italienischen Delegierten des Völkerbundes diesen beauftragt habe, diese Forderung Briand vorzutragen. Der Matin", der diese Besprechung ausführlich fommentiert, schlägt vor, eine Besprechung zwischen Briand und Muffolini in die Wege zu leiten. Denn eine persönliche Aus­fprache zwischen den beiden Staatsmännern würde die zahlreichen Schwierigkeiten schnell aus dem Wege räumen.

In Rom find in den Stadtteilen der Peripherie viele Ar- ähnlicher Zeitungen, und wenn er gegen die italienischen Zeitungen beiter mit Stöden geschlagen worden. Die Redaktio­nen der Oppositionsblätter waren gut bewacht, so daß ihnen nichts zugeflogen ist. Einzig die Räume der sozialistischen Giustizia " wurden in üblicher Weise von einer Rotte von Squadriften überfallen, die Zeitungen und Möbel aus dem Fenster warfen und dann von einem Musketier Mussolinis und einem Unteroffizier der Miliz zum Weggehen aufgefordert wurden. Diese beiden zerschlugen die Tintenfäffer und alles, was ihnen in die Quere tam, und bemächtigten sich der in den Räumen befind­lichen Papiere. Die der Amtshandlung" beiwohnende Genoffin Lerda- Olberg wurde ebenso wie die Maschinenschreiberin des Parteivorstandes mit Berhaftung bedroht, als beide Ein­spruch erhoben gegen das Fortschleppen der Papiere ohne Protokoll. Am Ende erschien der Polizeikommiffär, der den Verwüstern die Hand drückte; der Sachschaden wurde aufgenommen, genau wie das vorige Mal, das auch zu feinerlei gerichtlichem Nachspiel An­laß gegeben hat.

Die Angestellten des Parteivorstandes stellten schließlich fest, daß biese die elfte- Invasion der Lokale des Parteivorstandes und der Giustizia " die unschädlichste von allen war, da sich die Räume durch Aermlichkeit der Ausstattung an die Anforde­rungen der Zeit angepaßt haben. Drei Stühle wurden von den Carabinieri vor dem Verbrennen gerettet, die übrigen gaben zu­fammen mit großen Stößen der Giustizia " einen fröhlichen Scheiter haufen.

Durch eine merfwürtige Ideenverbindung will man jetzt die emigrierten Faschisten Cesare Roffi und Carlo Bazzi als Man banten des Attentats ansehen. Darum hat man einen Freund dieser Herren, den früheren Sozialisten und späteren Faschisten Attilio Susi in seiner Billa aufgesucht, hat ihn durch geprügelt und

Botschafter Avezzano bei Poincaré . Paris , 14. September. ( Eigener Drahtbericht.) Die Blätter tommentieren lebhaft die Aussprache Briand- Grandi. Ziemlich übereinstimmend fommen sie aber auf Grund der hier eingetroffenen italienischen Blätter zum Schluß, daß die Angriffe gegen Frank reich dort nicht eingestellt worden sind, und daß im Gegenteil zahl reiche Blätter in noch heftigerer Form als am Montag Frant reich beschuldigen, den Mussolini - Mördern und allen Gegnern des faschistischen Regimes Unterkunft zu gewähren. Ministerpräsident Poincaré , der in Abwesenheit Briands das Ministerium des Auswärtigen leitet, hat eine lange Besprechung mit dem italienischen Botschafter Avezzano gehabt. Einstimmig sind hier die Blätter, selbst die der Rechten, die bisher mit der faschistischen Diftatur liebäugelten, der Ansicht, daß Frankreich , falls die Angriffe der italienischen Presse andauern, eine en er gische Sprache in Rom führen müffe. Unter feinen Um ftänden fönne Frankreich gegen die italienschen Emigranten vorgehen, solange fie die französischen Gesetze achten.

B

Zunächst ist man geneigt, im Lohnkonto der Wirtschaft nur einen Kostenfaktor der Produktion zu sehen, und insoweit scheint tatsächlich ein allgemeines Interesse vorzuliegen, es ebenso wie die Kosten der Rohstoffe und der anderen Produk­tionsmittel möglichst niedrig zu halten. Erst wenn man daran denkt, daß der Lohn auch Konsumfraft darstellt und fich darüber flar wird, wie sehr in der heutigen Wirtschaft die gesamte Rauftraft von der durchschnittlichen Lohnhöhe nicht nur eine joziale, sondern auch eine volts mirt­fchaftliche Angelegenheit von entscheidender Bedeutung ist. Wenn die Industrialisierung so weit gediehen ist wie in Deutschland und wenn außerdem diejenige Kauftraft, die aus Kapitalbesitz und Renten kommt, so weitgehend vernichtet worden ist wie bei uns durch die Inflation, ist das Loh n= niveau schlechthin entscheidend für die Größe der Gesamtfauftraft und damit der Möglichkeit des Absatzes und der Produktion. Es unterliegt nun gar feinem Zweifel mehr, daß die eigentliche Ursache der ökonomischen Krankheit unserer Zeit nicht auf der Produktionsseite, sondern auf der Absaßfeite zu suchen ist, daß es gar kein Problem ist, wie die Produktion vermehrt werden, sondern nur, wie der Absah gesteigert werden kann.

Man hat sich zwar in Deutschland lange Zeit mit der Hoffnung getröstet, daß nach der Wiederherstellung normaler weltwirtschaftlicher Handelsbeziehungen auf dem Export­mege jeder Ueberschuß unserer heimischen Produktion ab­gesetzt werden könne. Je mehr aber die Uebersicht über die weltwirtschaftliche Situation wieder hergestellt wird, um so deutlicher wird es, daß überall die Produktionsfähigkeit über die Absatzmöglichkeit hinaus gewachsen ist und daß wohl ein vermehrter Güteraustausch, nicht aber ein beliebig zu steigernder Ausfuhrüberschuß erreicht werden fann. Damit wird es aber auch ganz deutlich, daß eine leberwindung der Krise und ein dauernder Fortschritt der Wirtschaft nur mög­lich ist durch eine Vermehrung der Massentauf­traft, durch die Hebung des Lebensstandards der breiten Massen.

Das gilt nicht nur für den Augenblick, sondern überhaupt für die wirtschaftliche Entwicklung, auch im Rahmen der fapi­talistischen Wirtschaftsordnung. Die unausgesetzte Steigerung. der produktiven Kräfte ist ein Naturgesetz der Wirtschaft, und je größer der Anteil der Lohnarbeiter an der Gesamtbevölfe­rung wird, um so enger wird das Schicksal der weiteren