Nr. 438 43. Jahrg. Ausgabe A Nr. 224
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Freitag, den 17. September 1926
Verteidigung der Abstimmung in Genf gegen die Deutschnationalen.
V. Sch. Genf , 17. September.% 1 Uhr nachts.( Eigener Draht-| gestellt werden würden; die inzwischen hier bekannt gewordenen bericht.) Das für die deutsche Politit wichtigste Ereignis des Berliner Kommentare haben daher wenig überrascht. Dagegen scheint Tages ist die Rede, die Stresemann heute in der zwölften man darüber erstaunt zu sein, daß gewisse deutsche PoliTages ist die Rede, die Stresemann heute in der zwölftener, Abendstunde beim Empfang der deutschen Pressevertreter hielt. tifer, von denen man ein ruhiges Urteil hätte erwarten dürfen, Diese Rede gestaltete sich zu einer leidenschaftlichen Abrechnung Deutschland bezeichnet haben. die neue Zusammensetzung des Rates als verhängnisvoll für mit der deutschnationalen Presse.
Er verteidigte die Haltung der deutschen Delegation, besonders in der Frage des polnischen Ratssitzes: Man dürfe sich doch nicht wundern, wenn Deutschland nichts dagegen unter. nommen habe, daß ein Dreißigmillionenland einen
Siz im Rat erhalte, nachdem dieses Land für den ständigen Ratsfitz Deutschlands fogar öffentlich gestimmt habe.
Mit zornbebender Stimme und unter dem lebhaften Bei
Zu einer solchen pessimistischen Beurteilung liegt vorläufig fein Anlaß vor. Abgesehen davon, daß es allmählich an der Zeit wäre, daß man sich in Deutschland abgewöhnte, die Welt in deutschlandfreundliche und deutschlandfeindliche Staaten einzuteilen, ſo iſt auch sachlich nichts geschehen, was als unangenehme Ueberraschung betrachtet werden kann. Der einzige Schönheitsfehler der Liste liegt darin, daß zwei Staaten der Kleinen Entente dem Rat angehören. Das wird aber auch von solchen Delegationen empfunden, die feines einer Delegation, der selbst dem Völkerbund angehört und der nach der üblichen deutschnationalen Klaffifizierung zu den deutschlandfeind lichen Staaten zählt, sagte mir, daß er die Wiederwahl der Tschecho. slowakei sehr bedauert habe, weil sie den Vereinbarungen widerspreche, wonach Rumänien den Siz der Tschechoslowakei bekommen follte. Benesch hätte dem Beispiel Undéns Folge leisten sollen und trotz allem zureden Chamberlains feftbleiben müssen. Deshalb hat trotz allem zureden Chamberlains festbleiben müssen. Deshalb hat Beneschs Verdienste für den Völkerbund sehr hoch schätze.
fall der meisten Anwesenden, sagte Stresemann, man müsse manch- wegs zu den Gegnern der Tschechoslowakei gehören. Der Führer mal den Eindruck gewinnen, daß es
leichter sei, fich mit den ehemaligen Feinden zu verständigen, als mit gewissen Teilen des eigenen Volfes.
Es habe nicht an ihm( Stresemann) gelegen, wenn nicht alle großen deutschen Parteien in der Abordnung Deutschlands vertreten seien. Stresemann schloß seine Rede mit einer wirksamen Badieser Delegierte seine Stimme für Finnland abgegeben, obwohl er rallele zwischen dem Herbst 1923 und der gegenwärtigen Si tuation, die starke Hoffnungen auf günstige Wirkungen dieser Tagung für die Freiheit und den Wieder= aufstieg Deutschlands rechtfertige.
Darauf sprach im Namen der deutschen parlamentarischen Delegierten der Zentrumsabg. Dr. Kaas, der ganz besonders als Bertreter des besetzten Gebietes die deutsche Außenpolitik in den lezten Jahren als die einzig mögliche und richtige bezeichnete; auf Grund der Besprechungen mit den Staatsmännern der anderen Länder gab der Redner seiner Zuversicht auf die Befreiung des Rheinlandes Ausdruck.
V. Sch. Genf , 16. September. ( Eigener Drahtbericht.) Bei der deutschen Delegation war man darauf gefaßt, daß die heutigen Ratswahlen in der Rechtspresse als eine Niederlage Deutschlands hin
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Der neue deutsche Lehrer.
Die konfeffionellen Akademien- eine Unmöglichkeit. Bon Frizz Karsen.
Der preußische Kultusminister Dr. Becke, dessen Verdienste um die innere Neugestaltung der Schule auch wir anerkennen, ist der Vater der preußischen Form der Lehrerbildung, der sogenannten Ata de mien. Er erwartet viel von ihnen für die Zukunft Deutschlands . Mit großer Wärme ist er bei den Etatsberatungen und bei der von ihm selbst vollzogenen Prüfung der drei zu Ostern 1926 ins Leben getretenen Anstalten für die neuen Bildungsideale eingetreten. die sie verkörpern sollen. Er hat mit Recht auf die Klüfte in unserem Boltsleben hingewiesen, die sozial bedingt, wie sie sind, noch durch die Verschiedenartigkeit und Berschiedenwertigkeit der Bildung verschärft werden. Er hat darum die Abseitsbildung der früheren Seminare, die den Lehrer und damit die Masse des Volkes von der höheren Allgemeinbildung der höheren Schule ausschloß. für den zukünftigen Volksbildner ebenso bung der Hochschule. abgelehnt wie die reine Fach- und Gelehrtenbil
Der neue Bildungsbegriff, die neue Einheit aller wahren Bildung, ist nach ihm der neue deutsche Mensch". Dieses Deutschtum ist. wie Beder meint, religiös ver wurzelt und evangelisch oder fatholisch fonfeffionell abgeschattet. Die preußischen Schulen, für die der neue Lehrer gebildet wird, find offiziell evangelische oder katholische Schulen. Beckers Grundgedanken sind: Die auseinanderklaffende Bielheit der Bildungseinflüsse, die auf den werdenden Lehrer einströmen, faßt sich daher mit Notwendigkeit zur Einheit zusammen im Geift der beiden Bekenntnisse. Bon Dieser Einheit aus ergibt sich nicht nur die geistige Gemeinfondern der von ihr durchbrungene Lehrer wird leicht den Weg zur Gemeinschaft mit der ihm anbefohlenen Jugend und mit dem gesamten deutschen Bolt finden, wenigstens jeweils mit dem katholischen oder evangelischen Volksteil. Schon eine simultane Akademie hätte in ihrer allgemeinen Christlichkeit feine geeignete Bildungsgrundlage mehr und würde fein Gegengewicht gegen die Zerrissenheit des Gegenwartsmenschen bedeuten.
Es ist natürlich für die deutsche Delegation unmöglich, da die Wahl geheim war, offiziell zu erklären, für wen sie gestimmt hat. Gegenüber den Behauptungen der Hugenberg- Bresse, daß Deutsch- schaft der Studierenden mit ihren Lehrern in der Akademie, land die Wiederwahl der Tschechoslowakei unterstützt habe, glaube ich verfichern zu können, daß dies nicht der Fall gewesen ist und daß Deutschlands Stimme sich unter den 14 befindet, die im ersten und im zweiten Wahlgang für Finnland abgegeben wurden. Das geschah aber nicht aus Antipathie gegen die Tschecho slowakei , sondern ausschließlich um das Prinzip des Turnus zu respektieren, dem Undén, allen Lockungen zum Troß, treugeblieben war und dem auch Benesch ursprünglich treu bleiben wollte. Im übrigen werden auch in der deutschen Delegation die staatsmännischen Qualitäten Beneschs voll anerkannt. Ueberhaupt ist es sehr töricht, wenn die Rechtspresse die Tschechoslowakei zu den deutschlandfeind lichen Staaten zählt.
Mussolini schickt Lockspitzel aus.
Faschistenpolizei in Frankreich am Werk.
Paris , 16. September. ( WTB.) Die Bereinigung der italienifchen Republikaner in Frankreich läßt durch die Presse mitteilen, fie sei verständigt worden, daß faschistische Polizeibeamte vor zwei Tagen die franzöfifche Grenze überschritten und fich in der Mehrzahl nach Paris begeben hätten. Es sei deshalb den Anflfaschisten zu empfehlen, Agenten, die sich als Antifaschisten ausgäben und radikale Reden führten, zu mißtrauen. Ein faschistischer Polizeibeamter habe fich einem 3taliener gegenüber als Beamter der französischen Polizei ausgegeben und ihn um Nachrichten und Adreffen ersucht. Dies sei der franzöfifchen Polizel mitgeteilt worden. Die Italiener, die derartige Besuche erhielten, werden aufgefordert, diese falschen franzöfifchen Agenten um Borzeigung ihrer Polizeiausweise zu ersuchen.
Auch in Deutschland fönnen Muffolinische Lockspihel ihr Unwesen treiben!
Der Faschismus braucht Attentate. Paris , 16. September. ( Eigener Drahtbericht.) Der römische Korrespondent der Ere Nouvelle" teilt seinem Blatte mit, daß eine Anzahl Faschisten- Anhänger des früheren Generalsekretärs der Bartei, Farinacci- in einem Dokument von schwerwiegender Bedeutung gegen den Innenminister Federzoni die Anklage erheben, innerhalb der Opposition für seine besonderen Zwecke die Neigung zum Attentat zu kultivieren, indem er in den offiziösen Zeitungen von allen möglichen Arten von Berschwörungen gegen Mussolini berichten lasse. Alle Welt weiß, daß das Schicksal der Diktatur mit der Person Mussolinis verquickt ist, und daß, wenn dieser einmal von der Bildfläche verschwunden ist, der Faschismus ein Ende hat. Die Freunde Farinaccis beschuldigen in dem erwähnten Dokument Federzoni und seine Leute, diese Gefahr durch ihre Machenschaften nur noch erhöht und das Regime in die peinliche Lage versetzt zu haben, auf der einen Seite nur noch einen einzigen Menschen zu besitzen: Mussolini , und auf der anderen Seite eine Organisation: nicht die der Partei oder die der Regierung, fondern einzig und allein die einer kleinen Clique.
Unter diesen Umständen haben die wiederholten Attentate auf Muffolini vor allem das Ergebnis, 3 weifel an der Be. tändigkeit des Regimes zu wecken, so daß, um es ganz zu stürzen, lediglich eines neuen höchst wahrscheinlichen Attentats bedürfte, das die Persönlichkeit des Führers vernichten würde. Der Faschismus hält sich nur dank einer Interessengemeinschaft auf der einen, bank der in den miligen eingeschriebenen Abenteurer und Verbrecher auf der anderen Seite, schließlich auch dank fleiner finanzieller Oligarchier. Der aufgeklärte Teil des italienischen Rapitalismus aber beginnt zu begreifen, daß man durch übertriebene Bebrückung des Proletariats nur dem Kommunismus den Weg bereitet. Das würde allerdings den Duce nicht beunruhigen, der sich diese letzte Spielkarte vorbehält, um die Bourgeoisie und die Dynastie zu zwingen, zwischen ihm und der fozialen Revolution zu wählen.
Die Faschistenhezze gegen Frankreich .
Der Botschafter kehrt nach Rom zurück. Paris , 16. September. ( Eigener Drahtbericht.) Der französische Botschafter in Rom , Besnard, der auf seinen Bosten zurückkehrt, hat vor seiner Abreise eine Besprechung mit Poincaré gehabt, die fich auf die jüngst en 3 wischenfälle vor den franzöfifchen Konsulaten in Italien im Anschluß an das Mussolini - Attentat bezog.
Eine Richtigstellung.
a.
In Nr. 414 des„ Vorwärts" war aus Amsterdam berichtet, daß der Vorsitzende des Niederländischen Gewerkschaftsbundes in einer Bersammlung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei u. er= flärt habe, er habe im Auftrage des Niederländischen Gewerkschaftsbundes dem Vorstande des JIGB. vorgeschlagen, gemeinschaft. lich mit der Genoffenfchaftsinternationale einen Bontott über alle italienischen Waren zu verhängen, die in neunstündiger Arbeitszeit hergestellt werden.
Diese Gedanken haben wir immer als gegenwartsfremd bekämpft. Welche große Gefahr für die Zukunft unseres Schulwesens sie bedeuten. wird ganz eindeutig klar, wenn man die soeben zum erstenmal erschienenen Mitteilungen der pädagogischen Akademien in Preußen Heft, die dem Minister gewidmet sind und in ungewollter Ironie feine Ideen geradezu ad absurdum führen. Da spricht zuerst der Direk tor der Bonner Atademie, Herr Raederscheidt, über die fozialpädagogischen Aufgaben des Bolksschullehrers. Was weiß er davon zu sagen in unserer Zeit der schwersten sozialen Not der Massen? Daß der Boltsschullehrer behütet werden muß vor dem gefährlichen Wissen um des Wissens willen"!„ Er muß ein Lehtes haben, von wo ihm das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit gegen den mechanisierenden 3wang der Zivilisation tommt, und das ist die Religion. Wer gottverbunden sich allzeit fühlt hat Kraft zur Arbeit, und der fühlt, angehaucht von ber Kirche, die ihm eine bestimmte Form geistigen Lebens gibt." Die Religion hilft ihm nach Raederscheidt, und fie einzig und allein ,,, auch in der seelenlosesten Großstadtatmosphäre ,,, lebendige Glieder des Boltstums zu schaffen" und durch Gottes Gnade" das Wunder" der Rettung fittlich gefährdeter Großstadtfinder zu vollbringen. Sie hilft ihm im Kampf gegen das von otonomisch gerichteten Denfern und Parteileuten geschaffene Klafen bewußtsein!" Wie furchtbar einfach ist doch die Erziehung des Lehrers zu der schweren sozialpädagogischen Arbeit!
Gottes Lebensodem, sich als Teil des mystischen Leibes
In dem genannten Heft folgt ein Auffah des Direktors der Bonner evangelischen Akademie, Ulrich Peters, des bekannten Vertreters der Deutschkunde. Dem Mystiter der Religion und der Kirchlichkeit, der auch gelegentlich schon von den Tiefen des lebendigen Deutschland " zu singen weiß, stellt sich der Mystiter des eigenvölkischen Kulturgutes" an die Seite. Er beweist die These, daß in Zukunft jeder junge Deutsche die gleiche seelische Heimat finden wird in der geiftigen Wirklichkeit des ihm bluts- und seelenverbundenen eigenen Boltes", unwidersprechlich durch die immerwährende Wiederholung des Wortes Deutsch ". In einer Drittelseite zähle ich es achtzehnmal bis hin zu der legten Steigerung einer Bildung des Deutschen am Deutschen und zum Deutschen "!
Da haben wir uns bemüht. das hohle, klingende Pathos in unseren höheren Schulen durch Lächerlichkeit zu töten, und der neue", auf der Akademie gebildete Lehrer bringt die Segnungen dieser abgelegten Kulturphrase als neueste Errungenschaft der Bildung aufs Land in die Dorf