Nr. 462 ♦ 4Z. Jahrg. Ausgabe A Nr. 25H Bezugspreis. Wöchentlich 70 Pfennig, monatlich Z,— Zieichsmarl voraus»ahlbar. Unter Kreuzband kllr Deutschland . Dan,!». Saar , und Memelaediet. Oesterreich, Litauen . Lurembur» i.bU Reichsmark, für da» übrige Ausland S�0 Reichsmark pro Monat. Der»Vorwärts' mit der iltuftrier. len Sonntagsbeilage.Boll und Zeit' towie den Beilagen»Unterhaltung uno Wissen'.»Aus der Filmwelt'. .Frauenstimme'.»Der Kinder- freund'..Lugend-Borwärts' und »Blick in die Bucherwelt' erscheint wochcntäglich zweimal. Sonntags und Montags einmal. Telegramm-Adress« »Sozialdemokrat Berlin '
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Die Internationale des Eisens. Das internationale Stahlkartell.- Die Gefahr eines Gifenmonopols.
Nach jahrelangen Verhandlungen— die ersten Anfänge gehen bis in die Zeit vor dem Ruhrkampf zurück— ist zwischen den Eisenerzeugern Deutschlands , Frankreichs , Belgiens und Luxemburgs eine Kartellvereinbarung geschlossen worden, die tief in das wirtschaftliche und politische Leben der beteiligten Staaten eingreift. Es handelt sich um die Vereinigung der mächtigsten Stahlproduzenten Europas zu einem Block, der die Preise und die Produktion dieses wichtigen industriellen Rohstoffs regelt, die gegenseitige Konkurrenz ausschaltet und vor allem die gegenseitigen Preisunterbietungen am Weltmarkt ver- hindert. Ueber die Einzelheiten des Vertrages haben die Interessenten bisher zu schweigen gewußt. Es ist also nur möglich, die G r u n d z ü g e des Vertragswertes zu würdigen. Das Wesentliche ist, daß eine derartige Verständigung überhaupt möglich war. Roch bis vor kurzem glaubten die beteiligten Industriegruppen, in scharfem Kampf um den Absaß besser abschneiden zu können als in Zusammenarbeit. Und dieser Kampf färbte auf die Gestaltung der internatio- nalcn wirtschaftlichen und politischen Beziehungen ab. Ist es heute noch notwendig, daran zu erinnern, daß die f r a n z ö- fische Schwerindustrie es war, die drüben die treibende Krasi zum Ruhrkrieg bildete? Wenn kürzlich der Vorsitzende des französischen Hüttenverbandes, de Wen- d e l, glaubte betonen zu müssen, daß das Stahlkartell keine politischen Rückwirkungen habe, so wird man gut tun, solchen Aeußerungen mit einigen Zweifeln zu begegnen. War es doch der Kampf der deutschen mit der französischen Eisen- industrie, der bisher eine vernünftige Regelung der h a n- delspolitifchen Beziehungen dieser beiden Länder erschwerte, wenn nicht unmöglich machte. Wenn der Kartell- obschluß nur dazu beiträgt, einen langfristigen deutsch-franzö- sisch-i: Handelsvertrag zu erleichtern, so hat er bereits wesent- lich für die Entgiftung der politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen dieser beiden großen Industriestaaten mitgewirkt. Diese Verknüpfung der Kapitalsinteressen großer Roh- stoffkonzerne liegt also in der politischen Linie, die die Staaten- Politik von Versailles über Locarno und Genf zusammen- geführt hat. In der Tatsache, daß die Kapitalisten allein den Zusammenschluß vollzogen, liegt die Gefahr für die Arbeiterschaft und für die von diesen Rohstoffen ab- hängigen Industrien, also für die Weiterverarbeiter. Diese Gefahr, auf die noch einzugehen ist, kann jedoch weder über die Bedeutung noch über die innere Notwendigkeit des Zusammenschlusses hinwegtäuschen. Ueberall sprengt die ins Riesenausmaß gewachsene Indu- strie ine engen Grenzen, die die europäischen Länder von einander abschließen. Die deussche Industrie im besonderen drängt auf den Weltmarkt hinaus, eine harte, ober durch die Pflicht zu Reparationen noch verstärkte Notwendigkeit. Ueber- all ist aber im Kriege und darauf in der Zeit der gegenseitigen Absperrung der Staaten eine mächtige Industrie gewachsen. So ist heute in zahlreichen Gewerbezweigen die Weltproduk- tionsfähigkeii weit über den Weltbedarf hinaus gestiegen. Ein Ausgleich der Interessen kann nur durch den Kampf oder durch den Vertrag erfolgen. Daher kommt es, daß heute die privaten Abmachungen großer Industriegruppen auf die staatliche Handelspolitik von größtem Einfluß sind. Private Abreden der chemischen Groß- industrie.z. B. haben den Abschluß staatlicher Handelsverträge zwischen Deutschland und Japan den Weg geebnet. Der Ab- schluß des Stahlkartells ist eine Etappe zur handelspoli- tischen Verständigung Deutschlands und Frank- r e i ch s, wenn die deutsche Schwerindustrie ihre den deutschen Verarbeitern gegebene Zusage innehält, wonach sie Zu- geständnisse der Gegenpartei bei Einfuhr deutscher Metall- fabrikate, besonders Maschinen, nach Frankreich zur Vor- bedingung der Aufrechterhaltung des Kartells machen wollte. Aus diesem Grunde sieht der Kartellvertrag die Möglich- keit einer kurzfristigen Kündigung vor, wenn ein deutsch -französischer Handelsvertrag nicht zustande kommen sollte. Ein solcher Vertrag hängt nicht allein davon ab, ob sich die eisenerzeugenden und eisenverarbeitenden Länder mit- einander oerständigen, sondern auch davon, ob die Interessen der übrigen Industriegruppen auf eine Vertragsformel zu bringen find. Hier werden noch schwere Widerstände ins- besondere in der chemischen Jdustrie zu beseitigen sein. Die weitgreifenden Beziehungen, die die dem Kartell an» gehörigen Merk« zu den Unternehmungen ander erStaa»
!e n haben, lassen die Vermutung gerechtfertigt erscheinen, daß aus der Rohstahlgemeinschast des kontinentalen Mittel- und Westeuropa sehr bald eine gesamteuropäische Roh- stahlgemeinschaft erwächst, daß also ein großer Ge- werbezweig mit Hunderttausenden von Arbeitern sich allmählich zu einem festen Gefüge zusammenschließt. Auch nach dieser Richtung hin bedeutet der Abschluß des Kartells nur eine Etappe. Darum gilt es auch den Gefahren entgegenzu- sehen, die eine derartige Organisation gewaltiger Produk- tionsgebiete für die übrigen Teile der angeschlossenen Staats- gruppen birgt. Hiere steht an erster Stelle die Gefahr eines Preis- Monopols. Gerade die deutsche Arbeiterschaft, die zum allergrößten Teil in der Verarbeitungsindustrie beschäftigt ist, wird niemals die Gefahr unterschätzen dürfen, die in der monopolartigen Bewirtschaftung einzelner Roh- stoffe durch große internationale Mächtegruppen liegt. Für die Verorbeitungsindustrie ist der Rohstoff einer der wichtigsten Faktoren der Produktionskosten. Jede unnötige Herauf- setzung oder Hochhaltung der Rohstoffpreise bedeutet die Freisetzung großer Arbeitermassen. Daher ist es notwendig, einer Preisüberspannung durch derartige inter - nationale Monopole mit allen Kräften entgegenzuwirken. Das wichtigste und einfachste Mittel hierzu ist die Ein- schaltung der Konkurrenz solcher Länder, die an der Rohstahl- gemeinschaft nicht beteiligt sind. Die deutsche Schwerindustrie ist gegen diese Konkurrenz noch heute durch einen Hoch- s ch u tz z o l l geschützt. Der Zoll ist sinnlos geworden, nach- dem die heftigsten Konkurrenten von gestern heute gemeinsam mit der deutschen Eisenindustrie die Preise bestimmen. Seine Aufrechterhaltung aber ist gefährlich, weil damit die letzte Möglichkeit einer Preisregulierung ausgeschaltet ist. Die Beseitigung des Eisenzolls wird also von der deutschen Arbeiterschaft gefordert werden müssen. Darüber hinaus aber bedarf die Preis- und Produktions- Politik eines derart großangelegten Syndikats der Kon- trolle der Allgemeinheit. Staatliche und inter - nationale Kartellämter werden geschaffen werden müssen, um
zu verhindern, daß diese rein kapitalistischen Verbände ihren Profit durch Abwälzung aller Risiken auf Verbraucher und Arbeiter sichern. Diese Forderung ist ein Bestandteil der staatlichen und internationalen Wirtschaftspolitik der organisierten Arbeiterschaft. Wie man sieht, erschließt die Tatsache, daß das inter - nationale Rohstahlsyndikat perfekt geworden ist, eine Reihe von Aufgaben, auf die sich die Arbeiterschaft einzustellen hat. Die Tendenz zur InterNationalisierung der W i r t s ch a f t ist so zwangsläufig im Kapitalismus der Wirt- schaft bedingt, daß es zwecklos wäre, gegen sie anzu- rennen. Nach der Periode des Völkerhasses kann man so- gar«ine gewisse politische und wirtschaftliche E n t s p a n- n u n g davon erhoffen, wenn sich die Kapitalistengruppen der einzelnen Länder zusammenschließen. Die Arbeiterschaft wird jedoch dagegen Vorsorge treffen müssen, daß die internationale Verbandsbildung nur der Steigerung der Kapitalrente der beteiligten Kapitalistengruppen dient, die heute so gern mit dem Ausland zusammenarbeiten, wenn es um die Steigerung der Profite geht, aber durch die ihnen nahestehende Presse und ihrer Parteien noch immer die Feindseligkeit der Völker schüren. Aufbau öes Stahlkartells. Bekannt sind vom Syndikat bisher nur die rohen Umrisse, und es ist auch kaum zu hoffen, daß die vertragschließenden Produktions- gruppen den W o r t l a u t des Vertrages oeröfsentlichen werden. Ersaßt wird die Erzeugung von R o h st a h l, nicht von Roheisen und den Welleroerarbeitungsprodukten der Walzwerke. Auf das Gebiet der vertragschließenden Gruppen werden etwa 3 0 P r o z. der Weltstahlerzeugung fallen, wahrend bei den beiden großen Außenseiten) Amerika und England allein etwa 60 Proz. verbleiben werden. Die absolute Produktion, auf die sich die Quoten der einzelnen Länder verteilen, beträgt 27,53 Millionen Tonnen. Bon dieser Gesamtzahl werden rund 49 Proz. auf Deutschland und dos Saargebiet und rund 5l Proz. auf Frankreich , Belgien und Luxemburg entfallen. Der Quotenverteilung liegt die Produktion des 1. Vierteljahrs 1926 zugrunde, die für Deutschland bekanntlich
Keine Entftheiöung in polen . Annahme der Senatsbeschlüsse im Sejm — abermals Rücktritt der Regierung.
Warschau , 30. Seplember.(Eigener Drahkberichk.) Unter ungeheurer Erregung wurde am Donnerstag nachmittag 4 Uhr die Sejmsihung eröffnet. Alle Tribünen waren überfüllt, die Regierung war, mit Ausnahme Pilsudskis. vollzählig erschienen. Erst wurde das rumänisch -polnische Abkommen ratifiziert. Es folgte die Abstimmung über die vom Senat herabgesetzte Haushaltsvorlage. Sie verringert da» von der Regierung verlangte Budget in höhe von 4S4 Millionen um 34 Millionen Zloty. Mit 206 gegen 94 Stimmen wurde der Vorschlag de» Senat» angenommen. Als dieses Ergebnis, da» einem Mißtrauensvotum für die Regierung gleichkommt, bekannt wurde, erhob sich Ministerpräsident Bartel und verlangte ver. lagung und Einberufung einer neuen Sitzung aus Z49 Uhr abend», damit die Regierung zu der geschossenen tage Stellung nehmen könnte. Dem wurde entsprochen. Es liegen für diese Sitzung ausdrückliche Mlßtrauensanlräge gegen die Regierung sowie ein Antrag der Sozialdemokraten vor. daß der Sejm seine Aus. lösung beschließe. Es wird allgemein angenommen, daß die S e j m- ouflösu ng nicht mehr zu vermeiden ist. Zu Beginn der Abendsitzung teilte Sejmmarschall Rataj mit. daß die Regierung Bartel zurückgetreten ist und die Gesamt- demission vom Präsidenten der Republik angenommen worden ist. Nachdem die Demission des Kabinetts mitgeteilt war. verlangte der bäuerliche Abg. poniatowski soforlige Abstimmung über seinen Antrag, daß der Sejm sich auflöse. Der Sejmmarschall ver- weigerte diese Abstimmung, weil nach den geschehenen verfassungs- änderungen nicht mehr der Sejm selbst, sondern nur der Staats- Präsident und die Regierung den Sejm auflösen könne. vie Haltung der Sozialisten. Warschau , I. Oktober, morgens 141 Uhr.(Eigener Drahtbericht.) Im„Robotnik'(Der Arbeiter), dem Zentralorgon der Polnischen So- zialistische» Partei, schreibt Abg. Genosse Niedzalkowski, daß
die PPS. für die Regierungsfassung des Budgets gestimmt habe, jedoch nicht, um der Regierung das Vertrauen auszusprechen, sondern um zu vermeiden, daß die Ausgaben für Voltswohlfahrt. Arbeitslosenunterstützung usw. gekürzt werden. Der einzige Ausweg sei die S e j m a u f l ö s u n g durch die Regierung und die Ausschrei- bung der Neuwahlen. Für die PPS. komme der Zeitpunkt der größten Kraftanstrengung, denn es gelte den Wahlkampf so zu führen, daß die Demokratie erheblich gestärkt daraus her- vorgehe. Unsere polnischen Parteigenossen betrachten den Ausgong der gestrigen Sitzung keineswegs als einen Sieg der Rechten, höchstens als ihren Scheinerfolg: denn Pilsudski und seine Freunde würden sich dabei nicht beruhigen. Man spricht übrigens davon, daß der Rücktritt der Regierung aus dem taktischen Grund erfolgt sei, weil der Abschluß des litauisch- russischen Vertrages die Position Polens verschlechtert habe, die nicht durch Fortführung des inneren Parteikampfes im jetzigen Zeitpunkt noch mehr geschädigt werden solle. Große Erregung über öeu lltauisth-rustlsthen vertrag. Warschau , 30. September. (WTD.) Der Abschluß des russisch- lijpuischen Garantie- und Nichtangriffsvertrages und der nach litaui- schen Meldungen darin aufgenommene Passus, worin die Sowjet- regierung feststellt, daß ihre bekannte Litauen freundliche Haltung zur W i l n a f r a g e vom Jahre 1920 keine Veränderung erfahren habe, hat in Polen sehr erregt. Nach halbamtlichen Meldungen hat der als Außenminister während der Abwesenheit Zaleskis amtierende Dizeminister K n o l l den hiesigen russischen Ge- sandten Wojkoff für heute zu einer Konserenz gebeten. Aus Moskau wird gemeldet, daß Litauen auch den Besitz Memels durch Rußland garantiert haben wollte; Rußland habe dies abgelehnt,