Nr. 4SS ♦ 4Z. Jahrgang
1 ♦ Heilage öes vorwärts
Sonnabend, 16. Oktober 1426
An seiner Polizei erkennt man den Staat. Kurt Welcher:.Geschichte der Polizei." Die Polizei steht am Wendepunkt. Sie ist zum erstenmal offi. ziell in die große Oeffentlicfykeit getreten. Ihrer Kraft und Verant- wortlichkeit bewußt, ruft sie ihren Volksgenossen zu:.Kommt und seht, was wir sind und wie wir sind. Wir behaupten nicht, bereits etwas Fertiges zu sein. Wir besinden uns im Ausbau, im Werden. Soviel sind wir aber schon heute: ein Teil des Volksganzen, der Teil des Volksganzen, dem dieses aus seiner Machtvollkommenheit heraus einen Teil dieser Machtvollkommenheit überantwortet hat, damit er zum Wohle des Ganzen wie des einzelnen die ihm an- vertraute Staatsgewalt ausübe." Allerdings; erst wenn diese schönen Worte jedem einzelnen Beamten in Fleisch und Blut übergegangen sein werden: erst wenn der Beamte nicht nur verstandesgemäß sich sagen wird: ich bin für den Bürger da, ich muß ihm gegenüber zuvorkommend, freundlich, gefällig, höflich, menschlich sein, auch dann, oder besonders dann, wenn er irrt oder sich gar verirrt hat; erst wenn er gar nicht anders können wird als s o fühlen und denken, erst dann wird die Theorie zur Wirklichkeit geworden sein. Dann wird die Polizei im Volksstaat zur Polizei des Volkes ge- worden sein, mit der alleinigen Aufgabe, Sicherheit und Ordnung im Interesse des einzelnen und des Ganzen zu schützen. Vorläufig bleibt die Hauptaufgabe: Umwandlung de» Polizei- bewußtseins. Polizeistaat— volksstaat. Will man schlaglichtartig die große Wandlung, die w der Polizei vor sich gegangen ist, beleuchten, so wird man den Begriss Polizeistaat demienigen des Volksstaates gegenüberstellen müssen. Der polizeislaat, der Staat der Bevormundung, der mit beschränkter Einsicht begabren Untertanen, für die Ruhe als erste Bürgerpflicht galt. Die Polizei hier als Ausdruck der Villkür, die Polizeiverord- nung als kleinliche Reglementierung des Privatlebens der Bürger in allen seinen Einzelheiten, Reglementierung soft um ihrer selbst willen unter Berufung auf die Erfordernisse des falsch verstandenen Staatswohles Der volksstaat: In ihm ist die Freiheil des Bürgers nur soweit beschränkt, als da» Gemeinwohl es verlangt..Das Amt der Polizei ist, die nötigen Anstalten zur Erhallung der nötigen Sicherheit und Ordnung und zur Abwendung der dem Publikum oder einzelnen Mitgliedern desselben bevorstehenden Gefahr zu treffen"— so sagte das Landrecht. So sind im Volksstaate der staatlichen Polizeigewalt die staatsbürgerlichen Freiheitsrechte ent- gegengestellt. Es war ein langer Weg bis dahin. Es war der
Weg der geschichtlichen Entwicklung. Die Geschichte des Volke» ist auch die Geschichte der Polizei. Außerhalb dieser ist diese nicht zu verstehen. Das Wort Polizei selbst stammt vom griechischen „politeia", das so viel wie städtisch oder staatlich bedeutete. Die Polizei bedeutete, wie Dr. Welcher in-seinem Buche sagt,*) gewistermaßen das weltliche Regime im Gegensatz zum geistlichen: sie umfaßte anfangs nicht allein die gesamte Verwaltung, sondern auch einen Teil der Justiz und die Gesetzgebung. Erst allmählich trat«ine Teilung der Gewalten ein: zuerst sonderte sich die Justiz ab und wurde unabhängig von der Verwaltung, dann schied auch die Gesetzgebung aus, und so standen schließlich Gesetzgebung, Justiz und Verwaltung nebeneinander. Die Polizei wurde zum ausführenden Organ. Damit hatte sie den eigentlichen Sinn ihres Daseins ge» sunden. Es war ober, wie gesagt, ein langer Weg bis dahin. Nus öer Polizeigeschichte. Verständlich wird aber die heutige Organisation und der seelisch« Gehall der Polizei, rwnn man ihre Entwicklung von Anfang an innerhalb eines Volkes verfolgt. Für die deutsche Polizei kommt natürlich die Entwicklung der Polizeigewalt von den alten Germanen her In Betracht. Bei diesen war die Sippe, die staatlich anerkannte Selbstschutzorganisation mit gesetzlich geregelter Befug- nis, dem Fehderecht. Dieses wurde gegen Friedensbrecher in Anwendung gebracht. In der fränkischen Zeit verschob sich der Begriff des Friedens als eines Zustandes der Ruhe, der Sicherheit und Ordnung im Innern. Der Landfrieden war zum Königsfrieden geworden. Der König könnt«, von seinem Bannrechte Gebrauch machen, also auch administrative Strafgebote erlassen. Seine Be- amten waren die Grafen in den Gauen, sie übten auch richterliche Tätigkeit aus. Die Londeskriminalpolizei war den Schultheißen übertragen. Sie hatten für die Straßensicherheit zu sorgen. Ihr Kampf richtete sich gegen Diebe und Räuber. Für das Mittelalter ist dann die unerhörte Grausamkeit der Strafverfolgung charakte- ristisch, die im Begriff der Folter zusammengefaßt werden kann. Diese Grausamkeit mag nicht zuletzt in der Schwäche der Polizei- organisation zu suchen sein. Vorbeugung war unmöglich, die Ver- *) Die geschichtliche Entwicklung der Pollzei ist nach dem Buch« des bereits zitierten Essener Polizeipräsidenten Dr. jur. Kurt Welcher „Die Geschichte der Polizei" geschildert(erschienen bei Gersbach und Sohn, Verlags- G. m. b. H., Berlin W. 3S).
folgung der Verbrechen schwierig. So hieß es abschrecken. Der Be- griff der Polizei als besonders gearteter staatlicher Tätigkeit fehlte noch. Es gab wohl Fluß-, Münz- und Baupolizei. Mit der Eni- stehung der Städte kam auch die ständige Sicherheitspolizei auf. Allmählich nahm sie das gesamte Wohl und Wehe der Bürgerschaft in polizeiliche Behandlung. Um so größere Unsicherhett herrscht« auf dem Land«. Dieser Unsicherheit machte der absolutistische Staat ein Ende. Er überspannte den Begriss des Volkswohles, indem er die gleiche Reglementierung, die früher allein für die Stadt galt, nun über das ganze Reich ausdehnte. Er glaubte an die allein seligmachende Wirkung der Verordnungen, und im Interesse ihrer Ueberwachung und Durchführung zog er selbst die Bevölkerung zu Polizeidiensten heran. Die Reglementierung hatte eine gegenseitige Beschnüffelung zur Folge, die in ein Denunziantentum ausartete. Es sollte, koste es, was es wolle, Ordnung geschaffen werden. Die Begriff« Wohlfahrtspsteoe und Sicherheit fielen zusammen. Die Wohlfahrtspflege sollte der Sicherheit dienen. Die Allgewalt der Polizei führte zur Polizeiwillkür. War die Justiz bereits von der Verwallung getrennt, so fielen Verwaltung und Gesetzgebung im großen und ganzen noch zusammen. Die Aufklärungszett— für Deutschland die Zeit Friedrichs II.— brach, wenigstens in der Theorie, mit der Polizeiwillkür und brachte die Gesetzmäßigkeit der Polizeitätigkeit. Die Restauration aber, nach den napoleonischen Kriegen, führte erneut zum Siege de« Polizeistaates, der in Wirk- lichkeit nicht aufgehört hatte zu sein. Run aber diente die Reglementierung des privaten Lebens nicht mehr der lleberwindung der Un- ordnung: sie wurde Selbstzweck, ihr Ziel war, bewußt die Freiheit des Bürgers niederzuhalten. Sie verfolgte nicht so sehr den Zwick der Sicherung der Bevölkerung, sondern diente der politischen Nieder- zwingung des Selbstbewußtseins des erwachenden Bürgertums: sie führte den Kampf gegen Burschenschaften, gegen Voltsaufläufe und dergleichen mehr.— Der Versassungsstaat nach der Revolution 1848, die konstitutionelle Monarchie, gibt die erste Möglichkeit für den Untertan, schüchterne Schritte zum Staatsbürgertum zu tun. Ge- setzgebung und Verwaltung werden endaüllig getrennt. In Wirklich- keit bleibt aber die Mäste des Volkes für die königlich-kaiserliche Regierung noch immer der Untertan, der bevormundet werden muß. Das Proletariat regt sich und beginnt dem Bürgertum und dessen Begierung den Boden strittig zu machen. Die Polizei erscheint als Verbündete der Regierungsgewalt gegen das Volk. Mit der Ro- vemberreoolution 1918 erkämpft dieses sich den Volksstaat. Jetzt erst wird der Arbeiter zum Staatsbürger erster Klast« neben dem Bürger. Gelingt es ihm auch nicht, die Republik zu seiner Republik zu machen, ist sie auch noch lange nicht dem Inhalte nach demokratisch, geschweige denn sozial, so bedeutet sie doch sür ihn ein Instrument auf dem Wege zur wahrhaft demokratischen und in weiter Ferne auch sozialen Republik . Der Arbeiter ist nun an
Der Weg des blinden Bruno. 251 Roman von Oskar Daum. Stolz trat er auf die Freitreppe hinaus, sprach noch ein paar Worte zu Alwin, der es gewagt hatte, ihm bis dahin nachzulaufen, um ihm unter Tränen nochmals die Hand zu drücken. Durch den Portier ließ er einen Wagen holen— der dachte, es geschehe im Auftage des Vaters—, von Rudolf, dem Hausknecht, den Koffer auf den Wagen schaffen und ver- teilte dann Trinkgeld, als verließe er ein Hotel. »Was wollen Sie machen?" fragte Kapetan und fuchtelte mit den Händen, da der Professor ihn bat, das doch nicht zu dulden,„er wird mir auf die höflichste Weis« sagen, er sei kein Zögling mehr! Auf die hoflichste Weise, mein Liederl Ich höre den Tonfall, so genau kenne ich ihn." Dem Professor war es aber um mehr als um die Auto- rität zu tun. Er machte noch einen Versuch: Er trat zum Wagenschlag, rief dem Kutscher, als sei es ganz felstverftänd- lich, feine Wohnungsadresse zu und wollte einsteigen. „Pardon, Papa, wir fahren eine ganz andere Strecke," sagt« Bruno kühl, aber ohne jede Unfreundlichkeit,„wenn du nicht die Elektrische benützen willst, mußt du einen anderen Wagen nehmen! Adieu!" Der Vater konnte sich doch nicht zu Bitten herabwürdi- gen: Energie aber hätte den Gegensatz nur verschärft. Bruno stolperte in der Eile über das Trittbrett, nannte dem Kutscher aus Vorsicht vorläufig nur den Stadtteil und fort ging's. „Hätten Sie doch dem Portier verboten, den Wagen zu holen!" rief der Vater." „Wußten Sie voraus, daß er ihm den Auftrag geben würde?" verteidigte sich Kapetan sehr mißgestimmt. Und eine Stunde später bracht« das Fräulein dem Di- rektor Franzis Brief. Was hatte Alex als Grund dafür angenommen, daß Franzi ihn mit ihrem beharrlichen Schweigen schützte? Hatte er wirklich glauben können daß sie es ihm zuliebe tat? Bei ihm war selbst das nicht unmöglich. Aber noch möglicher war es, daß er gar nichts dabei dachte: das tat er bei unangenehmen Dingen am liebsten. Aber er wagte doch wohl nicht vorauszusetzen, daß sie ihr Schweigen bis zuletzt durchhalten würde. Und die Furcht vor den unberechenbaren Ereignisse«, die losbrechen könnten,
wenn fein Vater die Wahrheit erfuhr, mochte ihm allerhand Visionen vorgezaubert haben. Als der Direktor Franzis Brief gelesen hatte und nach Alex sandte, war dieser verschwunden, nirgends aufzutreiben und blieb es auch in den nächsten Tagen. Erst einige Zeit nachher, als er glaubte, der erste Zorn sei verraucht, meldete er sich, und man erfuhr, daß er als Berufstänzer in eine Bar eingetreten war. Er dachte, der Vater wüiGe, um ihn diesem Pfuhl der Verderbnis zu ent- ziehen, einlenken. Es hatte ihm auch dieser Beruf nicht das leichte und angenehme Leben in dem Ausmaße gebracht, wie er es erwartet hatte. Aber er erreichte nur, daß ihm der Vater die Ausreise nach Südamerika ermöglichte; wo er sich von der Hilfe eines reichen Verwandten die phatasievollsten Vorstellungen machte. Der Direktor wollte in der ersten Ueberschwänglichkeit der Reue und des Verantwortlichkeitsgefühls Franzi in feine Fa- milie aufnehmen und für immer mit ihrem Kinde bei sich behalten.- Nicht eben schroff, aber mit wenigen, in der Verlegenheit sehr unbeholfenen Worten lehnte Franzi ab. Ihre Eltern, sagte sie, würde das kränken. Aber sie wußte dabei sehr wohl, daß die guten alten Menschen in ihrem Gebirgsdorf droben die Ablehnung eines solchen Antrags nicht begreifen würden. Sie konnte es nicht oerhüten, daß der Direktor sie auf der Heimreise begleitete, um ihren Eltern alles mündlich aus- einanderzufetzen. O, sie hatte Angst, daß sie nun ihr Leben lang das Gnadenbrot in diesem ewig fremden Kreis würde verzehren müssen, dem sie als steter Vorwurf vor Augen! stünde. Sie sann fiebernd auf Gründe, die ihre Eltern über- zeugen könnten; aber alles erwies sich als überflüssig. Der Direktor erwähnte während seines kurzen Aufenthaltes nichts mehr von seinem Plan, und auch in der Unterredung mit den Eltern, bei der sie nicht anwesend war, schien kein Wort dar- über gefallen zu sein. Mit beglückender Selbstverständlichkeit nahm das Leben auf dem kleinen Anwesen der Eltern sie in seine Gewohnheiten, seine Pflichten auf, so daß es ihr bald beinahe schien, als sei ste niemals von hier fort gewesen. Welche Freude, als es sich herausstellte, daß sie mit ihrer Geschicklichkeit und derben Kraft auf dem Feld und im Haus der Mutter ein tüchtiges Teil Arbeit abnehmen konnte und zuletzt mit einer alten Magd zusammen die ganze kleine Wirtschaft versah. 5. An jenem Morgen fuhr Bruno zu Lizzi Geik. Sic hatte den Abend zuvor ein Häuflein Freunde für he»t» zwm le» geladen, und Bruno, der dabeigestanden hatte, mit«tob»-
griffen, freilich nur aus Höflichkeit, da es allen klar war, daß er nicht kommen konnte. Sie wohnte in der dritten Etage. Der Kutscher fühtte ihn bis zur Tür und läutet« für ihn an. Dann aber bat ihn Bruno, rasch zu verschwinden. Von Lizzi war noch am ehesten ein hilfreicher Einfall und tätiges Zugreifen zu erhoffen, und sie würde auch die Ori- ginalität der Sachlage am wenigsten abschrecken, dachte er. Sie kam selbst öffnen, verbarg ihre Ueberraschung, Ver- legenheit, ja Bestürzung gar nicht. Schon im Vorzimmer bat er flehentlich immer wieder, keinerlei Zusammenhang zwischen ihrer gestrigen Einladung und seinem Kommen zu sehen. Da wäre er doch nachmittags, wie es sich gehöre, um fünf gekommen und nicht mit einem Koffer in der Hand. Nein, ganz außerordentliche Umstände, von denen er sich abends noch nicht hätte träumen lassen, führten ihn her. Sie geleitete ihn eilig zwischen anscheinend sehr vielen dicht durcheinanderstehendcn Möbelstücken hindurch. Von einer Stuhllehne warf er einen Frauenrock hinab, und als sie ihn in eine Sofaecke senken wollte, schrie sie auf, riß ihn erschrocken zurück: hätte ihn fast auf ihren neuen Hut gesetzt. Er war eingehängt, und sein Arm rührte, indes sie gingen, an loses dünnes Gewand, das bei jeder Wendung sich nachgiebig am weichen Körper zurückschmiegte. Unbestimmbarer wirrer Ge- ruch von Parfüm, Seife und vielleicht welken Blumen vervoll- ständigte das Mädchenzimmer im ersten Morgenzustand. Die Andeutungen über seine seltsame Lage, die in seiner hier wachsenden, kaum mehr beherrschten Erregung noch rätselhafter und geheimnisvoller herauskamen, spannten sie gar nicht. „So!" sagte sie, ging geschäftig leise hin und her, streute unnötig viele nichtssagende Bemerkungen ein. Nun hörte er gar Kleider rascheln, knistern, fallen: sie überkleidetc sich vor* ihm! Peinliche Befangenheit verwirrte ihn; es erschien ihm schamlos, ein Hohn, Dokumentierung seiner Unebenbllrtigkeit. Vor keinem Bettler, der sah, hätte sie es getan!— Er wußte nicht, wie sich wehren. Verlegen redete er weiter, weiter. Nur keine Pause! Konnte er grob abbrechen, wie er es am liebsten getan hätte? Oder andeuten, sie möge sich mit Scheininteresse nicht so anstrengen? Mein Gott, sie hatte eben leider keine Zeit, tat alles, um nicht offen zu beleidigen!— Warum fand nicht auch er, wie alle anderen, die Worte, seine Absichten ganz ungehemmt auszudrücken, ohne geradenwegs grob und hart zu werden! Er kannte von Höflichkeit nur: ergeben sich unterordnen, weil Umgang mit Vorgesetzten bisher der einzige Verkehr war, bei dem es einigermaßen auf Form ankam. (Fortsetzung folgt.)