Nr. 496 ♦ 4Z.Fahrgaüg
?. Heilage öes vorwärts
Vonnerstag, 21. Oktober 1926
Ein schlichter erwerbsloser Mann aus dem Volk, intelligent und gewitzt, schildert hier seine Erlebnisse mit Berliner Kautionshyünem Wir haben absichtlich an der Darstellung so wenig wie möglich' geändert. Den Behörden sei die Beachtung der hier aufgedeckten Zustände sehr emp> fohlen. Selten kann man in der Welt so viel Schwindel und Betrug finden, wie gerade in einer Großstadt. Nachgehend will ich Erlebnisse, die ich hier in Berlin binnen drei Tagen gehabt habe, schildern. Bor- ausgeschickt sei, daß ich durch verschiedene Erfahrungen, durch die ich in der vevgangcnen Zeit viel Geld habe zusetzen müssen, sehr vorsichtig geworden bin. Während der Saison war ich in einem größeren Hotel eines Ostseebades beschäftigt und hatte mir während dieser Zeit etliche hundert Mark zusammengespart. Froher Hoffnung voll fuhr ich nach Berlin mit dem guten Gedanken, bei Verwertung meines sauer ersparten Geldes als Kutscher eine gesicherte Stellung zu bekommen? aber wie sehr ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe, wird man gleich erfahren. Einige tausenS Mark Kaution verlangt. In einer der größten Berliner Zeitungen gab ich folgendes Inserat auf:„S u che mit eilligen hundert Mark gute gesicherte Stellung. Angebot an usw." Der Erfolg war verblüffend. Am anderen Tage kam ich mit einer ganzen Hand voll Offerten aus der Zeitungsfiliale heraus und stürmte damit nach Haufe, um mir so schnell wie möglich die beste Sache herauszusuchen. In diesen Offerten wurden mir brillante Angebote gemacht: große und außergewöhnlich gutklingende Firmennamen prangten in Gold- druck aus der Kopfseite des Briefbogens. Andere hatten sehr gut aussehende Geschäflskarten geschickt. Nur wenige benutzten einfache Briefsachen. Ich suchte mir die erstgenannten heraus, die äußerlich einen soliden Eindruck machten— es waren vier Stück—, und ging nun, von neidischen Blicken arbeitsloser Freunde verfolgt, sehr selbst- sicher am anderen Morgen los., In einem äußerst gediegenen Bureau einer sehr guten Htraße des Berliner Westens faß ich dann einem der Herrn Chefgewaltigen gogcnüber. Eine äußerst imposante Erscheinung, die mir in gesetzten Worten erklärte, daß eine Vertrauensstelle in seinem Berliner Re- tlamcbureau frei wäre: da ich aber mit sehr viel Geld umzugehen hätte, müßte ich eine Kaulion von einigen tausend Mark stellen: er bot mir dann auch ein sehr verlockendes Gehalt an. Nun hatte ich wohl ein paar hundert Mark bar und hätte ihm auch noch ein Grllnd- stück sicherstellen lassen können: aber das war ganz ausgeschlossen, das Geld muß bar und im eigenen Geschäft angelegt sein. Es sollte dann pro Monat mit ö proz. verzinst werden. Dgraufhin riet er nur noch dringend, eine Hypothek aufzunehmen, und erklärte zum Schluß, daß mir solch eine Stellung wohl nicht mehr angeboten werden würde. Ich sollte ihm recht bald meinen Entschluß bringen.
Unten fragte ich den Portier, was das eigenllich für eine Firma sei? „Kerne Ahnung! Wat der eigentlich treibt, weeß keener." Da wußte ich fchon Bescheid und hatte genug. Also auf zur zweiten Sache: ebenfalls im Westen, vornehmes Haus, gutmöbliertcs Bureau. Dr. für. Nach dem formellen hin und her bietet er mir zum l. Oktober eine Stellung als Bureaubote, Einkassierer und Reisebegleiter an. ZZll M. Ansangsgehalt. bis ich mich eingearbeitet hätte. Meine Einlage wird bankmäßig verzinst: ich bat um einige Tage Bedenkzeit. Er war auch ganz einverstanden, daß ich mir»rst noch die anderen Sachen ansehen wollte, und fügte noch gutherzig hinzu, daß er mir alles gute wünscht. Sollte mir jemand 200 M. bieten, so würde er es auch nicht übelnehmen, wenn ich dort anfange Wir schieden im besten Einvernehmen. Diese Stellung wollte ich mir warmhalten, wenn sich nichts Besieres bieten sollte. Die beiden anderen Offerten waren Reiseposken auf Taschen- lampen, Batterien, Glühbirnen usw. und auf Seifenwaren. Reisen- der wollte ich nicht werden, dafür bin ich absolut nicht geeignet. Trotzdem wollte man mir ganz gegen meinen Willen diese Posten aufhalsen: verdächtig war, daß man soviel Kaution haben wollte. In der Hoffnung, am anderen Tage etwas Besseres zu finden, ging ich niedergedrückt nach Hause. Spezialität: Souillonwürfel und Glühftrümpfe. Am anderen Morgen zog ich guten Mutes wieder los. Ein Vor- such mit einem Erfinder, der mir mit einer genialen Sache meine Zukunft sichern wollte, ging fehl, weil der Erfinder nicht zu Hause war. Sodann begab ich mich zu einem Trikotagengeschäst in Wil - mersdorf, dessen Inhaber mir durchaus plausibel machen wollte, daß ich mit einem hausflurfland ein„Schweinegeld" verdienen könne. Merkwürdig nur, daß er selber sein solides Ladengeschäft einem Hausflurftand vorzog. Dann aber wanderte ich nach der R.-straßc zu einem Aafsagrossisien. Spezialität:„Bouillonwürfel und Glüh- strümpfe!" Ein etwas altertümliches Bureau voller Geschäftsbücher und Kladden. Ein alter, ehrwürdig aussehender Kaufmann spricht sich sehr offen aus. Sein Bureaufräulein sei krank. Er könne auch
schlecht mit einem Fräulein arbeiten und habe sich entschlösse», einen Herrn einzustellen. Wir wurden einig über das Gehalt und auch über die Einlage. Ich hatte zweifellos einen sehr guten Posten erwischt und der Vertrag sollte am Freitag gemacht werden. Ueberaus freudig gestimmt, verließ ich das Bureau und kehrte in dem gegen- überliegcnden Haus in einem Lokal ein, einen Schoppen zu trinken. Beim Trinken frage ich so nebenher den Wirt, wie das„Geschäft dort drüben" geht? Der Wirt guckt mich eine Weile ganz merk- würdig an und sagt dann mit einem treuen Grinsen„Ianz gut!" Natürlich merkte ich sofort, daß er etwas ganz Bestimmtes ineint. Er nahm mich dann treuherzig beim Rockärmel. Was ich dann zu hören bekam, darauf war ich doch nicht gefaßt. In der Erinnerung habe ich noch Worte wie:„Jahrelang deswegen gesessen... überall Schulden.... Kriegsinvaliden uni ihre ersparten paar Groschen gebracht.... sehr schlauer Fuchs, kann ihn auch keiner gerichtlich zur Rechenschaft ziehen, weil er alles sehr sein einfädeln kann." Als ich mich vom ersten Schreck erholt hatte, trank ich mit dem Wirt noch zwei Schnäpse und verließ aufatmend das Restaurant, das mir vielleicht mein Geld gerettet hat. Drei weitere Versuche führten mich noch zu einem Revisor, der eine Zeitschrift herausgeben wollte, zu einer Firma, die einen Reiseposten auf Provision abgeben wollte und zu einer kleinen pleile- gegangenen Konfitürenfabrik, die mit meinen paar hundert Mark sich wieder herausrappeln wollte. Ich verzichtete überall. Miß- mutig ging ich heim. In üer Höhle des Löwen . Am nächsten Tag machte ich nun den letzten Versuch und wollte dann, wenn auch der fehlschlagen sollte, zu dem Dr. jur. zurückkehren und den an zweiter Stelle angebotenen Posten nehmen. Suchte mir also noch eine Offerte heraus und ging damit in das in der nächsten Nähe des Alexanderplahcs gelegene Bureau. Oben begrüßte mich Fi» älterer gut aussehender Herr sehr freundlich und fragte mich höflichst, mit was er dienen könnte: ich erklärte ihm, daß ich mich um die angebotene Vertrauensstellung bewerben mächte. Er lud mich freundlichst ein, ihm in ein anderes Zimmer zu folgen. In dem- selben befanden sich vier weiter« Herren, die, wenn auch gut gekleidet, mir absolut kein Vertrauen einflößen konnten. Einer der Herren fragte mich dann kurzerhand, ob ich Lust hätte, in einem Dekekllv- und Auskunstsbureau anzufangen. Natürlich, erwiderte ich, die Hauptsache wäre für mich, eine gute Stellung zu bekommen. Na, das trifft sich herrlich, sagte er, zufällig ist der Herr gerade anwesend. Mit diesen Worten übergab er mich einem ziemlich robusten Manne, welcher mir gegenüber auf einem Stuhl Platz nahm: ich konnte mich einer innerlichen Unruhe nicht erwehren und umspannte in der Tasche kraftvoll meinen Hausschlüssel. Mein Gegenüber fand sich nur sehr schlecht in seine Rolle. Unsicher fragte er nach meinem Beruf und ob ich auch schreiben könne. Als ich bejahte, stellte er sofort u»ge- wöhnliche Begabung für meinen zukünftigen Beruf fest, und erklärte mir, daß ich ihm äußerst gut gefalle und er sich gar keinen besseren
Der Weg des blinden Bruno. 29s Roman von Oskar Baum . Lizzi blieb auf ihrem Platz in der Sofaecke sitzen, was sie sonst nie tat, und stellte mancherlei wenig zusammen- hängende Fragen an Bruno. Sie war ganz ohne ihre Ruhe und Sicherheit: nervös, zerrissen.— Er wagte nicht, zum Klavier zu gehen. „Gehen Sie vielleicht nächste Woche wieder zu Ihrem Vater zurück?" fragte sie dann unvermittelt. Bruno erzählte ihr, sein Vater sei zwar da gewesen, aber im Grunde recht zufrieden wieder gegangen, als ihm Bruno versicherte, er werde ihn, so oft es feine Zeit nur er- laude, besuchen. Kröß kam. Lizzi war seinetwegen nach Tisch dageblieben, merkte Bruno erstaunt. Kröß kam fast alle Tage, aber immer ängstlich, mit Widerstreben, Lizzi war gewöhnlich „eben im Fortgehen" oder entschuldigte sich, sie habe viel zu lernen. Kröß stand dann ein Weilchen bei der Mutter in der Küche, erkundigte sich, welche Rollen Lizzi studiere, fragte, was es sonst Neues gab, nach Baron Liptus und schien sehr erstaunt, zu hören daß er nie herkam. „Können Sie sich das erklären?" fragte er ein übers an- dere Mal. Die Mutter seufzte. Bruno erfuhr dann, daß Lizzi mit Liptus draußen fort zusammenstecke, daß man sie über- Haupt nur noch miteinander kenne. Bruno nahm am Nachmittag das neue große Werk vor, das ihm kürzlich erst der Heidelberger Verlag gesandt hatte: Kirchenmusik eines ganzen Jahrs in liturgischer Reihenfolge. Und glücklich stampfte er auf den knarrenden Parketten dia Pedaltönr- und sang sie mit keineswegs wohlklingendem, aber gewaltigem Baß zu den Akkorden seiner Finger stünden. ohne Boden, losgeschnitten in der Luft stünden. Und lm Eifer griff er zuweilen an den Seiten des Klavier- deckels mach den Registern umher oder stieß die taktierende Hand ungeduldig in die Luft, als der Chor nicht zur Zeit einfiel. «» • Ratlos verzweifelt hielt Bruno eines Nachmittags drei Notenblätter in ruhelosen Fingern und wartete auf Lizzi, ob- gleich cer sicher war, sie würde eine wichtige Arbeit haben und ihm ni cht helfen. Er ließ nichts unversucht. Der Chordirigent hatte ihm die Partitur eines MendelssoHnschen Frauenchors, weiß Gott , aus welchem nichtigen Grunde, erst heute, Freitag nachinittag, gesandt, und übermorgen sollte er ihn auf der
Orgel begleiten. Natürlich konnte er heute Kröß nicht ver- ständigen: der war irgendwo auf einem Bau außerhalb der Stadt beschäftigt. *Es gab so viele, die auf die Organistenstelle lauerten. Keinesfalls durfte er für fein Gebrechen jetzt Rücksicht an» sprechen! Aber es schien fast ausgeschlossen, daß er den Frauen- chor bis Sonntag einstudieren konnte. Lieber aber wollte er sein ganzes Iahresgehalt für das Diktieren dieser Nummer zahlen, als sie seinetwegen ausfallen lassen. Mutter Geil kam atemlos. Sie hatte vergebens versucht, sich telephonisch mit Lizzi oder Kröß in Verbindung zu setzen. „So ist also kein Ausweg mehr," sagte Bruno, und seine Zähne klangen aneinander. „Durch einen solchen Zufall eine Stelle zu verlieren!" klagte die Mutter. Wie? An derlei Folgen hatte er'noch gar nicht gedacht. Am, Ende war es gar eine Absicht des Chor- dirigenten, dem ein sehender Organist bequemer schien? Einige stumme Minuten saßen sie nun da in Aengstlichkeit und unter- drücktem Seufzer. Da hatte Mutter Geik eine Eingebung: Ziemlich nahe wohnte Lizzis Freundin Vilma Zebsen.„Die kommt, wenn sie nur irgend kann, das heißt, wenn ihr Vater nicht wieder mal stirbt." Und sie lief schon. Bruno erinnerte sich dunkel des Namens von dem Abend bei Fräulein von Kröß. Als Vilmas erstes Wort in der reinen Zartheit ihrer Stimme durch das Zimmer klang, fühlte Bruno, daß sich seine Welt verwandelte. Unglaubhaft war der Ton. so voll kühler süßer Lieblichkeit und wie von einem Kind. Eine un- trübbare Friedlichkeit fühlte man. Wie aus der Erinnerung, aber gewisser hörte er«ine innige, fremdartige dunkle Weise wie auf einer sordinierten Viola ganz pianissimo. Er war unbeholfen in dieser Stunde, als wären feine Glieder aus Lehm. Sie machte nicht viele Einleitungen, ergriff den Frauen- chor, der auf dem Tische lag und setzte sich ans Klavier. Bruno hatte Papier, Stahlstift und Schreibtafel schon vorbereitet. Er beeilte sich, die sanfte unpersönliche Sachlichkeit durch beschei- dene Zurückhaltung zu erwidern und unterdrückte die warmen Reden von Dank und Güte. Eine Unbehaglichkeit machte sich breit durch den trockenen Eifer, mit dem beide die Arbeit trieben und jagten, ohne auf- zuatmen. Die Dame war erstaunlich musikalisch. Sie hatte sehr bald heraus, wie beim Uebertragen der Schwarzdruck- noten in die Braille-Schrift zu diktieren war. Sie wußte sogar mancherlei Vorteile zu ersinnen und hielt sich peinlich genau
an die Anleitung, die er im Ton schüchterner Bitten vorbrachte. Nie irrte sie sich darin, die Stimmen von der tiefften aufwärts anzuordnen, nie las sie Akkorde in falschem Schlüssel oder in falscher Oktave. Geriet ihr einmal eine Stimme in die andere, hatte sie eine so rührende Art zu erschrecken und war so drollig bemüht, den Fehler wieder gutzumachen, daß Bruno wünschte, sie möchte sich öfter irren. Der Frauenchor war in einem Stündchen abgeschrieben, obgleich ein Solo mit sehr bewegter Orgelbegleitung darin vorkam. Die letzren Punkte stach Bruno in steigender Er- regung: Wird sie jetzt einfach gehen? Der Klavierdeckel klappte zu. Langsam legte Bruno das Blatt aus der Tafel auf den Tisch und ließ mechanisch die Finger über die Zeilen streifen, um nachzusehen, oder der Griffel irgendwo daneben geglitten war. Aber er wußte gar nicht, was er las. Er lauschte zum Klavier hin. Sie rührte sich nicht und sah seinen Fingern zu. Da gab er sich einen Ruck und erklärte ihr das System: Buchstaben und Noten. „Es klopft, Herr Görnitz!" Bruno hörte sein eigenes„Herein!" nicht, so kräftig und gleichzeitig erschien ein Gruß in hellem, hallendem Bariton. Mit ein paar legeren Förmlichkeiten stellte sich Bankier Liptus, wie'immer, von neuem vor.(Diesmal hatte ihn Bruno wirklich nicht erkannt.) Er bemächtigte sich eines Sessels und hörte zu. Bruno ließ sich durch den Eindringling in seinem Vortrag nicht unterbrechen. „Kann man denn aber von einer solchen Organistenstelle allein leben?" warf der Bankier unvermittelt ein. „Nein," sagte Bmno ohne Betonung und wandte sich mit seinen Erläuterungen gleich wieder an das schweigsame Fräulein. Als Lizzi kam, eilig mit ihrem nachdrücklichen Gang, winkte ihr Lipftis, stille zu bleiben. Bruno beirrten diese halb geahnten, halb wahrgenom- menen Bewegungen, die über ihn hinweggingen, mehr als laute Geräusche. Er wurde unsicher, fühlte, was er dachte und sagte, von etwas Unbeeinflußbarem, Dunklem begleitet- Er suchte diese grundlose Verwirrung und Befangenheit ärgerlich zu überwinden. Da sagte die Stimme tief und weich mit einem kleinen seidenen Nebengeräusch wie eine sordinicrte Viola:„Sie sind schon fort, die Beiden. Sie stören noch in ihrer Abwesenheit, nicht wahr?" Wie ein Wunder ersclsien es ihm, daß sie so einfach und selbstverständlich dies ihm' selbst kaum Faßliche klar verstand, (Fortsetzung folgt.)