Abendausgabe
fir. 560 43. Jahrgang Ausgabe B Nr. 277
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10 Pfennig
Sonnabend
27. November 1926
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Was ist mit Geßler?
Die Reichswehr , das alte Schmerzenskind.
Der Tag" weiß etwas von einer Geßler rise zu melden, die angeblich vertagt sei. Die Sozialdemokraten hätten mit den Demofraten Besprechungen gehabt, in denen von einem Mißtrauensantrag gegen Geßler die Rede gewesen sei. Ein Teil der Demokraten wünsche Geßlers freiwilligen Rüdtritt, während alle übrigen bürgerlichen Parteien den Sturz des Reichswehrministers im Augenblick nicht wünschten.
Die Sozialdemokratie, so orafelt das Hugenberg- Blatt weiter, betreibe Geßlers Sturz, um für den Fall von Berhandlungen über die Große Koalition die Leitung des Reichswehrminifteriums in ihre Hände zu bekommen. Im Reichstag rechne man aber mit einer Bertagung dieser Angelegenheit bis nach Weihnachten .
Der ,, Tag" hat etwas läuten gehört, er weiß aber nicht, wo die Glocken hängen. Für die Sozialdemokratie handelt es sich nicht um die Person, sondern in erster Linie um die Sache, und nur, soweit die Sache mit einer Berson untrennbar verbunden ist, auch um die Person. Es ist fein Geheimnis, daß die Sozialdemokratie gegen die Zustände in der Reichswehr sehr ernste Beschwerden hat, und daß fie der Meinung ist, die Reichswehr müsse endlich so geführt werden, daß sie aufhöre, für die innere wie für die äußere Politik des Reiches eine Belastung zu fein. Die Sozialdemofratie münscht zwischen dem Reichswehrminifterium und dem Reichstag , zwischen der Wehrmacht und der Nation ein Berhältnis der Klarheit und Wahrheit, also ein System, das so ziemlich das gerade Gegenteil des gegenwärtigen ist. Daß sie mit dieser fachlichen Forderungg allein steht, glauben wir nicht. Auch die„ Germania " beschäftigt sich heute mit den Kämpfen um die Reichswehr und sagt zu ihnen:
Beide Richtungen find sich einig darüber, daß das Heerent politisiert sein muß, so wie die alte Armee" es war. Diesem Berlangen schließen wir uns vollständig an. Wie die alte Wie die alte Armee es war. Die alte Armee diente ,, mit Gott für König und Vaterland". Bon Politik war im alten Heere nur insoweit die Rede, als man die Zugehörigkeit zu staatsverneinenden" oder gar„ umffürzlerischen Parteien unterdrüdte, und im übrigen von allen Heeresangehörigen, vorab von den Offizieren, eine„ önigstreue" Gesinnung verlangte. Das war folgerichtig, mag man auch in der Anwendung des Prinzips manchmal übers Ziel hinaus geschoffen haben. Wir sind mit der Rechtspresse- es tommt ja nicht allzu oft im großen und ganzen einig. Wir verlangen aber, daß das, was für die alte Armee gut war, auch der neuen gewährt wird. Früher hieß die Devise, önig und Baterland", jetzt heißt sie ,, unser Boltsstaat". Die Forderung der Loyalität dem beStehenden Staat gegenüber ist die gleiche geblieben. Das Heer der Republik muß aus Leuten bestehen, die gesinnungsmäßig genau fo zur gegenwärtigen Staatsform stehen, wie die Angehörigen der alten Wehrmacht gegenüber der damaligen Staatsform. Das ist eine Selbstverständlichkeit, über die es nichts zu diskutieren gibt, das ist die richtige und allein mögliche Entpolitisierung.
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Auch die ,, Germania " wird sich darüber klar sein, daß dieses Programm durch bloßes gutes Zureden nicht verwirt licht werden kann, sondern daß das nur mit rücksichtsIpfer Energie zu bewirten ist.
Die„ Sport"-Offiziere in Schlesien . Nene Enthüllungen.
Breslau , 27. November.( Eigener Drahtbericht.) Die Enthüls lungen über private Finanzierungen der Reichswehr in Schlesien für ihre sogenannte„ Sportfurse" wurden von be
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Die Sportlehrer" in Schlesien. teiligten Arbeitgebern und vom Reichswehrministerium mit einer eifrigen Suche nach dem Gewährsmann des B. T." beantwortet. Unser Breslauer Parteiblatt stellt heute dazu feft, daß die Reichs mehr ihre illegalen Bestrebungen in Schlesien so unge schi di mastiert habe, daß die Kenntnis davon längst weit verbreitet sei. Der Stand der internationalen Verhandlungen über die Militärkontrolle gestatte heute, nachdem die Geheimverbände anerfanntermaßen feine außenpolitische, Rolle mehr spielen, die Betanntgabe auch eines Teiles der in unserer Partei vorhandenen Kenntnisse darüber. Daraus ergibt sich, daß die gesamten illegalen Formationen in Schlesien heute ausschließlich dem innerpolitischen Kampf der Rechtsradikalen diene.
In jedem Landkreise von Schlesien und ebenso in den größeren Stadtkreifen werde ein illegaler Kreisoffizier mit eigenem Burau von der Reichswehr besoldet. Allein in der Broving Niederschlesien beständen über 40 solcher Bureaus, deren Adressen durchweg bekannt seien. Die Aufgabe dieser Kreisoffiziere sei die Beschaffung von illegalem Heeresersaß, der dann auf dem schlesischen Truppenübungsplatz Neuhammer ausge. bildet werde. Die Zahl der Zivilisten, die zu Zwecken der finanziellen Mittelwerbung diese Ausbildungskurse befichtigen konnten, sei bereits so groß, daß eine etwaige Ableugnung des streng militärischen Charafters der Ausbildung leicht widerlegt werden könne. Das Parteiblatt nennt dann eine Reihe von solchen„ Kreisoffizieren" und stellt in jedem Falle genau fest, daß es sich um be tannte Funktionäre des„ Stahlhelm" und anderer rechtsradikaler Organisationen handle.
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Allerdings treten auf Grund einer Verfügung des Reichswehrminifteriums diefe Offiziere im selben Augenblid, in dem sie in den Dienst der Reichswehr treten, aus ihren Verbänden aus. Doch wird an einer Reihe von Beispielen dargelegt, daß sie weiterhin in engster Berbindung mit diesen ihren Organisationen bleiben und daß die gesamte Beschaffung des Heereserfatzes ausschließlich aus der Mitgliedschaft der rechtsstehenden Wehrverbände stammt. Bis vor, furzer Zeit stand dabei der Jungdeutsche Drden als gleichberechtigt mit dem Stahlhelm", worin neuerdings teilweise ein Wandel eingetreten ist. Bezeichnend für den Charakter der Streisoffiziere ist es, baß der eine von ihnen sein Bureau in den Räumen des Kreislandbundes hat, daß ein zweiter zugleich Führer der gelben Gewerkschaften" ist, usw. Auf den Befehl dieser Kreisoffiziere merden ausgebildete und unausgebildete Leute zu Kursen in„ Waffenfunde" tommanbiert, die in den Gebäuden und auf dem Ge. lände der Reichswehr stattfinden. In den Befehlen ist ab solute Verschmiegenheit zur Pflicht gemacht und es heißt dann immer wieder:„ Die Kurse gehen unter dem Namen Sport vorträge."
Zur Erweiterung dieser Kurse, also zur vermehrten Ausbildung von ausschließlich rechtsradikalen Leuten unter Führung rechtsraditafer Offiziere im Waffengebrauch hat die Breslauer Kavalleriedivision und das Berliner Wehrfreistommando Mittel bei den Arbeitgebern erbeten. Der Erfolg sowohl der diesjährigen Geldsammlung, die zum ersten Male auch auf den Einzelhandel ausgedehnt wurde, als auch der vorjährigen Bemühungen bei Landwirtschaft und Großindustrie sei aber nicht so groß, daß davon allein die umfangreiche Drganisation der Kreisoffiziere, geschweige denn die Ausbildung der illegalen Mannschaften hätte bezahlt werden fönnen. Offenbar habe das Reichswehrministerium auch Etatmittel dafür freigemacht, die sie zu anderen Zweden ins Reichsbudget eingesetzt hatte. Der jetzige Zus stand der Ersaßwerbung der Reichswehr und der illegalen Neben formationen in Schlesien sei die beste Begründung für die Forderung Löbes zur gründlichen Umstellung und kontrolle, der Reichswehr Refrutierung und zur Anfündigung Hermann Müllers, daß eine Prüfung des Reichswehretats erfolgen würde.
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Bezüglich der Frage des Charatters der darauf folgenden Wehrverbände und Generalstab. Bölterbundstontrolle ist man in London und Brüssel Letzte Forderungen der Kontrollkommiffion. geneigt, der deutschen Interpretation des Artikels 213 des Bersailler Bertrages zuzustimmen, wonach die Bölkerbundskontrolle Brüffel, 27. November.( Eigener Drahtbericht.) Nach den nicht permanent, sondern nur von Fall zu Fall statizufinden letzten Informationen läßt sich der augenblickliche Stand der Ent habe. Auch hier ist Paris anderer Ansicht, aber schließlich erwartet waffnungsfrage etwa wie folgt zusammenfassen: Abgesehen von klei- man auch diesbezüglich feine unversöhnliche Haltung von Briand. neren Streitpunkten, deren Bereinigung taum noch Schwrierigkeiten Italien scheint sich über seine Stellungnahme bisher vollständig machen wird, stehen noch zwei wichtige Buntte zur Distuffion: ausgeschmiegen zu haben und versucht, zu manövrieren. Der tatdie Vaterländischen Verbände und die Organisation eines deutsächliche Kernpunkt des Streites in der nächsten Zukunft dürfte die fchen Generalstabes. 3u dem ersten Bunft neigen London Frage sein, ob die interalliierte Kontrolle weiter funttio und auch Brüssel zu der Ansicht, daß mit der Verfügung von nieren soll, bis die Frage des Charakters der Bölterbunts. Disziplinarstrafen gegen die Berbindung zwischen Reichs fontrolle entschieden ist, oder ob gemäß dem deutschen Bunsche wehr und Baterländischen Verbänden, und zwar in allen Bundes- die interalliierte Kontrolle aufzuhören habe, auch wenn eine er staaten, die Angelegenheit als erledigt betrachtet werden könnte. schöpfende Bölferbundskontrolle noch nicht organisiert ist. obwohl man die Berhängung von Kriminalftrafen anstatt Disziplinarftrafen vorgezogen hätte. Der zweiten Frage bezüglich des deutschen Generalstabes scheint London feine allzu große Bedeu= tung beizumeffen, da man dort der Ansicht ist, daß keinerlei aufgezwungene Borschriften Deutschland verhindern könnten, den Ceneralstab geheim zu organisieren, wenn es wolle. In anderen Hauptstädten meint man dagegen, daß dieser Einwand immerhin die moralische Bedeutung der Frage nicht löse. In Paris ist man viel weniger entgegenkommend, doch glaubt man in Brüssel nicht, daß Briand unüberwindliche Schwierigkeiten machen wird. Man nimmt vielmehr an, daß die Zurückziehung der Interalliierten Kontrollkommission bald eine beschlossene Sache sein perde,
Die Arbeitslosigkeit steigt wieder. Her mit dem Notgeset!
Die Arbeitslofenziffern steigen wieder. In der Zeit der ersten Novemberhälfte ift die Zahl der männlichen Hauptunterstüßungsempfänger von 1068 000 auf 1077 000 gefliegen, die der weiblichen Hauptunterstützungsempfänger von 240 000 auf 237 000 zurückgegangen. Die Zahl der Hauptunterftüßungsempfänger am 15. November beträgt 1314 000 gegenüber 1308 000 am 1. November. Die Steigerung beträgt also 0.4 Proz. Die Zahl der Zuschlagsempfänger( unterffüßungsbered figte Angehörige) ift von 1 353 000 auf 1387 000 gefflegen.
Der Kampf um die Arbeitszeit.
Und die kommunistische Begleitmufit.
Von Franz Spliedt.
In Sowjetrußland herrscht eine Arbeitslosigkeit, die, ges messen an der Zahl der gewerblichen Arbeiter, größer ist als die deutsche. Trogdem überall lange Arbeitszeit und leberstunden. Immer wieder zeigen die verstreuten Berichte im russischen Zentralorgan, dem Trud", daß der im„ Arbeitsfoder" verheißene Acht stundentag nur auf dem Papier steht und daß leberarbeit in weitem Umfang geleistet wird. Im ,, Trud" vom 16. Juni 1926 schäßt der Chef des Arbeiterschußdepartements, Kaplun, daß in der Ukraine mindestens 30 Broz. der Arbeiter bis 9% Stunden täglich arbeiten, daß in der Metallindustrie 70 Proz. aller Betriebe monatlich 40 Ueberstunden machen. Er beklagt, daß selbst im Bergbau teils über 9 Stunden gearbeitet wird und daß niemand daran denkt, die vorgeschriebene wöchentliche Ruhepause von 42 Stunden einzuhalten, sondern, daß sowohl im Bergbau wie in der Metallindustrie regelrecht wöchentlich fieben Tage gearbeitet werden. Und wer die Berichte der Generalversammlungen der russischen Gewerkschaften stubiert ( nicht die Potemkindorflegenden der Delegationen), findet gleiche Klagen in Hülle und Fülle.
Sowjetrußland kann seiner darbenden Arbeiter wegen den sozialen Aufstieg der Arbeiter anderer Länder nicht ge= brauchen. Es soll keine für Rußland unangenehmen Ver gleiche geben, sondern es soll sich vom Arbeiterelend in den übrigen Ländern strahlend die Lage des russischen Arbeiters abheben. Darum werfen seine deutschen Trabanten immer wieder den deutschen Gewerkschaften Knüppel zwischen die Beine, selbstverständlich, wenn sie eine umfassende Attion zur Sicherung des Achtstundentages einleiten!
Freilich überrascht niemanden das alberne Geschrei, wonach der DGB. den Behnstundentag" festlegen wolle und daß die Gesetzwerdung des von den Gewerkschaften ausgearbeiteten Entwurfs jogar noch eine Verschlechterung gegenüber den bisherigen Zustand" bedeute. Häften die Menschen, die in der kommunistischen Presse solche Behauptungen aufstellen, einmal die zurzeit bestehende Arbeitszeitverordnung vor die Nase genommen, und damit den Tert des Entwurfs der Gewerkschaften verglichen oder, noch bequemer, hätten sie die letzten Nummern der Gewerkschaftszeitung", in der eingehend Stellung genommen wurde, gelesen, so hätten sie ihre arbeiterschädigenden Erfindungen nicht an den Mann bringen fönnen. Aber diese Arbeiterführer" betreiben ihr Metier nach dem Grundsay:" Schwindle wie der Teufel und lüge aus Prinzip."
Nach dem Entwurf der Gewerkschaften soll aus der geltenden Verordnung entfernt werden:
1. das Recht des Arbeitgebers, an 30 Tagen seiner Wahl und nach seiner Anordnung je 2 lleberstunden zu verlangen; 2. die Möglichkeit, durch Tarifvertrag eine über 8 Stunden hinausgehende Arbeitszeit( bis zu 10 Stunden) zu vereinbaren;
3. Die Möglichkeit, durch behördliche Erlaubnis eine über 8 Stunden hinausgehende Arbeitszeit zu gestatten;
4. die Bestimmung, daß der Arbeitgeber ft raffrei bleibt, wenn er freiwillige Ueberarbeit der Arbeitnehmer duldet oder annimmt;
5. die Bestimmung, wonad) in Betrieben und Berwaltungen des Reiches, der Länder und der Gemeinden die Dienstbehörben eine Verlängerung der Arbeitszeit anordnen können und wo nach die für Beamte gültigen Dienſtvorschriften über die Arbeitszeit auch auf die übrigen Arbeitnehmer angewandt werden können.
Gefordert ist, daß lleberarbeit nur gemäß§ 10 zuläffig ist, also bei vorübergehenden Arbeiten, die ,, in Rotfällen oder zur Verhütung des Verderbens von Rohstoffen oder des Mißlingens von Arbeitserzeugnissen" vorgenommen werden müffen.
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Das heißt, daß der tatsächliche Achtstundentag hergestellt ist, wenn diese Forderungen vom Reichstag angenommen find. Statt dieses zuzugeben, flaubt die fommunistische Presse zwei Sonderbestimmungen des Entwurfs heraus, nämlich die Bestimmungen über die Arbeitsbereitschaft" und die über die sogenannten ,, Bor- und Nach arbeiten". Beides stellt im Entwurf erhebliche Berbesserungen gegenüber dem geltenden Gesez dar. Heute ist in solchen Fällen die Mehrarbeit ohne weiteres und ohne Berständigung mit den Arbeitern zulässig. Gefordert wird von den Gewerkschaften, daß nur durch Tarifpertrag folche Ausnahmen zulässig sein sollen. Daß für diese Sonderfälle eine besondere Regelung notwendig ist, weiß jedes Kind, nur nicht die„ Rote Fahne", obwohl sie nur weiß jedes Kind, nur nicht die„ Rote Fahne", obwohl sie nur einmal in den heiligen russischen Arbeitsfoder zu blicken brauchte, um zu sehen, daß auch dieser solche Regelungen fennt.
Wollte man den Begriff der Arbeitsbereitschaft" grundfaglich ablehnen, so müßte man darauf verzichten, gewisse Arbeitergruppen überhaupt unter das Arbeitszeitgesetz zu bringen. Vor- und Nacharbeiten gewisser Teile der Belegschaft find in einigen Betrieben notwendig, um der Gesamtbelegschaft die Arbeit zu ermöglichen.
Aber die Kommunisten triumphieren: der DGB. will doch den Zehnstundentag, denn im Entwurf steht schwarz auf weiß: ,, Die Arbeitszeit darf auch bei Anwendung der in den vorangegangenen Baragraphen zulässigen Ausnahmen einschließlich der Arbeitszeit zehu Stunden täglich nicht über