Nr. 46+ 44.Jahrgang
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1. Beilage des
Vorwärts
" Faust" im Café Dalles.
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Café Dalles das war der Inbegriff alles Schmierigen, Düsteren und Hoffnungslosen; der Galgenhumor hatte die Wärmeund Speisehalle in der Schönhauser Straße mit diesem euphemistischen Namen getauft. Kleine Diebe, kleine Hehler, Dirnen legten Ranges und andere dunkle Gestalten verkehrten hier, und jede Razzia brachte der Polizei leichte Beute, aber meist waren es doch nur Stichlinge", die im Käscher blieben. Denn die großen Raubfische schwinimen in anderen Gewässern... Aber immer mehr entwickelte sich das Café Dalles zu dem Zentraljammelpunkt des Berliner Lumpenproletariats, und schließlich mußte die Polizei wegen der andauernden Belästigungen der ganzen Anwohner den Be trieb fchließen. Monatelang stand das Lokal leer, es war, als wäre die Stätte verfehmt. Im Herbst endlich wagte es ein Unternehmer, in dem langen, forridorähnlichen Raum ein Rino aufzumachen. Vormittags um 9½ Uhr schon beginnt der Betrieb, und das Publikum der Obdachlosen hat dem neuen Unternehmen feine Gunst erhalten. Obdachlose, die ins Kino gehen! Schändlich! Aber wer da weiß, wie mude man von der Asylpritsche morgens aufsteht, begreift, daß mancher gern einmal in der Woche einige Groschen opfert, um zu schlafen. Und das neue Kino hat noch einen Borzug: es hat einen Klavierspieler statt des üblichen mechanischen Klaviers, einen Klavierspieler zwar, der Achtstundenschicht hat aber er legt doch nocy immer öfter mal eine Pause ein als so ein mechanischer Martertasten. Und trotz dieses Borzuges war dieses Kino das billigste der Gegend, denn der Besizer ermäßigte für Erwerbslose die billigen Eintrittspreise noch um die Hälfte! Da kam aber der großmächtige Filmverleiher- Zentralverband und verbot der
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Gerichtstag.
Bon Fred Bérence.
Copyright 1925 by Paul Zsolnay , Wien '
, Louis," sagte der Direktor, führe diesen Knaben auf Numero fechs. Und jetzt heißt es aufrecht gehen, sonst weh' dir," wandte er sich an mich. Geh' mit diesem Jungen und tue, was er dir sagt."
Ich ging.
Romm her," schrie der Herr Direktor, kannst du nicht höflich sein und der Schwester Jeanne danten, die die Güte gehabt hat, dich herzuführen?"
Ich ging zitternd auf sie zu und dankte ihr, dann folgte ich dem Jungen, der mich vertraulich an der Hand faßte und mit mir ins dritte Stockwerk ging. Dort öffnete er eine graue Tür.
,, Da ist das Hundeloch, ich schlafe auch hier, so sind wir Bimmerfameraden."
,, Hier wirst du schlafen," sagte mir der Junge ,,, neben mir, das ist das letzte leere Bett,"
Ich schwieg.
,, Wie heißt du eigentlich?"
,, Jacques Valcourt, und du?"
,, Louis, wie alt bist du?"
Behn Jahre."
,, Du bist groß, ich hätte dich für zwölf gehalten. Seit wann bist du auf dem Pflaster?"
Ich schaute ihn verständnislos an.
Na also, seit wann hat dich deine Alte verlassen?" ,, Mich hat niemand verlassen," rief ich. Ich habe noch meinen Vater und meine Mutter, es muß ein Bersehen sein, sie wissen nur nicht, wo ich bin."
,, Wenn du Vater und Mutter hast," wiederholte er ruhig, ,, dann ist's wie beim Machut, seine Eltern sind zu arm, um ihn ernähren zu fönnen, was soll er da machen? So ist er halt hier."
Ich antwortete nicht. Denn ich wußte nicht recht, was ich hier zu suchen hatte. Ich blidte auf und wagte es, ihn anzuschauen. Er war ein großer, magerer Junge mit schwarzen Augen, fleiner Nase, großem Mund, großen Ohren, großen, roten, rauhen Händen, er hatte ein gutes, einfältiges Geficht.
,, Du," sagte er, es geht einem hier nicht schlecht, jetzt sind wir im ganzen fünf, du bist der sechste. Ich bin schon
| ortige Eintrittskartenschleuderei", und als sich der Inhaber des Kinos fträubte, dem ersten Ansuchen nachzukommen, drohte man ihm sogar mit dem Entzug der Filme, und nun mußte er nachgeben; nicht zum Vorteil seiner Einnahmen, denn für einen Arbeitslosen find zwanzig Pfennig viel Geld. Bemerkenswert ist es aber, daß in diesem Kino auch Filme laufen, denen man sonst in derartigen Lichtspielhäusern nicht begegnet. So wurde hier, wenige Wochen nach der Uraufführung, Dr. Faust" gespielt und, zur eigenen Ueberraschung des Besizers, fogar von dem Stammpublikum sehr beifällig aufgenommen.„ Meinswejens fennten se nu den janzen Joethe filmen der Mann wa' n Schenie und jeheert zu de Bilbung!" äußerte sich eine begeisterte Stimmes aus dem Bublifum. 2bber durch allen neugetünchten Rinoglanz dringen schon wieder feuchte, graue Fleden, als ob die Wände sogar das Elend auschwihten, und die Milljöhdecke in der eleganten Klubfeffeledke" des Foyers ist mit Reißnägeln festgezwickt...
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Eine fraurige Aufklärung hat das Berschwinden des 26 Jahre alten Ingenieurs Karl Biecens aus der Simplonstr. 41 gefunden. Viecens war in einem Betriebe in Brig angestellt. Am 8. Dezember verabschiedete er sich abends um 11% Uhr von seinen Kollegen am Buschfrug und bestieg einen Wagen der Straßenbahnlinie 47, um nach Hause zu fahren. Dort tam er jedoch nicht an. Jetzt wurde er in der Nähe der Koldizstraße in Tempelhof a is Leiche aus dem Teltow fanal gelandet. Spuren von Gewalt sind weder an der Leiche noch an den Kleidungsstücken zu finden. Zu einem Selbstmord hatte Biecens teine Veranlassung.
Freitag, 28. Januar 1927
Das Schicksal der Verkehrsreform.
Beratungen vor dem Haushaltsausschus. Gestern beschäftigte sich zum erstenmal der Haushaltsausa schuß der Stadtverordnetenversammlung mit den Magistratsvor lagen über die Berliner Berfehrsreform. Es fam vorläufig nur zu einer allgemeinen Debatte. Die Deutschnationalen konnten die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, ohne eine scharfe Attacke gegen den Magistrat zu reiten. Angeblich hat die Stadt die Hoch bahn viel zu teuer erworben. An allem Unglück set nur der böse Oberbürgermeister schuld, der eine unverantwortliche Expansionspolitik betreibe. Es war vorauszusehen, daß die Deutschnationalen unbelehrbar sein und gegen die eigene bessere Einsicht sich aus rein demagogischen Gründen abseits stellen würden. Die Kommunisten erklärten, grundsätzlich nur für einen Einheitspreis von 15 Pfennig eintreten zu können. Sie machten nicht den leisesten Versuch, den Nachweis zu erbringen, wie es möglich sein soll, auf dieser Grundlage den Ausbau des Berliner Verkehrsnezes, den sie genau so stürmisch wie alle anderen Parteien fordern, durchzuführen und zu finanzieren. Allgemein wurde gewünscht, daß die in Aussicht genommene 90- Millionen- Anleihe als eine städtische Anleihe zur Ausgabe gelangen solle. Der Magistrat stellte in Aussicht, einem solchen Beschluß des Haushaltsausschusses eventuell in seiner nächsten Sizung bereits beizutreten, um die Begebung und die Verhandlungen mit den Aufsichtsbehörden beschleunigen zu können. Am Dienstag soll die Spezialberatung der einzelnen Borlagen erledigt werden. Im übrigen ergab die erste Beratung bereits ziemlich deutlich, daß alle Beteiligten die Grundzüge der Reform billigen und davon überzeugt find, daß diese Reform kommen muß. Nur fönnen die extremen Parteien rechts und links es nicht über sich gewinnen, auch die Konsequenzen dieser Einsicht vor ihren Anhängern zu vertreten. Die gesamten Borlagen werden am nächsten Donnerstag in zweiter Lesung das Plenum der Stadtverordnetenverfammlung beschäftigen.
„ Wir waren beide arbeitslos..."
Tragödie im Proletarierheim.
Der Fall des angeklagten Arbeiters Albert Fendel entrollt eint bedrückendes und trostloses Bild aus dem Dasein zweier arbeitsloser Proletarier. Der Angeklagte, ein derber, schwerer Mann, wirtt feineswegs sympathisch, aber als er dann in seiner unbeholfenen Art wiederholt sein Bedauern über seine Untat ausspricht, gewinnt er doch etwas. Im Grunde genommen fällt die Tat wieder auf das Konto des Alkohols. Schnaps und Bier sollten ein wenig Licht ins graue Heute bringen, und sie brachten Mann und Frau um die Befinnung. Der Mann hob seine schwere Hand, da war es um des arme Weib geschehen. Aber der Täter ahnte nicht, was er angerichtet. Hätte er Arbeit und ein geregeltes Leben gehabt, es wäre vermutlich alles anders gekommen.
Es war, so erzählt er, der 10. November, der Geburtstag meiner Frau. Wir waren beide arbeitslos und hatten an dem Morgen die Erwerbslojenunterstüßung eingezogen, zu fammen 36 Mart, 10 Mart befam ich auch noch von der Fürsorge zur Miete Dieje 10 Marf gab ich meiner Frau für die Wirtschaft, fagte ihr, fie folle Schulden bezahlen und nicht soviel einfaufen. Da ich Geld in der Tasche hatte, suchte ich mehrere Wirtschaften auf zur Feier des Geburtstages. Als ich mittags nach Hause kam, hatte meine Frau eine große Schnapsflasche vor sich stehen. 25ir haben dann zusammen weitergetrunken. Dann kam die Schmiegermutter zum Gratulieren. Sie ging in der sechsten Stunde weg. Meine Frau ging eine halbe Stunde später auch weg. Ich glaubte, sie wollte etwas einholen. Sie fam und fam aber nicht wieder. Ich habe dann den Rest aus der Literpulle ausgetrunten. Es mar schon Nacht, als meine Frau endlich kam total betrunken. Ich fragte, ob fie den Grüntramhändler bezahlt habe. Sie sagte:„ Der bekommt das Geld nächste Woche." Ein Wort gab das andere. Du habe ich ihr eins gehauen. Nachher lag sie an der Erde. Es hat mir leid getan. Ich habe sie aufgehoben und ausgezogen aufs Bert
,, Das ist ein Neuer," erklärte Louis, er wird mir beim Geschirrabtrocknen helfen." ,, Gut, hol Basser." Dann wendete sie den Kopf nach und fragte mich mit Berachtung: Wie heißt du?" Jacques."
zehn Jahre hier, man fann ruhig sagen, daß ich zu der Bude gehöre, der Direktor ist nicht böse, sein Sohn auch nicht; die Alte schreit immer herum, du brauchst dich aber vor ihr nicht zu fürchten, wenn sie dir auch einmal eine herunterhaut.mir Man muß nicht viel arbeiten, man bastelt ein bissel im Garten herum, ganz schön ist es hier."
Seine Lobeshymne wurde von einem dröhnenden Läuten abgeschnitten.
Romm jetzt zum Abendessen," sagte er.
Wir gingen ins Speisezimmer hinunter. Bier Jungen in grauer Hofe und mit blauen Schürzen waren schon darin, der eine mochte fünfzehn Jahre sein, die anderen waren in meinem Alter. Neugierig schauten sie mich an.
Mein Protektor stellte mich vor: Das ist der Neue." Die Tür ging auf und eine große, dürre Dame mit ernstem Gesicht, braungrauem Haar und Augen von derselben Farbe- alles in diesem Hause war grau trat ein, gefolgt vom Herrn Direktor und einem jungen Mann.
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Die Frau Direktor sie war es nämlich warf mir einen strengen Blick zu: ,, Du bist der Junge aus dem Spital?" Ja, gnädige Frau," ftammelte ich.
,, Sprich laut und deutlich," sagte sie in schulmeisterlichem Ton und setzte sich zu Tisch.
Du seh' dich neben mich," sagte mir der junge Mann und zeigte auf den Plaz neben sich. ,, Danke schön."
"
ẞst!"
Alle falteten die Hände, senkten den Kopf und blickten mit frommem Geficht auf den Tischrand.
,, Herr segne diese Speisen, die uns deine Barmherzigkeit spendet, Amen," sprach mit lauter Stimme der Herr Direktor. Die Frau Direktor teilte die Suppe aus, dann bekamen wir noch einen Reisbrei und man stand vom Tisch auf. ,, Louis," rief die Frau Direktor, hast du heute Abend Dienst?"
,, Jawohl, Frau Direktor."
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Gut. So nimm dir den Neuen zur Hilfe mit, er foll fich an die Hausordnung gewöhnen."
Ich wurde in die Küche geführt, wo eine alte Frau saß, sie hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und verschlang gierig eine riesige Schüssel Reis mit getrockneten Pflaumen. ,, Das ist die Köchin, Fräulein Klothilde," flüsterte mir mein Schutzengel zu.
Fräulein Klothilde hob bei dem Geräusch ihren großen roten Kopf, in dem zwei kleine, schwarze Augen saßen, und blidte uns mit föniglicher Herablaffung an.
Täte dir auch nichts schaden, wenn du ,, Fräulein" sagen würdest. Kannst du Geschirr abtrocknen?" ,, Ich will es versuchen."
Berjuchen willst du's?? Das ist wirklich eine freche Antwort."
Und sie drehte mir den Rüden, der der Statue der Republik ähnlich war. Dabei brummte fie etwas unverständliches vor sich hin. Louis hatte heißes Wasser in ein Schaff gegossen und nachdem er die Teller mit einem Fetzen gewaschen hatte, reichte er mir einen nach dem andern. Ich hielt ein schmieriges Tuch in der Hand und wischte das Geschirr voller Ehrfurcht ab. Als ich beim letzten Teller angelangt war, näherte sich Louis dem Fräulein Klothilde und bat sie, ihm gütigft zu erlauben, ihren Teller und ihre Gabel zu nehmen.
,, Nimm es nur mein Junge," sagte sie gnädig.
Louis tauchte den Teller ins schmugigfalte Waffer, fo= dann reichte er ihn mir; während ich ihn abtrocknete, betrachtete ich Fräulein Klothilde, deren hoheitsvolles Gehaben mich beluftigte und demütigte. Da entglitt auf einmal der Teller aus meinen Händen und zerbroch mit großem Getöse auf dem Boden.
Fräulein Klothilde war mit einem Satz neben mir und verabreichte mir eine so mächtige Ohrfeige, daß ich bis zum andern Ende der Küche flog.
Trottel, Bieh, Dummfopf, Kretin," schrie fie mit einer schrillen Stimme, wie ein wütender Papagei.
Ich rieb mir die Wangen, dice Tränen stürzten aus meinen Augen.
,, Ich habe es nicht absichtlich getan," stotterte ich. ,, Weiter fehlte nichts."
Gerade hob sie die Hand, um mir eine zweite Ohrfeige zu verabreichen, als die Frau Direktor auf der Schwelle erschien. Sofort überschaute sie das Unheil.
,, So ein Esel," rief fie ,,, tann man ihn denn zu gar nichts gebrauchen!"
Und voller Berachtung fügte sie hinzu: Solche Habenichtse geben immer am menigsten acht. Jetzt geh' schlafen und morgen werden wir dann sehen, ob du zu einer Arbeit zu gebrauchen bist."
( Fortsetzung folgt.)