Nr. 116 ♦ 44.?ahrgakg
7. Seilage ües vorwärts
voktkerstag, 16. März 1627
vom Schloß Zur Jugendherberge.
Auf der Strecke Oranienburg — Granse«— Fürstenberg— Neu- Streng, ein wenig abseits von der Bahnstrecke gelegen, das Nein« märkische Dorf Löwenberg . Letzter Rest des kleinen Ländchens Löwenberg . Bor einigen 600 Iahren Besitz des Bischofs von Brandenburg , dann vielumstrittenes Berkaufsobjett zwischen den großen Herren des Landes. Im Mittelpunkt das Schlößchen Löwenberg , das noch vor wenigen Jahren kaum mehr als den Eindruck einer Ruine auf den Besucher hervorbrachte. Mit oer- mauerten, erloschenen und zerschlagenen Fenstern und Türen, so berichtet Regierungsbaumeister Peschke im neuesten Brandend. Jahrbuch, in völlig verwahrloster und verkrauteter Umgebung, auf drei Seiten von Wasser und Gräben umfaßt, bot es im Schatten hoher Bäume bisher den lebenden Beweis von der ewig wechselnden Erscheinung und dem Verfall, dem alles Irdische unterworfen ist. Aber schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts ist Schloß Löwenberg nicht mehr wie früher der Mittelpunkt des Ländchens, sondern zum einfachen Rittergut geworden, um welches sich, durch neue Kulturen ins Leben gerufen, eine Anzahl neu«ingerichteter wirtschaftlicher Anlagen erheben, die bald selbständig« Besitzungen werden. Die letzten Jahrzehnte hat das Schlößchen dann ganz unbewohnt ge- standen: seine Benutzung als Schnitterkaserne und Unterkunft für kriegsgefangene Landarbeiter war das Ende. Der für den Landbesitz einschneidendsten Folge des Krieges, der Enteignung und der Auf- teilung größerer Güter zur Ansiedlung vertriebener Deutscher, fiel das Gut Löwenberg als erstes zum Opfer, und der einstige Mittel- punkt eine» geordneten Besitzes, ja das Mutterhaus der Landschaft, sollte als unbrauchbarer Störenfried der Spitzhacke überliefert werden. Der Provinzalverband Brandenburg trat schützend für die Erhaltung des stattlichen Hauses ein und erwarb es mit neun Morgen Acker und Wiese. Seinerzeit hat das Schloß- anwesen eine heute nur schwer zu erkennende Gestalt gehabt. Die bis zu 1,30 Meter starken Mauern des Nordflügels weisen auf einen Turm hin. Das Haus ist ursprünglich um zwei Fensterachsen kürzer gewesen, eine Zugbrücke führte über den die Burg vollständig um- gebenden nassen Graben. Ein Dorhof gab den Küchen- und Neben- gebäuden Raum. Ja, sogar der so oft als Sage erwähnt« unter- irdische Gang war und ist auch heute noch vorhanden, sein« Richtung zeigt zur Kirche hin. Wir haben es somit bei dem mittelalterlichen Bestand« mit dem Wehr- und Schutzbau eines nicht so sehr auf Ackerbau, als auf Lieferung des Zehenten vom Bauer bedachten Ritters zu tun. Wie schon gesagt, befand sich das Haus zur Zeit der Uebernahme im Zustande trostlosester Vernachlässigung. Es war nach und nach zu einer Art Steinbruch und billigen Holzquelle ge- worden, aus dem jeder sich nach Bedarf sein Baumaterial holte. Die Westseite war durch die eindringende Feuchtigkeit besonders mit- genommen; ist doch in einem Raum« kein einziger Balken mehr mit der Mauer verbunden gewesen, so daß man sagen kann, nur Ge- wohnheit und Schmutz hielt die Konstruktion zusammen. Dem Umbau zu einer Jugendherberge wurde durch den
Mangel von Kanalisation und fließendem Wasser von vornherein das Bauprogramm gegeben. Am Eingang des Grundstücks wurde als Abschluß nach außen und innen hin ein kleines Torhäuschen errichtet und die Wegführung dadurch zwangsläufig so gelegt, daß sich der Blick auf das Schloß erst in der Frontansicht öffnet. In unmittelbarer Näh« eines neugebohrten Brunnen» erhebt sich ein neues Fachwerkgebäude, es enthält Wasch- und Aborträume sowie einen kleinen Stall für den Hauswart. Der Graben ist geräumt, die Böschung befestigt, der nach der großen Spielwiese führende Teil des Grabens wieder als trockener Terassengang geöffnet. Vor dem Schlosse bleibt ein bekiester Turn- und Spielplatz, umgeben von Obstbäumen und jungen Pflanzungen. An und in dem alten Hause selbst ist sehr wenig verändert. Zunächst mußt« es von zahlreichen späteren Einbauten befreit werden, denn Luft und Platz sind die crssen Erfordernisse. Der nördliche Flügel des Erdgeschosies enthält die Herbergstüche sowie die Wohnung des Hauswarts mit Küche und drei Stuben, der südliche Flügel zwei größere Schlafzimmer und einen kleinen Tagesraum. Die zum Obergeschoß führende Treppe, die auf Grund alten Befundes vollständig neu aufgestellt wurde, gibt mit ihren breiten Stufen, dem mächtigen Handlauf und den starken
Das Schloß vor seiner Wiederherstellung.
Pfosten den beiden Dielen etwas sehr Festtiches, sie bereitet vor auf die durch einen offenen Bogen miteinander verbundenen großen T a g e s r ä u m e. Es ist, nach Regierungsbaumeister Peschke, so wenig wie möglich an dem alten Bestände geändert, denn die Auf- gäbe hieß nicht, eine neue Jugendherberge zu errichten, das wäre mit weniger Mitteln und anderen Bauformen leichter und vielleicht auch besser durchzuführen gewesen. Die Provinzialverwaltung hat erstrebt, den Bau zu erhalten und seine eindrucksvolle Sprache unserer Jugend verständlich zu machen, und es ist zu hoffen, daß dieses Streben durch den Erfolg belohnt wird.
isss neue Straßennamen. Nach einer Mitteilung des„Vorwärts" hat der vor etwa Jahres- frist zur Neuordnung unserer Straßenbezeichnungen eingesetzte Aus- schütz des Magistrats und der Stadtverordneten beschlossen, rund ISVlZ Straßennamen umzubenennen. Wenn der Aus- schuß glaubt, uns möglichst viel neue Namen bescheren zu müssen, so hat er seine Aufgabe gründlich verkannt. Wir brauchen nicht neue, nicht mehr, Straßennamen, sondern einige tausend Namen weniger! Groß-Berlin hat heute fast an 10 000 Straßennamen: welcher Chauffeur, welcher Straßenbahner oder Verkehrsbeamte soll sich darin zurechtfinden? Dabei sind noch weite Strecken zwischen den einzelnen Vororten unbebaut, wo noch viele tausend Namen untergebracht werden können und, wenn man in der bisherigen Weise fortfährt, auch untergebracht werden müsien. Sollte in den, Ausschuß wirtlich niemand sitzen, der den übrigen Herrschaften klar- macht, daß wir endlich einmal aus dem Wirrwarr der unendlich vielen Straßennamen, den uns der Kommunal-Freisinn hinterlassen hat, herauskommen müsien? Es ist nicht damit geholfen, daß wir einem Vorort, wie Biesdorf , anstatt seiner Kaiser-, König-, Prinzen-, Fürstenstraße, die es in Berlin selbst oder in anderen Vor- orten schon gibt, ebensoviele neu« Namen verschaffen, sondern es muß Ordnung, Planmäßigkeit, Uebersichtlichkeit in das Wirrsal der Straßenbezeichnungen hineingebracht werden. Die Straßennamen sollen doch dazu dienen, dos Zurechtfinden in dem Häusermeer zu erleichtern oder überhaupt erst zu ermöglichen. Die Orientierungsmöglichkeit muß daher das Leitmotiv bei der Umbenennung der Straßennamen sein. Zu berücksichtigen ist dabei, daß die Straßen nicht nur dem Verkehr innerhalb der Stadt, sondern im Zeitalter des Automobils auch dem Verkehr von Stadt zu Stadt dienen sollen. Es muß daher verlangt werden, daß die Hallesche, Bernauer usw. Straße nicht eine versteckt gelegene Seiten- straße ist, sondern auch nach Halle, Bernau usw. hinführt. Die großen Ausfallstraßen müsien daher möglichst vom Mittelpunkt der Stadt, auf jeden Fall aber von dem betreffenden„Tor" aus bis zur Grenze des heutigen Groß-Berlins einen einheitlichen Namen führen. Ueberhaupt müsien einheitliche Straßenzüge auch ein- heitliche Namen führen. Wer viel in Berlin herumzulaufen hat, der weiß, wie irre- führend und mit wieviel Zeitverlust es verbunden ist, wenn die Straße plötzlich einen ganz anderen Namen führt, obwohl man immer geradeaus gegangen ist. Die in Berlin übliche Art der Nummerierung der Häuser erhöht diese Irreführung noch. Kommt man in eine fremde Stadtgegend, so kann einem in den meisten Fällen niemand eine richtige Auskunft erteilen, denn die meisten Berliner kennen nur den Weg von ihrer Wohnung zur Arbeits- ftätte, was rechts oder links davon oder gar noch weiter darüber hinaus liegt, ist ihnen mit Ausnahme der großen Verkehrsstraßen gänzlich unbekannt. Bei der absoluten Systemlosigkcit der Straßen- bezeichnungen ist das auch nicht zu verwundern. Sache des be- rufenen Ausschusses ist es daher, nicht etwa anderthalb Tausend neue Straßennamen auszuklügeln, sondern Planmäßigkeit und Orb- nung in das ganze System zu bringen. * Ein Friedrich-Eberl-Plah in Lübeck . Anläßlich der Wiederkehr des Todestages des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert hat der Senat von Lübeck den Lindenplatz, einen zwischen der Holsten - brücke und dem Bahnhos gelegenen alten, mit Linden umsäumten Platz, in Friedrich-Ebert-Platz umbenannt.
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Gerichtstag. von Fred Lsrence. covrrlrl» lSK dir Paul Zaolnar, Wie»'
„Was soll das nützen, er Wird höchstens sagen, daß ich dich gegen ihn aufreize." „Wenn nur die Patin niemals ein Wort von dieser Sache erfährt... und du muht so viel als möglich vermeiden, mit ihr längere Zeit zu sprechen, das ist viel klüger und an- ständiger." „Anständiger?" fragte ich.„Sprichst du auch so? Die Patin könnte ja meine Mutter seinl Du weißt ganz gut, daß zwischen ihr und Doktor Claude Beziehungen bestehen. „Was soll ich tun? Dein Vater hat so aus mich eingeredet. daß mir der Kopf schwirrt." Sie schwieg, ich sah sie an, sie warf mir einen Blick zu. Wir fühlten tiefes Mitleid miteinander. „Wie glücklich sind wir noch vor sechs Monaten gewesen," murmelte sie. „Das ist wahr." „Irl)' habe keine Ruhe mehr, bin überreizt, immer fürchte ich ein Unglück und du wirft sehen, daß ein Unglück passieren wird. Nachts kann ich nicht schlafen, bei Tag bin ich durch die häuslichen Arbeiten und diese fortwährenden Streitigkeiten so erschöpft, daß ich nicht einen Augenblick Ruhe für meine Nerven finde. Und dazu immer das quälende Gefühl, das mich nicht verläßt, mich überall hin verfolgt: es wird ein Unglück geschehen." „Mama, mir zuliebe mußt du dich beruhigen." „Oh, ich weiß es sehr gut, der Abgrund ruft den Abgrund, Unglück zieht neues Unglück herbei, Gedanken sind lebende Wesen, die handeln. Ich weiß genau, daß ich aus lauter Furcht vor der Gefahr die Gefahr anlockte, aber ich habe keine Kraft mehr dagegen anzukämpfen. Jetzt fängt der ganze Jammer wieder von neuem an und ich meinte doch, daß ich nicht mehr unter dieser fürchterlichen Angst würde leiden müssen. Das bringt mich noch ins Grab. Auch für dich ist der Kampf zu hart, mein armer Junge, ich sehe es, ich möchte dir helfen, aber ich habe keine Kraft mehr." Im Korridor wurden Schritte hörbar, instinktiv wichen wir voneinander zurück, aber wir empfanden Scham bei dieser Bewegung.
Die Tür öffnete sich und der Vater kam herein. „Ihr habt euch ja sehr lange Geschichten zu erzählen." .„Jacques hat mit mir Geschäftliches besprochen. ..So, so!" Ich hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt und aß mechanisch mit der rechten Hand. Mein Vater blickte mich voller Verachtung an, dann tat er, als ob er zur Mutter spräche. „Er kann nicht einmal ordentlich essen." „Laß' ihn in Ruhe, er ist müde." „Immer mußt du ihn entschuldigen, er läßt sich jeden Tag mehr gehen; schau, wie er den Teller zurückgestoßen hat, da kann man sehen, in welcher Gesellschaft er oerkehrt, das sind die Manieren eines Reisenden." Wut schnürte mir das Herz zusammen, ich fand keine Antwort und das steigerte noch mein« Empörung. Aber ich sprach kein Wort und blickte ihm nur voller Verachtung in die Augen. Er wendete sich wieder seiner Frau zu:„Sieh nur, wie er mich mit seinen Blicken herausfordert, er hat den Augenausdruck eines gebackenen Karpfens." Ich erinnerte mich, daß auch meine Mutter vor einigen Jahren dieses Wort gebraucht hatte, das tat mir weh und ich brummte:„Jeder hat den Ausdruck, der ihm paßt." „Was sagst du, du Rotzbub?" und er hob seinen Stock. Die Mutter warf mir einen strengen Blick zu: ich verstand, daß dieser Blick„Schweig jetzt" bedeutete, aber ich kümmerte mich nicht darum. „Ich bin nicht rotziger als andere; ich habe Kopfschmerzen und gehe zu Bett, gute Nacht." „Das ist das Gescheiteste, was du tun kannst," höhnt« der Vater,„wart' nur, ich werde dich schon unterkriegen. „Das wird sich zeigen." „Gute Nacht," sagte die Mutter und schob mich mis der Küche. J6> ging in mein Zimmer und in einem Nu war ich im Bett. Alles geschah wie im Traum und ich hatte das Gefühl, daß mich eine unsichtbare Hand antrieb. Ich war ganz kraft- los, konnte keinen klaren Gedanken fasien, die Angst hielt mich mit eisernen Krallen gepackt. Endlich schlief ich ein, aber fürchterliches Alpdrücken quälte mich. Es war schon heller Tag, als ein undeutliches Stimmengewirr an mein Ohr lchlug. Ich hörte den Vater schelten:„Neun Uhr und der Bursch' ist noch nicht aufgestanden, wirklich eine Schande. Andrch geh' ihn wecken." Sofort wurde die Tür lärmend aufgerisien, Andre trat ein und rief:„Herr Faulpelz, es ist schon Zeil aufzustehen.
Glaubst du vielleicht, daß man dir das Frühstück ins Bett bringen wird?" „Laß mich in Ruh!" Und ich drehte mich zur Wand, ganz entschlossen, dann aufzustehen, wenn es mir passen würde. AndrH ging hinaus. Nach ein paar Minuten öffnete sich wiederum die Tür und ich erkannte die Schritte meiner Mutter. Neugierig, was sie mir sagen würde, stellte ich mich schlafend. Sie berührte mich an der Schulter. «Jacques, steh' auf, es ist neun Uhr vorbei, du schläfft wie das Vieh, das tust du absichtlich, um den Vater aufzuregen." Ich wendete mich um und blickte sie an: in ihren Augen war der unheilverkündende Stahlglanz. Sie wiederholte ungeduldig:„Steh' schon endlich auf." „Er hat dich mit dem Austrag geschickt, nicht wahr?" „Ich lasse mir von niemandem etwas befehlen," erwiderte sie eisig. „Aber er hat dich doch geschickt." „Ich weiß nicht, wen du meinst." „Deinen Mann, das ist doch klar." „Ich verbiete dir, so zu sprechen." „Schon gut, wieder ist es ihm gelungen, dich von meiner Schuld und von seiner kindlichen Reinheit zu überzeugen." „Du bist unverschämt, dein Vater hat ganz recht, man muß dich unterkriegen." „Du sprichst so, obgleich du so gut weißt, was ich zu leiden hatte?" „Das wird immer schöner, spiel' dich nur auf den Mär- tyrer hinaus." „Keinswegs, wir haben ja schon an dem einen gewissen Herrn genug." „Ich verbiete dir nochmals, so von deinem Vater zu sprechen." „Vergiß nicht, daß er wie mein ärgster Feind an mir gehandelt hat." „Du übertreibst immer und alles: jetzt steh' auf und tu« mir den Gefallen, dich heute anständig aufzuführen." Sie ging aus dem Zimmer und warf die Tür zu. Ich stand aus, zog mich an, ging in die Küche, wo sich die Mutter und das Dienstmädchen der Patin befanden. In diesem Augenblick kam ein durchdringendes Gefchrei aus dem Hof. Es war Pauls Stimme, dann ein großer Lärm, Bellen, meine Mutter war zum Fenster gestürzt. Es wurde angeläutet und mit einem Satz waren wir bei der Tür. Alice führte Paul an der Hand, zwei große Bluflpuren zogen über sein Gesicht. (Fortsetzung folgt.)