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Nr. 146 44. Jahrg. Ausgabe A nr. 74

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

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Sonntag, den 27. März 1927

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Internationaler Frauentag.

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Frauenrecht und Sozialismus. müßte unſer Solidaritätsgefühl mit den Schweſtern der inter - Arbeitslosigkeit und größter wirtſchaftlicher Not der

Wofür wir kämpfen müssen. Von Marie Juchacz .

Als 1911 die Abhaltung von internationalen Frauentagungen, die sich in jedem Jahre wiederholen, in der Kopenhagener Frauenkonferenz beschlossen wurde, waren die Voraussetzungen für einen solchen Kampf­und Feiertag der Frauen andere als heute. Damals wollten die Frauen der Arbeiterklasse ihren Kampf um Bürger rechte schärfer und intensiver gestalten. Sie wollten in allen Staaten einmal im Jahre ihre Forderungen ganz besonders laut und eindringlich erheben. Sie wollten auch auf die öffentliche Meinung Eindrud machen und sie wollten vor allen Dingen auf ihre Geschlechtsgenoffinnen aus der Arbeiter flaffe einwirken, um sie für den Kampf um Frauenrechte und für den Sozialismus zu gewinnen.

nationalen Arbeiterklasse uns veranlassen, den Tag mit ihnen zu begehen. In Frankreich fämpfen die Frauen noch immer um die Gleichberechtigung. In Belgien hat man ihnen außer dem Gemeindewahlrecht nur ein passives Wahlrecht zum Bar­lament gegeben, das heißt, die Frauen dürfen gewählt wer­den; die große Masse ist ausgeschlossen. In England dürfen die Frauen erst vom 30. Jahre an wählen, in Spanien , Italien , Jugoslawien und anderen Ländern behandelt man die Fraue .. noch als politisch Unmündige. Aber überall, auch dort, wo das Frauenwahlrecht existiert, fämpfen die Frauen ihren Kampf um wirkliche Gleichberechtigung, für sozialen Schutz, gegen Elend und Not, für eine bessere Lebensgeftal­tung, für bessere Erziehungsmöglichkeiten ihrer Kinder, für fulturelle Entwicklungsmöglichkeiten der Arbeiterklasse. Nur mit den Frauen wird die Arbeiterklaffe ihr Ziel, den So­zialismus, erreichen.

Darum auf zum Internationalen Frauentag !

einzelnen Familien sowohl wie der einzelnen Gemeinden, erflärten die Bertreter der beiden zuständigen Ministerien wieder, da es sich um eine Sache der Länder und Gemeinden handele, fönne weder etwas angefordert, noch bewilligt werden, obwohl die soziale Notlage durchaus anerkannt und gewür­digt werde.

Damit fonnten wir uns nicht zufrieden geben, und auch den bürgerlichen Parteien erschien es nicht ratsam, diese Frage nach formalen Gesichtspunkten zu entscheiden. Sie konnten sich unserer Auffassung nicht verschließen, daß hierbei in erster Linie das Wohl der Kinder entscheidend sein müsse. Unser Antrag auf 5 Millionen fand keine Mehrheit, dagegen wurde die bis 1. April 1927 notwendige Summe von 2 Millionen Mart bewilligt, so daß die Fortführung der Kinderspeisung in vollem Umfange bis zu diesem Termin hin gesichert war. Verteilt wurden die Mittel nach dem System, wie es bei der Quäferhilfe organisiert worden war. Wenn wir auch da von nicht befriedigt waren, so stellten wir unsere Wünsche nicht in den Bordergrund, um das Wert nicht zu gefährden. Die Mittel tamen zu ihrer 3medbestimmung, und das war entscheidend. Reich, Länder und Gemeinden- trugen pflicht­gemäß je ein Drittel der Kosten, doch muß ausdrücklich be merft werden, daß verschiedene Gemeinden, voran Berlin , das Vielfache dieses Pflichtbetrages für die Kinderspeisung bisher aufgebracht haben. Dagegen ist es den kleinen Ge­meinden in Thüringen , in Sachsen , in Schlesien und in an­Frauen, Mütter, etwas Unerhörtes soll geschehen. Die deren Armutsgebieten Deutschlands einfach nicht möglich, Mannes für die Arbeiterklasse und ihre Kinder zu Bürgerblodregierung mill die Reichszuschüsse für die mehr als ihren Anteil aufzubringen, d. h. gerade in diesen Kinderspeisung nicht mehr geben. Formale Rechtsfährdeten Kinder gibt, fönnte ohne den Reichszuschuß die Gebieten, wo es die meisten hungernden und gesundheitsge­grundfäße stellt man dem lebendigen Recht hungernder, unter Speisung nicht in dem bisherigen Umfange aufrechterhalten ernährter Rinder entgegen. bleiben. Und gerade hier wäre es nötig, den Kreis der Teil­nehmer auszudehnen.

Haben wir das heute trotz des Frauenwahlrechtes nicht mehr nötig? Erst recht. Gerade weil wir nicht mehr ganz fo waffenlos find, ist es nötig, den Kampf um Freiheit und Glück zu führen. Der Kampf ist in ein anderes Stadium ge­treten. Nicht mehr um die politischen Rechte des Staats­bürgers müssen wir fämpfen. Viel mehr als es je der Fall war, ist es unsere Aufgabe geworden, an der Seite des

tämpfen.

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Frauen aufgewacht!

Unerhörtes geschicht!

Bon Clara Bohm- Schuch .

Als die Not der deutschen Kinder nach Beendigung des Krieges sich der Welt erschütternd enthüllte, riefen eble Menschen im Auslande großzügig ein Hilfswerk für deutsche Kinder ins Leben. Zehntausende kleiner, halb verhungerter Menschlein wurden in Dänemark , in der Schweiz , in Holland und anderen Ländern wieder gefund ge­pflegt. Amerika fandte Lebensmittel, und die Quäfer richteten die Kinderspeisung in Deutschland ein. Allen ist Deutschland zu großem Dank verpflichtet. Nicht nur, weil so viele Kinder aus unverschuldetem Elend errettet wurden, vor Siechtum und Tod bewahrt, sondern auch weil dieses Liebeswert Brücken des Verstehens zwischen den anderen Völkern und Deutsch­ land schlug, die den Frieden Europas fefter tragen als manches politische Abkommen.

Warum dann aber Frauentag? Bliden wir uns doch einmal in Deutschland um. 3ermürbt von der Sorge des täglichen Lebens, ausgefogen von schmerer Arbeit und Entbehrung, in stetem Ringen mit dem Wohnungselend und der Arbeitslosigkeit stehen die Frauen der Arbeiterklasse da. Biele von ihnen tragen ihre Mutterschaft als schwere Bürde. Das, was die Erfüllung ihres Lebens sein sollte, was Glanz und Freude in ihr Leben bringen müßte, erweist sich für viele als schwere Last, ja mehr als das, als Fluch. Das naďte Elend grinst ihnen und dem kommenden Kind entgegen. Reine Wohnung, kein Tisch, kein Bett, kein Brot. Die Sozialdemo­tratie versucht dauernd in der Gefeßgebung im Reich und den Ländern, sie versucht in den Gemeinden, in der Verwaltungs­arbeit den Müttern unseres Volkes und ihren Kindern zu helfen. Hier helfen aber nicht Gefeße und Verwaltungsmaß Wir Sozialdemokraten haben immer die nahmen allein, nicht das, was als Verordnungen auf dem Schulspeisung verlangt, aus ethischen und volksgesund Papier steht. Die Frauen selbst in ihrer großen not- heitlichen Rücksichten. Es ist ein unerträglicher Gedanke, daß leidenden Masse müssen sich klar sein über ihre Forderungen, in einem Kulturstaat Kinder hungrig zum Schulunterricht die sie als weiblicher Mensch an die Gesellschaft zu stellen gehen müssen, dem sie dann natürlich vor förperlicher Er­haben. Mit ihren Forderungen müssen sie sich die öffentschöpfung nicht folgen können. Ein Staat, dem es um feine liche Meinung erzwingen, und mehr noch, fie müssen eigene gefunde Entwicklung ernst ist, muß solche Elendzustände fich als weibliche, als mütterliche Menschen die Achtung er beseitigen. Aber wir leben in einer fapitalistischen Gesell­Pämpfen, die sie um der arbeitenden Menschheit und um ihrer Schaftsordnung, in der noch immer das Menschenrecht der Kinder willen nötig haben. Armen als überflüssiger Lurus erscheint.

Die wirtschaftliche Entwicklung und die heutigen Eigen­tumsverhältnisse zwingen die Frau noch immer in die wirt­schaftliche Abhängigkeit vom Manne. Unsere Gesetzgebung trägt diesem Zustand noch immer Rechnung. Die Frau ver­liert mit der Heirat eines Ausländers ihre Staatszugehörig feit, sie gibt mit der Heirat nicht nur ihren Namen, sondern auch ihre unbeschränkte Geschäftsfähigkeit auf, sie verliert mit der Heirat ihr alleiniges Verfügungsrecht über ein ererbtes oder vorher erworbenes Sparguthaben, sie muß die Erlaubnis des Mannes haben, wenn sie nach der Heirat noch einen Be­ruf erlernen will, sie ist auf dem Arbeitsmarkt in Krisen­zeiten benachteiligt, furzum: ihre persönliche Bewegungsfrei heit ist noch stark eingeschränkt, wie es mit der modernen Ent- fügung wicklung nicht mehr in Einklang steht. Die verheiratete Frau und Mutter aber muß dafür alle Unbill des Lebens doppelt start empfinden. Ungerechte und zu harte Zölle und Steuern, schlechten Lohn, Lebensmittelteuerung, Wohnungsnot ver­bünden sich mit der Doppellast Erwerbsarbeit und Mutter schaft, um sie die ganze Schwere des weiblichen Daseins fühlen zu lassen.

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Das alles ist doch wohl Grund genug für die sozialistische Frau, zu kämpfen? Aber selbst dann, wenn wir hier alles erreicht hätten, was zum Ausbau einer sozialen Boltsgemein­schaft erforderlich ist aber mir haben es nicht, dann

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Die Quäter hatten es zur Bedingung gemacht, daß auch das Deutsche Reich einen bestimmten Zuschuß zu den Kinderspeisungen leistete. Diese Verpflichtung fiel formal fort, als nach der Stabilisierung der deutschen Währung, als wir uns wieder selber helfen fonnten, die Quäter in die, noch größeren Notgebiete Europas gingen. Tatsächlich und mora­lisch blieb die Verpflichtung des Reiches bestehen. Es war ganz unmöglich, bei dem damaligen Gesundheitszustand im Sommer 1924 die Kinderspeisung einzustellen. Ueber die Notwendigkeit der Fortführung bestand feine Meinungsver­fchiedenheit. Trotzdem wurden im Etat für 1925 Mittel für diefen 3wed nicht angefordert. Der von uns geftellte Antrag, 5 Millionen für die Fortführung der Kinderspeisung zur Ber­fügung zu stellen, wurde vom Reichsernährungs- und Finanz­ministerium hartnädig befämpft mit der Begründung, es handele sich um eine Angelegenheit der Länder und Gemein­den, das Reich könne Zuschüsse nicht leisten. Schließlich ge­lang es, eine Verständigung mit den bürgerlichen Parteien dahin zu erzielen, daß die beantragten 5 Millionen aus den Ueberschüssen der Reichsgetreideftelle genommen wurden. Diese Mittel reichten bis in den Herbst 1926. Die Reichs getreidestelle war inzwischen aufgelöst worden. Im Nach tragsetat für 1926 waren neue Mittel nicht angefordert, ob­wohl der Bertreter des Ernährungsministeriums bei den Be­ratungen über den Hauptetat im Frühjahr 1926 eine dahin gehende Erklärung abgegeben hatte. Auf meine Frage nach dem Grund solchen Berhaltens in einer Zeit schlimmster

Troß dieser Sachlage enthielt auch der Etat für 1927 feinen Mittelanschlag für diesen Zwed. Wir beantragten wieder die Bewilligung von 5 Millionen Mark, und wir gab es die Debatte wie früher. Das Zentrum erklärte schließ­lich, der Bewilligung noch einmal( weil es Sache der Län­der und Gemeinden nach dem Finanzausgleich sei) zustimmen zu wollen, wenn der Verteilungsnachweis geführt würde. Er wurde geführt, und so fand der Antrag auf Einstellung von 5 Millionen Mark die Zustimmung des Haushaltsausschusses sowohl wie des Reichstagsplenums bei der zweiten Lesung des Ernährungsetats.

Und nun soll für die dritte Lesung im Plenum ein Antrag der Regierungsparteien auf Streichung dieser 5 millionen einge­bracht werden! Derselben Parteien, die in der zweiten Lesung der Bewilligung zugestimmt, die die sozialen Ursachen dieser Forderung im Ausschuß anerkannt haben, die die Fort­führung der Kinderspeisung als eine Notwendigkeit ansehen, aber... für die Länder und Gemeinden nur. Sie wissen, daß sie damit gerade für die ärmsten Gegenden Deutschlands dies Hilfswerk gefährden; sie wissen, daß sie der Verbreitung der Rachitis und Tuberkulose Borschub leisten. Sie wissen, daß aus dem Hunger die Berzweiflung, aus der Berzweiflung das Verbrechen wächst. Sie wissen, daß Rin= der, die sich nie fattessen fönnen, an ihren moralischen Kräften verfümmern, wie an den förperlichen.

Aufgabe der Länder und Gemeinden, Finanzausgleich, Rechtsgrundsatz usw. usw. Sollte es nicht Gebiete geben, auf denen die Zuständigkeit der Verpflichtung unbestritten fein müßte? Es handelt sich nicht um Berliner oder Beulenrodaer, nicht um preußische oder sächsische Kinder. Es handelt sich um hungernde, unterernährte deutsche Kinder. Ihnen zu helfen, ist Deutschlands Pflicht. Als die ausländischen Freunde, die Quäler, die Beteiligung des Reiches zur Pflicht machten, da wurde sie ohne Murren erfüllt. Hat die gegen­wärtige Regierung gar kein Gefühl für moralische Wirkun­gen im Ausland? Stehen die anderen Regierungsparteien so unter dem Druck der Deutschnationalen, daß auch sie jeden Blick für tatsächliche moralische Notwendigkeiten verlieren?

Für den Heeresetat find 690 Millionen Marf von den­selben Parteien bewilligt, die 5 Millionen Mark für die Rinderspeisung ablehnen wollen. Frauen, Mädchen, Mütter, wacht auf! Helft, daß solche Zustände beseitigt werden. Heute beginnt die internationale Frauen= werbewoche. Kämpft mit uns gegen die brutale Un­gerechtigkeit der tapitalistischen Gesellschaft, deren Bertreter die gegenwärtige Bürgerblodregierung in Deutschland ist. Kämpft und werbt neue Streiter um das Lebensrecht der Kinder.