Nr. 172 ♦»4. Jahrgang
1. Seilage ües vorwärts
dieüstag, 12. 1H27
dem Zentralflughafen Berlin mindestens 16 000 Flugzeuge starten und landen, um etwa 40 000 Passagiere und 700 000 Kilo» gramm Lustgüter zu befördern. Am Ostermontag, dem 18. April, wird der sowohl im Einblick auf den Winter wie auch auf den vorigen Sommer wesentlich verstärkte Sommerluft- verkehr 1927 beginnen. Während im vergangenen Jahre etwa 50 Strecken in Deutschland und nach dem Auslande, teils durch diq Deutsche Lufthansa ollein, teils in Betriebsgemeinschaft mit aus- ländischen Luftverkehrsgesellschaften unterhalten wurden, weist das diesjährige Streckennetz etwa 80 in- und ausländische Linien auf. Die Dergrötzerung gegenüber 1926 beträgt demnach mehr als 60 Proz. Die Gesamtlänge des Streckennetzes, d. h. die tägliche Leistung der Kursflugzeuge in beiden Richtungen, beträgt rund 57 000 Kilometer gegenüber 37 000 Kilometer des vergangenen! Jahres, und ein Hauptknotenpunkt dieser Verbindungen ist Berlin , der„Luftrangierbahnhof Europas". Flugpost im Schneckenkempo. Man schreibt uns: Seit einigen Monaten befindet sich mein«! Tochter in Paris und teilt mir mit, daß sie ihr Reifezeugnis des Oberlyzeums sofort vorlegen mutz, um eine Ermäßigung des Schul- geldes einer höheren Poriser Schule zu erhalten. Meine Tochter bat mich dringend, das Zeugnis durch Flugpost abzusenden. Früh 8 Uhr am Montag der vorigen Woche übergab ich dem Postamt 5 in Eharlottenburg den F l u g p o st b r i e s, bezahlte auch noch den Detrag für die Rohrpostbestellung des Briefes nach dem Flughafen und erhiest die bestimmte Zusicherung, daß der Brief bereits am Abend in Paris sei und spätestens am Dienstagfrüh im Besitz der Empfängerin sei. Ich hatte erst die Absicht, den Brief mit der Bahn zu senden, da der Zug, der früh 8.22 Uhr Charlottenburg verläßt, am anderen Morgen ebenfalls bereits in Paris ist, ober ich vertraute dem neuen Beförderungsmittel. Wer begreift aber mein Erstaunen, als ich am Freitag früh die Mitteilung aus Paris erhielt, daß der Brief noch immer nicht eingetroffen sei. Ich beschwerte mich beim Postamt und erhielt die Antwort, daß dann eine Nachfrage nach dem Verbleib des Briefes sich notwendig mache. Endlich, am Sonntag früh, erhielt ich aus Paris die Mit- teilung, daß der am Montag ausgegebene Flugpostbrief am Freitag früh in Paris bestellt sei und erst am Donnerstag von Köln weiter- befördert sei. Anstatt sich für die Bummelei zu entschuldigen, stellte mir die Post für die Nachfrage eine Mahnung über SO Pf, Nachgebühren und 20 Pf. Mahngebühren, also insgesamt 70 Pf. zu. Ich lehnte die Zahlung ab, aber die Post droht mit dem Gerichts- Vollzieher, und um allen Weiterungen aus dem Wege zu gehen, habe ich die 70 Pf. bezahlt. Jeder andere Geschäftsmann, dem irgendein Auftrag gegeben wird, würde sich zum mindesten entschuldigen, wenn ihm eine solche Bummelei nachgewiesen wird, aber die Post stellt Mahngebühren auf, Nachtragsforderungen und droht obendrein mit dem Gerichtsvollzieher.___ Blinde Filmschauspieler. Kann es wohl etwas Erschütterndes geben, als d i e Sprach«! der Leinwand, die Sprache der Augen von Blinden dar- gestellt zu sehen? Es gibt ein Mitleidheischen, das an Grausamkeit grenzt. Der Allgemeine Blindenverein wirbt um Freunde und Gönner und führte in einem„Kulturfilm"(?)„Aus der Welt der Lichtlosen" die Tätigkeit der Landesblindenanstalt in Kiel vor. Das segensreiche Wirken, das diesen Aermsten der Annen die verschlossene Welt wenigstens insofern zugänglich macht, daß sie sich auf eine der wenigen Möglichkeiten eine wirtschaftliche Selbständigkeit erringen können, ist natürlich im höchsten Grade anerkennenswert. Die B l i n d e n a u s b i l d u n g ist in ständigem Fortschritt begriffen und es erschließen sich immer wieder neue Existenzmöglichkeiten. Der Film zeigte den Werdegang der Blinden- zoglinge, angefangen von den ersten spielmäßigen Unterrichtsstunden bis zur fertigen Ausbildung in einem Berussfache. Groß ist das Elend unter diesen hilflosen Menschen. Es leben allein in Berlin ungefähr 2000 Blinde, wovon nur gegen 800 der Organisation an- gehören und dadurch einen gewissen Schutz genießen. Von diesen Mitgliedern des Blindenvereins find laut eines in letzter Zeit er- lassenen Fragebogens 72 Proz. außerstande, sich aus eigenen Mitteln zu erhalten. Der Vorsitzende des Vereins sprach in dankbaren Worten von der Unterstützung seitens des Zentralwohlfahrtsamtes der Stadt Berlin , knüpfte aber gleichzeitig die Bitte daran, daß seitens der einzelnen Bezirksämter noch viel mehr zur Unterstützung getan werden möge. Ein Blinden -Chorgesang leitete den Abend ein. Man soll Blinde nicht vom Frühling singen lassen, noch ihre armen, toten Augen dem unerbittlich grellen Licht der Filmlampen preisgeben. Beides macht ihr Dunkel nur noch gräßlicher und die Wohltat wird zur Schaustellung.
/lus öer Staöt hinaus! Was wird die Wocheneudausstellung zeigen?
Die Aufbauten für die große Wochenendausstellung des städti- schen Messeamtes in den Hallen am Kaiserdamm gehen langsam ihrer Vollendung entgegen. Der äußeren Organssation soll die innere entsprechen. Der Gedanke des Wochenendes, der schöne und doch so schwer zu verkörpernde Gedanke, soll in ein Bild gefaßt werden, das alles in seinen Bann zieht. Die Neue AutoHalle, durch die man die Ausstellung be- treten soll, wird dem Besucher zunächst das Bild des rauchigen, stickiaen Berlin zeigen, versinnbildlicht durch einen Stadtbahnbogen mit sich dahinter austürmendem Häusergewirr. Durch diesen Stadt- bahnbogen wird der Besucher gleichsam die Stadt verlassen, dann das Brandenburger Tor durchschreiten und sich nun inmitten einer Frühlingslandschaft befinden, deren Motive dem Tiergarten und dem Grunewald entnommen sein werden und zu der oben erwähnten Ausstellung der Stadt Berlin überleiten. Hat man diesen Teil der Ausstellung verlassen, so betritt man das riesenhafte Panorama der Reichsbahn und der Berliner Berkehrsgescllschaften, das zunächst das Weichbild von Berlin in 40 Kilometer Umkreis mit allen in Frage kommenden Verbindungen(Zeit- und Geldbedarf!) aufzeigt, um weiterhin in einem großen Rundbild die deutsche Landschaft bis an die schlesischen, thüringischen und Harzer Berge sowie bis an die Ost- und Nordsse unter gleichen Gesichtspunkten darzubieten. Hier werden die schönsten Punkte Deutschlands mit Landschaftssymbolen plastisch und malerisch dargestellt werden, um so dem Ausstellungsbesucher alles das gleichsam im Extrakt zu zeigen, was er beim Verlassen dieses Panoramas nunmehr in den Hallen zu sehen bekommt. Sein Blick fällt nun zuerst auf die Aus- stellung der Mark Brandenburg, die in noch niemals gezeigter Reichhaltigkeit und Originalität alle Schönheiten der engeren Heimat des Berliners mit den zurzeit vochandenen Verkehrs- und Unter- kunftsverhältnissen zusammenfassend veranschaulichen wird. In der Nähe der Ausstellung„Mark Brandenburg" findet der Be- sucher in einer Front von über 50 Metern in außerordentlich natur- getreuer und lustiger Weise das Freibad Wannsee , bevölkert von den Berliner Wochenendlern, aufgebaut. Wir sind sicher, daß nach dem Anblick dieses mit echt berlinischem Humor aufgebauten Schaustückes auch der wasserscheueste und humorloseste Ausstellungsbesucher Verlangen nach einem Besuch des Freibades Wannsee be- kommen wird. Dieses Verlangen erfüllt ihm die Ausstellungsleitung entgegenkommenderweise dadurch, daß sie jedem Ausstellungs- besucher mit der Eintrittskarte einen Gutschein für einmaligen Besuch des Freibades überreicht.— Auf der Galerie der Neuen Auto- balle befindet sich eine der größten in Berlin jemals gezeigten Kunstausstellungen, die unter der Leitung von Hans Balufchek steht. Das zwischen der Neuen AutoHalle und der Funkhalle liegende Freigelände wird eine vollkommen eingerichtete märkische Jugendherberge aufweisen, und unweit davon soll ein märki- scher Dorfkrug mit Seglerheim und märkischem Obstweinausschank dem von der Fülle des auf der Ausstellung Gebotenen ermüdeten Wochcnendwanderer Gelegenheit zur Rast und Erfrischung geben. Unweit hiervon bietet sich dem auf seinem Rundgange fortschreiten- den Besucher plötzlich ein seltsames Bild: Mitten im märkischen Sande des Ausstellungsgeländes wird er sich einem 25 Meter langen und 7 Meter breiten Dampfer mit Schornstein und Takelung geaenübersehen, auf den man von einer Parkfläche aus über eine Wasserfläche hinweg auf einem Landungssteg gelangt. Rund um den Dampfer und auf der gegenüberliegenden Seite grup- viert sich eine Ausstellung der Wassersportindustrie mit Zelten, Booten und anderem Wassersportbedarf. Die Funkhalle, an deren Stirnwand die Nord- und Ostsee - bäderverbände. der Bund der Deutschen Verkehrsvereine mit den ihm angeschlossenen zahlreichen Sehenswürdigkeiten den Wochenend- interessenten zu dem Entschluß verlocken werden, auch diese Gegen- den einmal gelegentlich in sein Wochenendprogramm aufzunehmen, wird als besondere Attraktion die Abteilung„Der Sport am Wochenende" bieten, die fast ausnahmslos von fast allen nam- haften Sportorganisationen wie auch von dem Museum für Leibes- Übungen u. a. beschickt wird. Besonders erfreulich sst, daß im Rahmen dieser Ausstellung auch das Arbeitersportkartell und der Arbeiteranglerbund mit umfangreichen Ausstellungen vertreten sind. In der gleichen Halle werden übrigens auch der AfA-Bund und
der GdA. und andere Angestelltenverbände, die Kleingartenvereine, der Bund der Naturfreunde und viele andere als Aussteller in Er- scheinung treten. Von der Funkhalle gelangt man auf das Frei- gelände um den Funkturm herum, das von Professor Straumer in einen modernen Ausstellungsgartensüretwa 4000 Personen nach neuesten gartenarchitektonischen Ideen angelegt ist, und durch diesen Garten nach der künstlerisch-siedlungs- technisch angeordneten Wochenendkolonie, die 55 Wochenend- Häuser aller Größen und Systeme, von der Wochenendlaube bis zur höchst wohnlich eingerichteten Wochenendvilla, aufzuweisen hat. Die Ausstellung wird am Sonnabend, dem 16. April, eröffnet. Der Seginn öer Sommerflugzeit. Der Luftrangierbahnhof Europas . Die Lufthansa und die mit ihr verbündete Berliner Flughallengesellschaft hatten gestern, wie schon kurz mit- geteilt, die Berliner Presse sowie mehrere hundert Leute, die nichts mit der Presse zu tun hatten und die Besichtigung der Anlagen nach Kräften erschwerten, nach dem Tempelhofer Flugplatz geladen. So- weit sich aus dem Durcheinander ein Bild gewinnen ließ, sei der Anlaß dieses Massengeneralappells mit Hilfe der ausgegebenen Druckschriften im folgenden wiedergegeben. Die neuen Bauten präsentieren sich heute scheinbar in ziem- licher Vollständigkeit, stellen' aber nur einen Bruchteil des ganzen Bauprogramms dar. Die Eröffnung des Sommer- luftverkehrs 1927 bedeutet in diesem Zusammenhang für den Flug- Hafen Berlin die Fertigstellung des ersten Hauptabschnittes im Ge- samtausbau der Flughafenanlagen. Dieser Abschnitt umfaßt die völlige Einplanierung des Flugplatzgeländes, die Herstellung von rund 12 000 Quadratmeter Hallenraum, von rund 8000 Quadrat- meter Bureau-, Werkstatt- und Lagerräume und die Fertigstellung des Teilbaues des Verwaltungsgebäudes. Die provisorischen Holz- hallen und Gebäude aus dem Jahre 1923 sind auf der westlichen Hälfte des Platzes entfernt und zu einer Sonderanlage am Ostrand des Flughasens neu aufgebaut worden. Zu den massiven Hallen 1 bis III westlich der Funktürme kamen im Jahre 1926 zwei Großflugzeughallen, die mit allen modernsten Be- triebsanlagen ausgerüstet sind. Sie zeichnen sich ganz besonders durch die in Tempelhof das erstemal zur Anwendung gebrachten, automatisch bewegbaren Schiebefalttore aus. Vor den Hallen sind in einer Ausdehnung von rund 40 000 Quadratmeter die„Bahn- steige des Luftbahnhofs" angelegt, die entsprechend den Ein- und Ausfahrt?- sowie Rangiergleisen der Eisenbahn die Start- rmd Landebahnen sowie Abbremsbahnen des Flughafens bilden. Auch die Nachtbefeuerungsanlagen wurden beträchtlich vermehrt. Zu dem vorhandenen 110 Zentimeter großen Schein- werfer und der Hallenfrontbeleuchtung mit Besegsonnen kamen die Blinklichter mit Neonröhren auf den 45 Meter hohen Funktürmen, der von oben beleuchtete Windrichtungsanzeiger. Hinzu kommt in den nächsten Wochen die Umrandung des Platzes mit Neonröhren, die augenblicklich provisorisch durch Pintschlampen kenntlich gemacht ist. Den Abschluß des ersten Hauptabschnittes und gleichzeitig den Beginn des weiteren Ausbaues des Flughafens bildet der Teil- bau des Verwaltungsgebäudes. Dieser Teilbau stellt etwa ein Fünfzehntel des gesamten endgültigen Bauwerkes dar, das auf Grund der Ergebnisse eines Wettbewerbes nach den Cnt- würfen der Architekten Engler und Sohn im Laufe der nächsten Jahre errichtet werden soll. Der Teilbau enthält auf dem Ost- slügel die Bureauräume für Funk- und Wetterdienst, Post. Zoll und Flughafengesellschaft, während auf der Westseite die Wirtschofts- räume des Luftbahnhoses untergebracht find. Hierzu gehören: ein 300 Quadratmeter großer Erfrischungsraum im Erdgeschoß, eine 120 Quadratmeter große darunter gelegene Bierstube und im Ober- geschoß«in Dachgarten van 600 Quadratmeter. Zur Unterbringung der Zuschauer sind vor dem Gebäude 12 000 Quadratmeter Ter- rassenflächen angelegt, die zu beiden Seiten des Luftbahnhofes liegen, unmittelbar vor den Bahnsteigen. Der gesamte Luftverkehr wird nunmehr zentral von diesem Gebäude aus bedient. Da das Luftverkehrsnetz im Jahre 1927 wiederum eine beträchtliche Er- Weiterung erfahren hat, kann für 1927 erwartet werden, daß auf
18]
Sif. Das Weib, das den Mord beging. Roman von Fritz Retf-ZNalleczewen.
Was ist? Was geschah mit diesem da? Ein Schäfchen steht auf dem Taburett neben dem Lager, «ine Injektionsspritze liegt daneben, das Morphiumglas ist der dritte Bestandteil dieses Regenerationswerkzeuges... Und zuerst ist es nur die Ueberraschung über dieses dem Manne da abgelauschte Geheimnis, der Hohn, der scharfe Zähne vorgetäuscht hat. Dann aber ist es die Empörung, die Wut des von einem Schwächling gedemütigten Weibes, die sie beinahe zu einer Dummheit treibt. „Satan, Feigling..." Und nun hat sie wirklich, eine kleine, etwas komische Lucrezia, den mitgebrachten albernen Dolch gezogen... nein, es ist gut, daß der eintretende Russe allen weiteren Möglich- leiten ein Ende macht. „Wecken Sie ihn auf!" herrscht sie den Diener an. Dann speit sie aus vor dem Schlafenden und verläßt den Raum.— Sie hat es übersehen in diesen letzten zehn Minuten, daß die„Manchouria" inzwischen vor Anker gegangen ist. Unten im Zwischendeck mustert bereits der an Bord gekommene Hafenkommissar die in Reih und Glied angetretenen Einwan- derer mit einem Blicke, vor dem ein überhitzter Dampfkessel zu einem Eisblock erstarren könnte. Und da drüben unter einer senkrecht, in der stillen, heißen Luft auffteigenden Rauch- wölke liegt nun das Ungeheuer, das auf sie wartet: rechts der Palermo-Park, die Kuppeln der Kathedrale, bei der man gestern gekämpft hat, die Dockinsel, links das Verbrecheroiertel Baraccas... der kleine Telegraphist, der die letzten Minuten zu einem harmlosen Flirt benützt, erklärt ihr eifrig die Topo- graphie der gewaltigen Stadt. Und Zollbeamte sind an Bord gekommen mit den neuesten Nachrichten von dem Putsch: dreihundert Tote, standrechtlich erschossen auf der Plaza del Mayo... Russen darunter, euro- päische Einwanderer, meuternde Truppen... Ein einge- borener, wie ein Bordellbesttzer aussehender Jndustriemaqnat mit Brillantgeschwüren an den dicken Fingern eifert für Frei- Keit und Fortschritt gegen den von Europa eingeschmuggelten Bolschewismus... Herr Juan Carlos Möller will wissen, ob
an der Calle Rivadaoia, in der Nähe seines Schuhladens gekämpft worden sei... irgendwoher, von der Borstadt La Boca wohl, hört man das Bellen eines einsamen Maschinen- gewehrs... der Hafenoffizier, der die Pässe kontrolliert, ist jetzt bei den Passagieren der zweiten Klasse angelangt... Herr Rickert, in Sachen der Telefunkengesellschaft von Hamburg kommend... Rabbiner Doktor Vogelsang, weiter reisend über Mendoza nach Santiago... Senjor Sorolla aus Bahia nebst Gattin und Baby... donäe estä Senjor Sorolla ? Eben, als der die Namen aufrufende Offizier bei ihr an- gelangt ist, sieht sie den Oberst Miramon, wie er rasiert, korrekt gekleidet, in guter Form kraft einer neuen Morphium- spritze wohl, die Treppe der zweiten Klasse heraufkommt. Und nun, während der Offizier ihren Paß in den Händen hält, ist sie doch blaß geworden. Gleichviel, besser den argen- tinischen VehöiDen als diesem Menschen da in die Hände ge- raten... Nein, nicht doch: der Offizier nimmt zwar nicht sonderlich Notiz von einer so erlauchten Persönlichkeit, wie es der Oberst Miramon doch zu sein scheint.. er klappt aber zufrieden den Paß zu, salutiert, die Formalität ist erledigt. Nach einer weiteren Biertelswnde klettert sie, während der kleine Tele- graphist ihr mit einer sorgfältig studierten Abschiedsred« einen Veilchenstrauß überreicht, während sie das Geländer als ein letztes Stück Heimat liebkost, die Fallreeptreppe hinunter in das wartende Boot. Und dann schiebt der La Plata seine unheiligen Lehm- fluten vorüber mit Bananenschalen und aufgetriebenen Tier- kadavern, den Unratwolken der Stadt und den kleinen schwimmenden Fetzen sumpfiger Erde, die mit Dornbüschen und kleinen grünen Giftschlangen abgerissen sind oben in der fernen Waldheimat des Stromes. Schlepper schießen vor- über mit dachsbeinigen braunen Arbeitern, die schon zur Nachtschicht hinüberfahren nach den großen Weizendampfern, ein weißer Kreuzer der Staatsmarine zeigt mit soliden Zehn» zentimeterkanonen hinüber nach den Spelunken von Barra- cas, und da steht nun schon, schreckhaft hervorspringend aus einem knallgelben Abendhimmel, die Silhouette des murren- den Ungeheuers, das bis hierher seinen Duft von exotischen Odeurs und Unrat und Verwesung und Weiberfleisch und Be- gehren herüberschickt. Der Oberst Miramon erzählt von seinem Besitztum am
unteren Strom... ein-Juwel, Madame, ein Refugium für kleine weibliche Raskolnikoffs... man wird, wenn man heuto die zerschossene Stadt besichtigt hat, ein paar Tage dort ver» bringen. Und dann erzählt er ihr, während sie anlegen an den Landungstreppen, von der mexikanischen Revolution, wo man die Minister von Maultieren durch die Straßen habe schleifen lassen... aus der Deputiertenkammer geholt, im Frack und mit dem Großkordon des Guadelupe-Ordens, Ma» dame... i Mag er seine Radamontaden erzählen: er hat keine Macht mehr über die kleine Sif!, Und dann steigt man die morschen Holzstufen hinauf. sieht einen Trupp von gestern gefangenen Desperados, der mit Kolbenstößen wie eine Hammelherde auf einen Leichter getrieben wird und feine Flüche hinüberschickt zu den höhnen- den Dandys auf dem Kai. Und dann die Flut des nach Geld und Liebe brüllenden brutalen Lebens: Niggerelegants mik grellroten Krawatten, die halblegitimen Agenten des Frauen- Handels, Zeitungsverkäufer, zehnjährige künftige Hoch- finanziers, die unter Ausnützung der Konjunktur mit Kugeln und anderen Kampfandenken von gestern handeln... der Oberst Miramon endlich, der sich den Weg bahnt durch dieses Gewühl, mit der Stiefelspitze einen sich sonnenden räudigen Köter fortstößt, seinen hierher bestellten Chauffeur instruiert, mit der Reitgerte einem kleinen Halbgott, der auf dem Tritt- brett des Wagens noch fein Orchideensträußchen loswerden will, einen Iagdhieb über das Gesicht zieht: Motor ange- warfen, eingekuppelt, die Fahrt ins Ungewisse beginnt. Die kleinen Gassen des Hafens zuerst mit den fliegen« umsummten Fleischgewölben, dem entsetzlichen Gestank hal- bierter Ochsenkadaver, uralten Kotes, unreiner, brüllender, schnatternder Menschen. Ein paar Bettler mit Gesichtern, die eine abgründige Krankheit zerfressen hat. Niggerweiber in entsetzlichen blauroten Kostümen, Kokotten aus Galizien , Ko« kotten aus Sachsen , an der Ecke ein mit den Pockennarben frischer Kugelspuren übersäte? Haus, die blutroten Plakate des Standrechts, eine Wache mit einem Maschinengewehr, um das zwei monokelbehaftete Offiziere herumpendeln. - Und dann eingebogen in die Calle da Rivadavia, die die ganze Stadt zerschneidet mit ihrem geraden Messerschnitt..« tiefer hinein in den großen Bratenrost des eben zum Korso erwachten Buenos Aires !, (Fortsetzung folgt.)