Einen Tag, bevor ich Berlin verließ, ging ich in ein Labatgeschäft Unter den Linden und bat um eine Bigarre. Welche Marten haben Sie?" fragte ich den Berfäufer. Bigarren haben feine Marfen," war die grobe Antwort.„ Dann nennen Sie mir bitte die Fabriken, deren Erzeugnisse Sie verlaufen."„ Das fann Ihnen doch gleich sein, ich lege Ihnen welche vor und Sie können sich dann ausfuchen." Ich zog höflich meinen Hut und verließ den Laden.
A ersten Tag in Kopenhagen ging ich in ein Geschäft in dem handgestanzte Zinnwaren vertauft werden, eine Spezialtät Ropen hagens, und faufte mir zehn verschiedene fleine Binngegenstände. Immer, wenn ich mir einen ausgesucht hatte, sagte der Verkäufer " Tat", das heißt auf deutsch danke schön. Behnmal wiederholte
Diese beiden Episoden verdeutlichen besser als lange theoretische Darlegungen die Lebenshaltung des Kopenhageners und des Berliners. Woher dieser liebenswürdige Umgangston? Gewiß, einer ber Gründe ist, daß die Dänen nicht Krieg noc) Inflationszeit tannten, daß sie in ruhigem Winkel ihr Smörrbrot, ihre prächtige Sahne und Butter verzehren, daß sie nicht so angespannt zu arbeiten brauchen wie der Berliner , daß der Mensch bei zuträglicher Küche und gesättigtem Magen freundlicher sich gibt. Aber nur ein Komplex von Gründen ist umrissen. Der Gefäftigte bei uns in Deutsch land ist meist ebenso grob wie der Stehkragenproletarier im Geschäft, der ein ungenügendes Gehalt bezieht. Es gibt bei uns eine Aggressivität des Fettes, die dem vom Ausland Heimgekehrten mit penetrantem Geruch in die Nase steigt.
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Da ich schon vom Smörrbrot sprach die Borstellung, daß der Däne nur Smörrbrot- Kabarett ernst nimmt, jene lufullische An häufung von Salaten, Fischen, Fleischspeisen, Räjen, ist recht primitiv. Der Däne ist besser als sein Ruf.( Am ernstesten nimmt er übrigens den Tanz: ich habe einen Faschingsball gesehen, auf dem es zuging wie in einer Kirche, die Paare schienen tanzend ein pater, peccavi zu beten, und der Liebegott, in Gestalt eines livrierten Mannes, ging umber und paßte auf, daß sich nichts gegen die Wohlanständigfeit ereignete.)
Was beim Dänen am stärksten auffällt, ist seine Neugierde. Ich habe übrigens nichts gegen Neugierde. Die Deutschen sind viel zu wenig neugierig. Sie begnügen fich, zu gehorchen, ohne nach Gründen zu fragen, während beispielsweise der Franzose teine behördliche Anordnung befolgen würde, die ihm nicht raisonnabel erschiene. Die Neugierde der Dänen auf geistigem Gebiete ist erstaunlich, aber nur, wenn der Gegenstand der Neugierde kein inländisches Etikett zeigt. Der Konservative ist ebenso bereit, sich mit dem Radikalsten zu befassen wie der Radikale mit dem Konservativ ften. Nur im privaten Bezirk hat die Neugier ihre schlimmen Seiten, da wird sie zu Klatschluft und versucht intimste Beziehungen an das schamlose Licht der Publizität zu ziehen. Die geistige Neugierde in Dänemark verbindet sich mit einer gewissen Toleranz, die den Fremden besonders angenehm berührt. Dem großen einheimischen Geiste geht es freilich wie in anderen Ländern auch, er wird gefeßert und geächtet.
Es ist doch bemertenswert, menn beispielsweise das fönigliche Ropenhagener Radio mich einlub, 40 Minuten unzensuriert zu sprechen und ich Gelegenheit hatte, Verse und Szenen zu lesen, gegen die die Berliner republikanische Bensur bestimmt ihr Veto eingelegt hätte. Oder wenn ein Marineflieger mich von einem Gefängnis auf der Insel Fünen , das ich mit Erlaubnis des Justizministeriums besuchte ( und das, ich werde darüber an anderer Stelle schreiben, im allgemeinen erstaunlich eingerichtet ist), mit seinem Aeroplan abholte, weil ich mit dem Zuge zu einem Vortrag, den ich in Kopenhagen halten sollte, nicht rechtzeitig hätte eintreffen können. Oder wenn eine Zeitung, die in ihrer Haltung etwa der„ Deutschen Zeitung"
entspricht, mich interviewen ließ, und Anfichten, bie abfolut tontrar| thren eigenen sein müffen, ohne Streichung wiedergab. Ich möchte hier nebenbei bemerken, daß die dänischen Konservativen ebenso wie die englischen in vielen Fragen demokratischer sind als unsere Demofraten.
Den Theatern habe ich nicht fleißig zugesprochen. Ich sah eine anständige, aber nicht überragende Beer Gynt- Aufführung, sah in einer langweiligen Revue eine ausgezeichnete Claire- WaldowFigur, Liva Weel , die mit grölender Stimme Hafenlieder sang. Das Arbeitertheater, das Hinkemann" in der Uebersetzung meines Freundes A. D. Henriffen mit viel gutem Willen spielte, ist eine fooperative Bühne, die der energische, auch als Dichter bekannte Bertel Butz Müller leitete. Man spielt in eigenem Theater und in der Regel wirklich vor werftätigem Bolt. Biele Rollen sind mit Arbeitern besetzt.
Der dänische Film, der anfangs in der Filmproduktion eine beachtliche Rolle spielte, hot infolge Kapitalmangels start an Be deutung verloren. Urban Gad , der bekannte dänische Regisseur, arbeitet meist in Deutschland und Frankreich . Asta Nielsen hat längst Dänemark verlassen.
Eines großen Künstlers Bekanntschaft vermittelte mir der Aufenthalt in Dänemart, die Anton Hansens. Seine Fähigkeit als revo lutionärer Gesellschaftsfatirifer ist ebenso groß wie die von George Groß . Technisch hat er vielleicht noch nicht überall seine Bollkommen heit erreicht. In der Konzeption befizt er, man fann es ohne Ueberfreibung fagen, Genie. Seine Zeichnungen sind nicht Einfälle, nicht Milieustudien, sie sind eine Bision, dahinter man eine Welt spürt. Nie ist der Mensch allein, immer leben die Dinge, die Landschaft; in die er gestellt ist, mit ihm. Und seine Tiere? Das Stärtſte an Hansen ist seine Fähigkeit, die Preisgegebenheit, die Hilflosigkeit, die Angst aller Kreatur zu erfaffen.
Ueber dänische Schriftsteller ausführlich zu sprechen, ist für deutsche Leser nicht notwendig, man tennt fie. Ich sah 3. B. Jensen, der gegenwärtig ein großes Wert über die Entwicklung der Mensch heit beendet, das sich auflehnt gegen das Aba Kadabra der wissenfchaftlichen Klane. Ich sah Sophus Michaelis , der fürzlich Goethes " Faust" übersetzt hat, Aage Madelung , Otto Runge , den Lyriker Bobblye, den in Deutschland viel zu wenig befannten Sven Borberg, der lange vor Rannal ein startes, in seiner Grundform ähnliches Drama in deutscher Sprache geschrieben hat, den ausgezeichneten Bublizisten Anfer Kirkeby, besonders durch sein Rußlandbuch in Deutschland bekannt geworden.
An die früheren Abfahgebiete( Hamburg , Berlin ) fonnte infolge ber Zollmauern nicht geliefert werden. Den Bauern ging es schlecht. Da traten deutsche Kapitalgruppen auf, die ihnen unter der Bedingung, daß sie Teile ihrer Ländereien an Deutsche oder zuverlässig deutsch Gesinnte verkaufen, Geldmittel zur Verfügung stellten. So wollte man wahrscheinlich auf trockenem Wege eines Tages die Abstim mung anfechten und bei dieser neuen Abstimmung fiegen. Andere Sorgen haben unsere Chauvinisten in einer Zeit, die zu europäischer Einigung drängt, nicht. Die Machinationen der deutschen Kapitalgruppen riefen eine mächtige Gegenbewegung in Dänemark hervor. Es wurden Unterstügungskomitees für die nordschleswigschen Bauern geschaffen und zeitweise flammten überall nationalistische Stimmun gen auf.
Die wirtschaftliche Situation des Landes ist gegenwärtig ziemlich schwierig. Dänemart hat, was felten vorfam, Arbeitsloje, im ganzen 92 000( zweiundneunzigtausend). Die tonservative Bauernregierung, die die sozialiſtiſche ablöste, ist keineswegs fundiert. Die Sozialdemokraten, die bedeutende junge Köpfe haben, wie z. B. den 32jährigen Regierungsabgeordneten Frisch, hoffen bei der näch sten Wahl wieder an die Regierung zu kommen. Die liberale Partei ft ziemlich schwach, ebenso wie die tommunistische( anders wie in Norwegen ).
In den Tagen, als ich Kopenhagen besuchte, verbrannte man die sterbliche Hülle von Georg Brandes . Nur ein fleiner Kreis von Menschen war zur Trauerfeier im Krematorium geladen. Aber diese Preffephotographen. Sie hatten sich hinter die Eisengitter geschlichen, jede Träne photographiert und sie hätten wohl, wenn es zum Busineß erforderlich gewesen wäre, jeden Seufzer phonetisch aufgenommen. In Georg Brandes hat Dänemart, hat Europa einen der seltenen großen synthetischen Kritifer verloren, die schöpfe. rische Künstler find.
Bur profetarisch- follettivistischen Bewegung hatte Brandes teine Beziehung. Der letzte große Liberale sah nicht, daß dem neuen Kollektivismus geistig aristokratische Elemente eigen sind, daß der neue Rollettivismus die Synthese von Kommunismus und Individualismus anstrebt, ebenso wie der neue Internationalismus das Fundament sein will, auf dem die Nationen ungehemmt sich entfalten fönnen.
Ich size mit Frau Gerda Brandes in der Wohnung am alten an mir vorüber. Frau Brandes erzählt von Georg, wie ihn die Hafen, blättere in dem Photographiealbum und eine Epoche zieht Dänen nennen. Eine hübsche kleine Episode will ich hier wiederDas dänische Publikum versteht Deutsch gut. Ich hielt die vergeben. Eine deutsche Uebersetzerin hatte an Brandes geschrieben, schiedensten Vorträge( tulturelle Arbeit der Sozialisten in Wien , fie wolle ihn besuchen. Brandes erbat ihr Bild. Das Photo tam russische Gefängnisse, der Kampf des Orients und Europa , das junge und zeigte eine schöne junge Dame. Einige Wochen später traf die Uebersetzerin in persona ein, und siehe da, sie war weder schön noch deutsche Drama, Vorlesung aus eigenen Werfen). Die Abende waren erstaunlich besucht. Die Hörer folgten auch differenzierteren Dar- jung Brandes fnurrte. Bei der Mahlzeit stellte er fest, daß das legungen mit intensiver Aufmerksamkeit. Als ich bei irgendeiner Bild, das sie geschickt hatte, zwanzig Jahre alt war. Gelegenheit von deutsch - dänischen Konfliktstoffen sprach, die gegenvon jener Butenhaftigkeit, die schwer zu ertragen ist, fiel Brandes wärtig die dänische Deffentlichkeit erregen, und darauf hinwies, daß auf die Nerven und er zog sich bald zurüd. Frau Gerda Brandes man in hundert Jahren es nicht begreifen werde, daß jemals die nahm sich ihrer an. Stimmt es," wurde sie von der Dame gefragt, werktätigen Völker und die freiheitliche Jugend beider Länder für„ daß Sie zu häßlichen Damen immer so freundlich find? Das Grenzfragen in den Krieg zogen, und daß heute Bolt und Jugend muß ich wohl, gab sie zur Antwort, au hübschen ist schon mein die Pflicht hätten, fünftige Gemeinsamkeit, ungeachtet der Verfolgung Mann nett." und Befehdung der Chauvinisten jenseits beider Grenzen, vorzus leben, erfolgte Zustimmung von geradezu füdlicher Stärte.
Man fennt die dänisch - deutschen Fragen eigentlich bei uns nur in politischen Konventikeln und doch sollten sie von breiterer Deffentlichkeit gefannt werden. Ein Drittel jenes Landes, das Preußen 1864 von Dänemark eroberte, ist nach erfolgter Abstimmung an Dänemark zurückgefallen. Die Abstimmung ging vor sich mit jenem Mindestmaß von Beeinflussung, dem Abstimmungen unterworfen find. Der Rückfall des Gebietes an Dänemart wurde vom Deutschen Reich de jure anerkannt. Für die nordschleswigschen Bauern brachte der Uebertritt zu Dänemart feineswegs wirtschaftliche Vorteile. An landwirtschaftlicher Produktion herrschte im Land sowieso Ueberfluß.
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Die Dame,
Herr Stresemann hat den Hinterbliebenen Georg Brandes ' fonboliert, wie er auch Bernhard Shaw zu seinem siebzigsten Geburts tag gratuliert hat. Db er wohl daran gedacht hat, daß beide zu Drudern vor das Reichsgericht stellt und zu quälender Haft verjenen Charakteren gehören, die man heute samt Verlegern und urteilt?
Adieu, Kopenhagen . Tat für deine Gastfreundschaft. Snobs aber gebe ich den Rat, die Stadt zu meiden. Vor ihrem guten Ge lächter ginge es ihnen bald wie jenem König aus Andersens Märchen, der glaubte, das prächtigste Kleid der Welt zu befizen und dem ein Kind sagen mußte, daß er armselig, in Unterhosen, einherſtolziere.
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