tischer ausgedruckt: wir erleben eine Wirklichkeit, an die die Phantasie unseres größten Dichters nicht heranreicht. Man kann sagen: sie reicht m den verschiedensten De- Ziehungen an sie nicht heran. Aus dem Tempelhoser Feld er- lebten wir die Anfänge der Fliegerei. Armand Zipfel, Orville und Wilbur Wrigth, Bl6riot, Latham, es waren Franzosen und Amerikaner, die uns ihre Künste zeigten. Mit welcher Spannung verfolgten wir ihre Per- suche, wie bangten wir um ihr Leben!(Js war an einem jener unvergeßlichen Abende, als Bl4riot seine Kurven durch die Luft zog, da kam die Nachricht, daß ein französisches Lenk- lustschiss mit seiner Bemannung abgestürzt und verbrannt sei. Tiefe, echte Trauer in den Massen, Männer sah man weinen... Ein paar Jahre später:„Hurra! Drei feindliche Flug- zeuge abgeschossen!"—„Drei?"—„Nein, zwölf!"„Hurra, Hurra!" Und jetzt?„Kood-bvk Brodway— hallo Berlin !" Wir haben die armen N u n g e s s e r und Coli zünftig betrauert und schnell vergessen, mit etwas Neid den Lärm aus Paris und London um Lindbergh von der Ferne mit angehört und rüsten uns, Chamberlin und Levine festlich zu empfangen. Es gibt nichts Phantastischeres als die Geschichte der letzten fünfzehn Jahre. Keine Phantasie reicht an sie heran. * Ja, daß jetzt zwei Amerikaner auch zu uns kommen wollen, das empfindet man politisch— wer kann heute lo? von der Politik— als eine Erleichterung. Was um Lind- bergh vorging, hat sich allzusehr im Kreise der„Alliierten und Assoziierten Mächte" abgespielt. Man hatte in Deutschland wieder einmal das Gefühl, ein wenig außerhalb einer Welt zu liegen, die in der Hauptsache aus Amerika , England und Frankreich besteht. Dieses Gefühl ist leider nicht ganz unberechtigt. Seit wir die Deutschnationalen in der Regierung haben, bewegt sich der Kurs der deutschen Außenpolitik sichtbar wieder in der Richtung zur Isolierung. Aeußerlich scheint alles beim Alten geblieben, am Personalbestand des Auswärtigen Amtes hat sich nichts Wesentliches geändert, aber es geht nichts vor- wärts und verschiedenes zurück, und die Stimmungen ver- steifen sich. Der größten der gegenwärtigen Regierungs- Parteien bleibt die Einsicht verschlossen, von der wir sozial- demokratischen„Landesverräter" uns stets leiten ließen, daß kein Bolk ohne Freunde leben kann, am allerwenigsten aber ein im letzten Kriege besiegtes. Ja, und hätte sie diese Einsicht, so fehlte ihr doch die Möglichkeit, nach ihr zu haudeln, denn sie ist nun einmal die Trägerin der Tra- dition, die Deutschland in der Welt verhaßt gemacht hat. Davon kommt man so leicht nicht wieder los. Als neulich hier geschrieben wurde, daß von einem „Silberstreifen" in der Außenpolitik nichts mehr zu sehen sei, buchte ein deutschnationales Blatt das mit Genugtuung als ein Zeichen unserer beginnenden Erkenntnis. Aller- dings, man müßte blind sein, um nicht zu bemerken, daß es den Deutschnationalen und ihren Mitspielern auf der Gegen- feite gelungen ist, alles, was nach Silberstreifen am deutschen Himmel aussah, verschwinden zu lassen. -r,« i Wenn man das feststellt, sind sie noch stolz darauf. Man muß aber ernstlich fragen: Welche nationalistische Belastung erträgt Europa noch, ohne daß Lebensgefahr eintritt. "Lebensgefahr für das alte Europa, das einen neuen Krieg nicht mehr erträgt? * Zugegeben: bei uns ist es immer noch um einige Grade lieblicher als in Moskau und in London . Wir leiden an alten Schmerzen, sind aber in den neuen Konflikt nicht unmittelbar verstrickt und haben keine Neigung, in ihm Partei zu ergreifen. Bordem las man fo oft in den Blättern der Bierbünkphilister, Deutschland werde eines Tages zwischen Ost und West„optieren" müssen. Jetzt, wo die Frage wirk-
pfingstfeiertag. Bon C. P. Hiesgen. heut' steige ich zwanzig Stufen tief hinab und bin aus meinem grauen Haus, um Schritt für Schritt die Stundenftiegen eines Pfingstfesttages wieder hochzuklimmen. Wir wandern heute in die Welt. Des So-nnners grün« Fackeln sind entzündet. Ein Kind auf meinen Schultern, eins an der Hand. Die Mutter geht im Gleich- schritt mit. Ihr flattert dos weiße Kleid am Leibe wie siegverkün- dendes Fahnentuch. Die Wiesen, Felder, Walder kommen auf uns zu im Ueber- schwang, und leuchend steigt der Sonnenball. Ich spüre ihre heißen Funken. Sie brennen wie Küsse im Nacken und lodern und flam- wen im, Stirn, Augen und Wongen. Die Sonnenstinken geben meinem Puls die Schwingen der Zeit. Mit jedem Blatt kredenzt die Sonne uns eine Opferschale, bis an den Rand mit reinem Lebensatem angefüllt. Mit jeder Blüte bietet uns die Soime einen Kelch, auf dessen Boden goldbestäubte Samenfäden schimmern. Wir liegen im blauen Schatten der Tonnen, in ihren Kronen pulst das Licht. Im Moose spielt der Sonne Widerschein, darin mein Jüngstes sich zum Schlaf gebettet. Das andere lauscht andächtig, was der Wald erzählt, dann springt es auf. umfaßt den ersten besten Baum und drückt ihn«n stch, als ob der Baum lebendig war. »Komm Kind, ich will dir sagen, was der Wald erzählt," be- ginne ich zu erzählen, wie es Kinder tu». .Mein liebes, kleines Menschenkind!— Den langen, kalten Winter durch haben wir Bäume uns um dich gebangt. Wir Bäume sind es, die zu Holz zerhockt, das Brot im heißen Ofen backen. An unserem Holz hast du im Winter dem« Fingerchen gewärmt. Das Kinderspielzeug wächst aus unserem Holz, und jedes Streichholz. jeder Stuhl und Tisch und jedes Haus braucht unser Holz. Unsere Nadeln machen den Kranken gesund! Zerstörte Lungen heilen wir. Zerstörte Städte bauen wir Bäume wieder aas. Später, wenn du wirst größer sein, werden wir dir alles ganz genau erzählen." „Ja!" jauchzt und atmet tief mein Kind. Aus einem Wurzelloch kommt«ine Haselmaus gekrochen, jetzt sich dicht vor uns auf die Hiuterfüßchen, zeigt ihre sechs Nitzkleinen Brüstchen und springt zurück. „Die Mausenmtter bittet uns. hübsch still zu sein, well ihre Kinderchen nicht schlafen können, wenn wir lochen!" sage ich meinem gläubigen Kind. Die Tannen spielen mit dem Sönnenball und überm Moose tanzen Sonnenzwcrg«: dann schläft mein Aeltestes an meiner Seite ein..... Ich sah die Bäume mastenhoch rings um mich stehen und legte meinen Kops ins hart« Wurzelwerk und sann..... Wir all« bohr«,« den tiefsten Grund nnd treiben Kräfte i»
lich ernst geworden ist, hört man kein Wort mehr von diesem Geschwätz. Wenn England die diplomatischen Beziehungen zu Ruß- land abbricht, ist das für uns kein Grund, Rußlands Partei zu ergreifen. Wenn die englische konservative Regie- rung die Beziehungen zu Rußland abbricht, so ist das zunächst eine Eselei auf eigene Rechnung. Wir können England nicht zwingen, die diplomatischen Beziehungen zu Rußland auf- rechtzuerhalten, ebensowenig wie wir Rußland zwingen kön- nen, mit England weiter Geschäfte zu treiben, wozu ja Eng- land alle Neigung hat. Wir haben an diesem Konflikt weiter kein Interesse als dieses, daß er nicht zu einem neuen Kriege führt. Die Gefahr eines Krieges würde wachsen, wenn einer der beiden Teile im äußersten Fall auf Deutschlands Hilfe rechnen könnte. Es liegt also im Interesse des Friedens, daß Deutschland ebenso wie alle anderen Mächte außerhalb des Konfliktes bleibt. Bon der deutschen Regierung ist zu verlangen, daß sie sich aller Handlungen und aller Gesten enthält, die von einem der beiden Streitteile als eine Sympathiekundgebung für den anderen aufgefaßt werden könnten. Die Kunst wahrhaft neu- tral zu sein, ist uns ja während des Weltkriegs unter noch viel schwierigeren Verhältnissen vorgemacht worden. An diesen Beispielen müssen wir lernen. * Frühlingsgrüne Plakate künden das dritte Pfingsttreffen des Roten Frontkämpferbundes in Berlin an. Der „Lokal-Anzeiger" regt sich darüber auf, daß sich niemand darüber aufregt. Vor dem Stahlhelmtag habe es doch in de? Linkspresse solchen Lärm gegeben, jetzt aber wolle sich kein. Lüftchen regen. Wir haben den Lärm über den Stahlhelmtag nicht mitgemacht und finden auch die vollkommen ruhige Be- Handlung, die das kommunistische Pfingsttreffen überall er- fährt, außer in den Spalten des„Lokal-Anzeigers", viel ver» nünftiger. Daß die Kommunisten für niemanden mehr eine Gefahr und nur ein Schaden für die Arbeiterbewegung find, deren Einheitlichkeit sie stören, weiß heute schließlich jeder. Wir dürfen auch den Arbeitern, die heute noch unter dem Sowjetstern marschieren, mit gutem Gewissen sagen, daß wir keine Spur von Feindschaft gegen sie empfinden, denn wir sehen den Tag kommen, an dem sie den Sowjetstern von ihren roten Fahnen abnehmen werden, die dann ganz genau so aussehen werden wie die unseren. Was wir diesen Arbeitern gegenüber empfinden, ist nichts als ein Gefühl des Bedauerns darüber, daß ste sich noch immer durch die ärmlichen Künste eine? völlig desorien- Herten Führung von der großen Masse ihrer fozialdemokrasi» schen Klassengenossen fernhalten lassen. Daß es ihnen gelingen könnte, die Sozialdemokratie zu überrennen, können sie selbst nicht mehr glauben. Die Einheitsfront des Proletariats ist doch erst dann da, wenn es keine KPD . mehr gibt, die nach ihr schreit. * Diese Einheitsfront wird kommen! Schneller vielleicht, als mancher denkt. Wir haben mehr erlebt und überlebt als irgendein anderes Geschlecht der menschlichen Geschichte, und wir erkennen klar in diesem Wirbelsturm des Geschehens di« soziali st isch-demokratisi�e Arbeiter- bewegung als wachsende Macht. Auf sie blicken und zu ihr halten müssen alle, die den Frieden wollen, die nicht wollen daß die Intelligenz der Technik noch einmal durch die Jdiosie der Politik zur allgemeinen Kulturvernichtung mißbraucht wird. Zu ihr gesellen müssen sich von rechts und links alle, die begriffen haben, daß nur die gesammelten Kräfte des arbeitenden Volkes die Technik aus den Fesseln der Kapitalswirtschaft befreien und zur Dienerin des All- gemeinwvhls machen können. .Leidige Politik"? Es gibt für uns keintz Flucht daraus in die Lieblichkeit der Frühlingsfeier. Sie hat uns ganz und gar, sie begleitet uns auf allen Wegen. Und nur weil wir an den Sieg glauben, sst uns dieses Pfingsten ein Fest.
das Reich der Strahlen. So ringt dos knotig« Geflecht der Wurzeln mit den Erdenkrästen, bis die strömende Gewalt von Säften den Wald hochtürmt. Es sst em Unterschied zwischen dem Wurzelwerk der Wälder und dem Menschengeschlecht der Städte. Ein Teil der Menschheit heilt zerstörte Lungen und baut zerstört« Städte wieder auf. und dos sind wir! Die anderen?— Die anderen steigern unsere Kraft, die sie zerstören wollen! Die Sonne ist bergab gezogen und Wolken schäumen seifig überm Horizont. Wir brechen auf. Die Waldwiese flammt Millionen gelbe Blüten wie Feuer- zungen aus der Erde und offenbart den unerschütterlichen Geist der Erdenkrast. Der Weißdorn strahlt in seinen weißen Sternen. Ueber die Rotdornbüsche hängt die rote Pracht. Me stch Millionen Blüten fruchtbringend der Erde entringen, so flammt ans Millionen Men- schenhirnen nur em einziger Gedanke und will stch in der Welt ge- statten. Ich führ« meine Kinder durch das Abendlicht u«b fühle meine Hände warm an ein« Zukunft gefesselt, die uns im roten Abend- schein entgegenglüht. Di« Mutter geht im Gleichschritt mit. Ihr weht das Kleid am Leibe, wie ein siegvertünidendes Fahnentuch.
Ver Gzeanflieger Chamberlin. lieber den Ozeanflieger Ehamberlin wird uns geschrieben: Chamberlin ist für seinen Ozeanflug dadurch besonders befähigt, daß «r bereits vor sechs Wochen einen Weltrekordflug unternommen hat, der tatsächlich eine viel größere Leistung war, als die Leistungen Lindberghs. Während Lindbergh seinen 6100 Kilometer-Flug in 33 Stunden zurückgelegt hat, ist Chamberlin bereits am 14. April in Long Island zu einem Fluge aufgestiegen, währenddessen er während Sl Stunden in der Lust blieb. Diese Leistung befähigte ihn also, auch den Flug New Park— Berlin zu unternehmen, der viel weiter ist, als der Flug New Port— Paris. Chamberlin ist ein Mann von 32 Jahren und hat sich erst in der letzten Zeit als Flieger besonders hervorgetan. Er war derjenige, der zuerst den Flug New Park— Paris plante, denn er wollte seinem Weltrekorddauerflug auch die erste Ueberquerung des Ozeans auf dem Flugzeug von New Park bis nach Paris folgen lassen. Er dacht« daran, ungefähr gleichzeitig mit Nungesser aufzusteigen, konnte aber von feinen Geldleuten nicht erreichen, dah sie seine Bedingungen erfüllten. Darum unterblieb der Flug. Das Flugzeug, auf dem Chambsilin den Flug unternimmt, sst di« berühmte„Columbia". Es ist dasselbe Flugzeug, auf dem er seinen berühmten Dauerflug machte. Zum Unterschied von dem Flug- zeug Lindberghs ist es viel größer und schwerer gebaut. Es wiegt nämlich 300 englische Pfund mehr als das Flugzeug Lindberghs, das nur rund 5150 Pfimd wiegt. Mit diesem größeren Gewicht ist nuch eine größere Tragfähigkeit verbunden, die dem Flieger die Mit- nahm« großer Vorräte von Benzin gestattet. Insofern ist das Flug- zeug Chamberlins näher dem Jdealflug für Ozean-Ueberquerungen: den» diejenigen Flugzeuge, in« späterhin dem Ozeanverkehr dienen
Moftrichrepublit- Zreispruch! Der Oberamtsanwalt Graf Lnfi darf die Repnbliks beschimpfen. Das Schösfengerichl Spandau sprach deu Oberamtsanwalt Grafen Lusi von der Anklage wegen Vergehens gegen§ 8 Ziffer 1j des Republikschuhgesetzes frei und verurteilte ihn wegen Beleih d i g u u g des Rebenklägers zu 10 0 ZN. Geldstrafe, von der Anklage des unerlaubten Waffenbesitzes wurde der Angeklagte eben-l falls freigesprochen. Der Antrag des Slaatsanwalls Halle aus 2 ZNonate 2 Woche« Gefängnis wegen Vergeheos gegen das Republikschutzgefetz gelautet, * Die Zeugenvernehmung ergab einwandfrei, daß der Oberamts� anwalt die Republik schwer beschimpft hat, so laut, daß mehrere Hausbewohner erwacht sind und Zeuge der gegen den Nebenkläger Bleike gerichteten Schimpfworte geworden waren: zwei Zeugen hatten auch Aeußerungen über den verstorbenen Reichspräsidenten Ebert, eine Zeugin auch die Aeußerung über die„M Ostrich» republik " gehört, dagegen tonnten die von dem Herrn Grafen benannten Entlastungszeugen nichts als unwesentlichen Hausklatsch gegen den Nebenkläger vorbringen. Angesichts dieser Tatsachen plädierte der Staatsanwaltschaftsrat Lesse? für eine Verurteilung des Angeklagten wegen Ve« gehens gegen den§ 8 Ziffer 1 und 2 des Republikschutz- g e s e tz e s. Dieser Paragraph bedrohe die öffentliche Berächtlich- machung der Republik und ihrer Farben mit einer Gefängnisstrafe bis zu 5 Jahren, außerdem könne auf Verlust des Amtes erkannt werden. Nun könne zwar eine an sich verwirkte Gefängnisstrafe von unter 3 Monaten auch in Geldstrafe umgewandelt werden; an- gesichts der Schwere des Falles, daß ein höherer Iustizbeamter der Republik diese in so unqualifizierbarer Weise beschimpfe, sei aber nur eine Gefängnisstrafe als ausreichende Sühne anzusehen. Er beantrage also wegen Beschimpfung der Staatsform 2 Monate, wegen Beschimpfung der republikanischen Farben 1 Mo- nat, zusammengezogen zu einer Strafe von 2 Monaten und 2 Wochen Gefängnis. Wegen Beleidigung des Nebenklägers beantrage er eine Geld straf« von 150 M., von der gleichzeitig erhobenen Anklage wegen unerlaubten Waffenbesitzes bitte er, den Angeklagten freizusprechen. Das Gericht sprach den Oberamtsanwalt frei— aus folgendett Gründen: Die Beschimpfung der Republik und ihrer Farben sei nicht als eine öffentliche Beschimpfung im Sinne des Gesetzes zu werten, denn sie sei im Innern des Hauses gefallen und nur von zwei Zeugen gehört worden. Das fei, nach der Judikatur des Reichsgerichts nicht als„Oesfentlichkeit" aufzufassen. Also sei der Angeklagte von diesem Punkt der Anklage freizusprechen, obwohl das Gericht die Aeußerung über die„M o str! ch r e p u b l i k" für erwiesen annehme. Von der Anklage des unerlaubten Waffen- besitze? fei der Angeklagte ebenfalls freizusprechen, dagegen wegen Beleidigung des Nebenklägers zu 100 M. Geldstrafe zu oerurteilen. Die Kosten des Verfahrens wurden, soweit Freispruch erfolgte, der Staatskasse auferlegt. Wir nehmen an, daß die Staatsanwaltschaft gegen dieses nur politisch zu wertende Urteil Berufung ein- legen wird, und daß der preußische Justizminister sich für diese Begründung ebenso interessieren wird wie für die Urteils- begründung im Prozeß Mahraun-Sodenstern. Nachdem das Gericht festgestellt, hat, daß der Oberamts- anwalt tatsächlich den Ausdruck„Moftrichrepublit" gebraucht hat, darf selbstverständlich im Justizdienst kein Platz mehr für ihn sein. Graf Lusi ist vor dem Prozeß vom Dienst suspendiert worden— es sst übrigens nicht richtig, daß er nach der Be- schimpfung der Republik noch befördert worden ist—, wir erwarten, daß er nun auf dem schnellsten Wege aus dem Justiz- dienst entfernt wird.
Zm Mannheimer Vörgeraus schuh wurde der sozioldemotratische Antrag, die m o n a r ch i st i s ch e n Straßenbezeichnungen durch republikanische zu ersetzen, mit 49 gegen 46 Stimmen ab- gelehnt. Die Ablehnung erfolgte mit Unterstützung der Dem»- traten und des Zentrums.
werden, werden unter allen Umständen andere Dimensionen Hab eck müssen als das Flugzeug Lindberghs. Außerdem zeichnet sich das Flugzeug Chamberlins dadurch aus, daß auf ihm ein Rettungsboot aus Gummi aufmontiert sst, um im Falle eines Bersagens der Motore dem Flieger die Möglichkeit zu geben, jederzeit sich zu helfen.
„Don Giovanni " im Schauspielhaus. Wollte man grob sein, so könnt« man von einer Don-Giovanni-Aufführung ohne Titelheld sprechen, oder von einer Berschiebung der Werte, oder von einer mnnozartischen, nicht gesungenen, intellektuell klug angelegten, aber überspitzten Rolle, in der sich Michael Bohnen präsentierte. Ein Wüterich, eine grausam böse Kanaille, Verführer aus Schlechtigkeit, nicht um die Frauen zu erfreuen, sondern um sie zu vernichten, Liebhaber ans Zerstörungswut, aus Abscheu. Ein pathologisch«? Individuum. Wie verträgt sich das alles mit Mozarts Musik? Der Kavalier, der schöne Mann, der graziöse Ritter, der elegante Plan- derer— dos alles war Bohnen nicht, wollte er nichi sein. Das Gehirn siegte über Kehle und Herz. So blieb ihm, einheitlich wie er Rollen einmal anpackt, nichts übrig, als auch das Singen zu ver- achten. In einer sehr schönen Ausführung, der prinzipiell noch manche Worte der Anerkennung zuteil werden sollen, für Regie, Bilder, Kapellmeister. Solisten, in dieser vier Stunden langen Aufführung stach der Künstler Bohnen ab als ein gemaler, überpersönlicher Aus- reißer aus den Revieren, die Text, Gesst, Stil und Musik des Don Giovanni für alle Zeiten umzäunt haben. K. S. And immer noch: Gotteslästerung. Vor dem Schwurgericht Augsburg fand die Berhandlung gegen den verantwortlichen Feuilletonredakteur der AZ. am Abend in München , Karl Nicolaus, wegen Gotteslästerung statt. Nicolaus war im Vorjahre vom Schwur- gericht München wegen Gotteslästerung zu drei Wochen Gefängnis verurteilt worden, weil er ein Gedicht von Karl Zuckmayer„Wenn der Wind im Frühling bläst..." veröffentlicht hatte, dessen zweite Strophe das nächtliche Wehgeschrei der Katzen mit den Klagerufen Christi in Gethsemane vergleicht. Der Erste Strassenat des Reichs- gerichts hatte das Münchener Urteil aufgehoben und die Sache an das Schwurgericht Augsburg verwiesen. Dieses verurteilte den An- geklagten nach fs 166 des Strafgesetzbuches aufs neue, sah aber an Stelle einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von zehn Tagen eine Geldstrase von 300 M. sowie Tragung der Kosten vor. Es ist niemand das Recht benommen, den Vergleich Zuckmaqers geschmacklos zu finden. Aber der Begriff der Gotteslästerung sst an sich widersinnig und gehört nicht in ein irdisches Gesetzbuch. „lleberlragung" eines historischen Gebäudes. Das Hotel de Masia in Parts, ein Bau des Louis-XVI.�Sttls, das in einem Garten in den Champs Elysäes liegt, sollte niedergerissen werden, weil ein großes Warenhaus hier eine Filiale bauen wollte. Durch die Be- mühungen des Unterrichtsministers ist nun beschlossen worden, das prächtige Gebäude zu erhalten, indem es Stein für Stein auf einen Platz in der Nähe der Porte de Neuilly übertragen wird. Das historisch« Bauwerk soll der franzästschen Schrisssteller-Gesellschast eingeräumt und dadurch ein geistiger Mittelpunkt werden. Siegsried Raube, der Oberregisseur bei Münchcncr ZchimipielhauieS, eineS der verdieniwollilen Mitglieder der Mümbener darstellenden Kumt. der»ar zwei Jahre» sein SO jährige» Bühnenjubiläum stier» konnte, ist gestorben.