Einzelbild herunterladen
 

Nr. 266 44. Fahrgang

1. Heilage ües vorwärts

Mittwoch, 8. Funk 1427

Ein Märtyrer öer Srüöerlichkeit.

In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts lag Rahns- darf noch weit entfernt vom Großstadtlärm. Es war noch das alte Fischerdorf, dem noch heute die umfangreiche Nüster in seiner Mitte als Wahrzeichen der Biederkeit das rechte Gepräge aufdrückt. Die Großstadtkultur hatte sich dort kaum bemerkbar gemacht. In den zur Gemarkung gehörigen Püttbergen flötete der Pirol. Der Hase und das Reh oerträumten in Ruhe den Tag, nur zuweilen durch das Geschwirr eines aussliegenden Rebhühneroölkchens ge- stört. Im Bezirk der Mühle sah man nur ein mit Stroh gedecktes Taoelöhnerhaus, das zum Gute gehörte. Nicht weit davon erfüllte das Mühlrad seine Doppelbestimmung: die Mehlmühle klapperte, und in der ihr gegenüberliegenden Sägemühle hauch:en die Riesen des Waldes unter schrillem Gekreisch ihr sagenumwobenes Föhren- leben aus. Im Uferrohr des alten Spreearmes sang der Rohr» sperling in Beschaulichkeit sein Lied, während die Spätzin auf dem kunstvoll im Rohr verflochtenen Nest die Nachkommenschaft ausbrütete. Das brave Fischervolk kannte nichts anderes als die Arbeit seines schweren Berufs. Abends kam es imGroßen Hecht" oder beim damals noch in der Vollkraft stehendenVater Witte" zusammen und tauschte die Erlebnisse des Tages aus. Nur einer von ihnen war nicht dabei. Der Luxemburger. Es war Hermann, genannt derLuxemburger". Er hielt Wacht draußen am Ufer des Müggelsees. Seine Gestalt war schlank: sein hageres, bartloses, wettergebräuntes Gesicht machte einen durch- geistigten Eindruck, und aus seinen Augen leuchtete ein Gemisch von Güte und Entschlossenheit. Gefälligkeit und Willfährigkeit zeichne- ten ihn aus. Wenn keiner über den See wollte, dann war er zu jeder Tag- oder Nachtzeit bereit, gleichviel, ob der Sturm die Wellen peitschte: und wer sich ihm anvertraute, hatte das Gefühl des Ge- borgenseins. In jüngeren Jahren war er nach Berlin gegangen

und hotte bei seinem regsamen freiheitlichen Geist das Ideal der Brüderlichkeit begierig in sich ausgenommen. Deutschland durchlebte zu jener Zeit die Entwicklungsepoche zum Militärstaat, und das Geschick verschlug Herrmann als Soldaten nach Luxemburg . Dieser Umstand hatte ihm den BeinamenLuxemburger " eingetragen. Der Opfertod dreier junger Sozialdemokraten, die unter dem Ausnahine- geletz in den achtziger Jahren beim Schmuggeln verbotener Druck- schrifkcn ihren Häschern entronnen und auf dem Eise des Müggel- fees eingebrochen waren, hatte einen überwältigenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Er war von der Erkenntnis der Brüderlichkeit durchdrungen. Wenn der Himmel verhangen war und die Wetter grollten, dann zog es ihn mit unwiderstehiicher Gewalt hinaus auf die Schwell« seiner Klause, und unruhig schaute er über den See. Mit dem Einsetzen des Sturmes verließ er seine Warte und eilte, dem Unwetter trotzend, an die llferansahrt löste sein behendes Fahr- zeug und lenkte es mit kundiger Hand hinaus auf das wildbewegte Wasser. Und wenn in den schweren Wetterwolken die Blitze zuckten und die Wildenten jäh aueeinanderstoben, dann sah man ihn in seinem Kahne. Ihn leitete der Gedanke, daß Menschenleben in Gefahr sein könnten, denen er im Unglücksfalle rechtzeitig Hilfe bringen wollte. Der Gefahren, denen er selbst ausgesetzt war, ach- tete er nicht. Schwer hatte er mit Wellen und Sturm bei seinen Rettungsarbeiten zu kämpfen. Das Bergen der verunglückten forderte von ihm, neben herkulischem Krästeauswand, die größte Um- ficht, um das Umschlagen des Nachens zu verhindern. Äeußerlichen Lohn hat der Brave nie gcerntet. Oft genug hat er noch trockene Kleider aus seiner eigenen Armseligkeit hergegeben. Doch sein inne- rer Lohn war das Bewußtsein, daß er 47 Menschenleben dem tückischen See entrissen und vom Tode gerettet hatte, als im Anfang dirfes Jahrhunderts die Rettungsstation errichtet wurde als man ihn bei der Anstellung besoldeter Retter übersah, ihn, der selbstlos und todesmutig sein Leben in den Dienst der Menschheit

gestellt und unzählige Male triefend in seinem schwankenden Fischer» kahn auf dem eigenartigen Anstand gestanden hatte, der für sein Inneres der Jagd nach dem eigenen Menschenglück galt. Er ist dahingegangen, die Zeit hat seine Spuren verwischt, aber seiner noch heute am Orte lebenden Witwe und seinen Kindern hat er ein Erbe hinterlassen, das schöner ist als Gold und äußerer Besitz: den Demant Liebe, den leuchtenden Meilenstein am Weg« der Menschheit. So lebt sein Geist fort unter uns. Wenn du. lieber Leser, einmal im alten Spreegelände die Wildenten auf- stiegen siehst, dann denkst du wohl in feierlicher Stimmung an den kreuzbraven Luxemburger. Vergiß dann auch nicht jener drei Mär- tyrer, die diesem seltsamen Sohn des Volkes als erhabenes Vorbild galten. Und wen der Weg in die Nähe des Rahnsdorser Fried- Hofes führen sollte, der säume nicht, ein bescheidenes Tannenreis an der Stätte dieses schlichten Menschenfreundes niederzulegen. * Das Rettungswesen auf dem Müggelsee wird eine erhebliche Ausgestaltung erfahren. Die Rettungsgesellschaft der Wassersportvereine von Berlin und Umgegend, deren Mit- glieder ehrenamtlich tätig sind, wird auf dem städtischen Grundstück in Friedrichshagen zwischen Bellevue und Brauerei unmittel- bar am See eine zweite Rettungsstation und einen Beobachtungs- türm errichten, der dieselben Funktionen haben wird, wie der schon bestehend« Turm bei Rahnsdorf . Der Turm soll noch bis zu Pfingsten errichtet werden. Es ist ein einfacher Holzbau, der sich auf ein Stein- fundament stützt. Der Magistrat hat bereits die Genehmigung zum Bau erteill. Die beiden im Dienst befindlichen Rettungsboote find vollkommen überholt und mit neuen Motoren ausgerüstet worden. Die Zahl der ehrenamtlich tätigen Samariter wird von 12 auf 16 erhöht. Am 26. Juni findet auf dem Müggelsee ein« große U e b u n g der Rettungsgesellschast statt, unter Beteiligung von sämtlichen Wassersportvereinen. Auch die Berliner Feuerwehr wird mit mehreren Dampflöschbooten und die Reichsmarine wahrscheinlich mit einem Wasserflugzeug teilnehmen. Vertreter sämtlicher Behörden werden anwesend sein. Der Zweck der Uebung ist, die Schlagsertigkeit des Rettungswesens zu zeigen.

Ein neuer Trick. Rempelei als Licbessalle. Eine arge Enttäuschung erlebte eine Hausangestellte aus der Barbarossastraße, die kürzlich in eine ungewöhnliche Liebes- fall« hineinging. Auf einem Spaziergang wurde sie plötzlich von einem jungen Manne angerempelt, der scheinbar aus Versehen über irgend etwas ins Stolpern geraten war. De? Tolpatsch, wie sie meinte, entschuldigte sich sehr höflich und lud sie zur Entschädigung für den ausgestandenen Schreck zu einer Tasse Kaffee ein. Dabei plauderte man über dieses und jenes und fand bald Gefallen aneinander. Der junge Mann erzählte, daß erM a x L a u t e r b a ch" heiße und ungenblicklich noch Student fei. Das werde aber nicht mehr lang« dauern, denn er habe sich entschlossen, ein Angebot seiner Schwester anzunehmen, das ihn in«inen prak- tischen Beruf hineinführe. Schon in den nächsten Tagen werde er eine große Molkerei übernehmen, die die Schwester in der Nähe von Nürnberg betreibe. Dazu könne er auch eine tüchtige Frau gebrauchen. Nach dieser ersten Bekanntschaft traf man sich noch ein paarmal und die Hausangestellte erklärte sich endlich bereit,Frau Molkercibesitzer" bei Nürnberg zu werden. Sie gab ihre Stellung auf, packte ihre Koffer, gab sie gleich auf dem Bahnhof Zo» in Verwahrung, bezog mit demKünftigen" für die nächsten paar Tage ein Hotel und vertraute ihm auch ihre Ersparnisse an. Am Tage der Abreise hatte der junge Mann in der Stadt noch etwas zu besorgen und wollte eine halbe Stunde vor Abgang des Zuge» seine Braut auf dem Bahnhof treffen. Diese war auch pünktlich da, wartete aber vergeblich. Als sie endlich Verdacht schöpfte und auf der Verwahrungsstelle nachfragte, war es schon zu fpät. Der junge Mann, dem sie auch den Gepäckschein gegeben hatte, war mit den Koffern und ihrem Gelde berits verschwunden. Di« Kriminalpolizei stellte fest, daß der Bursche in der Tat ein 26 Jahre alter

Die Brücke im Dschungel. Sitten- und Stimmungsbild aus dem Innern Mexikos. 20J von 23. Tranen. Copyright 1927, dy B. Traven, Tamaulipas (Mexik«). 14. Manuel schreitet langsam über die Brück« mit dem Kleinen vor der Brust. Neben ihm geht die Garza, von einer Frau begleitet, die ihren Arm um die Schulter der trauernden Mutter geschlungen hat. Hinter her folgen alle Männer und Burschen, den Hut in der Hand. Als Manuel an der Stelle der Brücke angekommen ist, unter der Carlo gefunden wurde, bleibt er einen kurzen Moment stehen. Die Garza stößt einen klagenden Schrei aus und die Frau schlingt sie fester in ihre Arme, um sie zu trösten. Einer der Männer tritt zur Seite, ergreift sein Machete und haut an dieser Stelle des Seiten- balkens eine tiefe Kerbe in das Holz als ein Denkmal. Der Zug geht weiter, erreicht das andere Ufer und kommt über die Dschungellichtung zu dem gekehrten Platz der Hütte, wo am Abend der Garza fiedelte und Carlo dem großen Bruder das Haar zerzauste. Wir kommen in die Hütte. In ihrem Innern ist sie eine der ärmlichsten Indianerhütten, die ich je gesehen habe. Weder Tisch noch Stühle noch Bank. Nicht einmal das einfache, zu- sammenklappbare Holzgestell mit einem darüber gespannten Segeltuch, das hier der Mehrzahl der Bevölkerung als Bett zu dienen hat, ist vorhanden. Ein Gerüst aus dünnen rohen Baumstämmchen, mit Bast und Bindfaden zusammengehalten, wird von dem Ehepaar als Bett benutzt. Eine alte Decke, als Kiffen ein Bündel Gras. Der Schlafplatz der Jungen ist oben auf dem Grasdach der Hütte, mit dem Himmel als Decke und Moskitonetz. In der Hütte sind vorausgeeilte Frauen schon tätig gewesen. Sie haben Kerzen herbeigeschafft, sie in leere Flaschen gesteckt und auf Kisten aufgestellt. Die Hütte de- kommt dadurch ein feierliches Aussehen, das die Garza, als sie beim Eintreten die Lichter erblickt, zu einem erneuten Ausbruch des Schmerzes hinreißt. Aber sie schüttelt den Schmerz diesmal rasch ab und fängt an, sehr geschäftig zu werden. Zuerst weiß sie nicht recht, wo beginnen. Sie rennt in diese Ecke, dann in jene: ergreift diesen Gegenstand, dann wieder einen anderen und legt ihn wieder aus den Händen. Dann endlich geht sie zu einer Kiste, die auf dem Erdboden steht und die der Kleiderschrank der Familie ist und nimmt

einen völlig zerknitterten und verkrumpelten Ballen Stoff heraus. Sie hält ihn eine Weile in der Hand und dreht ihn suchend um. Da sitzt Manuel hockend auf einem Sack, der zu einem Drittel mit Maiskolben gefüllt ist. Er sitzt da wie eine Bronze- statu«, den Kopf noch immer gesenkt und auf den Armen den kleinen Bruder vor sich. Sleigh erscheint im Eingang der Iacalito. Auf dem Kopf trägt er seinen Tisch, den einzigen den er hat. Er läßt ihn jetzt herunter und bringt ihn in die Hütte, wo er ihn in der Mitte, dem Eingang gegenüber aufstellt. Gleich darauf kommt die Pumxmeisterin mit zwei weißen Bettüchern, die sie auf dem Tische ausbreitet. Manuel steht auf und legt den Kleinen auf den Tisch. Er sieht auf ihn nieder, dann dreht er sich um und geht hinaus in die Nacht. Die Garza umklammert die kleinen Händchen, die so zer- weicht und alt aussehen und preßt sie so hart, als wollte sie ihnen damit wieder Wärme einflößen. Nun sieht sie, daß der Kopf flach liegt und wieder Blut aus Mund und Nase strömt. Sie geht zu ihrer Bettstatt und kommt mit einer Handvoll Gras zurück, das sie als Kissen ihm unterlegen will. Aus halbem Wege bleibt sie stehen, sieht auf ihr Kind und läßt das Gras fallen. Eine Frau läuft fort und kommt im Augenblick zurück mit einem kleinen schmutzigen Kindei<opfkisssn. Die Pumpmeisterin kramt in den Lumpen herum, sucht sich etwas zusammen und näht mit flinken Fingern ein zweites Kiffen. Die Kissen und die weißen Tücher bekommen große, nasse blaßrote Flecken, die sich immer weiter ausdehnen. Die Garza zieht dem Kleinen nun die Stiefelchcn aus. die Strümpfe, die zerflickte und zerlöcherte Hofe und das zerrissene Hemdchen. Die Pumpmeisterin findet einen Kamm und kämmt dem Kleinen das Haar. Erst macht sie einen Scheitel links, dann gefällt er ihr nicht und sie macht ihn rechts. Die Hähne krähen zum zweiten Male in der Nacht. Es ist ein Uhr. Die Garza hebt jetzt den zerknüllten Ballen Stoff von der Erde auf und oerwandett ihn zu einem ganz billigen blauen Matrosenanzug, den Sonntagsanzug des Kleinen und seinen größten Stolz. Sie zieht ihm das Höschen und das Jäckchen an. Der große Matroienkragen hat drei schmale, weiße Kanten. In seinem geflickten Höschen, der quer über die Schulter gezogenen Strippe und dem zerrissenen Hemd sah der Junge schön aus,«in echtes Kind des Dschungels. Nun aber sielst er aus, als sei er in einer Fabrik in Manchester ,

Chemnitz oder New Jersey per Gros als Nummer dreieinhalb angefertigt worden. Immerhin, sein braunes, wenn auch verquollenes Gesichtchen, die strengen Züge seines reinen un< vermischten Indianerblutes triumphieren über die blaß- häurigen Krämer. Zu seinen Lebzeiten hat der Junge den Anzug nur ein einziges Mal getragen und das war, als er einundeinhalb Jahr jünger war. Weder die Hosen, noch die Jacke lassen sich zuknöpfen, weil der Anzug lange nicht mehr paßt und weil der Körper nun auch noch ausgeschwollen ist. Die Garza versucht es immer wieder, und immer wieder ist es vergebens. Endlich preßt sie den Körper so fest zusammen, daß sie zuknöpfen kann und nun sitzt der Anzug so prall, daß man meint, er müsse gleich platzen. Sie wringt die Strümpfe aus und hält sie gegen das klein« Feuer, das auf dem Erdboden in der Hütte brennt und wo ein irdener Topf mit Wasser aufgestellt ist für Kaffee. Dann zieht sie dem Kleinen die Strümpfe an und endlich auch die neuen Stiefelchen. Während der ganzen Zeit schnaubt sie mit der Nase, ohne ein Taschentuch zu gebrauchen, das sie ja auch gar nicht besitzt. Wenn es ihr ein wenig zu viel wird, hebt sie ihr Kleid an und gebraucht es für diesen Zweck oder sie nimmt einen Lumpen auf, der mit aus der Kiste gerissen wurde. An der einen Seite der Wand ist ein Brett befestigt da- durch, daß zwei Bindfaden nach je einer Ecke des Brettes gehen, während die Hinterkante des Brettes auf zwei kurzen Pföcken aufliegt. Auf diesem Brett steht, gegen die Staketen- wand gelehnt ein Muttergottesbild ohne Rahmen. Daneben einige kleine Bildchen mit Heiligen und einem Spruch oder Gebet auf der Rückseite. Bor dem Muttcrgottesbilde steht ein Glas mit einem Lichtchen, das nie ausgehen darf. Aber wenn man kein Oel kaufen kann und auf Dinge zu achten hat, die wichtiger für das Leben sind, so geht das Lichtchen eben doch aus, wie es mit allen Sachen geht, die ewig sind. Aber die Pumpmeisterin hat auch dieses Lichtchen in Ordnung gebracht und es glimmt wieder. Auf dem Brettchen stehen noch ver- welkte Blumen in mehreren Scherben. Außerdem lag das Nähzeug darauf, das die Pumpmeisterin für das Kissen ge» brauchte, der Kamm, Haarnadeln, Streichhölzer und noch so allerlei andere Kleinigkeiten, darunter das Spielzeug des Kleinen: ein kleines, verbogenes und verschrammtes Blechauto, ein Angelhaken, eine Schleuder aus einem alten Autoreifen gefertigt, eine bunte Glaskugel, zwei Messingknöpfe, ein ab- gebrochener Flaschenkork, einige Zigarettenbildchen und die kleine Gitarre, die Manuel mitgebracht hat. An der Seite des Brettes über die Ecke gehängt ist ein ganz billiger Rosenkranz. (Fortsetzung folgt.)