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Sonntag

24. Juli 1927

Unterhaltung und Wissen

Wer hat mitzureden?

Bon Henrik Pontoppidan .

Der berühmte dänische Dichter und Nobelpreisträger Senzit Bontoppidan vollendet heute fein 70. Lebensjahr. Wir veröffent­lichen mit seiner Erlaubnis ein Rapitel aus feinem Roman Das gelobte gand"( deutsch bei Diederichs in Jena erschienen).

Auf einmal entstand eine Unruhe am Tische. Ausgehend von fetner schon ziemlich herausfordernden Lobpreisung der Hochschulen und des Geistes, der von ihnen auf die ländliche Bevölkerung über­gegangen war, brachte Emanuel plöglich die Rede auf den augen­blidlichen großen Kampf zwischen der Regierung und dem Bolfe. Alle sahen ängstlich zu Onkel Joachim hinüber, dessen Kopf mieder purpurrot geworden war und anschwoll wie ein Ballon, der gefüllt wird.

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eine

..Geftatten Sie mir, Verehrtester!" explodierte er schließlich, in. dem er nach Gewohnheit schwerhöriger Leute eine Hand höchst unaristokratische Fauft mit langen, roten Haarbüscheln in der Mitte aller Fingergelente hinter das Ohr legte. Ich höre, Sie find ein eifriger Bewunderer dieser sogenannten Boltsfreiheit, mein Herr, und dieses sogenannten allgemeinen Stimmrechts, ich bitte Sie! Da werden Sie mir vielleicht gestatten, Berehrtester, Ihnen ein Beispiel anzuführen, das Sie sehr wahrscheinlich auf andere Gedanken bringen wird. Ich brauche mir ein einziges Beis spiel anzuführen, um Ihnen Marzumachen, wie verwerflich, ja ge= radezu verderblich dieses ich bitte Sie dieses sogenannte all­gemeine Stimmrecht für die Zukunft und Wohlfahrt des Landes ist.

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Frau Hassing sandte ihrem Mann einen Blick zu, um ihn zu veranlassen, Onkel Joachim zum Schweigen zu bringen. Aber der Dottor, der hinter seinem torrekten und würdigen Aeußeren einen großen jugendlichen Schelm barg, tat, als fähe er es nicht. Er fand, es fönne ganz unterhaltend werden, Zeuge von einem fleinen Duell zwischen den beiden tampfluftigen Herren zu sein.

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Dor

Ich gestatte mir also ganz furz Ihnen folgendes vorzu­tragen," fuhr der Jägermeister fort. Ich hatte einmal einiger Zeit, hm einen Ruhhirten einen Kuhhirten, ver. stehen Sie! Im übrigen ein sehr nüchterner und ordentlicher Mensch aber çänzlich unwissend, selbst der elementarsten Kenntnisse bar. Wenn ihn jemand gefragt hätte, wieviel zum Beispiel dreimal sechs ist, so würde er wahrscheinlich zwölf oder vierzehn geantwortet haben. Ich bitte Sie! Oder wenn jemand gefragt hätte, wie zum Beispiel die Hauptstadt von Deutschland heißt, so würde er zweifel. los Sfelsför geantwortet haben, das war nämlich die einzige Stadt, die er außer Kopenhagen und Roskilde fannte. In bezug auf die Gefengebung wußte er ebenso genau Bescheid, über das, was in unferer sogenannten Verfassung steht, wie über das, was in den türkischen oder chinesischen Gesetzen steht! Run erlaube ich mir zu fragen," fuhr er mit steigendem Selbstgefühl fort, als er an dem allgemeinen Schweigen merfen fonnte, daß er angefangen hatte, Erfolg zu haben. Ist es wirklich Ihre Absicht, Berehrtefter, daß eine solche Person ebensoviel Einfluß auf die Leitung der inneren mie der äußeren Angelegenheiten des Reiches haben soll wie ein Mann, wie wie zum Beispiel unser verehrter Wirt, Herr Doktor Saffing? Ich bitte Sie!"

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.Et warf sich mit einer einladenden Handbewegung in den Stuhl zurüd, freuzte die Arme über der Brust und wartete in dieser Stel. lung fiegesgemiß Emanuels Antwort ab.

Emanuel hatte die größte Luft, dem Jägermeister überhaupt nicht zu antworten, denn seine ganze Persönlichkeit erschien ihm nicht gerade zu einem ernsten Meinungsaustausch einladend. Da er aber die Spannung merkte, mit der auch die anderen zu ihm hin­sahen, um seine Antworten zu hören, fagte er:

" Ich glaube, daß der besagte Kuhhirte, trotz aller vermeintlichen Unwissenheit, nicht nur das gleiche Recht wie Herr Dottor Haffing hätte genießen follen, sondern- falls ihm volle Gerechtigkeit mider. fahren wäre vielleicht vielmehr das doppelte."

Die Antwort fam mit einer solchen Zuverlässigkeit der Ueber. zeugung und flang dabei so parador, daß man unwillkürlich lauten Einspruch erhob.

Aber das fönnen Sie doch unmöglich meinen!" jagte selbst Frau Haffing, während sich Ontel Joachim zu seiner Schwester herabbeugte und mit einer Stimme, die er offenbar felbst für Flü stern hielt, ihr ins Ohr schrie: Was sagt er? Was sagt er?"

Ich wollte meinen, daß die Sache doch ganz einfach und ein­leuchtend ist," fuhr Emanuel fort, von dem Widerstand, den seine Aeußerungen hervorriefen, noch beredter gemacht. Warum soll denn die Geburt eines Mannes für sein Berhältnis zum Staat be­stimmend sein? Daß ein Mensch in Armut geboren ist, fann ein Unglück für ihn werden, und es ist weit eher ein Grund vorhanden, ihm dafür eine Genugtuung zu verschaffen als das Gegenteil. Und mas seine vorgebliche Unmissenheit oder vielmehr seinen Manget an Schulbüchertenntnissen anbetrifft, ja, der bedeutet doch eigentlich nur, daß der Staat nicht genügend auf seine Ausbildung hat ver­wenden mollen, aber deswegen ist doch fein Grund vorhanden, ihn stets stiefmütterlich zu behandeln, im Gegentei!!"

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Ja, aber Sie müssen doch wirklich einräumen" begann Doktor Hassing. Emanuel aber hörte nur seine eigenen Worte und fuhr fort: Die Sache hat außerdem noch eine andere Seite. Ich seze den Fall, daß eine Entscheidung in irgendeiner großen allgemeinen die Frage bevorstünde, zum Beispiel über Krieg oder Frieden Frage steht ja wirklich rings umher in Europa auf der Tagesprd: nung. Nun muß mir doch jeder Mensch recht geben, daß für einen Mann in Dottor Haffings Stellung der Ausbruch eines Krieges- Dam ökonomischen Gesichtspunkt aus feine wesentlichen Verände rungen in seinen Lebensbedingungen zur Folge haben würde. Ich maine, er braucht sich aus dem Grunde teine Entbehrungen irgend. melcher Art aufzuerlegen, gar nicht zu reden davon, daß er nichts für die Zukunft zu befürchten hat ich rede hier ja gar nicht ppn ben viel tieferen Gefühlen, die ein solches Ereignis natürlich her nprrufen wird, von denen man aber annehmen kann, daß sie bei allen die gleichen sind. Dahingegen behaupte ich, daß der Ausbruch eines Strieges für einen armen Arbeiter etwas ganz anderes und Er bedeutet in vielen Fällen seine völlige meit mehr bedeutet. Berarmung. Seine Arbeit stockt, der Handel, der Fabrikbetrieb usm., alles steht still. Zugleich werden die Lebensmittel teurer, bie Steuern werden erhöht, und nicht genug damit: seine jungen Söhne, die ihm eine Stütze im Alter sein sollten, werden gegen den Feind geschickt, werden vielleicht erschossen oder zu Krüppeln gemacht. Das heißt, sie belasten in Zukunft die Familie als neue und schwere Bürde. Und einen solchen Mann, befsen Gegenwart und Butunit fo schrecklich bedroht ist, den sollte man nicht um Erlaubnis fragen, Aber gerade so stellt sich nicht zmeimal um Erlaubnis fragen? Stets werden die einen

ja das Berhältnis in fast allen Fällen.

Michael I

Kurze Wochenchronik.

Maria

Nach der Thronbesteigung begab sich der neue rumänische König umgehend an die Geschäfte.

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Jn Nicaragua zeigten amerikanische Flieger, daß sie nicht nur Ozeanrekorde aufstellen, sondern auch nühliche Arbeit für die Zivilisation leisten.

und die Armen am meisten unter dem Druck der schlechten Zeiten leiden; deswegen ist es wohl nicht mehr als billig, daß man ihnen in erster Linie die Entscheidung überläßt. Wenn wirklich von Ge rechtigkeit die Rede sein soll, sollten weder diejenigen, die am meisten wissen, noch diejenigen, die am meisten besigen, noch die jenigen, die am meisten genießen, den größten Einfluß auf die Leitung eines Landes haben, sondern diejenigen, die am meisten ausgesezt sind. Von dem Gefichtspunkt sehe ich wenigstens die Sache an. ,, Aber dann sind Sie ja beinahe dann sind Sie wohl im Grunde Sozialdemokrat!" meinte Frau Hassing; sie hatte den Finger unter das Kinn gelehnt und fah gedankenvoll zur Decke empor. ,, Darauf kann ich wirklich teine bestimmte Antwort geben," ent­gegnete Emanuel, der abermals in Gedanken ein Glas Bein ge trunken hatte, Wenn die Anschauungen, die ich hier geäußert habe, sozialdemokratisch sind, nun ja, dann bin ich Sozialdemakrat. Ich schrecke nicht vor der Benennung zurück."

Was sagt er?

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Sagt er Sozialdemokrat?" stotterte der Jäger meister und beugte sich wieder über die Schwester herab, deren Aufgabe es überhaupt zu sein schien, an seinem Ohr zu hängen gleich einem lebenden Hörrohr.

Aber Sie müssen doch wirklich zugeben, Herr Paftor," nahm jegt der Doktor das Wort, daß das Volk so im allgemeinen in vielen Fällen gar nicht weiß oder imftande ist, sich ein Urteil dar über zu bilden, was zu seinem eigenen Besten dient. Dazu find Kenntnisse. doch in pielen Fällen Boraussetzungen erforderlich Erfahrungen usw.. die zum Beispiel einem Arbeitsmann auf dem Lande abgehen. Natürlich gibt es viele ausgezeichnete Ausnahmen, aber ganz im allgemeinen bas merbe ich, weiß Gott , nie bestreiten fann man doch gewiß sagen, daß das Bolt, zum Beispiel unsere große Bauernbevölkerung, als ein großes unerfahrenes vielleicht Kind zu betrachten ist, das zurzeit auch ein wenig unregierliches fich nur felbft in allerlei Unglüd stürzen würde, falls man es ganz feiner eigenen Urteilskraft überließe. Finden Sie nicht doch, daß ich recht habe?"

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Ich meiß nicht, warum man dies Mißtrauen zu den Bauern gefaßt hat," entgegnete Emanuel. Unsere Geschichte flößt es uns

Beilage

des Vorwärts

Reichs rat

Braun

Ein neuernannter Doffor verabfolgte Herrn von Keudell eine bittere Pille.

of

An der Beisehung der Wiener Opfer nahm Prälat Seipel nicht teil, weil er sich gerade die Hände waschen mußte.

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doch nicht ein. Im Gegenteil, fie lehrt uns, wie es ganz unberechtigt ist. Es wird sich nicht ein einziges Beispiel nachweisen lassen, wo man, indem man den Wünschen der niederen Klassen nachtam und ihren Rat befolgte, den Staat auch nur der geringsten Gefahr aus­gesetzt hätte. Dahingegen kann man ein Beispiel über das andere dafür anführen, daß man trotz der Warnungen des Volkes unser Vaterland von einem Unglück ins andere gestürzt hat. Aber nicht genug damit! Ich wage es zu behaupten, daß alles, was unser Land an Tüchtigkeit, Unternehmungsluft, Fleiß und Ausdauer be. fessen hat und noch befizt, ursprünglich und ausschließlich aus un serem Bauernstande herstammt. Es läßt sich historisch nachweisen, daß es sowohl in der Vergangenheit wie in der Jetztzeit kaum eine einzige große Begabung, nicht eine einzige Persönlichkeit gibt, die durch Geist und Tatkraft über ihre Mitwelt aufragte, ohne daß man nicht, wenn man nur einige Generationen zurückgeht, auf Bauern in der Familie gestoßen wäre! Dahingegen wird man kaum eine einzige hervorragende Kapazität finden, die durch Generationen hindurch ihre Wurzel in den sogenannten höheren Schichten gehabt hat. Der Fleiß, die Genügsamkeit und die zähe Ausdauer unseres Bauern sind das Erbteil aller unserer tüchtigen Männer gewesen, so war es in der Vergangenheit und so ist es noch heute und diesen Tag Jahr für Jahr schickt das Land frische unternehmungsluftige Kraft in die Städte hinein und jedes Jahr speien diese dafür eine Schar hinweltender, geistig und förperlich heruntergekommener Menschen aus, die das Landleben und die Landluft wieder auf die Beine bringen foll. Es ist ganz dasselbe Verhältnis, wie mit unserer guten, geduldigen dänischen Erde, die jahrein jahraus ihr nährendes Korn zwischen die roten Dächer" hinsendet und den Dünger wieder zurückerhält."

Er hatte mit zunehmender Kraft und Leidenschaft gesprochen. Freilich war feine Begeisterung allmählich ein wenig bewußt ge. worden, aber er nahm sich gut aus, wie er so dasaß mit seinen rot­blonden Haarlocken und dem blonden Bart, warm vom Reden und vom Wein und von seiner ernſten Ueberzeugung. Es war etwas von einem prophetisch verklärten Ausdruck in sein Gesicht gekom. men, und das starke Licht des Zimmers hatte einen fleinen golden Stern in feinen himmelblauen Augen entzündet.