flbenSausgabe Nr. ZSH � 44. Jahrgang Musgabe ES Nr. 177
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Verlinev VolKsvlÄkt
Montag 1. August 1927
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Gens. l. August. Auf Verlangen der amerikanischen Delegation wurde die Vollsitzung der Seeabrüstungskonserenz. die zuerst aus Montag festgesetzt worden war. aus zwei bis drei Tage v e r sch o b e n. Die Ver- lagung wird damit begründet, daß die Vollsitzung noch in allen Einzel- Helten vorbereitet werden muh: aber es scheint, dah der amerikanische Schritt durch neue Verständigungsversoche veranlaßt werde. Am Sonntag morgen stattete viscount I s h i i G i b s o n einen Besuch ab. Hierauf begab sich der Chef der amerikanischen Delegation in Begleitung von Admiral Iohnes zu B r i d g e m a u. und nach der Besprechung zwischen Bridgeman und Gibfon wurde die Sitzung von Montag abgesetzt. Japan versucht noch einmal zwischen den beiden parteieu zu vermitteln. Die amerikanische Delegation hat soeben den Text einer politischen Sicherungsklausel. für den Fall, dah dos Abkommen zum Abschluß gelangen sollte, verössentlichl. Sic besagt: Im Falle, daß vor dem 31. Dezember 1936 eine der vertragschließenden Parteien zu der Ausfassung käme, daß die in der Klasse der Kreuzer zugebilligte Tonnage von einer anderen Partei der- gestalt verwendet würde, daß die Notwendigkeit der Richtigstellung der Gesamttonnage dieser Klasse gegeben wäre, kann diese Partei jederzeit nach dem 31. Januar 1931 und mit Jnnehaltung einer sechsmonatigen Frist eine Konferenz der Mächte«in- berufen zur Untersuchung der Frag«, ob die Richtigstellung durch gegenseitige Abmachung herbeigeführt werden kann. Im Falle, daß eine Verständigung nicht möglich wäre, kann jede vertragschließende Partei die Auflösung der Konvention verlangen. Dann würde der Vertrag unter den anderen Parteien ebenfalls zu Ende gehen. Die Tatsache, daß dieser Vorschlag von der amerikanischen Dele- gation veröffentlicht worden ist, wird in Konferenzkreisen als eine letzte Anstrengung seitens dieser Delegation angesehen, die britische Delegation zur Annahme eines Kompromisses zwischen ihren Vorschlägen uich den unverändert gebliebenen Forderungen der Ver- einigten Staaten zu veranlassen.
Mm Donnerstag Vollsitzung. Genf . 1. August. Die ursprünglich für heute nachmittag«inberufene und gestern auf unbestimmte Zeit verschobene Vollsitzung der Seeabrüstungs- konserenz wird nunmehr auf Grund einer heutigen Vereinbarung zwischen den drei Delegattonen am Donnerstag nachmittag stattfinden. In Konferenzkreisen wird heute ausnahmslos damit gerechnet, daß dies die Schlußsitzung der Konferenz sein wird. Die Erklärung» die Botschafter Gibson für die amerikanische De- legation in der Donnerstag-Sitzung abgeben wird, hat bereits die Zusttmmung Coolidges erhalten. Die gestern abend von der amerikanischen Delegation verösfent- lichte politische Klausel, die in das Adrüftungsabkommen aufge- nommen werden soll, hat nicht die Zustimmung der englischen Delegierten gefunden englischerseits wird besonders betont, daß die amerikanische Klausel das Zustandekommen eines Abkommens vor- aussetzt, wofür jedoch bisher alle Voraussichten fehlen. Unter diesen Umständen erscheint eine Weiterführung der Verhandlungen kaum mehr möglich, so daß, wenn nicht bis Donneretag völlig un- vorhergesehene Umstände eintreten, mit dem Abbruch der Konferenz- Verhandlungen Ende der Woche gerechnet werden muß. Argentinien und der Völkerbund . Das Parlament soll die Wiederbeteiligung be- schließen. Buenos Aires . 31. Juli. In der Kammer hat der Außenminister die sofortige Beratung des Gesetzentwurfes über die Beteiligung Argentiniens an den Arbeiten des Völkerbundes verlangt. Die Kammer beschloß, die Frage sofort nach Beendigung der Beratungen des Gesetzes über die Nationalisierung der Petroleumunternehmungen zu erörtern.
Earol möchte König spielen. Er wird dem Rufe seines heitzgeliebteu rumänischen Volkes folgen!
Paris , 1. August. Der„Matin" veröffentlicht eine Erklärung des Prinzen Carol von Rumänien, in der es heißt: Trotz meines lebhaften Wunsches, mich zu den Beisetzungsfeierlichkeiten meines Vaters zu begeben, wurde mir in striktester Form mitgeteilt, daß meine Anwesenheit nicht erwünscht sei. Obgleich diese Antwort mir gegenüber als der letzte Wille des Königs hingestellt worden ist, bin ich darüber unterrichtet, daß der letzte Wunsch meines Vaters ganz im Gegensatz hierzu stand. Mir liegt der Gedanke fern, in meinem Lande irgend- eine Aktion zu entfachen. Wenn ich vor anderthalb Iahren aus meine Rechte verzichtet habe, so deshalb, weil ich durch Personen und Mittel dazu gezwungen worden bin. über die ich mich im einzelnen nicht äußern will. Es ist mir sehr nahe gegangen, mich entschließen zu müssen, diesen Schritt zu tun, dessen sämtliche Folgen ich beklage. Die Legenden seltsamster Art, die man über mich verbreitet hat, hatten mit meinem Entschluß nichts zu tun. Heute hat sich die Lage geändert, denn heute erweckt die Zukunft Ru- mäniens ernste Besorgnisse, während sie sich damals nach nienschlichem Ermessen unter den besten Auspizien darstellte. Irgend- ein Grund zu Befürchtungen für die Gesundheit de» Königs war nicht vorhanden, man rechnete vielmehr damit, daß er ziemlich lange regieren werde. Inzwischen ist mein Vater oerschieden und hat eine ernste Erbschaft hinterlassen. Um nichts in der Welt darf zu- gelassen werden, daß die Initiative und fruchtbare Arbeit zweier Generattonen in Gefahr gebracht wird. Ich bin der Ansicht, daß ich als Rumäne und Vater das Recht und die Pflicht habe, über die Größe der Nation zu wachen. die der Gegenstand der Fürsorge zweier ruhmvoller Souveräne ge- wesen ist, damit der Staat in keiner Weise beeinträchtigt wird, damit mein Sohn ein unantastbares Erbe erhält, wenn seine Zeit ge- kommen ist. Dies« Lage gibt mir das Recht, persönlich zu inter - venieren. Ich bin und war immer ein heißer und loyaler Patriot. Ich habe den lebhaften Wunsch, meinem Lande nützlich zu sein und nicht dort Unruhe hervorzurufen. Aber ich werde es nie- mals ablehnen können, dem Wunsche meines Volke» zu gehorchen und seinem Rufe zu entsprechen, wenn er an mich gerichtet . wird. « Für die Massen des rumänischen Volkes ist es bedeutungs- los, ob das Kind Michael oder der junge Mann Carol auf dem Thron der Väter sitzt. Sie werden von den herrschenden Klassen so oder so ausgebeutet und unterdrückt. Und ob die Urteile der rumänischen Schandjustiz im Namen C a r o l s oder im Namen Michaels auf Sozialisten und Demokraten niekersausen: deshalb wird die Behandlung in den Gefängnisien nicht besser, werden die Strafen-für umstürzlerische Gesinnung nicht geringer. Eher läßt sich noch annehmen, daß die Methoden der herrschenden Clique noch barbarischer werden, menn sie sich Kögen ein» Bewegung zugunsten Earot» Wehr ßtzeu nuch.
Carol hat seine Erklärung unter dem Einfluß von rumänischen Politikern abgegeben, die heimlich nach Paris gekommen sind, um ihn als ihren Prätendenten zu lanzieren. Mit seiner Erklärung, wieder König werden zu wollen, hat er sich so leicht beeinflußbar und wankel- mütig gezeigt, wie mit seinem Verzicht auf den Thron. Er bietet ein trauriges monarchisches Schauspiel. Er ist schon so herunter- gekommen, daß er nur noch auf den„Ruf seines Aolkes" hofft. Richtige Monarchen, so wie wir sie in Deutschland in schöner Fülle hatten, brauchen darauf nicht warten. Sie hatten ihre Throne von Gottes Gnaden erhalten. Doch der hohenzollernsche Exkron- prjnz in Paris wird auf die Hilfe des Himmels so lange warten, wie sein Kollege in Oels .
Schwere Unruhen in hantau. Blutig niedergeschlagener Kulistreik. H an tau. 1. August. Hier soll da» kriegsrecht proklamiert werden, da die Behörden Infolge der Suliunruhe stark beunruhigt find. Die Schwierigkeilen sind wegen der Weigerung der chinesischen Handelskammer entstanden. die Zuschüsse an die Kulis weiter zu zahlen. E» fand eine Protestversammlung von Sulis vor der Handelskammer stall. die wegen der drohenden Haltung der Menge von Truppen und Gendarmerie aufgelöst wurde, hierbei wurde ein Gewerk- fchaflsbeamter der Sulis verhaftet, worauf 7000 Kulis die Ar- beit niederlegten. Später versuchten die Sulis den verhafteten aus den Händen der Polizei in der Eingeborencnstadt zu befreien. Da» Polizeigebäude wurde gestürmt und teilweise zerstört. Die Polizei schoß auf die Demonstranten. Bei dem Zusammenstoß wurden vier Personen getötet und eine Reihe verwundet.
Der gereizte ölinddarm. Sluch ein Berschleppungsvorwand! Zum Falle Sacco- Vanzetti verbreitet MTB. ein« Meldung aus Boston , die fast unglaublich klingt. Danach soll die Entscheidung über die Vollstreckung des Todesurteils abermals vertagt worden sein, weil— der Sohn des Gouverneurs Füller an Blinddarmentzündung-rtrankt ist! Die zarte Rücksicht, die hier auf den Blinddarm— nicht etwa des die Untersuchung führenden Gouverneurs— sondern seines persönlich unbeteiligten Sohnes genommen wird, steht im schreienden Gegensatz zu der barbarischen Folter, die eine abermalige Verschleppung der Sache für die Verurteilten Sacco und Vanzetti bedeutet. Der 5) u n g e r st r- i k, in den die beiden zum Zeichen des Protestes getreten sind, ist natürlich ebenfall» belanglos im Der- gleich zu dem Llloddarm de« Gwnvmewrsöchnchonei
vorwärts- trotz alleüem! Die Lehren der Wiener Schreckenstage. Von Karl Kautsky . Genosse Karl Kautsky veröffentlicht in der Wiener„Arbeiterzeitung" einen Aufsatz, der wertvolle Ausblicke nach der Wiener Tragödie bietet. Der Berfasser zeigt, anknüpfend an das Massaker vom 17. Juli 1791 auf dem Atarsfeld bei Paris , die weltgeschichtlichen Folgen derart blutiger Vorgänge und fährt dann fort, indem er aus den blutigen Ereignissen vom IS. und 16. Juli 1927. in Wien Folgerungen zieht. In seiner„Geschichte der Französischen Revolution" sagt Louis Blanc (am Ende des siebenten Kapitels des sechsten Buches): „Das Massaker hinterließ in der Seele des Volkes einen unvergänglichen Gärungsstoff von Haß und Rache. Es gab von vornherein den Tagen des 20. Juni und 10. August(1792) den Charakter einer Revanche. Denn Er- eignisse dieser Art gehen an einer Grfellschaft nicht vorbei, ohne ihre Spuren zu hinterlassen.. Die T r a g m e i t e jenes Blutbades mar unberechenbar, war f u r ch t b a r." Kein Zweifel, Ereignisse dieser Art hinterlassen Spuren, furchtbare Spuren in dem Gemüt der Bevölkerung, die von ihnen betroffen wird. Trotzdem müssen die Konsequenzen des Blutbades von 1927 nicht die gleichen sein wie die des Blutbades von 1791. Damals folgten dem 17. Juli die Sep- tembermorde des nächsten Jahres, begangen gerade von jenen, die von dem Massaker auf dem Marsseld am meisten getrosscn waren. In jenen Tagen folgte dem bürgerlichen Terror von 1791 der kleinbürgerlich-proletarische von 1792 und 1793. Das muß diesmal glücklicherweise nicht wieder so kommen. . l:zeh! �" scher Käm�f es aber auch demo»
Seitdem sind dreizehn Jahrzehnte vergangen, dreizehn 'zehnte d e m o k r a t i s ö kralischer Errungenschaften und Ergebnisse. Die Massen vov
1791 waren völlig unorganisiert, politisch unwissend, gläubig jedes Gerücht, jede Illusion ausnehmend, jede Augenblicks- stimmung durch ihr bloßes Beisammensein maßlos ver» stärkend. Sie tonnten dem König heute zujubeln, als dem besten Vater des Volkes, um ihn morgen, durch ihn enttäuscht, auf das Schafott zu schleppen. Heute fühlten sie sich als Herren im Staate, doch einige Gewehrsalven genügten, die demokratische Bewegung anscheinend völlig auszulöschen und eine Panik hervorzurufen, der selbst die Tapfersten nicht stand- hielten. Nach einigen Monaten aber war die Panik verflogen
untz zeigte sich der Volkszorn unwiderstehlicher denn je. Dabei wurde der Terror die eigentliche politische Methode von beiden Seiten, einmal von rechts, dann von links, und schließlich wieder von rechts. Das ändert sich im Laus« der späteren Jahrzehnte um so mehr, je länger die arbeitenden Massen die Möglichkeit haben, sich zu organisieren und eine eigen« Presse zu gewinnen, sowie sich zu bilden, nicht nur in Schulen, sondern auch, und narnent- lich in politischer und gewerksthaftlicher Praxis, in Wahl- kämpfen, in Streiks, in dem Verfolgen parlameniarifchor und kommunaler Tätigkeit und dergleichen. Je mehr so die Massen geschult werden, um so schwerer wird es, sie durch Gewalttaten einzuschüchtern, aber auch um so schwerer, sie zu Gewalttaten aufzureizen, die der Sache de> sozialen Höherentwicklung nicht förderlich sind. So sind auch die Folgen des jüngsten Blutbades ganz andere als die des Massakers auf dein Pariser Marsfeld 1791. Keine Panik, kein Verschwinden der sozialdemokratischen Ve- wegung, keine Flucht ihrer Führer. Rein menschlich betrachtet, hat das Proletariat schwere Verluste erlitten an Menschen- leben, Verluste, die am tiefsten empfunden werden von unserer Partei. Denn uns ist nicht, wie den Ausbeutern, der arbeitende Mensch bloßes Mittel für die Zwecke, sondern Selbstzweck, das Menschenleben daher heilig. Aber so tief wir die gefallenen Opfer beklagen, unsere Sache selbst ist unerschüttert. Nicht nur haben unsere Organi- sationen ihre Geschlossenheit bewahrt, auch der Geist, der sie beseelt, ist nicht minder krafwoll als bisher. Je mehr dies zutrifft, desto mehr dürfen wir erwarten, daß auch die Saat des Hasses und der Rache, die jedes Blut- bad unvermeidlich sät, nicht so furchtbare Folgen noch sich ziehen wird, sobald das Proletariat einmal zur Macht kommt, wie das in den Tagen der großen bürgerlichen Revolution der Fall war. Das wird für unsere Gegner noch wichtiger als für uns. Der Vormarsch des Proletariats ist ein unaufhaltsamer— ebenso unaufhaltsam, wie der der Großindustrie. Roch kein Blutbad konnte ihm dauernd Halt gebieten, auch das grausamste nicht. Auch nicht die Tausende von Proletarierleichen, die der Junikampf von 1848, die blutige Maiwoche von 1871 kosteten. Vergeblich triumphierten nach
jeder dieser furchtbaren Tragödien die Sieger und wähnten, der Hydra de? Lohnproletariats seien die Köpfe für immer zertreten. Aber die moderne Gesellschaft kann
ohne dies« Hydra nicht leben, sie muß sie immer wieder selbst hervorrufen und immer mehr verstärken, will sie existieren können. Der Sieg des Proletariats ist gewiß. Un- gewiß jedoch die Art, w i e er sich vollzieht. Niemand hat ein größeres Interesse, als gerade die besitzenden Klassen, dah er in größter Milde vor sich geht, da.ß er eintritt unter Ve- dingungen, in denen die Methode« der Demokratie bei allen fest«ngemen-zM sind,