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Abendausgabe

Nr. 477 44. Jahrgang

Ausgabe

Nr. 236

Bezugsbedingungen und Anzeigenpreife Find in der Morgenausgabe angegeben Redaktion: SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292- 292 Fel- dreffe: Sozialdemokrat Berlin

Vorwärts

Berliner Volksblaff

10 Pfennig

Sonnaberd

8. Oktober 1927

Berlag und Anzeigenabteilung: Sefchäftszeit bis 5 hr Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin S. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 292- 20:

Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Vor dem Kampf in Mitteldeutschland .

Die Kündigungen eingereicht.

Halle, 8. Oktober. ( Eigenbericht.) Heute am 8. Oftober hat der weitaus überwiegende Teil der Belegschaften des gesamten mitteldeutschen Braunkohlenbergbaues die kündigung eingereicht. Bon Tag zu Tag steigt die Zahl der Kündigungsunterschriften.

Troh des Ernstes der Lage haben die Unternehmer ihren hart­nädigen abweisenden Standpunkt nicht verlassen. Die Erbitterung unter den Arbeitern und der Andeang zur Kündigungszettelabgabe ist daher durchaus verständlich. Der Kampf ist nunmehr in fein

lehtes Stadium eingetreten.

Nach fieben Tagen beginnt dann in Mitteldeutschland ein Riefenkampf.

Die Bergarbeiter werden mit der von ihnen bei den Kampf­vorbereitungen bewiesenen gewerkschaftlichen Disziplin durch bitterste Not getrieben, entschloffen aber auch, in geschlossener Front den auf­gezwungenen Kampf aufzunehmen.

3ur erfolgreichen Durchführung dieses Riefenkampfes ist die

Mithilfe der Frauen unbedingt nöfig. Die Not der Berg. arbeiterfamilien haben die Frauen am schwersten zu fühlen be­fommen. Sie werden daher Seite an Seite mit ihren Männern zur Erkämpfung des Sieges beitragen.

Eben wird bekannt, daß die Unternehmer

ein Verwirrungsmanöver

planen. Sie wollen die Bergarbeiter zur 3 uradnahme der kündigung veranlassen und laffen zu diesem Zwede Ciften für Unterschriften auslegen. Dieses Manöver ist merkwürdigerweise zuerst für die Kraft- und Grubenbetriebe von Golpa- 31dhorno­wih geplant. Die Bergarbeiter haben sich 1923 einmal von den Unternehmern unter Anwendung von Drucmitteln Unterschrif ten erpreffen laffen. Der Erfolg war die Aufbürdung des Zwölfftundentages. Ein zweites Mal wird den Unternehmern dieses fchändliche Treiben nicht gelingen. Die Bergarbeiter werden es ab­lehnen, Hungerlöhne als Dauerzustand mit ihrer eigenen Namens­unterschrift zu fördern.

Der Balkan in Unruhe.

Der Faschismus als Hetzer.- England beschwichtigt.

=

Belgrad , 8. Oftober.( Eigenbericht.)

An der südslawisch albanischen Grenze ist es am Freitag­nachmittag ebenfalls zu einem Zwischenfall gekommen, der auf Komitatschis aus Albanien zurückzuführen ist. Es wurden sofort südslawische Truppen eingesetzt, deren Verfolgung der Bande trok eines scharfen Feuergefechts jedoch erfolglos blieb. Die Romitatschis flüchteten nach Albanien .

1. Die füdslawische Regierung hat sich am Freitag noch mals mit den Vorfällen der letzten Tage und insbesondere mit der Ermordung eines Generals der füdslawischen Armee beschäftigt. In einer Note fordert sie von der bulgarischen Regierung die sofortige Berhaftung des Generals Protonoff. In einer zweiten Note werden angeblich noch weitergehende Forderungen aufgestellt. Es ist dagegen falsch, daß beschossen worden sei, an die bulgarische Regierung die ultimative Forderung zu richten, das mazedonische Komitee, dessen Siz sich in dem bulgarischen Grenz­bezirk Betritsch befindet, aufzulösen, widrigenfalls füdslawische Tuppen dort einrüden würden, um selbst Ordnung zu schaffen.

Es verlautet hier, daß es der südslawischen Polizei inzwischen gelungen ist, zwei der Attentäter, die an der Erschießung des Generals beteiligt sind, zu verhaften. Im übrigen verweist

sowohl die serbische als auch die kroatische Preffe darauf, daß hinter dem mazedonischen Komitee ohne Zweifel die italienische Re­gierung steht, deren Ziel schon immer dahin ging, möglichst eine Annäherung zwischen Südslawien und Bulgarien zu hintertreiben.

*

Bomben und Brownings find in Mazedonien die Mittel, mit denen sich die Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation( IMRD.) bemerkbar macht. Das ist jener auf terroristische Methoden eingeschworener Kampf­verband, der schon in der Türkenzeit an der Befreiung des Landes arbeitete und seine Tätigkeit nicht einstellte, als nach Berjagung der Türken Mazedonien bei schwerer Benachteili gung Bulgariens fast nur an Serben und Griechen verteilt wurde. Der Boden für die JMRO. ist bereitet durch Miß­stände aller Art, Willkür der Behörden, Recht losigkeit der Bevölkerung, wirtschaftliche Not, sozialer Druck. Daß die Organisation jezt zu schärferen Schlägen ausholt, tönnte als Antwort auf die Foltern gedeutet werden, die im Kerker von Stoplje eine Anzahl wegen revolutionärer Umtriebe verhafteter mazedonischer Studenten zu erdulden hatte. Ginmal find die Bomben- und Revolverattentate dieser Wochen eine Visitenkarte, die der Bevölkerung Mezedoniens und auch den südslawischen Behörden sagt: Wir sind noch da! An­dererseits sollen diese Terrorafte wie schon zur Türkenzeit Europa an das Dasein einer mazedonischen Frage erinnern, und deshalb begannen fie jetzt in dem Tagungsabschnitt des Völkerbundes. Schließlich aber und das ist die Hauptsache soll die ununter­brochene Reihe von Bewalttaten jede Annäherung zwischen Belgrad und Sofia hintertreiben. Als der Bauerndiktator Stambolijs fi feine engherzig bulgarische, sondern eine fühn groksüdslawische Politik betrieb, die auf den An schluß Bulgariens an seinen Nachbarn hinauslief, wurde er von den mazedonischen Komitees ,, umgelegt". Die durch den Staatsstreich des 9. Juni 1923 ans Ruder gekommene Regierung 3 ant of war mehr oder minder eine Gefangene der IMRO. Das Kabinett Ljaptschew, das im Inneren Zankofs reaktionäre Politik fortsett, begann allmählich die Fesseln der Mazedonier abzustreifen und suchte den Weg der Verständigung mit Südslawien. In Genf lam es dann unlängst zu einer durchaus freundschaftlichen Aussprache zwischen den Außenministern beider Länder, Burof und Marinkowitsch. Da rufen die Explosionen und Schüsse in Mazedonien dem bulgarischen Ministerpräsidenten zu: Halt auf diesem Weg und dente, daß auch du sterblich bift! Mit

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der Annäherung hat es nach den jüngsten Attentaten wieder seine guten Wege.

Erfolgt die füdslawische Forderung an Bulgarien nach Berhinderung der Bildung und des Grenzübertritts von Banden in einer Form, die der bulgarische Chauvinismus nicht als ehrverlegend empfindet, und hat die Regierung Ljaptschem den Mut und die Kraft, mit den mazedonischen Unruheftiftern Schluß zu machen, fo fann fich alles zum Guten wenden. Aber die Aussicht dazu ist um so geringer, als auch Mussolini daran gelegen ist, Belgrad und Sofia im Zustand gegenseitiger Berhe zung zu erhalten. Von den mazedonischen Organisationen führt mehr als ein Faden So gleicht die zu der Balkanpolitik des Faschismus. Lage in unheilvoller Weise selbst in Einzelheiten der Situa tion nach dem Attentat von Serajewo im Sommer 1914. Die Tragik wird dadurch verschärft, daß Serben und Bulgaren zwei Südslawen sind, die sich sprachlich und kultu­rell nicht fernerstehen als Reichsdeutsche und Desterreicher. Wenn sie sich wegen Mazedonien in den Haaren liegen, lei­den fie unter der üblen Erbschaft einer Zeit, da der Imperia lismus der Großmächte, vor allem Rußlands und Desterreich­RUMANIEN

17942 SA BELGRAD

1

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Novibazar Nisch

Tirana

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SOFIA

BUKAREST

Warna

Tirnowa

Burgas

BULGARIEN

Philippopel

GRIECHENLAND

KEI

Adrianopel Konstantinopel

Ungarns, eigensüchtig die natürliche Einheit der Balkanslawen auseinanderriß. Belgrad und Sofia find in einen Wahn verkrampft, wenn die Mazedo- Slawen dort als Serben, hier als Bulgaren angesprochen werden. Sie sind feines von beiden, sondern ein Zwischenglied zwi­schen Gerben und Bulgaren , das ein Bindeglied sein könnte und sein wird, wenn die Leidenschaft einmal der Bernunft gewichen ist. Im Interesse des Balkans und Europas muß man hoffen, daß diese fühle Vernunft mit am Tische fit, wenn Belgrad jetzt seine Entschlüsse faßt und Sofia auf diese Entschlüsse zu antworten hat. Abgesehen davon bietet sich für den Bölkerbund wieder einmal eine Ge­legenheit, feinen Ruf zu verbessern.

England sucht zu vermitteln.

England, 8. Oktober.

Die Lage, wie sie durch die Ermordung des serbischen Generals Kovatschewitsch geschaffen worden ist, hat in London Aufregung hervorgerufen. Der diplomatische Korrespondent des Daily Tele graph" rechnet mit der Möglichkeit, daß bei der Zusammenkunft zwischen Briand und Chamberlain in Paris außer laufen­den Fragen, wie etwas das Tangerproblem und die Stellungnahme Frankreichs gegenüber Rußland , auch dieser neue Puntt besprochen worden sei. Denn es sei ganz gut denkbar, daß irgendeine 3u pigung der Lage auf dem Balkan hinreichend Grund zur Ein berufung einer außerordentlichen Sigung des Bölferbundes abgeben fönne, so wie es vor zwei Jahren gelegentlich des bulgarisch­griechischen Zwischenfalls der Fall war. Der Belgrader Korrespondent der Times" berichtet, daß der englische Gesandte dort einen längeren Besuch bei der bulgarischen Gesandtschaft abgestattet habe.

Wie werben wir?

Ein Vorwort zur Werbewoche der Partei. Von Hans Vogel .

Das kommende Jahr steht im Zeichen äußerst wich tiger Wahlen. Neuwahlen zu den gesetzgebenden Körper­schaften finden nicht allein in Deutschland statt, sondern auch in England, in Frankreich und in den Vereinigten Staaten Nordamerikas . In Deutschland wieder nicht nur zum Reichs­tage, sondern auch zum Breußischen und Bayerischen Landtage und anderen deutschen Länderparlamenten, wie auch zu komi­munalen und sonstigen öffentlichen Selbstverwaltungskörper­schaften. So fann das Jahr 1928 zu einem Schicksalsjahr nicht nur der deutschen , sondern auch der europäischen, ja der gesamten Weltpolitik werden.

In Deutschland werfen die Wahlen bereits breite Schatten voraus. Schon treten die Parteien mit Erklärungen, die auf die Wahlen zugeschnitten und auf die Beeinflussung der Wähler berechnet sind, an die Deffentlichkeit. Für die Sozialdemokratische Partei soll die vom Parteivorstand und Parteiausschuß auf die Zeit vom 6. bis 13. November fest­gesezte, sich einheitlich über das ganze Reich zu erstreckende Werbewoche den Auftakt zu den Wahlen bilden. Diese Werbe­woche zu einer roten Woche zu gestalten und damit das rote Jahr 1928 vorzubereiten, ist nunmehr die Aufgabe unserer Organisationen, ihrer Leitungen und Funktionäre sowie der gesamten Parteimitgliedschaft. Freilich kann sich die Werbe­arbeit für die Partei und ihre Zeitungen nicht auf diesen furzen Zeitraum von acht Tagen beschränken. Werbe-, Or­ganisations- und Agitationsarbeit soll von allen, die sich Sozialdemokraten nennen, immerwährend, zu jeder Zeit und wo sich die Möglichkeit dazu bietet, geleistet werden. während der Werbewoche soll unsere Propagandaarbeit nur fomprimiert, die propagandistische Regsamkeit der Partei­genossen geweckt werden, sie soll durch die Einheitlich­feit der Aktion im ganzen Reiche eine ganz besondere Steigerung erfahren. Dabei für alle Bezirke des Reiches geltende Richtlinien aufzustellen, ist bei der Verschiedenartig­feit der wirtschaftlichen und politischen Struftur der einzelnen Landesteile, bei der großen Unterschiedlichkeit des Bolts­charakters, der Berufsgliederung, des religiösen Bekenntnisses und mehr oder minder starken Dichtigkeit der Bevölkerung unmöglich. Man wird in Ostpreußen ganz anders zu Werfe gehen wie im rheinisch- westfälischen Industriegebiet, in Bayern , Württemberg oder Baden wieder anders als in Berlin oder Hamburg . Das ist eben die Kunst der Funkiio­näre der Partei, sich in die Seele des Arbeiters und der Ar­beiterin hineinzudenken, sie von der Seite und mit den Mitteln zu faffen, von der und mit denen sie am sichersten zu gewinnen und auch dauernd zu halten sind. Dazu ist allerdings notwendig, daß sie in der Organisation zu bewußt sozialistisch denkenden und bewußt sozialistisch handelnden Menschen erzogen werden, deren Interessen- und Erkenntnistreis sich nicht auf die Gegenwartsaufgaben be= schränkt, sondern die auch von der Notwendigkeit der Ver­wirklichung unseres sozialistischen Endziels überzeugt sind.

Aus den in früheren Jahren durchgeführten Werbewochen liegen aber doch mancherlei Erfahrungen vor, die bei der Durchführung der kommenden Werbewoche allgemeine Be­achtung verdienen. Bielfach hat sich die Werbearbeit nur auf die Orte beschränkt, in denen bereits Ortsgruppen der Partei bestehen. Wie wichtig es aber ist, auch in anderen Orten Stüzpunkte zu schaffen und neue Parteimitglieder und stän­dige Bezieher für unsere Zeitungen zu werben, zeigen die folgenden Zahlen. Nach dem Statistischen Jahrbuch des Reiches für das Jahr 1926 gibt es in Deutschland 63 580 Ge­meinden, die Partei aber verfügt nur in 8230 Gemeinden meinden entfallen 60 132= 94,57 Proz. auf das Land. Es über eigene Ortsgruppen. Von der Gesamtzahl der Ge­sind das Gemeinden mit weniger als 2000 Einwohnern. Nur 3448= 5,43 Proz. sind städtische Gemeinden. In den Ge­meinden bis zu 5000 Einwohnern wohnt fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung. Aus alledem ergeben sich die großen, Schwierigkeiten der Landagitation, die Zahlen be ſtätigen aber auch, wie dringend notwendig und intensiv siet betrieben werden muß.

Bei der vorjährigen Werbewoche wurden 52 241 Mit­glieder, darunter 10 110 weibliche und 69 879 Abonnenten der Parteipreffe gewonnen. Das Ergebnis, auch im Prozentver­hältnis, weicht in den einzelnen Bezirken sehr weit von= einander ab, was wohl darauf schließen läßt, daß die Vorbe­reitungen nicht überall mit der gleichen Sorgfalt und Umsicht betrieben worden sind. Das Ergebnis fönnte aber auch ein weit besseres sein, wenn sich auch die Parteimitglieder, die sich sonst an den parteioffiziellen Veranstaltungen, wie Flug­blätterverteilen, Hausagitation usw. nicht beteiligen, in an­derer Weise für die Partei und Presse betätigt hätten. In den Fabriken, Werfstellen, Schreib- und Nähstuben und an­deren Arbeitsräumen, unter den noch nicht in unseren Or­ganisationen stehenden, politisch indifferenten oder anderen Parteien angehörenden Arbeitskollegen und-kolleginnen sind dazu soviel Möglichkeiten gegeben, daß es dazu gar nicht erst einer besonderen Aufforderung oder eines eigenen Hinweises bedürfen sollte. Viel leichter und mit viel mehr Aussicht auf Erfolg wie die mühsame Hausagitation ist diese Werbung zu betreiben. Von den Genossen auf dem Lande hört man immer wieder die Klage, daß gerade die Arbeiter vom Lande, die in den benachbarten Städten arbeiten, sich am meisten dem Beitritt zur Partei entziehen. Diesen Mitarbeitern sollen

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