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Sprengt Bayern den Bürgerblock?

Ober tnadt es nur mit dem Revolver?

München , 15. Ottober.( Eigenbericht.)

Auf der am Freitag abgehaltenen Sigung der Landespar teileitung der Bayerischen Boltspartei wurde mit besonderer Lebhaftigkeit auch die Frage erörtert, ob für den Fall, daß den bayerischen Anträgen zur Abänderung des Finanz ausgleichs im Zusammenhang mit der Besoldungserhöhung von den übrigen Koalitionsparteien im Reichstag nicht in befriedigender Weise Rechnung getragen werde, die Bayerische Volkspartei aus der Reichsregierungstoalition austreten müsse. Hierzu erklärt am Sonnabend das offizielle Parteiorgan, die ,, Bayerische Boltspartei- Korrespondenz" folgendes:

,, Es tann nicht verschwiegen werden, daß der Beschluß des Reichskabinetts, trotz der Beschlüsse des Reichsrats auf dem ursprüng lichen Standpuntt des Reichsfinanzministeriums zu beharren, für Bayern und für die Bayerische Volkspartei eine sehr ernste Lage geschaffen hat, die, wenn kein befriedigender Ausweg gefunden wird, möglicherweise Folgen für die ganzen Regierungs­verhältnisfeim Reich haben tönnte."

Karlsruhe , 15. Ottober.( Eigenbericht.)

Der Karlsruher Boltsfreund" teilt in seiner Sonnabendaus gabe mit, daß dem Pfälzer Tageblatt, durch Bermittlung des bayerischen Ministerpräsidenten vom Auswärtigen Amt mehr als 25000-12. Subvention zur Verfügung gestellt werden sollen. Das Pfälzer Tageblatt" ist stark republiffeindlich und rich­tet sich vor allem auch gegen die linksgerichteten Zentrumskreise.

Angst vor dem Reichsbanner? Arensdorf schreit nach einem Verbot. Das Reichsbanner beabsichtigt, am 23. Dftober in Arens dorf einen Reichsbannertag zu veranstalten. Das veranlaßt die deutsch nationale Landtagsfrattion zu einer dumm dreisten Anfrage, in der es im Anschluß an die ebenso lächerliche wie durchfichtige Behauptung, das Reichsbanner plane gegen die Familie dès Mordbubén Schmelzer Gewalttätigkeiten, heißt:

Es wird angefragt, ob das Staatsministerium diese Bro­votation billigt und was zum Shuze der bedrohten Familie Schmelzer geschehen soll."

Wir hoffen, daß die Antwort der preußischen Regierung de ut Ilch ausfällt:- Die schwarzweißroten Helben von Arensdorf werden noch oft Gelegenheit haben, sich an Schwarzrotgold zu gewöhnen, mögen fte sich auch hinter den Rockschößen einer Regierung zu ver­steden suchen, gegen die sie sonst nicht laut genug zetern können.

Die Palastdame.

Wenn ein Reichskanzler Premieren besucht... Der Kunstkritiker der Deutschen Zeitung", Herr Baul 3ichorlich, Borkriegsfreifinniger und derzeitiger völtischer Sitten­mächter, liest in einem Offenen Brief " dem Reichskanzler Marg die Leviten, weil dieser gewagt hat, die Erstaufführung der Oper Jonny spielt auf" mit feinem Besuch zu beehren. Furchtbare Antlagen laffen ins das Seelenheil des Reichstonglers erzittern: Erstens stammt der Berfasser der Oper yon ti eijchen Gltern, zweitens fpielt ein Neger, darin die Hauptrolle, drittens, benimmt fich diefer Neger fehr ungelittet, piertens, fünftens, sechstens überhaupt unb( p. Aber 3fchorlich weiß auch mit historischen Reminiszenzen zu operieren: Bielleicht darf ich Ihnen, Herr Reichstanzler, zur Beranschau fichung dieser Auffassung einen Fall ins Gedächtnis rufen, dem als einen marfanten Gegenbeispiel Bebeutung zukommt. Als im Jahre 1902' die Feuersnot" Don Richard Strauß , also ein fünstlerisch hochstehendes Wert, an ber bamals Königlichen Oper in Berlin gegeben wurde, hatte sich eine Bala ft. dame der Kaiferin gegenüber empört über den Inhalt dieser Oper ausgesprochen. Der Kaifer, bem die Sache mitgeteilt worden war, ließ sich den Intendanten Grafen Hochberg fommen und verlangte die fofortige Ablegung der Oper vom Spielplan, weil sie Anstoß errege. Hochberg stand gerade für Richard Strauß und die Folge war, daß er in Ungnade fiel und aus feinem Amt entlassen wurde. Damit ist allerdings die geistige Ueberlegenheit der guten alten Zeit" über die fittenlose republikanische Gegenwart sonnentlar bewiesen. Wir empfehlen die fofortige Anstellung von Balastbamen in allen Reichsministerien und bringen als erste Herrn Baul Zschor­lich in Vorschlag.

Ein Prefprozeß im Elsaß .

Das Autonomistenblatt berurteilt.

Straßburg , 15. Ottober.

Die autonomistische Zeitung Boitsstimme" ist zu 800 Franken Geldstrafe verurteilt worden, well sie eine Geldfamm. lung aufgelegt hatte, zu der vor allem auch die Freunde der Zeitung in Deutschland eingeladen worden waren. Die Zeichnung sollte eine Geldstrafe decken, zu der die Zeitung vor kurzem verurteilt worben war. Dieser Appell an das Ausland wurde als, An= griff auf die Sicherheit des Landes" gedeutet.

Flucht vor dem Faschismus.

Die Knechtung Südtirols .

Innsbrud, 15. Oftober.( WTB.) Einem Bertreter einer Innsbruder Zeitung erklärte der in Innsbrud eingetroffene techtsanwalt Dr. Reut- Nicolussi über seine Flucht folgendes: Ich bin aus Italien geflohen, weil ich jeden Tag die 3 wangsverschi dung zu gewärtigen hatte. Die Präfektur hatte mich aus der Anwaltsliste gestrichen und meine wirtschaftliche Eriftenz badurch vernichtet. Ich wurde ständig überwacht. Alle Briefe, die ich empfing oder schrieb, gingen durch die Zensur. Ich nahm lieber die Gefahren einer Flucht auf mich, als die unaufhörlichen Schikanen zu ertragen. Das Ber­brechen, das ich beging, war, daß ich vor einem Bozener Gerichts­tribunal einte junge deutsche Behrerin als Rechtsanwalt perteidigt habe, als sie wegen unerlaubten Unterrichts in deutscher Sprache an Schulkindern angetlagt war.

Das Wahlprüfungsgericht beim Reichstag traf am Sonnabend die Schlußfeststellungen über die Reichstagswahlen vom 7. Dezember 1924. Es wurde festgestellt, daß die auf die Reichswahlvorschläge entfallenden Reststimmen richtig verwertet worden sind. Die Möglich feit, daß sich auf Grund einer nochmaligen Nochprüfung das Man datsergebnis ändern fönnte, liegt nicht vor. Der Antrag des Be­richterstatters, wonach die Berteilung der Abgeordnetenfiße auf die Reichswahlvorschläge ordnungsmäßig erfolgt ist, fand einstimmige Annahme.

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Sechzig Jahre Sozialdemokrat!

Das Parteijubiläum des Genossen Wilhelm Bock .

Schön ist die llebung vieler Partelorte, die Genoffen festlich| an dieses Abenteuer wurde er Mitglied der Parteiorganisation der zu ehren, die dreißig oder vierzig Jahre ununterbrochen für die Lassalleaner, des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins , er ist noch Bartei gewirkt haben. Fünfzigjährige Parteijubiläen sind schon eine heute Geib und Autorf dankbar für die Anregungen, die er in Ber­große Seltenheit Ganz vereinzelt ist aber der Fall, daß ein Mann, sammlungen und in persönlicher Unterhaltung von ihnen erhielt. der vor sechzig Jahren der Partei beigetreten ist, heute noch in voller Als Arbeitsloser mußte er Hamburg verlassen, er wollte zu Fuß über Thüringen , Bayern , Schwaben nach der Schweiz wandern. geistiger und förperlicher Frische in der Partei wirkt und als nachahmenswertes Beispiel vor uns steht.

Die Thüringer Genossen haben allen Anlaß stolz zu sein, daß in ihrer Mitte der Parteijubilar unermüdlich wirkt als Agitator und Organisator wie als Vertreter der thüringischen Genossen im Reichs­tag. Wilhelm Bod ist der Jubilar, den wir heute fameradschaftlich grüßen als den, der sechzig Jahre unter uns und mit uns gewirkt hat, und von dem man sagen kann, daß fein Tag der sechzig Jahre verftrichen ist, ohne Arbeit für die Partei des Proletariats.

An einem Mittwoch

Er fam aber nicht so weit, er fand in Gotha Arbeit und feit dem Frühjahr 1869 ist der Name Wilhelm Bod mit der Stadt Gotha , mit der dortigen Arbeiterbewegung und mit der

in ganz Thüringen auf das innigste verknüpft. In Gotha bestand ein kleiner Verein der Lassalleaner, der erst Leben bekam. seitdem Bock dort angekommen war. Bevor Bock nach der Heimat zurückgefehrt war, war in diesem industriellen Gebiet von Sozialismus ganz wenig zu spüren, er wurde der erste Apostel des Sozialismus für die thüringische Arbeiterbevölkerung. Unermüdlich und selbstlos, ohne einen Groschen Entschädigung, streute er die Keime der sozialistischen Ueberzeugung aus, er sprach in Weimar und Erfurt , in Apolda , Eisenach und Mühlhausen , in großen und

im Offober 1867 fand er den Anschluß an die Sozialdemokratie, durch die Borträge der Gemeinde des Allgemeinen deutschen Ar­von da ab begann in seinem Leben ein neuer Abschnitt. Er wurde beitervereins Hamburg wie durch das eifrige Studieren der sozial- fleinen thüringischen Orten. Er mußte sich herumschlagen mit den demokratischen Literatur ein begeisterter Anhänger der erst wenige Jahre vorher burch Ferdinand affalle, ins Leben gerufenen Bartei. Jeden Abend las er bis 11 Uhr oder bis Mitternacht Schriften von Weitling und von Lassalle und der ganze Sonntag bis zum Abend war dem Streben gewidmet, sich mit der soziali­ stischen Literatur vertraut zu machen. Als Schuhmachergehilfe hatte er bei seinem Meister Kost und Logis und nur einen Taler und zehn Groschen Geldlohn, den er fast vollständig zum Anlauf fozial. bemokratischer Schriften verwandte.

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Wilhelm Bock , der nun im 82. Lebensjahre steht, hat eine über­aus harte Jugend durchlebt. Er stammt aus Groß- Breitenbach in Thüringen , war ärmfter Leute Kind, der Vater wurde infolge feiner Teilnahme an der Revolution 1848 verfolgt, er mußte flüchten und blieb verschollen. Die Mutter, der Wilhelm Bock in feinen vorläufig noch ungedruckten Memoiren in Liebe und Dankbarkeit ein ehrendes Gedächtnis widmet, mußte die beiden Söhne aufziehen, ernähren und fleiden, in großer Geduld und Aus­dauer und Energie verrichtete sie Tagelohnarbeit, um die beiden Jungen großziehen zu fönnen. Runtelrübenbrühe und Kartoffeln waren an allen Wochentagen die Nahrung für die ganze Familie und nur am Sonntag gab es ein Stückchen Fleisch oder einen Hering.

Schon in früher Jugend mußte fich Wilhelm Bod in der Haus­induftrie betätigen,

Bleifoldaten, Schäfereien und andere Erzeugnisse der Thüringer Hausindustrie bemalen. Mit breizehn Jahren fam er in eine Bor zellanfabrik als Dreherlehrling, in der sich sein älterer Bruder die Keime zur Tuberkulose zugezogen hat. Lange hielt Wilhelm Bod dort nicht aus, er fam zu einem Schuhmacher in die Lehre und wurde ein ausgezeichneter Arbeiter, um den sich die Meister riffen, obgleich er als Sozialdemokrat auf die schwarze Liste gekommen war. In Bods Heimat gab es damals nur tiefgebrüdte und schweigend duldende, aus der stumpfen Berelendung nicht herauswachsende Proletarier Dort las man teine Zeitungen, dorthin tam tein Hauch Don der Bewegung, die von Laffalle entzündet war. Der dahinnege fierenden Bevölkerung erzählte der Pfarrer, daß es Gottes Wille sei, daß es ihnen nicht beffer ginge. Die fromme Mutter ließ die Snaben vor Beginn der ärmlichen Mahlzeit beten: Komm Herr Jesus fet unser Gaft und fegne, was du bescheret haft. Es war merkwürdig, daß die halbrüchigen Jungen die Mutter dazu brachten, so schwer es ihr fiel, dies Gebet, das fast als Hohn emp­funben werden mußte, wegzulaffen. In Arnstadt ging von 1860 bis 1864 der junge Wilhelm in die Lehre, in der er ein Jahr länger als die anderen Lehrlinge verbleiben sollte, weil die Mutter kein Lehr­geld für ihn aufbringen fonnte. Von 6 Uhr morgens ohne Pause bis 8 Uhr abends, im Winter bis 10 Uhr abends mußte er hinter einer Lichttugel arbeiten. Aber der arme Lehrling brauchte, weil er so Tüchtiges geleistet hatte, nur 3% Jahre in der Lehre zu bleiben. Dort hörte er zuerst die Namen von Laffalle und Schulze- Delihich, denn sein Meister, ein Anhänger von Schulze- Deligsch, stritt sich in Anwesenheit des Lehrlings mit einem Schloffermeister über die da­mals so lebhaften Fragen, die sich an die beiden Namen fnüpften. Als Wanderbursche tam er nach Hamburg , wo sein Meister eifrigst bemüht war, ihn von den Berfechtern der Laffalleanischen Lehren fernzuhalten. Doch das half nichts, der Zufall ließ ihn bei einem abendlichen Spaziergange auf einen Trupp Arbeiter stoßen, die dem im Gefängnis meilenden älteren Audorf ein Ständchen bringen wollten. Die Polizei trieb die Arbeiter mit der flachen Klinge aus­einander, der ganz unbeteiligte Wilhelm Bod erhielt auch von der brutalen Polizei einen Hieb mit dem flachen Säbel. Im Anschluß

Schwindel über Wien .

Falsche Berichterstattung des Hugenberg- Blattes.

In seinem geftrigen Abendblait ,, meldet" der Lotal- Anzeiger" aus Wien , daß im Gemeinderat die Redner der Opposition un erhörte Rorruptionsfälle bei den städtischen Wohnungsbauten und eine Schädigung der Stadt u m Riesensummen nachgewiesen" der hätten; sozialistische Stadtrat 3fer, ein ehemaliger Botomotivführer durch diesen Hinweis will der Lotal- Anzeiger" wohl fagen: Seht her, was daraus wird, wenn Arbeiter Stadträte werden! habe jugeben" müssen, daß er einer Baufirma große Aufträge zu geschanzt hätte, worauf er in den Berband ebendiefer Firma auf­genommen worden wäre.

Dazu erhalten wir aus Wien folgenden Bericht: Einen Stadt­rat ser giebt es nicht, sondern nur einen Gemeinderat( Stadt­verordneten) dieses Namens. Er gehört im Gemeinderat dem Bau­ausschuß an und hatte eine Stellung bei einer Firma, die auch Gemeinbelieferungen ausführte, wie so viele andere Wiener Firmen auch; hält doch die sozialistische Stadtverwaltung durch ihre gewaltige Wohnbautätigkeit und ihre fonstigen Arbeitenvergebung bie Arbeitslosigteit in Wien dauernd unter dem Stand in den Bundesländern! 3fer hat aber, obwohl er als Gemeinde rat auf die Bergebung ftädtischer Arbeiten durchaus nicht entscheidenden Einfluß hat, die Stellung bei biefer Firma auf gegeben. In der geftrigen Gemeinderatssigung übten zwei Christlichjoziale, die jonit taum jemals sprechen und alles eher als prominente Führer der Opposition sind, eine durchaus mäßige Kritik an der städtischen Bauverwaltung. Sie wiederholen dabei Angaben, die das Berleumderblatt des rechtskräftig wegen Erpressung verurteilten Alegander Weiß in seiner Berleumdungsferie gegen

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tapitalistischen Zeitungen, die den Sozialismus und Bod als seinen unermüdlichen Agitator ununterbrochen verleumdeten, er sorgte da­für, daß die Lassalleschen Schriften von den Arbeitern gelesen wurden, er gründete auch eine tieine Zeitung, die wurde. Redaktion, der Satz, der Druck, alles wurde nach Feierabend vollständig von den begeisterten Genossen jener Zeit hergestellt in höchster Hingabe für die Sache des Sozialismus ohne jede Ent­Schädigung, als die Erfüllung einer selbstverständlichen Pflicht, aus­geführt. Der einzige Lohn bestand in Gefängnisstrafen unb in Hohn und Verleumdungen. Der Bürgermeister von Gotha er­tannte, welche Bedeutung Wilhelm Bock für den Aufstieg des Sozialismus hatte. Er suchte ihn zu gewinnen, indem er ihm die Mittel zu einem selbständigen Geschäft versprach und ihm zusicherte, daß er eine große Kundschaft erhalten werde. Aber das Zuckerbre wirfte auf ihn ebensowenig wie die Peitsche des Gefängnisses. blieb unermüdlich tätig. In Stadt und Land galt er als der st hilfsbereite Kamerad aller Rat- und Hilfesuchenden. Viele Jahre he­vor in Nürnberg Martin Segit das erste Arbeiterfefretariat leitete, hat Wilhelm Bock in Gotha auf eigene Faust ohne jebe Unter. stügung einer Organisation in selbstlosester Weise ganz regelmäßig Arbeiter, Handwerker und Bauern und ihren Frauen als Ratgeber gedient.

Als die Einigung von Lassalleanern und Eisenachern vorbereitet wurde, wandte sich August Bebel an Bock, damit er in Gotha ermögliche, unbemerkt und ungestört Konferenzen abzuhalten. Bod organ fierte das so vorzüglich, daß nicht bloß drei Borkonferenzen, sondern auch der Einigungskongreß 1875 in Gotha abgehalten werden konnte, Er führte auch zuerst den Vorsitz auf diesem heute noch denkwürdigen Parteitage. 1877 fandidiere er zum ersten Male zum Reichstage und befam von allen Kandidaten die höchste Stimmenzahl. In der Stichwahl unterlag er, da sich alle bürgerlichen Parteien gegen ihn vereinigt hatten. Im Jahre 1884 wurde er von Gotha mit 10 734 Stimmen in den Reichstag entfandt. 1890 vertrat er Magdeburg und später nur wenig unterbrochen wieder Gotha . Dem Reichstag gehörte er 1884 bis 1887, 1900 bis 1906, 1912 bis 1918, dann der Nationalversammlung und bis zum heutigen Tage wieder dem Reichstag an.

Als das Sozialistengesetz gegen alle sozialbemokratischen und gewerkschaftlichen Organisationen mütete, verstand. Bod sofort den zusammenhalt unter den Schuhmachern, deren gewerkschaftliche Organisation er leitete, wieder herzustellen und auch die forstigen Parteigenoffen zusammenzuhalten, was Bebel besonders ane funnt hat. Im Jahre 1893 wurde Bod für das Herzogtum Sachsen­Coburg- Gotha in den Landtag gewählt, deffen Bizepräsident und als folcher Mitglied des Berwaltungsgerichtshofes er wurde. Nach dem Busammenbruch wurde er zum Vorsitzenden der Volksbeauftragten für den Staat Gotha gewählt.

Neben all den vielen Aemtern, neben seiner Tätigkeit für das

Gothaer Boltsblatt, für die Gewerkschaft und deren Berbandsorgan, das er bis vor wenigen Jahren geleitet hatte, pidmet er alle Straft und Zeit der Organisation und Agitation für die Partei. Haben ihm auch die Kommunisten in Gotha mit schnädent Undank gelohnt, so gehört doch seine Liebe und Treue den Thüringer Arbeitern, die ihn auch als Spizenkandidaten auf die Reichstagswahlliste gesetzt haben. Sein Intereffe gehört aber ebenso der Gesamtpartei, deren Kontrollfommission er als zweifer Borsigender angehört. Die Arbeit für den Sozialismus hat ihn jung gehalten. Er ist der Senior, nicht nur der Reichstagsfraktion, sondern des ganzen Reichstags, dessen Alterspräsident er nun ist. In der Reichstagsfraktion und in der Bartei gilt er als trefflicher Kamerad, als Vorbild für die Jungen! Möge er das noch lange bleiben, der Partei zur Ehre, den Genossen zur Nachahmung!

bie Sozialdemokratie fast täglich in die Welt fegt, und megen dem längst gegen den Verleumder Strafantrag gestellt worden ist.

Die Befchuldigung gegen Gemeinderat 3ier reduziert sich auf Bie tatsächliche Behauptung, daß Fußbodenbretter, von der Firma geliefert, bei der er früher in Stellung war, wegen Fäulnis nach furger Beit hätten erneuert werben müssen.

Es ist also weder von einer Korruption, noch gar von einer größeren Schädigung der Stadt Bien die Rede. Wie wenig die Opposition von ihrer Offensive erwartete, geht daraus hervor, daß sie in burchaus gemäßigter Form geführt und von zwei fast unbekannten Gemeinderäten rednerisch vertreten worden ist.

Die Kirche verjudet!

General Ludendorff sagt es.

In der völkischen Presse nimmt der Landtagsabgeordnete Bulle zum Kirchenaustritt Ludendorffs Stellung. Dabei erfährt man endlich den Grund dieses Echrittes, nämlich daß fich( nach Ansicht Ludendorffs. D. Red.) auch in der evan­gelifchen Kirche jüdische Einflüffe bemettbar machen, die dem Geiſt des wahren Christentums widersprechen.

Der Urenfel des Seidenhändlers Abraham Weyland muß es ja wissen. Aber diesmal bedauert felbst Mulle, feinem General nicht folgen zu können, wenngleich auch er die Kirche für berbeffe­rungsbedürftig" hält und Ludendorff die achtbarsten Beweggründe"

attestiert.

Bir jedoch sehen trübe in Bulles Zutunft. Denn Ludendorff wird nicht zögern, nach dieser Erklärung auch den blauäugigen, blondhaarigen, friegsfreiwillig daheimgebliebenen Reinhold Bulle für verjubet zu erklären!