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Germany wants to see youl*Deutschland wünscht Sie zu sehen!" So verkündet man bei der Propaganda für die Hebung des Fremdenverkehrs in Deutschland aller Welt. Nach dem Worte Mark Twains, daß eine Ferienreise durch Deutschland der Gipfel des Wundervollen ist, soll unser Heimatland wieder ein Mittelpunkt des Fremdenverkehrs werden, und was die Retchshauptstadt Berlin angeht, so kann gesagt werden, daß aus den Statistiken erfreulicherweise erhellt, wie sehr trotz aller ärgerlichen und zum Teil so unwahrhaftigen Kriegserinneningen von vorgestern Berlin gerode den Angloamerskoner heute wieder reizt und anlockt. In der Tat: Wir Berliner haben etwas vorzuweisen! Es kommt aber natür- lich darauf an, wie es vorgewiesen wird. Eine Rundfahrt durch Serlin. Da gibt es etliche Gesellschaften, die den auswärtigen Besucher einladen, imüberdachten, im Winter geheizten Luxus- ciuto unter sachverständiger Führung Fahrten durch Berlin zu unternehmend Hochinteressant und belehrend! Man wird also die größte Stadt der deutschen Republik gründlichst kennen lernen, diese Stadt, die erfüllt ist vom Drang zur Ausdehnung und Geltung, von dem Schwünge der Arbeit und der Begeisterung zu tommendem sozialen Wohlergehen! Zu diesem edlen Behufs begibt man sich zu einer der festgesetzten Ülbfahrtzeitcn an die berühmte Ecke Friedrichstraße . Unter den Lrnden. Dos Auto harrt, dos etwa dreißig Personen saßt. Sieht man sich i ntcr seinenMitreisenden" um, so entdeckt man den blasierten Snob l an der anderen Seite des Ozeans, die schöne schwarzhaarig-schwarz- nugige Slawin, den ewig im Führer blätternden Engländer, den leb- hasten, tausend Fragen stellenden Romanen und den dickbäuchig- pampigen rechtsradikalen deutschen Provinzler. Wenn man vom gelegentlichen Grunzen eines Ostelbiers absieht, benehmen sich alle höchst wohlanständig und sehr korrekt. Die Fahrt kann beginnen! hier... vormals königlich. Es geht die Linden in der Richtung des Schloßplatzes herunter. Ich erkläre zuerst die rechte und dann bei der Rückfahrt die linke Seite," belehrt uns der Führer. Und er erklärt:Hier ist die Staats- oper, vormals Königliches Opernhaus! Hier ist das Palais Kaiser Wilhelms des Ersten! Bon dem historischen Fenster an jener Ecke aus pflegte der Kaiser und König den Aufzug der Wachtparade anzusehen! Hier sehen Sie das vormalige Schloß des

Kaisers Wilhelm II. , in dem die hvhenzollern fünfhundert Zahre friedlich gewohnt haben."(Man denkt unwillkürlich bei diesen klassischen Worten an den alten Fritz, der in einem Brief selber zu- gab, den Ersten Schlesischen Krieg ausEhrgeiz und Eitelkeit" be­gonnen zu haben, und an die Königin Luis«, die 1805 und 1806 zum Kriege gegen Frankreich hetzte, um nach dem Zusammenbruch Preußens zwei Jahre später eine Luxusreise nach Petersburg anzu- treten!) Weiter hören wir:Hier sehen Sie das Nationaldenkmal für Kaiser Wilhelm den Ersten!"(Nationaldenkmal? Weil das Volk die Kosten aufgebracht hat! Heute haben Nation und Dynastie Hohenzollern nichts mehr miteinander zu tun! Das hat Haus Doorn schon seit langem verscherzt.)Hier sehen Sie das vor- malige Schloß des deutschen Kronprinzen, heitte ein Kunst- museuml"(Gibt es noch einen deutschen Kronprinzen?) ,Lier sehen Sie das welkberühmke Saiser-Friedrich-RIuseum, genannt zu Ehren des Vaters Kaiser Wilhelms des Zweiten, des Kaisers Friedrich III." (Was in dem Museum zu sehen ist. wird uns allerdings nicht verraten; daß Wilhelms Papa Friedrich hieß, ist ja auch viel wichtiger!)Hier sehen Sie die Alte Wache, bei der vormals die Kaiserlichs Garde auf. zog. Der letzte Kaiser pflegte diesem militärischen Schauspiel oft zuzusehen! hier sehen Sie die wilhelmftraße. Dort wohnte... da und da der Prinz, da und da jener Prinz."(Man kann die Namen nicht alle beHallen, aber daß heute der Präsident der deutschen Repu- blik in der gleichen Straße wohnt, das wird nicht erwähnt.)Hier sehen Sie das Brandenburger Tor . Die wltteldurchsahrt desselben war vormals königlichen wagen vorbehalten."(Eine Gemeinheit ohnegleichen, daß heute nicht nur jederBürgerliche" mit seinem Kraftwagen, sondern sogar proletarische Lastautochosfeure diese Allerhöchst geheiligte Durchfahrt benutzen dürfen!) Unerwähnt bleibt natürlich, daß die Straße, die wir nun über- queren, zu Ehren des ersten Präsidenten der Republik , zu Ehren FriedrichEberts, umgetauft wurde, weil durch sie der Leichen- zug des Mannes ging, der alle die vorerwähnten Monarchen und Prinzen geistig um Haupteslänge überragte. Um so deutlicher aber wird betont:Hier sehen Sie den Platz der Republik , vormals königsplah genannt." Und in der Siegesallee heißt es:hier sehen Sie die Sieqesallee mit den Denkmälern der Herischer von Branden- bürg und Preußen, ein Geschenk des letzten Kaisers an die Stadt Berlin . Alle Denkmäler sind aus echt italienischem warmor und aus einem Skück verfertigt."(Sehr richtig! Aus einem Stück verfertigt sind diese Herrscher mit ganz vereinzelten Ausnahmen: Einer ebenso minderwertig wie der andere! Von den Denkmälern kann man übrigens das gleiche sagen. Der Berliner hat nicht umsonst das Wort von der Puppenallee erfunden!)

Unseren Führer schert sowas nicht. Er plappert seinen Salm wester mit der ewig gleichen Wendung:bormerly roval,,, vor­mals königlich". Das, /Arbeiterviertel'' öerlins. Aber plötzlich scheint ein Mißklang in den wilhelminischen Vor­trag zu kommen. Wie wir an die Charlottenburger Chaussee kommen, wird plötzlich verkündet:Dort driiben, wo Sie die Schorn- steine sehen, liegt das Arbeiterviertel Perlins!" Verwundert fragt man sich: Ja, ist denn diese schöne Wendung das Einzige, was über dasArbeiterviertel " Berlins zu sagen ist? Weiterhin aber: Ist Moabit das einzigeArbeiterviertel " Berlins ? Ist nicht auch an den Osten und Norden der Weltstadt, ist nicht an den

Wer sebea Sie das Nationaldeakmal Kaiser WUbeimsl* (Die Nation hat es nämlich bezahlen müssen!) Bezirk Friedrichshain , an Neukölln und Lichtenberg zu denken? Seien wir doch ehrlich: Ohne dieses riesengroße, überheblich-erhaben von unserem Fremdenführer angekündigteArbeit e r vierte l". mag es nun in Moabit oder sonstwo liegen, wäre dieses wil- helminische Berlin , das den Fremden gezeigt wird, niemals möglich gewesen. Aber: in der Tat, unser Führer hat den Nagel auf den Kopf getroffen: Das Perlin Wilhelms und seiner Trabanten ist nicht das Berlin der Arbeit, und es charat- teristert nicht die Bevölkerung dieser Stadt, für die nicht die Woche aus Festtagen mit unaufhörlichen Empfängen und Denkmals­enthüllungen, sondern aus Alltagen des Schaffens und Wirkens ums tägliche Brot besteht. Aber schon werden wir gottlob von unserem Bärenführer von so trüben und dummen Gedanken befreit. Er ver- kündet uns nämlich:Setzt kommen wir in den vornehmsten Westen. Hier wohnt das Highlise von Berlin , hier befinden sich die großen Vergnügungspaläste, die Riesenkinos, die weltbekannten Luxus-

LOs

�Zement. £Roman von Fjodor Gladkoro.

Oho! Und wir denken gerade jetzt daran, das Werk instand zu setzen. Werden die Dieselmotors und Dynamos laufen lassen, bauen Bremsberge zum Transport von Brenn- holz." Ihr schwätzt immer ein und dasselbe. Mit Worten selb Ihr alle Riesen, und in Wirklichkeit ist euer ganzes Streben nur, wo man sich am bequemsten und wärmsten setzen kann und wie man am leichtesten zum Sowjetbourgeois wird.... Der Alltag ist hier sehr langweilig. In der Armee ist es bester. Ich habe schon gebeten, mich zu versetzen, aber man läßt mich nicht fort. Nur Ihre Frau empfindet diesen Alltag nicht und findet in jeder Kleinigkeit eine große Sache." Dascha stand an der Wand und lächelte spöttisch. Und in ihren Bewegungen war Ungeduld. Ich verstehe euer Gespräch nicht, Genosten.... Wes- halb so ein Gespräch und wozu?... Geh, Krieger, du störst uns......Geh, so lange du noch heil bist." Und lächelte mit lustigem Spott. Nun, seht Ihr? Das ist eine sachliche und strenge Frau." Ja, das ist wahr. Dascha ist nie zu Hause und sabotiert gründlich." Die Mjechowa lachte und schüttelte ihre Locken. Sie erfüllt nicht ihre ehelichen Pflichten? Was für ein Jammer! Ja, die Revolution hat die Frau ganz ver- dorbsn...." Dascha lachte auf, aber in diesem Lachen vermißte Gljeb wieder ihr früheres liebes, bräutliches Lachen. Und die Weiber lachten alle. Sie stießen Schul mit den Fäusten hinaus und schrien alle durcheinander:Eure Herr- schaft ist vorbei, Ihr rasierten Ziegenböcke! Man hat euch die Bärte abgenommen, und Ihr seht wie Weiber aus. Und die Weiber kleiden sich wie die Männer. Ihr werdet nie mehr zu den alten, gewohnten Erfolgen kommen." Die Mjechowa schaute wieder Gljebs Gestalt scharf an und es schien ihm, als ob sie ihn gierig berieche. Sie sind vorläufig noch gar nicht von unserem Klima durchdrungen. Sie sind noch ganz Krieg und Armee. Es scheint fast, als ob Sie schon morgen zu Ihrer Kampftruppe fortfahren würden. Erzählen Sie mir von Ihren Helden- taten. Wann haben Sie den Orden der roten Fahne be- kommen? Wenn Sie wüßten, wie ich die Armee liebe. Ich

habe sogar eine Zeitlang in den Schützengräben gekämpft... das war vor Manytsch ...." Sie lächelte vor sich hin, das Lächeln galt nicht Gljeb, und obwohl ihre Augen ihn ansahen, zuckte eine heimliche und stille Freude in ihnen und in den Augenbrauen. Das war herrlich!... Das waren unvergeßliche Tage. ... Wie die Moskauer Oktobertage... fürs ganze Leben. ... Heroismus. Ja, das ist das Feuer der Revolution... Das ist alles sehr schön, Genossin Mjechowa.... Aber hier, an der Arbeitsfront, muß man auch durch Heroismus wirken. Hier ist es schwer: Zerstörung, Hunger, Zerfall. ... Schon gut... der Berg ist niedergestürzt und hat den Menschen wie einen Frosch verschüttet. Nun, streng dich an, kriech auf allen Vieren, aber bring den Berg wieder auf seinen alten Platz. Das ist unmöglich? Das ist es eben. ... Heroismus ist eben das Unmögliche... Ja, ja!... Ich will mit Ihnen sprechen, Genoste Tschumalow, das ist es eben. Heroismus ist gemeinsame An- spannung... dann gibt es auch nichts Unmögliches." Sie lachte wieder und die Fünkchen in ihren Augen und Brauen leuchteten greller. Auf allen Vieren kriechen, ja? Ausgezeichnet! Was für Worte Ihr habt!... Alle Zellen des Körpers an- spannen.... Ich will mit Ihnen sprechen, Genoste Tschuma- low.... Ich wohne im Sowjethause...." Dascha lächelte und schaute forschend bald die Mjechowa bald Gljeb an. Dann trat sie zu ihm, nahm ihn an der Schulter und stieß ihn zur Tür.... Nun geh von hier weg, Krieger! Du hast hier nichts zu suchen... Gljeb drehte sich um, packte sie in seine Arme und trug sie aus dem Zimmer. Die Weiber lachten; auch die Mjechowa lachte. Dascha schrie auf, durch Gljebs schamlose Liebkosung vor allen Leuten erschrocken, und umarmte ihn mit beiden Händen. Und für einen Augenblick fühlte Gljeb das alte Herz von Dascha und hörte das liebe Frauenlachen, das man nicht mit einem einfachen Wort beschreiben kann, weil es von Blut zu Blut geht. Genosse Tschumalow, wisten Sie denn, was Ihre Dascha ist? Hat sie Ihnen nicht ihre Abenteuer erzählt? Biel hat sie erlebt, was Sie vielleicht selber nicht erlebt haben...." Dascha fuhr auf und riß sich mit einem Sprung aus Gljebs Armen. Ich will es nicht, Genossin Mjechowa, daß du über mich Gutes oder Schlechtes redest. Mach keine Späße, Genossin Mjechowa. und beunruhige mich nicht."

Ach so? Und ich wußte gar nicht, daß das verboten ist." ... Warum ist sie so aufgefahren? Warum hat sie so erschrocken Mjechowas Mund zugehalten? Warum kennen alle die Jahre, die sie ohne Mann zugebracht hat... warum sagt sie ihm kein Wort? In der offenen Tür des Korridors stand Luchawa, sah Gljeb mit brennenden Augen an. Er ging an ihm vorbei, hatte Angst, ihn zu berühren. Luchawa zerdrückte den Aermel seines Rockes zwischen seinen Fingern und blieb plötzlich stehen. Genosse Tschumalow, rufen Sie eine Extrasitzung der Zelle zusammen, ich werde kommen, um einen Bericht zu geben. Kommen Sie morgen zu mir in den Facharbeiterrat, wir schließen uns ein und beraten gemeinsam. So ein grandioser Plan verlangt vor allem genaue Details. Ich spreche nicht nur über das Holzmaterial, sondern über das Werk. Ich habe darüber nachgedacht, wir müssen mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, kämpfen. Vergessen Sie nicht, daß es ein Kampf sein wird und ein angestrengter Kampf. Und denken Sie auch daran, daß dieser Kampf ein wenig unzeitgemäß ist: das ist ein Kampf für die Zukunft. Darum scheint er utopisch und unsinnig Und wir wisten ja, daß die Zukunft durch Kühnheit und Kraft Gegenwart wird. Arbeiten wir also." Er drückte chm fest die Hand und verschwand in der Tür, die zur Frauengruppe führte. Im Vorzimmer holte die Mjechowa Gljeb ein. Warten Sie, Genosse Tschumalow. Sie haben mir nicht gesagt, was Sie bei Schidkij ausgeheckt haben. Ich will sofort auf dem laufenden sein. In diesem Loch verschimmeln wir alle, und die alltägliche Arbeit macht aus uns allen Maul- würfe. Die Revolution erträgt das nicht. Wenn Sie erst anfangen werden, unsere Sowjet- und Parteimühle zu treten, so müssen Sie sich mst festen Zähnen wappnen. Ich gehe mit Ihnen, Genosse Tschumalow. Was Sie auch machen werden ich bin mit Ihnen. Ich fühle, daß Sie nicht im Alltag untergehen werden: Sie waren in der Armee. Und noch etwas, Genosse Tschumalow, lasten Sie Dascha vorläufig in Ruh... ich habe was Dummes angestellt... sie wird von selber zu Ihnen kommen.... Sie werden sehen.... Was wollen Sie tun?..." Alles, um das Werk in Bewegung zu setzen, alles! Wenn wir nur dabei unser Rückgrat nicht brechen." Nun gehen Sie, ich will sonst nichts." Sie lächelte ihn mit chren goldenen Locken und den iri- sierenden Tröpfchen in den Augen an und ging mst raschen SchrMen zurück.(Fortsetzung folgt.)