Nr. 530 44. Jahrgang
2. Beilage des Vorwärts
Politik gegen die Konjunktur.
Mittwoch, 9. November 1927
Deffentlichkeit und vor allen Dingen die beteiligten Gewerkschaften darauf einrichten.
Die Produktionslage ist im übrigen noch glänzender, als fie nach den bisher veröffentlichten Ziffern scheint. Die Beschäftigung und Ausnügung der Werke ist nicht nur absolut, sondern auch
Gefährliche Angriffe auf den Dawesplan. - Herrn Dr. Schachts Verantwortung. relatio, b. b. im Berhältnis zur übrigen deutſchen Montanproduk.
bitter empfunden wird. In Rumänien , Jugoslawien , Portugal und bitter empfunden wird. In Rumänien , Jugoslawien , Portugal und Japan ist der Sachlieferungsverkehr zum Schrittmacher auch des übrigen deutschen Exports geworden. Frankreich entwickelt ein groß zügiges Programm von öffentlichen Arbeiten auf dieser Grundlage, ügiges Programm von öffentlichen Arbeiten auf diefer Grundlage, und der französische Minister der öffentlichen Arbeiten bemüht sich Hand in Hand mit dem französischen Finanzminister auf diese Weise zu einer Bollausnutzung der deutschen Reparationen zu fommen. Dabei sind sie nicht fleinlich und lassen den Interessenten und öffentlichen Körperschaften, die deutsche Sachlieferungen in Empfang nehmen, allerlei Vorteile zukommen, die den deutschen Lieferanten eine Borzugsstellung im franzöfifchen Markt geben. All das sieht England recht gut. Darum sein Vorstoß gegen die deutsche Wirtschaft mit der Forderung einer Kontrolle des deutschen Devisenmarkts, präsidenten. mit der Aufnahme der falschen Argumente des deutschen Reichsbant
In den letzten Wochen ist der Dawes- Plan wieder in den Mittel| eine Borzungsstellung, die vom englischen Kohlenhandel punkt der Weltpolitik und der deutschen Wirtschaftspolitik gerückt. Anlaß ist die Diskussion über die deutschen Auslandsanleihen. Ursache, direkt oder indirekt, ist die Stellung der Reichsbank dazu. Die Deutschland ungünstige Stimmung äußert sich heute darin, daß man neben den Sicherungen, die Deutschland für die Erfüllung der Reparationsverpflichtungen schon gegeben hat, meitere Garantien fordert. Diese Stimmung wurde zweifellos von der heftig einseitigen Kritit angeregt, die der deutsche Reichs bantpräsident an der Anleiheaufnahme von Ländern und Gemeinden seit Jahren geübt hat, und zwar mit einer Entschiedenheit, die derselbe Reichsbantpräsident bei der Erfüllung seiner eigentlichen Aufgabe, der Leitung der Reichsbank und der Bestimmung ihres Diskontfazes, im Jahre 1924 und in der ersten Hälfte dieses Jahres völlig hat vermissen lassen. Die Beeinflussung der internationalen Kapitalmärfte gegen deutsche Auslandsanleihen ist schließlich sogar soweit gegangen, daß ein so ruhiger und fachlicher Beurteiler der deutschen Lage wie
der Reparationsagent Parker Gilbert ebenfalls beeinflußt wurde. Er hat in seinem Memorandum an den Reichsfinanzminister sich zu Bemerkungen verleiten lassen, die mit aller Deutlichkeit zeigen, daß er von deutscher Seite falsch in formiert worden ist. Die Reichsregierung hat erst ihm gegenüber durch Mitteilung der richtigen Zahlen über die Auslandsver fchuldung der deutschen öffentlichen Körperschaften die Dinge flar gestellt. Warum sie das nicht längst gegenüber den falschen Auffaffungen im Ausland getan hat. wird wohl immer ungeflärt bleiben, ebenso wie die weit wichtigere Frage, wer den Reparationsagenten in so falscher und unzulänglicher Weise unterrichtet hat. Bis in dieser letzten Frage feine Klärung durch eine amtliche Untersuchung ge schaffen worden ist, muß die Bermutung berechtigt sein, daß auch der Reichsbankpräsident direkt oder indirekt seinen Anteil an den Informationen des Reparationsagenten hat. Diese Bermutung wird fehr durch die Erfahrung geftügt, daß Dr. Schachts Liebe für feine Theorie der Auslandsanleihen seinen Blick für die Tragweite feiner
Kritik schon öfters getrübt hat.
Aber der Reparationsagent hat vollauf an ertannt, baß Die Zufuhr von Auslandstapital für Deutschland eine Notwendigkeit ist, eine Auffassung, die der Reichsbantpräsident bis por furzem noch entschieden nicht geteilt hat,- mag er auch jetzt verbreiten lassen, so habe er es ja nie gemeint. Barter Gilbert teilt auch nicht
die gefährlichste neue Theorie,
die sich unmittelbar gegen die im Dames- Plan zugunsten Deutsch lands getroffene Regelung richtet. Ausgangspuntt ist auch für sie ein Schachisches Argument. Durch die Aufnahme von Auslandsanleihen werde in späteren Jahren außer der Uebertragung der Repara
tionen auch die von Zinsen und Tilgungsraten ins Aus land notwendig, und die Bereinigung beider Dinge werde zu Schwierigkeiten bei der Verwaltung der in Mart aufgebrachten Reparationen in ausländische Devisen führen. Diese Auffassung übersieht die
Tatsache, daß die deutsche Ausfuhr miffelbar und unmiffelbar durch die Aufnahme von Auslandskapital gefördert wird, und sie übersieht weiter, daß in den drei Jahren normaler Wirt schaftsgestattung, die jest hinter uns liegen, die deutsche Ausfuhr bereits um über 1½ Milliarden jährlich gestiegen ist, eine große und für das Problem wichtige Leistung. Die falsche Theorie führt aber logischerweise bei den Gläubigern Deutschlands zu der Forderung, fie vor der Gefahr zu schützen, daß eines Tages der Reparations agent nicht mehr in der Lage sein wird, ihnen die Beträge zu übera weisen, die sie nach dem Dames- Plan beanspruchen fönnen. Sie führt zu der Forderung, Deutschland dürfe fein Aus. landskapital mehr aufnehmen, der deutsche Devisenmartt müsse einer Regulierung unterworfen werden, die in erster Linie auf die Sicherstellung der Reparationsdevisen abzustellen sei, und der Reparationsagent müsse auf diesem Wege wirklich zum Herren der deutschen Wirtschaft gemacht werden. Diese Gefahr liegt
fehr nahe.
So hätte die Theorie Dr. Schachts hier liebliche Früchte getragen. Es ist kein Zufall, daß all diese Forderungen in erster Linie in England aufgestellt merden. England leidet heute mieder auf allen Märkten der Welt unter der scharfen deutschen Kon= furrenz. Am schärfsten ist diese Konkurrenz aber auf einem Sonder bezirk des deutschen Exports,
im Bereich der Sachlieferungen.
Auf dem französischen, belgischen und italienischen Markt genießt die Deutsche Kohlenausfuhr dant der Organisation der Sachlieferungen
Der englische Angriff geht gegen den Dames- Plan selbst.
Sinn des Dawes- Plans war, der deutschen Wirtschaft Bewegungsfreiheit zu geben. Die Reparationsüberweisung follte vorzüglich auf dem' Sachlieferungsmeg vor sich gehen. Nebenher sollte der Devisentransfer eine Rolle spielen. Neben all den anderen Devisentäufern sollte auch der Reparationsagent an den deutschen Devisenmarkt gehen und dort soviel Devisen taufen, mie jeweils nötig und mit der Stabilität der deutschen Währung verträglich war. Bekommt er nicht soviel, wie er braucht, so ist es in sein Ermessen gestellt, ob er sich neue Devisen dadurch verschaffen will, daß er die Reichsbank zu einer Diskonterhöhung veranlaßt. Der Dawes- Plan nahm an, daß diese selbstverständlich entsprechend Auslandskapital, d. h. zu vermehrtem Devisenangebot führen würde, allen bisher üblichen theoretischen Annahmen zu einem Zufluß von Auslandskapital, d. h. zu vermehrtem Deniſenangebot führen würde, so daß durch fie der Reparationsagent in die Möglichkeit versett würde, soviel Devisen zu faufen, als er braucht.
Der Dawes- Plan nahm also an, daß der Reparationsagent als Käufer am Devisenmarkt teine Priorität, teine besondere Vorzugsstellung, brauche, um feine Aufgaben zu erfüllen. Seine gründet schon nach dem Plan seine Priorität, die in der Tat beispiel Stellung als leztlich entscheidende Instanz in der Diskontpolitit be los und von entscheidender Bedeutung für die deutsche Wirtschaft ist. Das mangelnde Berständnis, bas ber deutsche Reichs bantpräsident theoretischen Fragen entgegenbringt, und die Furcht Englands vor der deutschen Konturrenz haben zu einer internationalen Verwirrung in dieser pöllig flaren Frage ge führt. Sie haben die englische Bresse zu ihrem Frontalangriff auf den Dames- Blan veranlaßt.
Wirkungen auf die Konjunktur.
Der Angriff wäre wegen seiner Torheit unbedenklich, menn er nicht zusammenfiele mit der ebenfalls törichten Haltung nicht aufammenfiele mit der ebenfalls tōrichten Haltung unferer Finanzpolitik und mit dem fatalen Eindrud, den das Memo randum Parker Gilberts auf die internationale Deffentlichkeit gemacht hat. In dieser Vereinigung führt er möglicherweise zu einer schweren Kreditschädigung der deutschen Wirtschaft, zu der jetzt schon beunruhigende Anzeichen vorliegen. Es tann in den nächsten Monaten bazu tommen, daß die ausländischen Kapitalgeber in der Kreditgewährung an Deutschland start zurückhalten.
Die deutsche Konjunktur hängt in zwei An= geln, in der Kauffraft im In- und Ausland und in der Rapitalversorgung. Das Abstoppen des Kapitalzuflusses wird die deutsche Konjunktur gefährden. Darin liegt die gegenwärtige Bedeu tung der Angriffe auf den Dames- Plan. Die Ursachen hierfür liegen in Deutschland . Kommt es zu einer Krise, so wird sie den schlecht fundierten Theorien von Herrn Dr. Schacht zu danken sein.
Scharfmacherei des Ruhrmontantrusts.
Wir haben die Produktionsziffern der Vereinigten Stahlwerke 2.-G. und den Kommentar bazu veröffentlicht, in dem die Leitung des Ruhrmontantrufts. die finanzielle Lage der Kohlen- und Eisenerzeugung fehr düster malte. Jetzt wird bekannt, daß das kom muniqué sehr viel weniger für die Aktionäre bestimmt war, die schon befürchteten, teine Dividende zu bekommen als zur Einschüchte rung der Deffentlichtelt und der Regierung in steuerlichen und besonders fozialpolitischen Gra. gen. Offenbar will man erreichen, daß das am 1. Januar 1928 in den Hütten und Stahlmerken durchzuführende Dreifchichten. [ nftem auf längere Zeit hinausgeschoben und auch anderen fozialpolitischen Forderungen entgegengewirkt wird. Das ist nicht überraschend. Es muß aber festgestellt werden, damit sich die überraschend. Es muß aber festgestellt werden, damit sich die
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tion gestiegen. Der Anteil der Bereinigten Stahlwerte an der gesamtdeutschen Kohlenproduktion ist im Monatsdurchschnitt von 16,6 auf 16,8 Proz., der der Kokserzeugung von 25,2 auf 26,1 Prozent, der der Roheisenproduktion von 49,2 auf 50,1 und der der Rohstahlproduktion von 41,8 auf 43,1 Broz. gestiegen. Auch diese anteilmäßige Steigerung der Montantruftproduktion in Deutsch land beweist die glänzende Entwicklung der Vereinigten Stahlwerke und unterstreicht zugleich, daß in der Durchführung sozialpolitischer Notwendigkeiten nicht die mindeste Rücksicht auf die scharfmacherischen Absichten der Truftleitung zu nehmen ist.
Man rechnet übrigens für das am 30. September abgeschlossene Geschäftsjahr bei erhöhten Abschreibungen noch mit einer Dipi. dende von 6 Proz.
Waldenburger Zechentrust.
Kann er das Elend der Bergarbeiter mildern?- Dann muß das Werf gründlich sein!
Seit Jahren ist der niederschlesische Steinkohlenbergbau im Osten in seinen bisherigen Absatzgebieten( Oberschlesien und in besonders schwieriger Lage. Durch die politische Umgestaltung Tschechoslowakei ) eingeengt, in seinem privatwirtschaftlichen Aufbau zersplittert und mit der Rationalisierung sehr im Rückstand, hat dieses Zechenrevier an seiner Konkurrenzfähigkeit erheblich eingebüßt.
Während in den legten Vorkriegsjahren in dem Gebiet der heutigen Tschechoslowakei jährlich rund 2,5 mill. Tonnen oder 40 Broz. der gesamten Broduktion abgesetzt wurden, nimmt die Tschechei heute nur noch 8 bis 10 Pro3. dieser Mengen ab. In Ober Schlesien verloren die Waldenburger Bechen, die einen besonders wertvollen Hochofentots produzieren, durch die Grenzziehung ihren besten Rotskunden. Auch der englische Streit, brachte nur eine momentane Belebung, die allerdings in der Inlandstonjunttur günstig fortwirfte. Das Problem der Umstellung dieses Grubenreniers hat. an seiner Dringlichkeit nichts verloren.
Der jetzt erfolgte Bechenzusammenschluß der dortigen GroßunterWerte A.-G., des Rütgers Konzern und der Gewerkschaft nehmen, der Oberschlesischen Rots- und Chemischen Glüdshilf Friedenshoffnung, die gemeinsam der Stadt Breslau und der Linke- Hofmann- 2- G. gehört, ist aus diesen Ver hältniffen zwangsläufig erfolgt. Durch Sufammenfassung ber Broduktion in den leistungsfähigsten Gruben, Ausbau einer Zentral foferei und technische Verbesserung der Betriebe will die neue Ge fellschaft, die Niederschlesischen Steintablengruben A.-G., die vom 1. Januar 1928 ab mit 35 Millionen Aktienkapital ihre Tätigkeit aufnimmt, den Waldenburger Bergbau wieder rentabel geftalten. Durch das Fernbleiben des größten Sechenbesizers in Niederschlesien , der Fürstlich Pleßschen Berwaltung", Fusion jedoch nur als eine 3 wischenlösung angesehen werden, auf die etwa 30 Broz. der gesamten Probuftion entfällt, kann diese und zwar um so mehr, als die Bleßgruben die Reviere von Oberfots und Rütgers durchschneiden und die geplante Bujammenfassung der Betriebe so ungemein erschweren. Ob das Fernbleiben von Bleß nur auf die Schwierigkeiten, die das Einbringen dieser fideffommissarisch gebundenen Betriebe in die neue Gesellschaft macht, zurückzuführen ist, wird noch aufzutlären fein.
Untlar ist leider noch die Haltung der Regierungen. Obwohl feit längerer Zeit bereits Verhandlungen über die Anträge der Bergmertsbesizer auf staatliche Kreditgewährumg oder Subventionen bzw. beides im Gange sind, ist die Deffentlichkeit bisher noch völlig über Absichten und Beteiligung Preußens und des Reichs im unflaren. Die Deffentlichkeit einfach vor vollendete Tatsachen au stellen, geht hier nicht an. Auch die Reichsbahn sollte erklären, wie sie sich ihre Mitwirkung in Niederschlesien denkt.
Die Sache drängt, auch mit Rücksicht auf die Berg arbeiter, deren Elend noch immer nicht befannt genug ist. Obwohl der Vorfriegslohn der' Bergarbeiter mit netto 3,43 m. je Schicht schon die denkbar elendeste Bezahlung war, ist der Reallohn 1927 demgegenüber noch um fast 6 Proz. niedriger, reicht mit den fnapp 5 M. auch nicht annähernd zu einem menschenwürdigen Dasein aus. Nach den amtlichen Feststellungen des Landratsamtes Waldenburg Geradezu furchtbar sind die Wohnungsverhältnisse. ist ein Drittel der gesamten Bevölkerung des reises auf einen Wohnraum angewiesen, 38 Proz. haben ein Bimmer mit Küche zur Verfügung und 20 Broz, besigen zwei Wohnräume mit einer Küche. In einzelnen Gemeinden sind die Verhältnisse noch schlimmer. lich und vollständig vorgenommen werden. Das heißt auch, Die Industriesanierung in Niederschlesien muß also gründ daß alle Naturschäße und Verwertungsmöglichkeiten an Ort und Stelle nicht nur rationell, sondern auch mit möglichst großer örtlicher Wirkung ausgeschöpft werden müssen.