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Mittwoch

23. November 1927

Unterhaltung und Wissen

Der Lotteriegewinn.

Von K. Aabye.

Ms Fräulein von Bergen in ihrem Schaufelstuhl saß, hörte sie, Daß die Zeitung durch den Türspalt hineingeworfen wurde. Langfam ging fie in den Korridor und bückte sich ebenso langsam nach der Zeitung, denn Fräulein von Bergen vergaß nie, daß sie die Tochter eines Gardehauptmanns war, und wenn man das ist, beeilt man sich nicht, haftet nicht, sondern geht langjam, tritt sicher und bestimmt auf und trägt den Kopf etwas höher als andere Leute.

Als sie mit der Zeitung in der Hand wieder ihre Wohnstube beirat, setzte sie sich wieder bequem in ihren Schaufelstuhl zurecht. Langfam blätterte sie in der Zeitung, vertiefte fich in einige Dieb stähle" und in eine Feuersbrunst" auf Mörrebro, bis sie endlich zu der Lotterieliste fam. Fräulein von Bergen spielte nämlich in der Lotterie, und zwar hatte sie ein ganzes Los. Das war der einzigste Bugus, den sie sich erlaubte, aber Nummer 401 648 füllte auch ihr ganzes Leben aus. Das war der Brennpunkt, um den alle Gedanken treiften.

Mit ihrem alten gelben Zeigefinger glitt sie die Kolonnen ent­lang, Reihe für Reihe. Mit beamtenhafter Bedanterie. Nicht eine Nummer wurde übersprungen.

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Da was war das ein geheimnisvoller Strahl durchzuckte Fräulein von Bergen. Der gelbe Seigefinger blieb an einer Bahl haften. Dann rutschte die Zeitung auf den Fußboden. Steif und starr saß fie einige Minuten in ihrem Schaufelstuhl.

Dann erhob sie sich. Sie griff nach ihrem Kapotthut mit den merkwürdig wippenden Federn, der immer auf dem Büfett lag, und dann troch sie in ihren Mantel.

Fräulein von Bergen hatte 30 000 kronen in der Lotterie gewonnen. An der Straßenede nahm sie die Linie 15 und fuhr geradeswegs ins Lotteriebureau.

In der elektrischen Bahn saß sie etwas steifer und würdevoller da, als gewöhnlich und bewegte andauernd ihre Lippen wie im Gebet. Dreißigtausend," flüsterte sie, dreißigtausend."

Dem Schaffner gab sie eine ganze Krone, während sie mit Nach­drud sagte: Dreißigtausend."

Der Schaffner hielt sie für verrückt und gab ihr nichts heraus. Fräulein von Bergen fümmerte sich indessen nicht darum.

manches, was dem Diplomaten nicht gelingen wollte, das erreichte die Klugheit und Güte der jungen Frau. Dann aber verstrickt sich der Reichshofmeister in hochverräterische Pläne. Sein Sturz von der Stellung des einflußreichsten und höchsten Reichsbeamten zum bejizlojen, geachteten Flüchtling geschieht unter der Einwirfung miß günstiger Höflinge ohne Berhör, ohne Gelegenheit, sich zu ver teidigen. Eleonora Chriftine, der man die Mitwisserschaft an den Plänen ihres Gatten zur Last legt, wird ergriffen und in den Blauen Turm zu Kopenhagen geworfen, wo sie 22 Jahre lang in harter Haft gefangengehalten wird.

Ihre Umgebung empfand es wie ein Wunder, daß diese Frau die furchtbaren Qualen und Demütigungen, die unmenschlichen Zu stände ihres Kerfers nicht nur ertrug, sondern daß sie förperlich wie feelisch ungebrochen den Blauen Turm nach über zwei Jahrzehnten verließ. Ihre Aufzeichnungen, die sie mit selbst hergestellter Tinte im Kerker niederschrieb, und in denen sie ihre Gefangenschaft schilderte, zeigen nicht nur einen außergewöhnlichen Frauencharakter, der über ein großes Maß von Bildung, von Sachlichkeit, von Logit und Klarheit des Denkens, das von drastischem Humor gewürzt war, verfügte, sondern wir besigen in ihnen auch ein Zeitgemälde von hervorragender Realistit, das einen tiefen Einblick in das Gerichts­und Gefängniswesen des 17. Jahrhunderts in Dänemark gewährt. Die Dunkle Kirche", so hieß die dumpfe Belle, in der sie zu­nächst untergebracht wurde. Eine furchtbare Beftiuft erfüllte fle, denn die Gefangenen, die sie vorher bewohnt hatten, mußten ihre Notdurft längs den Wänden verrichten. Später erhielt sie als Zeichen milderer Haft eine kleine Rammer zugewiesen. Anfangs nahm sie an, der Boden in diesem, verbesserten" Gefängnis fei aus Lehm, dann aber überzeugte fie fich davon, daß es Menschentot war, der hier ellenhoch lag. Es mimmelte von Ungeziefer. Die Ges fangene aber verlor den Mut nicht. Da die Rachsucht der Königin ihr jede Gelegenheit zu einer Beschäftigung nahm, dichtete und tomponierte sie geistliche Lieder, oder sie bildete aus Ton, den sie fich zu verschaffen wußte, Krüge, Schalen und Bildnisse. Ein alter Zinndeckel wurde zu einem Tintenfaß verarbeitet, die Tinte selbst wurde aus Kerzenruß mit Bier vermischt hergestellt, und das Papier, in dem sie zeitweise etwas Zuder erhielt, diente ihr zum Schreiben. Es ist bezeichnend für die föstliche Frische, die sich die seltene Frau zu bewahren wußte, daß sie einmal die Einrichtungsgegenstände ihrer Selle aufeinandertürmt, um zu dem kleinen Fenster zu gelangen, von wo aus fie vergnügt den Kunststücken eines Seiltänzers zusieht. Ein andermal zog sie sich Fäden aus Kleidungsstücken und verfertigte aus Holzstäbchen Klöppelhölzer, mit deren Hilfe sie einige Hand­arbeiten verrichten fonnte. Inzwischen wurde von allen Seiten für sie um Begnadigung gebeten. Friedrich, der sie verurteilt hatte, war Frau, die schon sieben Jahre eingeferfert war, zu befreien. Es iſt bezeichnend für die Handhabung der Gerichtsbarkeit, daß es der Königin Witwe noch durch 15 Jahre hindurch, bis zu ihrem Tod, gelang, die Begnadigung Eleonoras zu verhindern. Und doch hatte gelang, die Begnadigung Eleonoras zu verhindern. Und doch hatte die Gefangene ihr nie etwas Böses zugefügt, sondern sie nur an Geistesgaben und Schönheit überragt. Aber es gab immer schon Frauen, in denen gerabe eine solche Ueberlegenheit einen glühenden Haß und eine Eifersucht erzeugen, die unversöhnlich ist.

Bei Nörreport stieg fie aus, bog in die Köbmagergade ein und gestorben, und fein Nachfolger war wohl geneigt, die unglückliche gelangte in das Lotteriebureau.

Hinter der Schranke stand ein rothaariger junger Mann. Fräulein von Bergen holte das Los hervor und legte es auf den Tisch. Der Rothaarige verschwand mit dem Los, während Fräulein von Bergen auf einem der Stühle Play nahm und wartete. 1-2-3 4 Minuten. Welch eine endlose Zeit. Sie wurde nervös und heiß. Ihr ganzer Körper schwigte vor Aufregung. Sum erstenmal seit Jahren fonnte sie nicht stillfizen. Sie versuchte es, ihre Gedanken von den 30 000 kronen wegzubringen.

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Bar sie denn jemals im Leben so nervös gewesen?! Sie entsann fich ja noch der Brüfung am Konfirmationstage, das war schlimm gewesen und auch der Augenblid fiel ihr ein, als sie zum erstenmal im Meer baden sollte, sie hatte seitdem nie wieder im Meer gebodet Gott bewahre aber dies hier, nein, das war doch zu....

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Da stand mit einemmai der Rothaarige mit dem Los in ber einen Hand:

,, Die gnädige Frau muß wirklich entschuldigen, es handelt sich feider um einen Drudfehler. Das Los der gnädigen Frau hat nicht gewonnen.

Was sagte dieser infame Rothaarige. Nicht gewonnen. Wie in einem Nebel sah sie die 30 000 kronen vor sich schwirren. Auf einmal wurden sie weniger und weniger. Die Zahlen zogen sich zurüc Höchst sonderbar. Schließlich waren fie ganz verschwunden.

In dem Augenblid erft begriff Fräulein von Bergen die Situation. In ihr stieg eine maßlose Wut auf. Sie fonnte sich nicht mehr beherrschen und zum erstenmal hörte man Fräulein von Bergen schimpfen. Sie beschimpfte die Lotterie im allgemeinen und den Rothaarigen im befonderen und überhaupt. Betrügen und zum Narren halten, darauf hätte man es abgesehen, aber... Fräulein Don Bergen war dem Beinen nahe.

Der Rothaarige wurde jetzt seinerseits wütend, umfaßte mit beiden Händen die Tischplatte, so daß die Knöchel ganz weiß wurden und bat Fräulein von Bergen, doch fofort mit ihren unverschämt. heiten aufhören zu wollen und das Lokal zu verlassen.

Unverschämtheiten!!! Irgendetwas durchzuckte Fräulein von Bergen und der Augenblid tam, in dem sie vollständig den Garde. kapitän und all die eingeimpfte Vornehmheit vergaß. Sie hob sich auf die Zehenspitzen, riß ihre Tasche an sich und knallte dem Ahnungslojen hinter dem Tisch eine solche Dhrfeige, daß er gegen die Wand taumelte.

Dann machte Fräulein von Bergen fehrt, schlug die Tür indigniert zu und fuhr mit der Linie 15 nach Hause.

Der Rothaarige begab sich indeffen auf die Polizei und Fräulein von Bergen wurde geladen. Das Gericht verurteilte sie dazu, die Ohrfeige mit 200 Kronen zu bezahlen zuzüglich der Unkosten.

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aber

Fräulein von Bergen bewahrt immer noch die stolze Haltung, trägt den Kopf immer noch etwas höher als andere Leute Fräulein von Bergen spielt nicht mehr in der Lotterie.... ( utorisierte Ueberfegung aus dem Dänischen .)

Die Gefangene vom Blauen Turm.

Bon Dr. Else Möbus.

Ueber die Ostsee braust der Herbststurm. Noch unheimlicher und unzugänglicher als sonst starren die tahlen, spigen Klippen des Strandes, ragen die stellen Feljen der Rüfte Bornholms . Im Schatten schwarzer Wetterwolfen liegen die Ruinen von Hammers hus, dem einstmaligen herrlichen Schloß, das die wechselvollen Schick­fale der Insel seit Jahrhunderten miterlebte. Später diente es, wie fo manche mittelalterliche Burg, als Gefängnis. In diesen Mauern begann die Tragödie der Frau, die wie faum eine andere vor ihr bie Graufamfeit und Willfür ihrer Zeit und die Ungerechtigkeit ber standinavischen Justiz erleben mußte. Es war Leonora Chriftine, Die Lieblingstochter des Dänenfönigs Chriftian IV, aus seiner Che zur linken Hand. Mit 15 Jahren wurde sie dem über ein Jahrzehnt älteren Reichstanzler Korfiz Ulfeld vermählt, einem ehrgeizigen, leidenschaftlichen Mann Don außergewöhnlichen Fähigkeiten. Eleonora Christine begleitete ihn nach Holland und Frankreich , und

Der Blaue Turm ist heute vom Erdboden verschwunden. Ein Brand vernichtete die Stätte, in der so viel Leid ertragen wurde. Die Aufzeichnungen der Gefangenen aber haben die Jahrhunderte überbauert und find heute lebendiger als jemals. Ste gehören zu überdauert und sind heute lebendiger als jemals. Sie gehören zu ben getreuesten Abbildern des primitiven Strafrechts, das auf dem Gefühl der Radke beruhte, und dem jeder ethische Gedante fernlag. Aber gerade auf diesem Gebiet ist die Entwicklung unendlich langsam

Beilage des Borwärts

vorgeschritten. Denn obwohl drei Jahrhunderte dazwischen liegen, so find die Nachwirkungen dieser primitiven Rechtsauffassung auch heute noch so start, daß es weiterer mühevoller Aufklärungsarbeit bedarf, bis endlich an Stelle der Brutalität Bernunft und Mensch­lichkeit nicht nur in der Theorie, sondern vor allem in der Pragis zur Anerkennung gelangen.

Die ältesten Gäugetiere der Welt.

Die amerikanischen Expeditionen nach der Wüste Gobi , die vox dem Zoologen Andrews geleitet wurden, sind besonders berühmt geworden durch den Fund der Dinosaurier- Eier. Wichtiger aber ist es, daß sie den Beweis erbracht haben, daß Asien der Mutterschoß der Erde " ist, die Urheimat der Säugetiere und damit auch des Menschen. In seinem Reisewerk Auf der Fährte des Urmenschen", das foeben bei F. A. Brockhaus in Leipzig in deutscher Ausgabe erscheint, hebt Roy Chapmann Andrews selbst hervor, daß er für den wichtigsten Fund seiner Unternehmungen die Entdeckung der ältesten Säugetiere hält: So unbedeutend die fleinen Schädel auch aussehen, sie werden wahrscheinlich noch, wenn die Dinosaurier­Eier längst vergessen sind, den Männern der Wissenschaft als die Strömung der Einzelentdeckung unserer Aftenfahrten erinnerlich sein." Fundes zu erkennen. Der Paläontologe der Expedition, Granger, Auf merkwürdige Weise kam man dazu, die Bedeutung dieses hatte an den Leiter der Paläontologischen Abteilung des Amerikani­schen Naturgeschichtlichen Museums, Dr. Matthew, unter anderen Foffilien auch einen winzigen Schädel mit der Aufschrift: Nicht zu bestimmendes Kriechtier" geschickt. Matthew schrieb darauf ganz aufgeregt zurück, daß es sich in Wirklichkeit um die ältesten Säuge­tiere der Welt handele; man folle weiter nach solchen Schädeln fuchen. Granger hatte das große Glück, schon nach einer Stunde am Fuß der Flammenden Klippen" einen neuen solchen Schadel aufzufinden, den dritten seiner Art, der in einem Jahrhundert ent deckt wurde. Der einzige früher gefundene Schädel eines Säuge­Schen Trias und ist einer der größten Schäße des Britischen tiers aus der Hauptzeit der Kriechtiere stammte aus der südafrikani­Museums. Die weitere Suche gestaltete sich sehr schwierig, denn die Schädel befanden sich in Felsflümpchen, die abgebröckelt waren, als die Klippen verwitterten. Wenn man in der brennenden Sonnen­

glut tausend und mehr solcher Kiümpchen ergebnislos geprüft hat, lich, und schließlich waren sechs Schädel beisammen. Es waren fann man leicht die Lust verlieren, aber die Sucher waren unermüd wahrscheinlich die ertragreichsten Wochen in der ganzen Geschichte der Paläontologie," sagt Andrews. Es war ein großer Moment in der Entwicklung des Lebens auf der Erde, als durch die Aus­rottung der großen Land- und Wasserkriechtiere der Weg für die Säugetiere freigemacht wurde. Die Natur machte sozusagen einen neuen Berfuch mit den Lebewesen, dem legten Endes auch der Mensch seine Entstehung verdankt. Die gefundenen Säugetiere waren winzige Geschöpfe, taum größer als eine Ratte. Sie frochen in der Mitte der Kreidezeit vor 10 Millionen Jahren herum, als die ersten Bertreter der Säugetiere; so ftellen sie auch die ersten Ahnen des Menschen dar. Die Schädel sind besonders wichtig, da sie von den frühesten einen Mutterfuchen befizenden Säugetieren stammen, die heute noch lebenden Gruppen nahestehen. Diese modernen Berwandten der ältesten Säugetiere sind die Svihmaus und der Maut wuri; eine andere Gruppe ist die der Creodontier. der Urraubtiere. Die Entdeckung dieser ältesten Säugetiere iſt bes­halb von fo hoher Bedeutung, weil damit die allertiefsten Wurzeln ihres Stammbaums aufgedeckt sind.

Sergeant Grischa .

Ein Kriegsbuch von Arnold Zweig .

" Kriegsbücher" aller Art gibt es im neunten Jahre der Nach­friegszeit nachgerade genug. Kriegsbücher aber, die den eigent lichen Leidtragenden des großen Krieges, den Landser, den Musch toten aufs tieffte erschüttern, die ihn nach dem Beiseibelegen des Buches noch wie ein Gespenst verfolgen, Kriegsbücher solcher Art find dünn gefät. Sie find an einer Hand aufzuzählen. Arnold 3weigs Der Streit um den Sergeanten Grischa " ( iepenhauer Berlag, Potsdam ) aber gehört sicher dazu.

Die Geschichte von dem in deutsche Kriegsgefangenschaft ge­fallenen Sergeanten, Grischa ist schnell erzählt: Jm März 1917 macht sich der Sergeant Grischa von seinem Lager auf und davon, weil er es vor Heimweh nicht mehr aushalten fann. Bon einer Frau wird ihm der Paß eines toten deutschrussischen Soldaten Bjuschem in den Rod gesteckt, um den Geliebten vor dem Zugriff der Militärpolizei zu retten. Der Paß wird ihm zum Verhängnis, da Bjuschew Ueberläufer war und zufolge Heeresbefehl Oberoft" binnen 24 Stunden zu erschießen ist.

Ein halbes Jahr fämpft nun der Sergeant mit der Beteuerung, er sei nicht Bjuschew, sondern der Sergeant Grischa Hietsch Pas prottin, um fein Leben, bis im November 1917, als die Kunde von ber Ruffenrevolte über die Gräben fliegt, das Oberkommando die Bollstreckung des Urteils verlangt. Der Tod des Sergeanten schwankt noch ein paar Wochen, von Telephondrähten und Meldereitern befördert, hin und her. Dann packt er ihn endlich zu guter Lekt. Grischa tut feinen leßten Gang.

Wie das Arnold Zweig erzählt, die Worte, die er erzählt, die fleinen Besten, die er dem Kommiß abgelauscht hat die Kom­mandos, die da fallen, die Gespräche, die über den lebendigen und den toten Grischa hinwegwehen all das bedeutet eine Spizen­leistung der Darstellung des Menschen im Kriege.

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Die Landwehrleute, die Grischa seit einem halben Jahre be­wachen, sind zur Erschießung des Sergeanten einfach nicht zu ge­brauchen, da ihnen der Mensch Grischa zu nahe getreten ist. Ein Lebewesen, mit dem man monatelang trinft, raucht, scherzt, lacht, stöhnt und ist, erschießt man eben nun mal nicht! Außer man ist völkischer Landsknecht und Femebandit.

So läßt sich der Ortskommandant und Feldwebel Bretschneider, im Zivilberuf Teilhaber einer großen Maschinenfabrit, eine Gruppe

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Wenn Zeit dann Zeit! Hab' auch Dant, Kamerab!" Der Unteroffizier schneuzt fich, feine Arme zittern, das Tuch verdeckt die Augen kurz.

Die Landsturmleute laufen herzu, wie wenn plößlich ein großes Unglüd passiert.

Laßt's euch gut geben, Kameraben," ruft Grischa ihnen zu. Die Deutschen bringen feinen Laut heraus, nur ein Junger sagt blaß, mit aufgeriffenen Augen:

" Mach's gut, Kamerad, leb wohl!"

Und dann schildert Zweig diesen legten Gang. Ein Feldwebel zu Pferd voraus, ein anderer hinterher. Dazwischen die Jäger der M.- G.- Kompagnie, in Rotten zu vier, mit ihren grünen Uniformen, den Wickelgamaschen, den Eisenhelmen.

Abteilung marsch!"

Es geht zum Vorwert, auf dem man in Merwinst Hinrichtun gen vollzieht, nach dem tommandierenden General Lychows Hühnerauge" genannt. Eine Kiesgrube. Die Steilwand als Kugel­fang. Genügend Platz für die Exekutive ist da.

Die jungen Soldaten schreiten ernsthaft oder gleichgültig, halb­laut rebend, das einzig Steile in eine gewellten und flachen Ebene. Sie marschieren zur Hinrichtung eines Spions. Das hat man ihnen gefagt."

An der Kiesgrube wartet ein felbgrauviolett angezogener Mann, der Felbpaftor. Und Dr. Lubbersch, ein junger Arzt. Der raucht eine Bigarette und geht im Schnee stampfend auf und ab.

Der Haufe schwenkt, den Ruffen in der Mitte, in die Grube ein. Um den Mantel wär's auch schade!" sagt der eine Feldwebel zum anderen.

Grischa sieht den Steilhang, den Arzt, den Pastor, die lange Stifte nebenan auf dem Wagen. Er will schreien. Er will an den Riemen reißen. Statt deffen reibt er sich die Hände und reißt das Maul zu einem mächtigen Gähnen auf.

Ein Oberjäger nimmt ihm den Mantel und den Rod ab und bindet ihm eine Binde übers Gesicht. Grischa ist schon fast be: mußtlos. Er starrt unter der Binde heraus auf das filberne Kreuz, das der Pastor am Rod hängen hat.

Er hört das Klatschen der Gewehre, die in Anschlag gehen. Dann rast in ihm, im Augenblick, in dem die schneidende Stimme

Jäger fommen und leitet umsichtig und selbstbewußt die Grekutive. des Feldwebels den Befehl zum Feuern ansetzt, die Seele enthemmt Eine helle Stimme tommandiert im Hof: Abteilung halt! Gewehr ab! Rührt euch!"

Der Schreiber bringt dem Unteroffizier die Meldung. Der wird ganz blaß und aufgeregt, geht zu Grischa in die Belle und sagt: Kamerad, es ist so weit. Tu' mir die Liebe und hall dich

ruhig!"

Der Grischa empfängt den Stoß, den jeder gespürt hat, wenn es furz vor dem Berreden ist, und macht die Gebärde des Koppel­umschnallens, weil er nicht foim bloßen Bauch trepieren will. Bieht den Mantel an. Salutiert auf ruffische Beise und verabschiedet fich von dem Unteroffizier:

los, während sein Körper Kot verliert."

Und dann ist's aus. Die Soldaten fingen, die beiden Feld­webel fcherzen und der Arzt zündet sich eine neue Zigarette an. Zwei Hamburger Landsturmleute und ein Trainfahrer scharren den

Toten ein.

nach.

Er soll ja wohl unschuldig gewesen sein," sagt der eine. Tja, was foll das helfen, unschuldig sind wir ja woll alle." Ich hab den Krieg nich gewollt," sprach plößlich der Fahrer. Da halten sie einen Moment im Schaufeln inne und denken Hermann Schüzinger.