Sonnabend 26. November 1927
Unterhaltung und AAssen
Beilage des Vorwärts
Oer Königsulan. Von Peter Scher . Schauplatz: ein Münchener Kabarett, in dem national gesinnte Kavaliere bei einer Flasche Sett ihre mcht-notionalen Anwandlungen abreagieren. Am Tisch neben mir ein korrekt gekleideter cherr mit einem lärmenden Mädchen, dessen grelles Geschrei mir aus die Nerven fällt. Ich. liebenswürdig ,u der Dam«:..Sie sind sehr lebhast, aber — Verzeihung— könnte Ihr Organ nicht ein bißchen gedämpft werden?" Die Dame, in Raserei, ksist wie eine Furie. Der Kavalier schweigt. Noch einer halben Stund«, da das Wesen mir wirklich auf die Nerven fällt, zahle ich und gehe zur Garderobe Ich bemerk« noch, wie die rasende Dame aus den Kavalier loshackt. Nachdem ich mich angezogen Hab« und aus der Tür treten will. steht plöglich Er vor mir. Hacken zusammen. Verbeugung, Kart«:
X. Tcntsant d. Dt. im TÜanrn-Dtcg.-Slönlg Wilhelm L (2.'Wnitt.) Dir. 20
Ich drehe die Karte um, schüttle den Kopf. Darauf er, mit bebender Stimm«:.Di« Dame sagt, Sie hätten sich über mich lustig gemacht! Sie werden wissen, was Sie zu tun haben!" Ich verstehe endlich:.Ach so— Sie wollen meine Karte. De- daure— ich bin kein Kavalier!" Darauf er schäninend:.Dann sind Sie—?!" Ich, auf ihn zu. ruhig:.Wie bitte—?I" Er stutzt, sieht sich ratlos nach ihr um; sie nickt furios aufputschend- Er, mit neuem Elan, schmetternd:.Dollen Sie mir If»« Kurte geben oder nicht?" Ich, kühl:.Ich denke nicht daran!" Dann, longsam.«n gütig zuredendem Tonfall:.Sie können mich auch ohne Kart«—!" Der Kavalier, leichenblaß, hebt den Arm: ich mache mich bereit, einen Kinnhaken zu landen: der Wirt stürzt hinzu, hält ihn, be. schwörend, zurück. Er wird an seinen Platz geführt. Die Dame zerpflückt ihn. Einen Tag später im selben Lokal. Sie sind natürlich wieder da. Der Wirt sieht mich mit Besorgnis«intreten, aber ich bin sehr gemüllich:«Rufen Si« mir doch den Herrn einmal her!" Die gellende Daim, in großer Form, stößt ihn mir entgegen. Er steht korrekt, Hacken zusammen, Brust raus, mit tierischem Ernst vor mir: ..Bitte—?!" Ich, sehr freundlich:.Sogen Sie mal— was wollten Si« eigentlich gestern? Haben Sie wirklich geglaubt, daß ein erwachsener Mensch nicht lachen muß. wen» ihm so eine Leutnoniskorte über- reicht wird?" . Er. mit unruhigem Blick noch ihr:.Sie haben die Dame... öh Ich. scharf, bestimmt:„Aeh ist abgeschafft— ebenso wie der Leutnant d. R.!" Er:.Ich bin ja jetzt in einer andere» Branche--"'_ Ich:.Branche ist sehr gut... fahren Sie fort!" Er:.Aber Offizier bleibt Offizier."
Ich:.In welcher Branche sind Sie jetzt?"-- Er. sachlich: .Auto." Ich, überaus liebenswürdig, ein bißchen berlinernd:.Wenn Se ein Auto verkoofen wollen, tönn' Se ja mal bei mir vor- sprechen." Mit großer Kavaliergefte:.Bitte— hier haben Si« meine Karte!"— Er, die Hacken aneiimnderknallend, Brust raus, freudig, forsch:„Danke gehorsamst, weide mir erlauben!" Ber- beugung. Ab. Ich kann Zeugen dafür erbringen, daß er mich um Hauptes- länge überragte und offenkundig der Stärkere war. Ich habe nichts hu�zugetan und nichts erfunden.
Wildhähne in Hennenrollen. Von Maria Krisch«. Es ist ein« der wissenschaftlichen Forschung bekannte Tatsache, daß in dem Verhalten naheverwandter Arten, ja verschiedener Arten derselben Gattung, große Unterschiede bestehen. So ist die Stellung der Hähne zur Aufzucht der Brut durchaus nicht überall dieselbe. Während der Rebhohn«in musterhafter Gatte und Bater ist, be- gatten sich Auer- und Brikhühne mit mehreren Hennen und kümmern sich gar nicht um die Nachkommenschast. Die Beobachtung zeigt, daß dort, wo das Männchen von dem Weibchen stark in der Farbe abweicht, viel prächtiger und auffallender gefärbt ist als dieses, dos Männchen gewöhnlich poligom ist und sich um die Brutpflege wenig oder gar nicht kümmert, so Auer- und Birkhähne und der glänzend gefiederte Fofanenhahn. Der Haselhahn dagegen, der sich mit einer Henne paart und später das Wächteramt bei der Brut ausübt, wenn er sie auch nicht gerade führt, ist nur durch ein etwas größeres braun- rotes Brusffchild von seiner Henne verschieden. Das afrikanische Laufhahnchen zeigt erstaunlicherweise ein umgekehrtes Verhalten von Männchen und Weibchen. Bei dieser Art ist das Weibchen größer und von lebhafterer Farbe als das Männchen. Es rauft mit seinen Nebenbuhlerinnen und umwirbt balzend das Männchen, das dann später auch die Eier ausbrütet und die Jungen führt. Bon weiblichen Funktionen bleibt der Henne also nur die Eiablage. Aehnlich ist es beim argentinischen Laushuhn. Dort verläßt die Henne ihren ersten Satten nach Legen der Eier. Dieser übernimmt die Brutpfleg«, da« Weibchen gesellt sich einem zweiten zu, einem dritten und vierten, mit denen sie es ebenso treibt, bis sie aus dem letzten Nest bleibt. Uebergroße Fruchtbarkeit macht es der Henne unmöglich, olle Eier selbst auszubrüten. Unaufgeklärt ist noch immer das Derhalten des Kuckucksweibchens, das fein Ei in fremde Nester legt. Als die wahrscheinlichst« Erklärung erscheint die, daß das Weibchen von den allzu zahlreichen Männchen derartig bedrängt wird, daß es nicht zum Brüten kommt. Der Rebhahn, der ein so vorzüglicher Familienvater ist, setzt die Brutpflege allein fort, wenn er Witwer wird. Nach einem Be- richt von Dr. A. Drasenoroich in Heft 37 der„Umschau", Jahrgang 27. hat ein französischer Iagdinhober, Dr. Michon, folgendes Experi- ment gemacht. Cr hat den unbeweibt gebliebenen Rebhahn zum Pflegevater fremder Kücken benutzt. Da er überall mehr Hähne als Hennen gibt, fängt man im Winter einen Teil der Hähne mit Netzen ein und hält si« in Gefangenschaft. Wenn dann ein Teil der Gelege im Frühjahr durch Ausmähen oder Raubzeug mutterlos werden, so läßt man die Eier durch Haushühner oder die Maschine ausbrüten. Die ousgeschlllpsten Küken werden einem Rebhahn zu- gesellt, wobei man sich eines verdunkelten Kastens mit Zwischenwand und Schiebetür bedient. Sobald er anfängt, sie zu locken, weiß man, daß er si« angenommen hat und nicht mehr verläßt. Dieses Ver- fahren ist bester als die Aufzucht mit Hoshennen, auch besser, als daß man d'e Brut anderen Rebhuhnhenncn zugesellt, die soviel Brut nicht erfolgreich beschützen können. Mit Hennen als Adoptivmüttern läßt sich das Experiment, abgesehen, daß«s unwirtschasilich wäre, nicht machen, da diese, wenn sie nicht selbst Brut hoben, fremde Küken nicht annehmen. Alle diese Beispiel« zeigen, daß bei diese» Arten eine weitge- hende Beteiligung des Baiers am BrutgeschSst stattfindet. Dieser erweist sich als ein« Art Hilfsstation für Mutter und Kind, ohne die der Fortbestand der Art unmöglich wäre.
Gianislaw przybyszewsti. Erinneningen von L Lessen. Stanislaw Przybyszenzski, dessen Tod dieser Tage gemeldet wurde, war in seiner ganzen Erscheinung ein höchst eigenartiger Mensch. Ich lernte ihn zu Beginn der neunzig>er Jahre bei einem Arzt Dr. 21. in der Wilhälmstraße kennen, der auch Strindberg, Dehmel, Ludwig Schleich zu seinen gern und häufig gesehenen Gästen zähste. Przybyszewski sordarte mich bald auf, ihn auch einmal in seinem Heim zu besuche». Er wohnte damals in der Luifenstraß«. in der Nähe der Philippstraßs, im Erdgeschoß eines attey Berliner Hauses. Dort hauste er nnt sener blonden Norwegerin, die auch im Leben Strindbergs und Deymels eine gewisse Rolle gespielt hat. Ein nüchternes Ehambregornie-Zimmer von erheblichen Ausmaße», in dessen Mitte ein großer Flügel stand, diente ihm als Wohn- und Arbeitsraum. So liebenswürdig und freundlich mich Przybyszewski auch empfing, ich vermochte doch nicht— auch später nicht— jenes Gefühl der UnHeimlichkeit zu überwinden, das von diesem knochigen, großen Mann mit dem eckigen Schädel, dem blonden Spitzbart und den flackernden Augen ausging. Mit sprunghaften Schritten durch- maß er, die Hände in den Hoä'ntaschen verkrampst, Kops und Ober- körper wie zum Sprung« givuckt, unermüdlich den Raum. Und unermüdlich blieb auch das nÄst von ihm allein bestrittene Gespräch. Nur zerriß er es wiederholt jäh und unvermittelt, sprang zum Flügel, knallte sich aus den Ätuhl und spieste mit mächtigem tasten- anschlag ein paar Akkorde Ähgpin. Dann wieder zurück zu dein sprunghaft ausholenden Auf- und Niederschreiten im Zimmer, zurück zum Gespräch, wo wir es unberbrochen hatten Und wieder Chopin . Und wieder rasende Schritte durch den Raum, die nur allzu lebhaft an das Eingesperrtsein des Tigers im Käsig erinnerten. Ganz Sota nist, ganz Dämon, ganz Urgewalt. Przybyzsewski hotte damals gerade seinen in allen litorarischcn Lfreisen aufsehenerregenden „Vigilien" geschrieben. Wie er mir erzählt«: ohne Unterbrechung, ohne Schlaf, ohne Speise, ohne Trank— bis auf einen gelegentlichen Kognak. Fieberhaft und fliegend war alles an dein Manne: fein Gang, feine Gesten, seine Sprache. Und so oft ich ihn besuchte: der Eindruck blieb immer der gleiche. Nur«inmal, als die übliche Ebbe im Geldbeutel durch keine Kilnstlerleichtlebigkeit sich gemütsmäßig ausgleichen lassen wollt«, war es anders. Holger Drachmann war nach Berlin gekommen und hatte eine Anzahl junger Künstler zu Raffo litalienifche Weinstube Unter den Linden ) eingeladen. Ich ------- v. �.........-— und i«n
Stachs— so nannten ihn die Angehörigen des engeren Kreises— inachte, so gut e» damals bei ihm möglich war,»flugs Toilette und die schöNj; Norwegerin zog weiße Glaces über die schmalen Hönde. Später, als ihn die Norwegerin verlassen hatte, besuchte ich ihn nochmals. Er haust« oben im Norden Berlins am Wedding . Wohl bei einem Derwandten, denn das Türschild an der Klingel trüg gleich falls den Namen Przybyszewski . Seine Art hatte sich auch bei diesen letzten Besuche nicht geändert. Amerika schon im 6. Jahrhundert entdeckt? Aus dem Jahre 565 n. Chr. ist uns ein seltsamer Reisebericht des irischen Bischofs Brennain Mac Fingonlas, dem späteren St. Brandau, überliefert; der bisher als eine Fabel angesehen wurde, höchstwahrscheinlich ober ein Originalbericht von einer vorkolumbischen Entdeckung Amexjkäs ist. Der bekannte Polarforscher Dr. Charcot besuchte in den Iahren 1313/14 und das zweite Mal 1925/26 die Insel Jan Mayen . In der Beschreibung dieser Reisen kommt er zu dem überraschenden Er- oebnis, daß diese« Jan Mayen die rätselhafte St. Braudans-Inscl sein dürste. Der Bischof beschreibt diese Insel von allen Seiten, und diese Schilderung stimmt mit dem überein, was Dr. Charcot vorfand. Ms erstes Wahrzeichen der Insel sah St. Broudan richtig einen riesigen Berg im Norden aufsteigen. In der Tat erhebt sich auf der Jiffel ein gewastiger Berg bis zu 2545 Meter über das Meer. Weiter sah der Bischof jenen steilen Abfall zum Meer, der cii«r kohlschwarzen polierten Maus gleicht. Mehr als 200 Vulkane krönen diese Maus, und sie mag auf die irischen Mönch« einen fürchterlichen �Eindruck gemacht haben: denn sie hielten sie für den Eingang zur Hölle. Sollte Dr. Charcot mit seiner Vermutung Recht hoben, so hätten also irische Mönche bereits um 565 Amerika : entdeckt.
Der Löffel. Bon Gideon Gössel e. Bei Geheinirat Strcbling war große Soiree.?luto aus Auto fuhr an der Aussahrt der eleganten Villa vor. Dienstbeflissene Portiere geleiteten mondän gekleidete Frauen und schwarzbesrackte Herren vom Wagen ins Haus. Zuletzt war E r gekommen. Rudolf, der Dichter, zu dessen Ehren die Abendgesellschaft gegeben wurde Rudolf war«in Jugendfreund des Geheimrats. Sie hatten die gleiche Schulbank gedrückt. Beide stamtnten sie aus armen und ärmsten Berhältnlssen und hatten Not und Sorge scheffelweise in sich hineingefressen. Und beide hatten sie sich unter Anspannung aller Kräfte zu ihrer heutigen Position emporgearbeitet. Der eine war ein gcschickier Arzt und Chirurg geworden, der andere ein weit- bekannter Schriftsteller. Wa« sie aber strenge schied, war ihre beiderseitige Lebens- nnschaunng. Während der Geheimrat die Derhältnisse, aus denen er kam, als einen dunklen Punkt betrachtete, den es aus jede Welse zu verschleiern galt, sah der Dichter seinen früheren Lebensweg als eine Schule au, die er nicht missen wollte. Während Strebling der Erkenntnis huldigte, daß der am besten vorwärts komme, der am brutalsten die Ellbogen zu gebrauchen verstand, hoste Rudolf ge- lernt, in jedem Lebewesen die mitleidende Kreatur zu erblicken. Und während der Arzt seine gesellschaftliche Stellung zäh hielt und sich in ihr wohlzusühlen begann, sah der Dichter in ihr lediglich eine Kammer, die er wie so manche andere auf der ZLanderung seines Lebens durchschritt und in der keine bleibende Statt für ihn war. Stolz führte der Geheimrat den Jugendfreund, den er nach jahrelangem Getrenntsein per Zufall wieder getroffen hall«, durch die be ll erleuchteten Räume seines Hauses. Strahlend stellle er den be- rühmten Dichter jedem einzelnen seiner Gäste als seinen intimen Freund vor. Er bemerkte gor nicht, wie diesem die Situation unge- mütlich zu werden begann und wie er sich danach sehnte, aus der gedunsenen Sltmosphäre herauszukommen. Nach dem Esse» saß der Geheimrat mit seinen Gästen im Musik- zimmer zusammen. Ein junger Klaviertünstler hatte sich freudig und gerne hören lassen. Jetzt wurde Rudolf gebeten, etwa, aus s-meni Leben zu erzählen. Rudolf lehnte mit einer nichtssagenden Entschuldigung ab. weil es ihm widerstrebte, Erlebnisse einer Gesell- schaft preiszugeben, die nur genießerisch unterhallen und nicht menschlich gesessest sein wollte. Als ihm diese Weigerung jedoch einen strafenden Blick seines geheimrättichen Freundes eintrug, raffte er sich auf und begann zu erzählen: .Es war in meiner Bagabundenzeit, als ich in dem Obdachlosen-
osyl in der Fröbolstraße zu Bertin zum erstenmal einen Besuch ab- stattete, nicht um Studien zu machen— wie die Herrschaften viel- leicht meinen—, sondern weil mich ein ganz gewöhnlicher Feld-, Wald- und Wiesenhunger dazu trieb. Meine Damen und Herren, ich sehe Ihren entsetzten Gesichtern an, daß Sie noch niemals in Ihrem Leben Hunger gelttten und in einem Obdachlosenasyl genächtigt haben. Da versäumten Sie ganz entschieden etwas, um dessentwillen ich Sie von ganzem Herzen bedauere." Eine ältere Dame, die Gattin eines adeligen Rittergutsbesitzers, hüstelte hörbar, weil sie sich provoziert fühlte. Ein würdiger Direktor schüttelte bedenklich mit dem Kopf. Und der Geheimrat meinte mit koilventionell lächelnder Miene, daß Rudolf lieber über ein anderes Thema, z. B. über seine Reisen, sprechen solle. Doch Rudolf ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen. Ich spreche ja gerade über«ine Episode, die Ich auf der Reise meines Lebens erlebte," tat er die Bemerkung des Geheimrats ab. Er fühlte in sich eine dumpfe Opposition gegen die kristallenen Lüfter und gegen die seidenen Vorhänge heraufsteigen. Er lehnte sich gegen die Gesellschaft rings um Ihn herum auf, bei welcher der Mensch erst da anfing, wo er imstande war. mit Frack, seidener Binde und Glacehandschuhen auszutreten. Ruhig sprach er weiter: Es war gerade Mittagszeit, als ich im..Familienheim", diesen freundlichen Namen führt das Berliner Obdachlosenasyl, ankam. Nachdem ich im Ausnahmebureau registriert worden war, wurde ich über einen gefängnisartigen Hos hinweg nach einem nebenan- liegenden Gebäude geschickt. Dann ging es einige Treppen hoch und verschiedene Korridore enllang zur Essenempfongsstclle. Dort standen ein paar Dutzend Leute in Reih und Glied. Ich schloß mich hinten an. Es wurde mir ein blecherner Napf in die Hand gedrückt. Ich erhiett eine gut riechende Kartoffelsuppe verabreicht. Ein an- sehnlicher Würfel Gefrierfleisch wurde noch nachträglich dazugeton. Ein Beamter in weißem Kittel probierte die Suppe. Das Personal arbeitete ruhig, freundlich, lautlos, exakt. Jetzt wurde ich in einen großen Saal gewlesen, der anscheinend Speiseraum und Tagraum zugleich war. Und hier hatte ich ein Erlebnis, das mich bis ins Mark erschütterte und das ich niemals vergessen werde, selbst wenn ich hundert Jahre all würde. An langen Tischen und aus Bänke» an den Wänden enllang saß die„Familie". Es waren junge Menschen in zerlumpten Klei- dern mit stumpfen Gesichten,. Und es waren aste Menschen in zer- lumpten Kleidern mit stumpfen Gesichtern. Eine Resignation, eine Trostlosigkeit, ein Leiden lag in der Lust, das mir die Kehl « zu- schnürt«. Kaum ein Wort wurde gesprochen. Eintönig und monoton klapperten die Löffel der gierigen Csser auf den Blechgeschirren. Und doch hörte ich hundert- und tausendstimmig wie von Fanfaren ge-
schmettert jenes Wort durch den Saal gellen, das der große Tolstoi in die Welt geschleudert haben soll: Warum muß das olles so sein?! Ein junger Mensch, der mir zur Seite saß, grinste mich blöde an und fragte, warum ich nicht esse. Obwohl mir der Appetit ver- gangen war, wollte ich meinen Blechnapf leeren, um kein Aussehen zu erregen. Da entdeckt« ich, daß ich keinen Lössel hatte. Ein Wärter, den ich daraus aufmerksam machte, wollte ein Geldpfand haben, das ich nicht bezahlen konnte. Alle meine Ueberredungskünste konnten ihn nicht bewegen, mir einen Löffel ohne Pfand auszu- händigen. Von einem alten Mann, der mir gegenübersaß, war bemerkt worden, wie ich mich bemühte, mein Essen ohne Löffel mit Hilse der Finger hinunterzuschlingen. Sein Haar war schlohweiß und hing ihm in klebrigen Strähnen in die Stirn. Sein Gesicht war blatter - narbig und unrasiert. Aus dem Mund lief ihm der Speichel und tropfte auf den Tisch. Mit einer Geste unsäglich rührenden Mitleids bot er mir seinen eigenen Lössel an. Um ihn zu säubern, leckte er ihn init seiner geschwollenen Zunge ab. Dies war fast mehr, als ich ertragen konnte. Am liebsten wäre ich aufgestanden und davongelaufen. Doch das hätte bestimmt den asten Mann verletzt, der mir einen Dienst hatte erweisen wollen. Dankend nahin ich den dargereichten Löffel in Empfang. Heimlich und verstohlen wischte ich ihn an meinem Taschentuch ab. Und dann hotte ich mich so weit überwunden, daß ich mit dem Löffel des asten Mannes langsam Bissen für Bissen essen konnte. Ich tat es als lebendiges Zeichen dafür, daß ich mich dem Greis als Menschen- bruder zugehörig fühlte. Der Name„Familienheim" hatte für mich plötzlich einen Sinn bekommen. Mauern von überkommenen Bor- urteilen und Wände selbstischen Dünkels waren in mir zusammen- gebrochen. Ueber dem Löffel des alten Mannes, meine Damen und Herren, bin ich zum Dichter geworden!" Eine Biertelstunde später hatten sämtliche Gäste das Haus des Eeheimrats verlassen. Die adelige Rittergutsbesitzersehefrau hatte ihr Aufbrechen mit einen, 2lnfall von Kopfweh entschuldigt. Der Direktor erwartete plätzlich in einer halben Stunde einen nächtliche'., Tclephonanruf. Die übrigen fanden womöglich noch bessere Aus- reden. Alle vermieden sie geflissentlich, dem Dichter Rudolf die Hand zu geben, der es gewagt hatte, sie mit den Insassen eine« Obdach- losenasyls zu vergleichen. Als letzter war Rudolf weggegangen. Der Geheimrat aber hatte sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Dort saß er in einem Lehnsiuhl u,.d hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Wollen wir ihn darüber trauern lassen, daß er einen gesellschaftlichen Mißerfolg gehabt halle, oder soll er sich daran erinnern, daß er muh einmal zu Berlin in der Fröbelstraße aus der„Familienbank" gesessen hatte?