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Rr. 56144. Jahrgang

3. Beilage des Vorwärts

Dünger aus der Erde und Luft.

Weltwirtschaftliche Rundschau.

Die Vermehrung der Menschenzahl und die Begrenzt.ters. Man meinte, dem Chilesalpeter sei durch den fünstlichen heit der Erdoberfläche, die den Menschen die Nahrung gibt, find Stickstoff das Lebenslicht ausgeblasen worden. In der eine Jahrhunderte alte Sorge der Menschheit. Man fann Tat ging der Berbrauch an Chileſalpeter in den letzten Jahren heute sagen, sie ist es gewesen. Das Kali, der aus der Erde ständig zurück. Im lehten Düngejahr entfielen auf Chileſalpeter geholte Dünger, der Stickstoff, der aus der Luft gewonnene Dün Berbrauch fant von 363 000 Tonnen Reinstickstoffgehalt 1924/25 auf nur mehr 271 000 Tonnen, d. h. 20 Proz. der Weltproduktion. Der ger. bedeuten eine fast unbegrenzte Bodenbereicherung, werden nicht 271 000 Tonnen 1926 27, mit Unrecht fünstlicher Boden genannt. Diese Erzeugung fünft­lichen Bodens ist aber ein industrieller Vorgang, von den Kali­und Chemiekapitalisten monopolijiert. Diese lassen sich das neue Nährgut der Menschen teuer bezahlen, und um den Preis, die Be­herrschung dieses Nährgutes gehen schwere Kämpfe in der ganzen Welt. Seit dem Krieg ist eine große Zunahme des Weltverbrauchs on Düngemitteln eingetreten. Diese wird gekennzeichnet durch die gewaltige Steigerung der Weltproduktion an Stid­stoff und an Kali, eine Steigerung, die unvergleichlich größer ist, als der Berbrauchsrüdgang an anderen Düngemitteln, vor allem an Chilesalpeter.

Die kommende Ueberproduktion an Stidstoff. Die Stickstofferzeugung ist der jüngste Industriezweig der fünft­lichen Bodenerzeugung. Sie steht vor einer außerordentlichen Er­weiterung. An der Spize der Welterzeugung steht bekanntlich die deutsche Stiftoffindustrie. Bon einer Welterzeugung an Reinstickstoff in Höhe von 1044 000 Tommen( allein Kokereiammoniat und synthetischer Stidstoff) im Jahre 1926/27 entfielen 580 000 Ton­nen auf die deutsche Broduktion, woran die J. G. Farbenindustrie allein mit etwa 450 000 Tonnen, d. h. mit 77 Bros. der deutschen Broduktion, beteiligt war. Es wurden aber große Betriebserweite rungen vorgenommen, so daß die J. G. Farbenindustrie die Lei­stungsfähigkeit ihrer Werke für verschiedene Sorten stickstoffhaltiger Düngemittel für 1927/28 mit über 600 000, für 1928 29 mit 700 000 Tonnen angibt. Eine wesentliche Konkurrenz soll der J. G. Farbenindustrie erwachsen im Klödner Konzern bzw. der Hibernia, die auf Grund des Mont- Cenis- Verfahrens( einer billigen Bafferstoffherstellung aus den bei den Kohlenzechen an­fallenden Koksojencajen) große Mengen Stickstoff in den Verkehr bringen wollen. Soweit bis jetzt bekannt ist, soll auf der Zeche Mont Cenis eine Jahresproduktion von 60 000 bis 70 000 Tommen geplant fein, auf der zur Hibernia geherenden Zeche Shamrock eine solche von 70 000 Tonnen.

Doch wird Stickstoff auch im Ausland in großem Umfang hergestellt, und auch dort will man die Erzeugung start erweitern. An erster Stelle hat Englands chemischer Großtrust in Bil lingham außerordentlich große Stickstoffabriken. In Frant reich hat der Ruhlmann- Konzern eine große Stickstofferzeugung. Eine wichtige Rolle kann in dem kommenden Kampf um den Welt marit Norwegen zufallen, wo die außerordentlich billigen Wasser fräfte große Arbeitskostenvorteile bieten. Bekanntlich hat deshalb die deutsche J. G. Farbenindustrie vorsorgend wieder eine maß gebende( 25 Proz.) Beteiligung an

den Norsk Hydro Elektrisk- Werten erworben, nachdem sie ihren früheren Attienbesig schon einmal an die französische demische Industrie abgetreten hatte. An der Norst Hydro find auch der franzöfifche Kuhlmann Konzern und andere französische Kapitalgruppen beteiligt; ebenso ist ameri tenisches Kapital mit der norwegischen Stiditofferzeugung verknüpft, weil gleichzeitig mit dem J. G. Farben Norsk - Hydro­Bertrag die norwegische Gesellschaft eine amerikanische Anleihe von 20 Millionen Dollar aufgenommen hat. Nach der Erweiterung der Anlagen foll die Produktion von gegenwärtig etwa 35 000 Tonnen Reinstickstoff auf etwa 200 000 bis 230 000 Tonnen erhöht werden. Diese Produktion wird zum allergrößten Teil für die Ausfuhr be­stimmt sein, wobei die Absazorganisation der J. G. Farbenindustrie herangezogen werden wird. In den Vereinigten Staaten ift die Stidstofferzeugung merkwürdigerweise noch sehr wenig fort geschritten. Die deutsche J. G. Farbenindustrie hat die Eintragung in das Handelsregister des Staales Louisiana beantragt, in der Absicht, dort einen Betrieb für Stickstofferzeugung zu errichten. In Japan wird die Stickstoffindustrie mit staatlicher Hilfe außer­ordentlich gefördert. Der Staat wird den Kauf und Verkauf der Stichstoffdünremittel zu Höchstpreisen und die Verteilung der Vor­räte unter die Landwirte in die Hand nehmen und auch ein Außen­handelsmonopol für Stickstoff einführen. In der ganzen Welt find gegenwärtig 19 neue Anlagen mit einer Leistungsfähigkeit von 168 000 Tonnen Reinstickstoff im Bau.

So bereitet die oewaltig anwachsende Produktion einen außer ordentlich scharfen Konkurrenzfampf um den Absatz vor. Es wäre eine erheblich größere Verbrauchssteigerung als bisher nötig, um die jetzt vorbereitete Steigerung der Erzeugung auf Chilesalpeter - der natürliche Stickstoff.

zunehmen.

Hinzu kommt der schon tot geglaubte, jeht aber ver­scharffte Wettbewerb des natürlichen Stickstoffs, des Chilesalpe­

Indessen wird jetzt aus Chile ein außerordentlicher Auf­schwung der Salpetererzeugung und auch des Absages berichtet, wofür es mehrere Gründe gibt: einmal die Erfindung eines neuen Verfahrens, des Guggenheim- Verfahrens, das durch eine bis um fosten der Chilesalpeterindustrie um 50 Bro 3. fenft, dann die Auf­90 Proz. höhere Ausbeutung des Rohstoffs die Produktions­lösung des Salpeterfartells und Wiederherstellung der freien Breis entwicklung unter dem Druck des Staates, endlich eine erhebliche Sentung der Frachtkosten auf den chilenischen Ellenbahnen. Die bereits stilçelegten Betriebe wurden zum großen Teil wieder ge­öffnet( feit März 12 neue Anlagen), gegenwärtig find 49 wieder in Betrieb; bis Ende des Jahres merden es 60 sein. Dank des neuen Berfahrens will man eine weitere Senkung der Preise um 20 m. pro Tonne erreichen. Auf diese Weise soll der Chilesalpeter, der bis­her vom synthetischen Stickstoff niederfonfurriert wurde, einen Preisvorsprung erlangen. Die deutsche J. G. Farbenindustrie ist allerdings in der Lage, mit einer Herabjegung ihrer Preise zu ant­worten, während bezweifelt wird, tb auch die teuerer produzierende Stickstoffindustrie in Billingham mit ihren Ausfuhrpreisen ohne Ber­luft heruntergehen kann.

Kampf zwischen Kali- und Stidstofffapital?

In der Kalindustrie besteht die Geschz einer Ueberproduktion nicht im gleichen Ausmaß wie in der Stidstofferzeugung. Das tatsächliche Kali monopol der deutschen und französi fchen Kaliindustrie, die bekanntlich in einem Kartellperhält nis stehen, wird nicht so bald erschüttert werden können. Die mög­lichen Konkurrenten des deutsch - französischen Monopols sind vor­läufig noch nicht gefährlich. Die während des Krieges in Betrieb genommene Ausbeutung der Kalilager in den Bereinigten Staaten, Tunis usw. hat nach dem Krieg wieder aufgehört. Große Kali­lager befinden sich in Rußland , Polen und Spanien , wo mit dein Abbau in letzter Zeit bereits begonnen wurde. Eine übermäßige Ausdehnung dieser Produktionen ist jedoch vorläufig nicht zu er­warten. In Rußland stehen Transportschwierigkeiten im Wege, außerdem wird die Erzeugung voraussichtlich von der eigenen Land­wirtschaft in Anspruch genommen werden. In Spanien wird die Ralierzeugung mit Hilfe von staatlichen Subventionen, in Bolen mit der des schwedischen Zündholzfapitals gefördert. Großes Aufsehen erregte in lezter Zeit die Erwerbung der Kalilager des Toten Meeres durch den englifchen Chemietrust. Diese Lager sollen etwa zwei Milliarden Tonnen enthalten, das sind 8 Proz. der Weltvorräte. Dieser Erwerb wird nun merkwürdigerweise in Zusammenhang gebracht mit dem möglichen Kampf deutschen Stid mit industrie der deutschen Kaliindustrie um den Mischdünger. Gegenwärtig tauit die 3. G. Farbenindustrie ihr Kali für Die Herstellung des Misch düngers von der deutschen Kahindustrie. Indessen möchte die Kali­industrie selbst bzw. in Berbindung mit der Hüttenindustrie den Mischdünger herstellen. Das oben erwähnte Mont Cenis- Berfahren und andere neue Berjahren würden ihr angeblich die Möglichkeit verschaffen, den Stichstoffanteil an dem Mischdünger billig her­zustellen, während sie das Kalt zu Selbstkostenpreisen berechnen tönnte. Es wurde nun fürzlich in der englischen Preise behauptet, der englische Chemietruft habe die Kalilager am Toten Meer nur erworben, um bei seinen Verhandlungen mit der J. G. Farben industrie das Kali des Roten Meeres , das der J. G. Farbenindustrie für die Sicherung ihrer Kaliversorgung angeboten werden soll, gegen verschiedene Zugeständnisse der J. G. Farbenindustrie eintaus.hen zu fönnen. Diefer Gedanke, daß das Kali des Toten Meeres als Waffe der J. G. Farbenindustrie gegen die deutsche Kaliindustrie dienen foll, flingt recht phantastisch. Dennoch sei er hier vermerkt.

der

Infernationale Berfruftung.

Sonntag, 27. November 1927

dieser Art nicht zweifeln. Wenn man auch die pripattapita. listisch unangenehmen Folgen einer Ueberproduktion in der Stick­ftoffinduftrie nicht übersehen und eine Vereinbarung zur Regelung der Produktion verstehen kann, so besteht andererseits die Gefahr, daß eine bewußte Beschränkung der Produktion der Landwirtschaft zugunsten der Düngertrusts eine riesige Kartellrente auf­laften wird. Damit wird der künstliche, durch den Geist und die Arbeit der Menschen geschaffene neue Boden, weil das Chemie­kapital erst seine Profitrente daraus heimbringt, bevor der Bauer ihn bearbeitet, unnötig teuer bezahlt, und der menschliche Geist muß sich auch hier besinnen, wie er diesen unfinnigen Folgen des kapitalistischen Systems begegnen kann.

A. H.

Verdienste um den Wohnungsbau.

Fünf Jahre Preußische Landespfandbriefanstalt. des Neubanes von Kleinwohnungen in Deutschland ist die fünf­Ein wichtiges und anerkennenswertes Stüd in der Geschichte jährige Tätigkeit, auf die die Preußische Landespfandbriefanstalt jest zurückfehen tann. Vom preußischen Staat im Jahre 1922 gegründet, und feitdem immer nachdrücklich gefördert, hat die Preu­Bifche Landespfandbriefanstalt selbst in dem schwierigsten Inflations­jahr 1923 schon 2687 Kleinwohnungen finanziert. Bon 18 000 Gold­mart im Jahre 1924 hat Breußen seine Einlage bis heute auf 12,1 Millionen Mart erhöht, während 0,7 Millionen von Städten, Kreijen, Wohnungsfürsorgegesellschaften und der Deutschen Bau- und Bodens bank A.-G., also von anderen öffentlichen Körpergesellschaften und Banten , als Stammeinlage gegeben sind. Bon Ende 1924 bis zum 15. November d. J. hat sich die 3 a hl der Hypothefendarlehen von 1165 auf 8677, der Betrag der gewährten Darlehen von 7,41 auf 60,09 millionen Mart gefteigert. Die Zahl der be liehenen ohnungen hat sich in der gleichen Beit pon 4485 auf 21874 erhöht. Aus eigenem Vermögen und aus dem pon

Preußen überwiesenen Anteil an dem 200- Millionen- Reichsfonds laufen weiterhin heute 41,69 Millionen Mark Zwischenkredite für neue Verwaltungsgebäude in der Mohrenstraße festgestellt werden, den Kleinwohnungsbau. Mit Recht fonnte beim Einzug in das daß die Breußische Landespfandbriefanstalt fid) als ausführen­des Organ eines neuen Staatswillens bewiesen hat, der die wohnliche Unterbringung der Menschen selbst in die Hand zu nehmen sich vorgenommen hat.

Diese Entwicklung der Preußischen Landespfandbriefanstalt ist gefüllt, die die privaten Hypothekenbanten auszufüllen unfähig besonders erfreulich und verdienstlich. Eine Lücke wurde aus­maren. Das ist die Pflege der Geldbeschaffung für den Kleinwoh­thefen ist, deren Beschaffung für das private Banffapital nicht nungsbau, die nicht zuleßt auch eine Frage der fleinen Hypo= lukrativ genug ist.

Größere Arbeitslosigkeit in Berlin . 5800 Erwerbslose mehr.- Schon im Schatten Schachts?

Oktober und November find aus Saisongründen immer fritische Monate für den Arbeitsmarkt. Aber wir haben gestern darauf hin­gemiesen, wie pernichtend sich die Drosselung der Kredit­verforgung der Stadt Berlin durch die städtefeindliche Politik des Reichsbantpräsidenten Schacht auf die Durchführung der großen tommunalen Aufträge in Berlin auswirken muß. Selbit verständlich bleiben auch die Metall- und Elektroindustrie Berlins . die ja start an den Aufträgen beteiligt sind, von den Auswirkungen der Schachtschen Politit nicht verschont. Jedenfalls hat die Berliner Arbeitslosigkeit in der Woche zum 26. November die beträchtliche Zunahme von 5800 Erwerbslosen zu verzeichnen, worüber das Bandesarbeitsamt Berlin im einzelnen schreibt:

Auf dem Berliner Arbeitsmarkt macht sich in der Berichtswoche die rückläufige Bewegung in verstärktem Maße bemerkbar. Die Steigerung der Arbeitslosigkeit beträgt rund 5800 Personen, so daß sich der Stand derselben zurzeit auf 148 820 Personen beläuft. Daran find männliche und weibliche Personen verhältnis­mäßig gleichmäßig beteiligt. Den stärksten Anteil an der Ber­schlechterung haben naturgemäß, die an Außen und Bau arbeiten beteiligten Berufsgruppen. Auch in der Metall­industrie ist die seit den legten Wochen beobachtete Neigung zur Berschlechterung vorherrschend geblieben, jedoch fann hier von einem ungünstigen Charakter des Arbeitsmarktes bisher nicht gesprochen werden. Dagegen ist im Holz- und Schnihstoffgewerbe werden. Dagegen ist im Holz- und Schnihstoffgewerbe temindustrie ein guter Beschäftigungsgrad zu verzeichnen. Bei in den Hauptberufen, besonders in der Möbel- und Musikinstrumen den faufmännischen und Bureauangestellten führte ein erhöhter Kräfteabruf zu einer weiteren, allerdings geringen Entlastung des Stellenmarktes, Dagegen finden noch immer starte Zugänge im Betleidungs gewerbe statt. Im Verhältnis zum bo'r möglichkeiten der Hausindustrien einen immerhin noch besseren Beitpunkt gegenüber rund 84 000 Berjonen weniger. Stand auf. Die Arbeitslofenzahlen betragen dem vorgenannten

Unsere bisherigen Ausführungen zeigen schon deutlich genug, wie groß die Rolle der Düngererzeugung und-fonfurrenz bei den internationalen Verhandlungen der chemischen Industrie ist. In der Tat dürften die Besprechungen und die Vereinabrungen zwi schen den Chemiekonzernen der verschiedenen Länder sich in erster Linie auf Stickstoff erstrecken. Nicht allein handelt es sich dabei um den Austausch von Patenten und Erfahrungen, sondern in erster Linie um die Herstellung einer Einheitsfront der Pro- jährigen Stand des Arbeitsmarktes weisen die Beschäftigungs­duzenten von synthetischem Stichstoff gegenüber dem Chile . falpeter und weiter um die Ausschaltung der konkurren3 innerhalb der synthetischen Industrie. Angesichts der bisherigen Ber­tnüpfungen zwischen den chemischen Großtrists der verschiedenen Länder kann man an dem Zustandekommen von Vereinbarungen

Es waren 148 820 Betfonen bei den Arbeitsnachweisen ein­getragen gegen 142 987 der Borwoche. Darunter befanden sich 97 353( 94 012) männliche und 51 467( 48-975) weibliche Personen.

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