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Morgenausgabe

Nr. 19

A10

Iairpong( 1)

45. Jahrgang

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Vorwärts

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Berliner Boltsblatt

Donnerstag 12. Januar 1928

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Klerifale Schulaufsicht!

Kirchenkontrolle des Religionsunterrichts befchloffen.- Umfall der Volkspartei.

Geschlagene fechs Stunden hat gestern der Interfrattio­nelle Ausschuß der Bürgerblodparteten getagt. Resultat: die Boltspartei hat die Nerven verloren, sie ist zufam mengetlappt, fie hat in der Frage der geistlichen Schul­aufsicht einer Formulierung" zugestimmt, die die Aufsicht der Kirche über den Religionsunterricht und den Re­ligionslehrer im Reichsschulgesetz verankert.

Nach Sibirien !

Der Weg der russischen Altbolfchewifen.

Berliner Organ der ruffischen Regierung die Nachricht bes

Als eine Sensationslüge" hat noch gestern morgen das

mit dem Hinzufügen, daß es sich nicht nur um 30, sondern von der amerikanischen United Pres" bestätigt worden- erstatter des Tageblatt" selbst, Herrn Paul Scheffer , um 52 Personen handelt, sondern dem Moskauer Bericht­ist es gelungen, seinem Blatt einen ausführlichen, vom 6. Ja­nuar datierten Aufsatz zu schicken, der seine telegraphische Nachricht nicht nur aufrechterhält, sondern auch mit zahl­reichen Einzelheiten belegt.

foll, fomeit es den Religionsunterricht anbelangt- und die Berliner Tageblatt" bezeichnet, daß eine größere Anzahl Kirchenvertreter werden es nicht an Bersuchen fehlen lassen, Gegenden des europäischen und des asiatischen Rußland ver­russischer Oppositionsführer zwangsweise nach entlegenen über diese Bresche Einfluß auf die Schule selbst zu geschickt werden soll. Inzwischen ist diese Nachricht nicht bloß minnen im Reichsschulgeset veranfert werden. Das ist der Sinn des Kompromisses. Alles andere find schöne Worte. Auch über den§ 14 des Entwurfs, Religionsunterricht Der Kompromißantrag zu dem betreffenden§ 16 des in den Schulen, haben sich die Bürgerblockparteien geeinigt, Schulgeseßes hat folgenden Wortlaut: ohne daß bisher der Wortlaut dieses Kompromisses bekannt Der Ausschuß molle beschließen: Einsichtnahme in den Reli geworden ist. Die Verhandlungen über den§ 20, der die Ge­gionsunterricht. biete aufzählt, die als Simultanschulländer vor 1. Den Religionsgesellschaften ist unbeschadet besläufig von dem Gesetz ausgenommen sind, sind noch nicht ftaatlichen Aufsichtsrechtes( Art. 144 und 149 Abs. 1 der Reichsver zu Ende geführt worden. Der Ausschuß hat sich aber auf faffung) Gelegenheit zu geben, sich davon zu überzeugen, unbeſtimmte Zeit vertagt, da das 3entrum offenbar mit ob der Religionsunterricht in Uebereinstimmung mit ihren Grund dem gestern Erreichten zufrieden ist. Deshalb Schluß, und fägen erteilt wird. Die zuständigen oberen Stellen der Religions - der Boltspartet, deren Interesse an der Regelung der gemeinschaften haben zu dem Zwecke das Recht der Einsichtnahme Simultanschulfrage am größten ist, wird die Tür vor in den Religionsunterricht. Dieses Recht tann nicht an den Ortsgeift der Nafe zugefchlagen. Bürgerblodkompromiß von Zentrums und Großagrarier Gnaden! lichen als solchen übertragen werden.

2. Die Religionsgesellschaften und ihre Vertreter haben gegen. über den Lehrern, die Religionsunterricht erteilen, teine Befugnis der Dienstauflicht.

§ 16a: In den Gebieten des Reiches, in denen ein Zusammen. mirfen zwifchen Staatsbehörden und Religionsgesellschaften hinsicht fich der Einrichtung und Erteilung des Religionsunterrichtes in der Boltsschule durch Gesez oder Bereinbarung festgelegt ist, tann es bei diefer Regelung verbleiben.

Der Absatz 2 des Antrags ist ein Unding; er ist lediglich bas Mäntelchen, hinter den die Boltspartei das blamable Mufgeben ihrer gestern noch als unerschütterlich beschworenen Grundsäge versteden möchte. Eine Kirche, die die Macht hat, ben Religions unterricht zu übermachen, mird natürlich auch die Macht haben, einen ihr unliebfamen Religions: lehrer falt au stellen. Die tirchliche Schulaufficht

Die Bürgerblodparteien beabsichtigen, dem Bildungs ausschuß die Kompromißanträge zu den§§ 14 und 16 schon in der heutigen Sigung vorzulegen. Die Bolkspartei wird es den Oppositionsparteien überlassen müssen, die, liberalen Brinzipien", die sie im Stich gelassen hat, zu verteidigen.

Der So Prelledieuf erfährt, daß nach dem Kom­promiß die Kontrolle des Religionsunterrichts durch die örtlichen Pfarrer zwar ausgeschaltet wird, die geplante gelftliche Schulaufsicht on fich aber infofern bleibt, als für die Kontrolle des Religionsunter­richts in Zukunft eine bestimmte Anzahl von beson­ders zu benennenden Detanen in Aussicht genommen ist, Sie sollen gewiffermaßen im Hauptberuf im Lande herum. reisen und die einzelnen Schulen fontrollieren.

Ein Hundert Millionen- Schwindel

Riesenbetrug bei den Reparationslieferungen.

Die Firmen, die sich auf deutscher Sette an dem Betrugs. manöver beteiligt haben, figen zum größten Teil in Berlin . Vor allem wird die Baragesellschaft in Berlin genannt, ein Unternehmen, das in der Nachkriegszeit gegründet worden ist. Diese Gesellschaft ist bereits durch den Reichskommissar für zwei Jahre auf die schwarze Liste gefeßt und von weiteren Reparationslieferungen ausgeschlossen worden. Schwer belastet scheint auch eine rheinische Firma zu sein, die ihren Sit in Düsseldorf hat. Es wird damit gerechnet, daß diefe Firma im Laufe der nächsten Tage ihrer betrügerischen Handlungen über­führt werden kann.

Paris , 11 Jannar.( Eigenbericht.) dienst u a folgendes: Die betrügerischen Manipulationen Die Affäre des Sachlieferungsschwindels reichen längere Zeit zurüd. Man spricht von betrügerischen foll Kontrakte im Werte von 150 Millionen Mart Sachlieferungsverträgen in Höhe von über 100 mil. nmfassen, die hauptsächlich auf Nahrungsmittel, Iionen. Hopfen und Bichlieferungen lauteten. Den Abendblättern zufolge sind die betrügerischen Geschäfte in der Weise getätigt worden, daß der französische Käufer zunächst einen Gutschein über 10 Proz. des Gesamt wertes der bestellten Ware von der französischen Re gierung in Anspruch nahm und dann eine im Werte biel geringere Ware von den deutschen Lieferanten bestellte, worauf schließlich der Gewinn zwischen heiben geteilt wurde. Bei einem einzigen Geschäft in der Höhe von 20 Millionen sei in Wirklichkeit nur ein Gegenwert von einer Million geliefert worden, während die verbleibenden 19 Millionen in der Weise geteilt wurden, daß der deutsche Verkäufer 35 Broz. erhielt, während der französische Käufer 65 Proz. des Gewinns" bezog. Die Untersuchungs­behörden beschränken sich auf die Mitteilung, daß die Nachforschungen in Frankreich und Deutschland mit größter Energie geführt werden.

Berlin deckt den Reparationsschwindel auf.

BIB. meldet:

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In der französischen Zeitung Matin" ist behauptet worden, daß die deutsche Regierung von den in Paris aufgedeckten Repara­Honsbetrügereien gewußt habe. Wie wir hören, verhielt sich tie Angelegenheit sp, daß das deutsche Sachlieferungsbureau in Paris Anfang Dezember vorigen Jahres Beranlassung nehmen mußte, den französischen Sachlieferungsdienst auf Unstimmig feiten aufmertsam zu machen, die anfheinend bei einigen Reparationsvertragen obmalteten. Daraufhin veranstal­tete Untersuchungen haben den Berdacht vorgekommener un­fauterer Machenschaften beträftigt, worauf der französische Minister der öffentlichen Arbeiten die Präfeften der zerstörten Ge biete angewiesen hat, in eine Preisprüfung ber vorgelegten Reparatione verträge einzutreten. Es muß also festgestellt werden, baß gerade die deutschen Instanzen es waren, bdie zuerst auf die vorgefommenen Machenfchaften hinwiesen und den Anlaß zu ihrer Aufbedung gaben.

Bu ben Melbungen aus Baris erfährt ber& Breffe

Um die 3mmunität der Kommunisten. Paris , 11. Januar. ( Eigenbericht.)

Die Kammer wird am Donnerstag nachmittag über das Schidsal der fünf verurteilten tommunistischen Abgeordneten zu entscheiden haben. Justizminister Barthou dürfte zunächst im Namen der Regierung mittellen, daß den Be hörden der Auftrag erteilt sei, die Abgeordneten zu verhaf ten. Dann wird ein Vertreter der sozialistischen Frattion beantragen, daß die Kammer sich für die Aufrechterhal. tung der 3mmunität ausspreche und die fommunistischen Ab. geordneten im Interesse der parlamentarischen Rechte und Frei heiten bis zum Ende der Legislaturperiode, also bis zum 1. Juli, in Freiheit gefaffen werden. Diesem Antrag wird die Regierung entgegentreten und die Bertrauensfrage stellen. Bahr scheinlich ist, daß die Mehrheit der Kammer Poincaré fich auch dies mal gefügig zeigen wird; immerhin ist eine Ueberraschungsabftim­mung nicht völlig ausgeschlossen.

Danach wurde am 3. Januar den Oppositionsführern von der GPU. , der russischen Staatspolizei, mitgeteilt, daß sie binnen drei Tagen nach verschiedenen entlegenen Teilen der europäischen und der asiatischen Sowjetunion verschickt werden würden. Tropfi sollte nach A strachan, das, emig nach Fischen stinkend und im Sommer geradezu hize­brütend, am Kaspischen Meer liegt," Rafomst i nach einem Bunft im Gouvernement iaita, 500 Kilometer von der nächsten Eisenbahnstation, Radet in ein Nest im sibirischen Gouvernement Tobolst, kamenem nach Tobolst, Sino wjew nach dem Ural . Bon den jezt Berbannten wird gesagt, daß fie fich schon seit längerer Zeit in Not be fanden und daß es für sie von jetzt ab auch nicht einmal die 17 Kopeten Taschengeld gibt, die unter dem zarischen System den Berbannten täglich ausgezahlt wurden.

Die Männer, die dieses Schicksal erleiden, sind die eigent

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lichen Kampfgefährten des offiziell an allen Straßeneden als heilig verehrten Lenin. Sie sind die Führer der russischen Revolution von 1917, deren zehnjähriges Jubiläum vor einigen Monaten mit ungeheurem militärischem Schauge präge gefeiert wurde. Unter denen, die den Berbannungs befehl gegen fie ausgestellt und vollzogen haben gar nicht zu reden von den kleinen Schreibern, die ihn in Berlin nun zu rechtfertigen haben werden ist nicht ein einziger, der feine Verdienste um die bolichemistische Revolution mit den ihren vergleichen fann. Es sind hier wirklich die Nußnießer" der Revolution, die sich in Amt und Würden streden, während ihre Urheber jetzt denselben Weg gehen müssen, den sie auch der Zar, regierte er noch, geschickt haben würde.

Auch der Berichterstatter des Berliner Tageblatt" spricht von der langjährigen Verbundenheit der jegt Berbannten mit der Sache der russischen Revolution. Wenn er aber her vorhebt, daß einer von ihnen, Smirnow, auf eine faft dreißigjährige Barteitätigkeit zurückblicken fann und dennoch leht in die Berbannung muß, jo spricht er etwas aus, was bei den Lefern des Borwärts" feine besondere Ber­wunderung hervorrufen kann. Denn die Altbolschewiken teilen ja jetzt nur das Schicksal, das schon zuvor, teilweise von ihnen selbst, den Mensche wifen, den russischen Sozial demokraten, bereitet worden ist. Unsere Leser kennen die langen Listen, die von der Schande des boljchewisti fchen Gewaltregiments zeugen, es find auf ihnen jo manche Namen verzeichnet, die in der Geschichte der inter­nationalen Arbeiterbewegung Klang haben. Namen von Männern und Frauen, die unter der Zarenherrschaft im Kampf für die Freiheit ihres Boltes Unsägliches ers tragen hatten und die auch heute noch in Kerker und Eise wüsten des Morgens harren, der doch auch einmal für Ruß­ land

tommen muß.

Der Zuzug, den sie jetzt erhalten, ist von ganz anderer Art als der alte Stamm. Er verdient weniger Sympathie. Wenn das Aufsehen, das er in der Welt hervorruft, dennoch ein viel größeres ist, fo kommt das daher, weil die neuen Männer des Egils von der Tragit gestürzter Macht­haber umwittert sind. Sie sind die Opfer des eigenen Systems. Man hatte sich lange gewöhnt, in den Mensche wifen versprengte Idealisten zu fehen, die für eine zunächst doch recht aussichtslofe Sache fämpfen. Die gestürzten, in die Einöden des fernsten Rußland verschleppten Altbolsche­miten dagegen sind Männer, die vor noch verhältnismäßig furzer Zeit von einer ungeheuren Machtfülle umgeben waren und deren Kampf monatelang die Welt in größter Spannung erhalten hat. So tommt es, daß heute alles von ihnen spricht, während man von den unglücklichen Menschemiken, ihren unterlegenen Gegnern von gestern, thren Schicksalsgenossen von heute, außerhalb der sozialdemokrati­schen Presse menig zu sagen weiß.

Cachin hat am Mittwoch übrigens Senfation gemacht, indem So erklärt sich auch, daß der ruffische Staatsapparat alles er in der Kammer erschien und erklärte, in der Donnerstag aufgeboten hatte, um die Berbannung der Oppositionsführer debette das Wort ergreifen zu wollen. Auch die anderen verurteilten geheim zu halten und daß er auch heute noch über sie fommunistischen Abgeordneten dürften an der Kammerdebatte teil ich meigt. Er ist in dieser Beziehung eben ganz der alte nehmen. Ausaeschloffen von dem Haftbefehl ist der kommunistische geblieben, der er in der Barenzeit war. Wie oft kam es da Abgeordnete Clamaus, ber ebenfalls zu fechs Monaten Gemals vor, daß in nächtlicher Stunde die Fenster eines Hauses fängnis verurteilt ist, bem aber Strafaufschub erteilt wurde, plötzlich aufleuchteten, Geschrei erscholl, rasch wieder ver­domit er in der Kammer zum Siedlungsgefeb seinen Stand- ftummie, bann ein Wagen dröhnend über das Pflafter fuhr. punti vertreten fann. Was mar geschehen? Die Ochrana mar hagewesen, hatte