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üptübmi Montag,- 12. März 1928

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Von Friedrich Wendel

Wieso die Todesstrafe verrohend wirkt? Jeder wird erlebt haben, daß in solchen gesellschaftlichen Zirkeln, deren geistige Höhe zu wünschen übrig läßt, bei bevorstehenden oder vollzogenen Hinrichtungen das Blutgeschäft in einer wider- lichen, sensationslüsternen Art und Weife besprochen wird. Tierische, beftalische Instinkte werden wach. Welche Wirkung das zumal auf Kinder und Jugendliche hat, kann man sich leicht ausmalen. Die verrohende Wirkuno der nichtöffent- lich.n Hinrichtung ist um keinen Grad geringer als die der öffentlichen. Was die öffentliche Hinrichtung betrifft, so liegen bändeweise Belege dafür vor, daß sie nicht abschreckend wirkt. Wir greifen aus einer im Jahre 1840 in Genf erschienenen Schrift:Ueber die Abschaffung der Todesstrafe" von I. G. H o ch d ö r f e r, einem sympathischen Pfarrer, folgen- des interessante Beispiel heraus: In Liestal im Kanton Basel wurde 1838 ein Mann wegen vorsätzlicher Tötung hingerichtet. Zu dieser Hinrichtung versammelte sich das Volk aus allen Teilen des Kantons, darunter auch einige Bauernburschen aus einem Dorf in der Nähe des Tatortes Als die Hinrichtung vorbei war, kehrten sie in einer Schenk« ein, in die etwas später«in anderer Bursche kam, den sie wegen einer Mädchen- geschichte alsbald dermaßen mißhandelten, daß er unter ihren Händen fast den Geist aufgab. Später kehrten die Rohlinge noch einmal zurück, um den Mißhandelten vollendshinzumachen"! Und diese Menschen waren eben von der Hinrichtung eines Mörders gekommen: sie waren noch nicht einmal zu Haufe gewesen ja, sie waren sogar an diesem Tag« wegen einer früheren Schlägerei vor das Gericht zu Liestol geladen worden! So schreckt die Todes- strafe ab!" Fast alle ernsten Berichte früherer Zeiten über öffent- liche Hinrichtungen melden übereinstimmend, daß der A l- toholkonsum der zusammengeströmten Menge ins Un- gemessene stieg, und daß darauffolgende Schlägereien mit tödlichem Ausgang Sachbeschädigungen schwerer Art und vor allen Dingen Sittlichkeitsverbrechen an der Tagesordnung waren! In England, wo noch bis etwa 1833 fast alle Hinrichtungen öffentlich vollzogen worden sind, wurden solche Delinquenten, das Haus der Lords eine Studienkommission über die Wir-

*) Siehe auch Nr. 100 und 104.

Die Abschreckungstheorie.

kung der Todesstrafe ein: in dem Bericht der Kommission die ein herausforderndes Wesen bei der Hinrichtung an den Tag legren, sozusagen belobt, ihr Verhalten wurde in allen Schenken gepriesen. Andere, die Todesfurcht zeigten, wurden mit wüstesten Schmähungen bedacht. Im Jahre 1856 setzte hieß es u. a., daß. die abschreckende Wirkung der Todesstrafe gleich Null " sei,die Leute gehen zu den Hinrichtungen wie zu einem Hahnentampf oder einem Schauspiel: rohe Aus- drücke gehen von Mund zu Mund, es wird gelacht und ge- witzelt. Trunkenheit, Händel und Liederlichkeit folgen jeder Hinrichtung auf dem Fuße. Eine besonders widerwärtige Begleiterscheinung der öffentlichen Hinrichtungen ist die Belebung des wüstesten Aberglaubens. Dem Blut des Hingerichteten wurde Hell- kraft zugeschrieben, es soll auch gute Dienste beimSchatz- heben" und bei der Bereitung vonZaubertränken" leisten. Oft stürmte die versammelte Menge das Schaffot und füllte das Blut des Gerichteten in mitgebrachte Gefäße, oder ver- suchte, es sonstwie zu erhaschen. So äußerte sich dieab- schreckende" Wirkung der Todesstrafe! Aber schließlich: die Hinrichtungen werden ja jetzt unter Ausschluß der Oeffentlichkeit vollzogen. Ist damit ihre ver- wüstende Wirkung auf die öffentliche Moral unterbunden? Keineswegs. Ihre demoralisierenden Auswirkungen äußern sich nur in um so raffinierteren Formen! In einer Zeit, in der sich die Politisierung fast aller kulturellen Fragen unaufhaltsam vollzieht, wird aber auch die Todesstrafe zu einer politisch m Frage gemacht. Bist du Anhänger der Todesstrafe, so gehörst du zur sogenannten guten Gesellschaft, hast das Wesen der kapitalistischen Ord- nung begriffen, und kannst dich in die Deutschnationale Partei aufnehmen lassen. Bist du Gegner der Todesstrafe, so bist du schlappschwänzigerPazifist", bedrohst die mensch- liche Gesellschaft mit Auslösung und Verderb, und wenn du in Rußland lebst, wird dir gesagt, daß du keine Ahnung vom Wesen des Klassenkampfs hast und als konterrevolutionärer Schweinehund der Bourgeoisie auf die Beine hilfst! Und so ergibt sich das Bild daß man an der Aufrecht- erhaltung der Todesstrafe interessiert ist nicht aus allgemein moralischen Erwägungen heraus, sondern weil man sie nicht preisgeben kann, ohne einen kostbaren Stein aus dem Gebäude seines reaktionären Parteiprogramms zu brechen! Welche Hintergründe das hat, möge im nächsten Artikel beleuchtet werden. Für heute wollen wir die Betrachtu-q nicht schließen, ohne auf den Kulturskandal der politischen Todesstrafe aufmerk- fam zu machen. Ihr klassischer Boden ist zurzeit Rußland , obwohl sie selbstredend auch in anderen Ländern im Schwange ist. Liest man die Gründe, die in der Sowjetliteratur für die Notwendigkeit" der politischen Todesstrafe angeführt werden. so ist man überrascht, wie baar- genau sie sich mit den Grün- den für die Todesstrafe im all- gemeinen decken. Sie soll zu- nächst den Verbrecher, hier also den politischen Schädling, un- schädlich machen, sie soll ferner abschrecken, sie soll erzieherische Wirkung auslösen und fchließ- lich den staatlichen Autorität?- begriff stützen. Und so häuft man denn die Zghl der Hin- richtungen zu araussger Höhe. Log'k: Tötet alle Gegner des Kommunismus, und der Kom- munismus ist in dem Augen- blick verwirklicht, in dem der letzte Gegner unter der Kugel verröchelt. Welches Raffinment die Henker der Tscheka Hinsicht- lich des Abschreckungscharatters der Todesstrafe zu entwickeln wissen, ist durch zahlreiche ein- wandfreie Belege erwiesen. Und so wird denn lustig erschossen und gehängt Wie einst im Namen Christi gerädert und verbrannt wurde wie später im Namen des Königs gekgvft wurde, so wird heute in Ruß- land im Namen des Kommu- nismus Blut in Strömen ver- gössen. Dabei ist längst nach- gewiesen, und man kann das auch bei den großen Lehr- meistern des Sozialismus nach- lesen, daß die Verwirklickiung der sozialistischen Gesells�afts- ordnung nicht von der körver- lichen Vernichtung ihrer Geg- ner. sondern von ganz anderen Umständen abhängig ist!

vor wenigen Iahren erlebt. Wir haben die Feme - morde erlebt, wir haben die Dittaturstatuten der Rechts- Putschisten mit ihrem eintönigen..... wird erschossen" am Ende jedes Paragraphen gelesen. Aber wir haben doch auch erlebt, daß die überwiegende Masse der Be- völkerung sich von solchem Wahnsinn abwandte, und haben die Ueberzeugung gewonnen, daß die Arbeit für den Sieg der Vernunft und der Menschlichkeit nicht vergeblich ist.

»Ja*,

Herr, jtner Bettler dort hai die Frechheit gehnht. einem ehrenwerten Bürger A��s p°Wsches da* TaeckenUteh n* tUhle*?- Deutschland schaudernd noch

Kennt ihr sie? Aussterbende Berliner Redensarten. Eine neu« Generation wächst heran, die vieles von dm alten Berliner Redensarten und Wortspielen nicht mehr kennt. Vielleicht in den Gebieten des Berliner Ostens und Nordens ist die Dialekt- sprach« noch dieselbe wie vor 50 Iahren, aber es war doch gut, daß bekannte Berliner Forscher wie Dr. Hans Aren dick« u. a. im letzten Jahrzehnt versucht haben, den Wortschatz des Berliners in Büchern festzulegen, die ein wichtiges kulturhistorisches Denkmal für heutig« und künftige Geschichte bedeuten. Obwohl die heutigen Berliner auchnich von Pappe" sind, wollen wir ihnen eine kleine Kollektion von Worten präsentieren, die nahezu am Verschwinden sind. Vielleicht nimmt das eine oder andere seinen Lauf wieder ins Ohr des Lesers und besruchtet den so ewig blühenden und sich immer neu ergänzenden Baum der Volkssprache. Duhn duhn wolln se nischt, aber nischt duhn, det wolln s« duhn!" verleugnet sein« Herkunft aus den Gründerjahren durchaus nicht, aber man hört es nicht mehr. Bei Betrachtung des Abendhimmels konnte man von dem be- geisterten Berliner Naturfreund den entzückenden Ausrus vernehmen: Is'n scheener Abend, heute Mörsen, die Nacht möcht ick mal bei Dag« sehn!" Im Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte sagte ein echter Berliner seinem auswärtigen Freunde:Kommen S« i n meineIahre.dennwackelnSemit'nKopp, viel wenijer mit de Beene." DasAbgemacht S e« f e!" an StelleSela" ist einer der biuschitosen Ausspüche gewesen, wenn er einen Punkt hinter einen Satz machen wollte, ebensoIck denk«, mir soll der Asse sri- sieren!" wenn er sich entrüstet«. Mit dem Affen hatte er es be- sonders,Da fällt'n Affe aus dem Nest!" hört man noch heute, wenn ein plötzliches Geräusch entsteht. Ick lach mir'n Ast(un setz mir druff!)" ist noch jetzt eine ständige Budikenredensart. Der gut eingeführt« Gast dort kann unter Umständen auch niit dem freundlichen SpitznamenAujust mit de Klamottenbeene!" empfangen werden. W a t nachkommt, i s Bärme!" ist ein« Redensart, die besagen will, daß das, was jetzt noch kommt, nichts rechtes mehr ist. Mit Bärme ist Bierhefe gemeint, die beim Einschenken von Weiß- bier vom Wirt in den Flaschen zurückgehallen wird.Immer wegoon deBilder! Du koofft'n ollen Fritzen noch nich!" war eine Redensart, die von früheren Straßenhändlern geprägt wurde, die Bilder aktueller Natur mit erklärenden Texten feilboten. Be- fonders stark waren sie von den Kindern umdrängt, die sie mit diesem Ausspruch abwehrten. Di« schöne RedensartDa kennen Se Buchholzen schlecht!" wird auf folgende alt« Anekdote zurückgeführt: Ein Geistlicher tröstet einen Sterbenden, daß wir uns alle im Himmel- einst wiedersehen. Der Sterbende fragt ängstlich:Herr Geistlicher, Buchholzen ooch?"Ja, gewiß, wenn Buchhoiz als Christ gestor- den ist." Der Sterbende:Ach je, denn jeht des Luderleben da ooch wieder an!"O, mein Freund, dort nähren- wir uns von himmlischer Speise, auch Buchholz wird da ein himmlisches Leben führen!"Ach n e e, H e rr Poster, d a k e n n« n S e Buch­holzen schlecht!" Von den Bürstenbindern, die ihre Waren von Haus- zu Haus ausboten, rührt die Redensart her:Cr rennt wie'n Bürfchtenbinder." Der AusrufJott soll mir'n Dahler schenken!" ist als Ausdruck des Erstaunens vielleicht noch bei Berliner Marktfrauen zu hören.Wat ick mir davor koofe!" ist beinahe auch nur in den Niederungen zu hören.Ick wer'.n Deibel duhn!" ließ sich in der Abwehrstellung gut vernehmen, ebenfallsDet kann ick vor'n Dod nich leiden!" Wir wollen am Schluß dieser kleinen Blutenlese Nicht in die alte Redewendung verfallen:Da is ooch'n Dreck dran gelegen!", sondern vielmehr im Hinblick auf die Stärkung und Erhaltung des Berliner Wortwitzes ruhig mit dem schönen Wort schließen:Da riskiert aber«ener'ne Lippe!"- F. N.,

Ein Telephonbuch im Taschenformat. Das Telephonbuch der Stadt New Fork mit seinen jetzt rund 900 000 Eintragungen war in den letzten Iahren schon zu einem Umfang angewachsen, daß es sich mit dem besten Willen nicht noch mehr vergrößern lieh. Aber das neue Telephonregister für 1928 läßt sich bequem in der Tasche tragen. Es ist auf allerdünnstem Papier mit Hilfe des photographischen Verfahrens so klein gedruckt, daß man es mit dem bloßen Auge nicht lesen kann. Es wird daher ein besonders zu diesem Zweck angefertigtes Vergrößeriingsglas mit dem Buch geliefert, das ein bequemes Lesen ermöglicht. Der Verkehrsrekord in New York Die Personenbeförderung auf den New Porter Verkehrslinien überstieg im letzten Jahre zum erstemnal die Ziffer von drei Mil- liarden. Frauen.Nein, dieses Kleid ist mir auch viel zu eng! So etwas kann ich wirklich nicht tragen!" Verkäuferin:Verzeihung, gnädig« Frau ich habe Ihnen alle unsere. Kleider gezeigt. Da» ist Ihr eigene» Kleid, da» Sie mtlviben___