Eisenbahnskandal.
Wieder mal die ganze Montur mit Schmieröl versaut!
München . 23. März.(Eigenbericht). „tta den Galgen mit dem Reichstoirlschaflsmintster!"— war die stürmische Forderung einer 4000köpfigen Baucrnversamm- lung in Augsburg . Sic wurde provoziert durch eine auf- peitschende Rede eines christlichen Bauernoereinssekrctärs, der die Bauern in maßloser Weise gegen die Handelspolitik der Reichs- rcgierung aushetzte. In dieselbe Kerbe hieben dann auch die beiden anderen Redner, ein Bauernbündler und ein deutschnatio- n a l c r Landbündler, so daß in der Versammlung schließlich nur noch stürmische Zwischenrufe laut wurden.„Drosselt dem Curtius den hals ob!"„Einen Strick her für drei Pfennige!"„Her mit einem wirtfchastsdiktalor. her mit Mussolini !"„Aus zur Tat! Es wird werden wie im Mellkrieg!"— das sind einige Proben der aufge- peitschten- Stimmung, an der die drei Referenten, darunter zwei
bayerische Landtagsabgeordnete, ihre helle Freude hatten. In dieser Stimmung ließen die Bauern nicht mit einer der üblichen Versammlungsresolutionen abspeisen. Als die drei Re- screnten sich dünne machen wollten, sprang ein Bauernbündler aus den Tisch und verlangte unter tosendem Beifall eine Erklärung zur Frage der Bauerneinigung. Die Redner hätten nur auf ihre eigene Regierung geschimpft, sie würden jetzt abreise» wie immer und alles bleibe beim Alten. Wenn sie jetzt nicht sofort Farbe bekennen, würden sie als Führer abgesetzt, denn sie seien Versührer. In dieser kritischen Stimmung gaben die drei Hetzer die gemeinsame Erklärung, daß sie unter sich sofort einen Ausschuß bilden wollen zur Vorbereitung der Bauerneinigung noch vor den Wahlen. Mit diesem Trick retteten sich die drei Referenten aus der bedrohlichen Situation.
Reform der Landarbeitersiedlung. Oer SiedlungSausschuß stimmt dem sozialdemokratischen Antrag zu. Der Siedlungsausschuß des Reichstages führte am Freitag die Besprechung der Landarbeitersiedlung zu Ende. Aas Mitteln der produktiven Erwerbelosenfürsorg« sind von 10 21 bis 19 2 7 rund 41 000 Landarbeiterwohnungen geschaffen worden, darunter 22 000 Wertwohnungen und 19 000 Ctgenwohnungen. Eine immerhin beachtliche Leistung. Man halte daneben, daß das alte Preußen nach amtlichen Mitteilungen non 1909 bis 1918 in seinen östlichen Provinzen noch nicht ein- m a l sage und schreibe 200 Arbeiterwohnungen erbaut hat. Die Seßhaftmachung der Landarbeiter soll jetzt sowohl auf Reichs- wie aus Staatsmitteln noch stärker als bisher gefördert werden. Gedacht ist dabei vor allem an tandarbeilersiedlungen mit rund S Morgen Land, die etwa je 10 000 M. aus öffentlichen Mitteln erfordern würden. Die Belastung würde sich wie folgt ergeben: 5 400 M..Hauszinssteuer mit 1% verzinslich.. Sch— M. 3 600„ Rachweisungskredit zu 4V«Ö/n...- 148,—„ 800. Einrichtungskredit zur Ergänzung des fehlenden Eigenkapitals, zinslos, vom 6. Jahr« ab mit 2(>'f, tilgbar.......... 16,—, 9 800 M. Beihilfen mit einer Zahresbelaftung.. 218,— M. Daneben wird der Landarbeiterwohnungsbau wie bisher ge- fördert werden. Der deutfchnationolc Abgeordnete und christliche Land- arbeiterführer Hülser wandte sich gegen die Ausstattung der Siedlung mit 8 Morgen Land: 1 bis 2 Morgen seien aus- reichend!-Herr Vehreus, sein Fraktions- und Derbandskollege, glänzte durch Abwesenheit. Für die Nöte der Landarbeiter setzte sich Genosse Zäcker«in, der verdienstvolle Leiter der ostpreußischen Landarbeüerorgani- ialion. Er verlangt« die verstärkte Ansetzung der Landarbeiter aus sozialen und nationalen Gründen gerode für den Osten, lehnte aber jede gesetzliche Unterbindung der Freizügigkeit ab. Er beantragte, nicht nur reinen Landarbeilern. sondern auch anderen ' Arbeitern, die bereit und geeignet seien, in der Landwirtschaft ' tätig zu sein, die Mittel in gleicher höhe zur Verfügung zu stellen. Genosse Tempel erbat besondere Berücksichtigung auch der dichtbevölkerten Gebiete im Westen, besonders in Hannover . Gegen die Stimmen eines Teiles der D« u t f chn a t i o- n a l e n und des Zentrums nahm dann die Ausschußmehrheit folgenden Antrag Iäcker-Tempel an: „Der Reichstag ist damit einverstanden, daß für die Ansetzung non Landarbeitern und solchen?lrb«itern, die zur Landarbeit be- sähigt und bereit sind, in den dünnbevölkerten Gebieten durch die Landkreise vdcr die von ihnen errichteten Kreissiedlungsgesellschosten unter Vermittlung der Landeskulturbehörden die gleichen Kredite, und zwar Ankauss-, Rachweisungs- und Einrichtung?- kredite gewahrt werden dürfen, wie für die bäuerlichen Kolonicsiedlungen der gemeinnützigen Siedlungsuntcr- nehmungen."
preußische Arbeiislosensürsorge. Dos preußische Staatswinisterium hat dem Staatsrat einen- Gesetzentwurf über die Bereitstellung von Staatsmitteln zür. ver- stärkten Förderung von Maßnahmen der wertschaifenden Arbeits- lrsensürsorg« mit der Bitte um beschleunigt« gutachtlich« Aeußerunz überreicht, hiernach soll dem Staatsministerium ein Betrag von 7S'Million«n RM. für den genannten Zweck zur Verfügung gestellt werden, die durch den Finanzminister im Wege des K r e- d i t s zu beschaffen sind. Oie Arbeitszeit der Kohlengräber. (Scharfe Auscinanderfehung im Unterhaus. London . 23. März.(Eigenbericht.) Das Unterhans beriet den von der Arbeiterpartei eilige- brachten Gefetzenrwurf auf Wiederherstellung des Siebenstundentages im Bergbau. Abg. Gen. G r« n n- wall betont«, daß die Beseitigung der Krise im Bergbau unmöglich sei, solange die britischen Bergarbeiter länger unter Tage zu arbeiten hätten als ihre Kollegen in der Welt mit Ausnahme der chinesischen Arbeiter! Der Minister für Bergbau suchte zu beweisen, daß die Aerhältnisse im Bergbau noch schlimmer wären, falls man die Arbeitszeit nicht verlängert hätte: die Regierung denke nicht daran, das Achtstundengssetz abzuschaffen. Ms Lloyd George(lib.) versucht«, die Arbeiterpartei für die gegenwärtige Log« der Bergarbeiter verantwortlich zu machen, stieß er aus außer- ordentlich scharfen Protest der Arbeiterpartei. Llyod George stellte daraufhin fest, daß er trotz der Unterstützung der Bergarbeiter von deren Abgeordneten am Reden verhindert werde und verzichtete aus weitere Ausführungen. Der Gesetzentwurf wurde schließlich mit nur 27 Stimmenonihrheit abgelehnt, nämlich mit 154 gegen 127 Stimmen. Balkanterror. In(Südflawien, Rumänien , Bulgarien und Griechenland . Di« fürchterlichen Zustände im Belgrader Polizeigefängniz, der„Glaoniatscha". sind letzthin in der Skupschtina enthüllt worden und hoben Entsetzen erregt; der slowenisch.klerikale Innenminister Dr. K o r o s ch e z aber, ein christlicher Priester, lehnte sogar die Ein- leitung einer Untersuchung ab. Auch in dem.Kommunistenprozeß gegen den Studenten Rajo W u j o w i t s ch und seine Genossen wurden diese Greuel aufgedeckt: dem verdankt Wujowitsih es vielleicht, daß sein« Strafe aus Berufung der Staatsanwaltschaft von tz Monaten auf fünf Jahre schweren Kerkers erhöht worden ist. Seit acht Iahren liegt in dem rumänischen Schreckens- kerter Dortana der sozialistische Vorkämpfer B u j o r:«ine neu« Protestwelle gegen die weitere Einkerkerung dieses bereits ganz ge- brochenen Mannes ist im Steigen. BorisStefanoff und seine Mitangeklagten, bessarabische Kommunisten, haben, da chre Der- urteilung infolge Berufung noch nicht rechtskräftig ist. die ihnen be- fohlan« Zwangsarbeit zu leisten abgelehnt. Dafür hat man sie in die berüchtigten Karzer, die stehenden Zernentsärg« von Iiüuva gesteckt, in denen sie sich nicht rühren können... Eine Reihe britischer Arbeiterabgeordneter haben den bulgarischen Ministerpräsidenten Liaptschess brieflich aufge- fordert, den grauenhasten Terror in Bulgarien abzustellen. In Athen und anderen Städten sind Arbeüerdemonst roti onen blutig niedergebogen worden.
Oer Selbfirum Polens . Die Verfolgung der flawischen Minderheitsvölker. In seinen weiten Ostgebieten Hot Polen etwa sieben Millionen Weißrussen und Ukrainer , die es zu Polonifierungszwecken unter kaltem Druck hält, während jenseits der Grenze die Bolksgenosien dieser Unterdrückten eigene Selbstregierungsstoaten haben, mit ihrer Sprache als Staatssprache. Ueberdies haben die Bauern jenseits der Grenze dos Herrenland bekommen, während ihnen in Palen die Bodenreform nur versprochen ist. Was Wunder, daß dies« Ostslowcn zur Vereinigung mit ihren Volksgenossen streben und, unter dem Antrieb der Landarmut oder gar Londlosigkeit und der sremdnatio- nalen Beherrschung, natürlich zur Vereinigung unter dem fünszackigen Stern! Statt nun diese starken Minderheiten möglichst mit dem polnischen Fremdstaat zu versöhnen, hat ihnen soeben erst der Rc- gierungstorror bei der Porlamentswahl einen großen Teil ihrer Mandate geraubt. Seit Wochen wird in Wilna gegen hun- dcrte Weißrussen der h r o m o d a p r o z e ß wegen Hochverrats ge- führt und als letzthin der Kronzeuge des Staatsanwalts, der Lock- spitzet huryn ermordet wurde, folgten neue Massenoerhaftungen und eine wild« Presseverfolgung. Damit aber die Wahlwunden der Ukrainer sich nur ja nicht schließen, streut Warschau Salz hinein: Alle Starosten(Landräte) in W o l h y n i e n-haben die Aus- l ö s u n g der Organisationen des ukrainischen Kulturbundes „Profwtta" in Angriff genommen. Die Satzungen der„Proswito" waren vor längerer Zeit von den polnischen Behörden bestätigt worden. Begründet wird die Auflösung mit Befürchtungen vor dem Einfluß der Kommunisten, die sich in die„Proswita" in großer Zahl eingeschlichen haben sollen. So treibt man die Mindcrheitsvölker in immer schärfere Oppo- sition. in der schon sehr große Teile selbst des polnischen Volkes stehen. Wie es scheint, will man in Warschau die Lehren der e i g e- nen Vergangenheit durchaus vergessen! Wer wird Sejmmarschall? Warschau . 23. März.(Eigenbericht) Die sozialistische Sejmfraktion Hot beschlossen, den Abg. D a s z y n s t i als Sejmmorschall vorzuschlagen. Der Barstand wurde ermächtigt, mit den anderen Linksparteien darum Fühlung zu nehmen. Gen. D a s z y n s k i war bisher Vizepräsident des Sejm. P i l s u d s t i hat, wie bekannt, seinen Stellvertreter, den Vizeprcmier Bartcl als Sejmmarschall cmp- oder richtiger befohlen. Gowjetrichter vor Gericht. Amerika wird auch im Lefiechungssystem nachgemacht. Di« Moskauer „Prawda" berichtet von einem Prozeß in R j a s a n. Eine Anzahl Iiistizbeamte, darunter zwei stellvertretende Gerichtsvorsitzende, einige Mitglieder des Verteidigerkollegiums.«in Staatsanwaltsgehilse, mehrere Gerichtsmitglieder, der Sekretär des Stadtvollzugsrat» sowie einig« Kaufleut« wurden zu Strafen van zehn Iahren bis sechs Monaten Gefängnis verurteilt: andere kamen mit einem bloßen Verweis davon. Die Gerichtsverhandlung leuchtete in die korrupten Verhältnisse hinein, die in einem Teil der Sowjetrechtsprechung herrschen. Alz die GPU. von den Mißbrauchen Kenntnis erhielt, vernahm sie den Volksrichter P r o st o w. Er ver- sprach aussührtiche Bekundungen zu machen, nahm sich aber das Leben. Doch soll es der GPU. gelungen sein, das Korruptionsnest auszuheben. Seine Seele war der Sekretär de» Stadtvollzugsrats
Soschkin, der freundschaftliche Beziehungen W dem stellner. tretenden Vorsitzenden des Strafgerichts unterhielt. Mit«inigen Verteidigern und zmei übelbeleumundeten Persönlichkeiten entwickelte er nun eine äußerst reg« Tätigkeit. Bald hieß es: Soschkin könne alles machen. Er nahm von Angeschuldigten B«- stechungsgelder, die er zwischen sich und den in Frage kommen. den Richtern teilte. Ganz besonders ausgezeichnet hatte sich auch «in hoher Verwaltungsbeomter und Leiter der Gouvernementspolizei namens F« r n o b o k. Er hatte en, raffiniertes Bestechungssystem ausgearbeitet: die Kausleute zahlten ihm bestimmte Abgaben. Das Gericht verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis. Bauern überfallen den Dorfsowjet. Die Moskauer„Iswestia" berichtet von einem Prozeß gegen 15 Bauern, die angeklagt waren,«einen Dorfoollzugsrat überfallen zu haben. Der Oberste Gerichtsyof der Krim verurteilte wegen Massenterror gegen Behörden einen Bauern zu sechs I a h r e n Gefängnis, zwei M drei Jahren, fünf zu zweieinhalb und sechs zu einem Monat Gefängnis.
Llttikehnmg in Ltngarn. Arbeiter verprügeln Rodaureaktionäre. Nach Wiener Vorbild regten sich auch in Budapest idiotische Rosiesanatiker darüber auf, daß die Oper„Ionny spielt aus" gegeben wurde. Bis zum Vorstellungsbeginn stänkerten sie die Opernbesucher an, dann veranloßte sie die Polizei, sich ein anderes Tätigkeitsfeld zu suchen. Sie fanden es vor dem Gebäude des sozialdemokratischen Zentralorgans„Nepszooa", dem sie unter obligatem Gebrüll«ine Anzahl Fenster einschlugen. Da die Polizei nicht dagegen einschritt. nahmen«ine Anzahl Arbeiter �»ie Wiederherstellung der Ordnung nebst dazu geeigneten Instrumenten in die Hand und verprügelten die Radaubrüder so gründlich, daß ihr Bedarf bald gedeckt war und st« das Weite suchten. Zum erstenmal seit der horthy-Gegen- reoolution von 1919 hoben ungarische Arbeiter, die so schwer leiden mußten, zur S e l b st h i l s e gegriffen.
Erzengel Gabriel d'Annunzio. Was heutzutage italienmöglich ist. Aus Trient wird gemeldet: In Mezzolaga im Ladrotal wurde die Sprengung einer Reihe von Minen vorgenommen, wodurch sich das Wasser des Ledrosees in den Gordasee ergießen wird. Dadurch wurde eine der mächtigsten Elektrizitätszentralen in Betrieb gesetzt. Die Minen sind 26 Meter unter dem Wasserspiegel des Sees gelegt und(natürlich!) von Gabriele d'Annunzio zur Explosion gebracht worden. Einige Tage zuvor hotte Gabriel« d'Annunzio an den Bürgermeister von Rovereto telegraphiert: Am nächste» Sonntag wird Erzengel Gabriel auf den Ledrose« msderfteigen und die groß« Mine entzünden mit dem Lächeln jenes Damiano Ehiesa(eine« Roveretaners, der we�en ..Hochnerrots" hingerichtet wurde), der sein Opfer in mächtige Energien der Zukunft umgewandelt sah. Ich umarm« Sie. Gabriele d'Annunzio . Der Erzengel Gabriel— da wird sich ja Mussolini , sein Kon- turrent im Schwadronieren, rasch zum Herrgott ernennen müssen!