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Sonntag

1. April 1928

Unterhaltung und Wissen

Der Lachs meines Urgroßvaters

Bon Svatopluk Cech .

( Autorisierte Uebersetzung aus dem Tschechischen.)

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Mein Urgroßvater, seinerzeit erster Schreiber auf dem Herr schaftsgut in S. in Nordwestböhmen, trat am 31. März des Jahres 1792 in das Amtsheiligtum seines Prinzipals, des Herrn Direktors er war den Tag vorher zum Verwalter des benachbarten Gutes ernannt worden und brachte mit stotternder Rede die untertänigste Bitte um die Hand seiner Tochter, des Fräuleins Antonie, vor. Der alte Herr zog die Augenbrauen enger und blickte strenge auf den Bittsteller. Doch ließ irgendein lichter Schimmer in seinem Angesicht verraten, daß jenes Gesuch weder für ihn überraschend lam, noch sonst unangenehm war.

,, Ei, ei, ei!" rief er mit gemachter Verwunderung. Wir haben also zweifellos schon mit Antonie ein Liebesverhältnis angesponnen, ohne daß der Vater davon eine Ahnung hatte. Oh, oh, die heutige Jugend! Oh, diese neuzeitlichen, gottlosen Romane! Und so rasch, wir haben also bloß auf die Verwalterschaft gewartet, damit wir uns ins eheliche Joch einspannen können! aber vielleicht wird es mir dennoch vergönnt werden, betreffs dieser Sache eine Nacht zu überschlafen und morgen morgen!"

Er verstummte und überlegte. Sein Gesicht hatte sich voll­kommen aufgeheitert. Um seine Lippen spielte ein fröhliches Lächeln. Er erinnerte sich, daß morgen der erste April war. Diesen Tag widmete er einem alten Brauch gemäß ausschließlich seiner Be­

lustigung auf Kosten der Mitglieder seiner Familie, ſeiner Schreiber und des Schloßgesindes. Vom frühen Morgen an eilten stets am ersten April Boten vom Schloß nach allen Richtungen in die nähere und entferntere Umgebung wegen der verschiedenartigsten, unmög­fichsten Dinge, und wenn sie erschöpft mit verlegen grinsenden Ge­fichtern zum Rapport zurückkehrten, lachte der alte Herr, daß ihm die hellen Tränen über die Backen flossen, und die Perücke am Kopfe wackelte.

Als er nach einem Weilchen aufschaute, las er auf dem Gesichte meines Urgroßvaters, daß dieser seine Gedanken erraten hatte, und deshalb sagte er ganz ohne Umschweife: Nun ja, morgen ist der erste April und dieser Tag eignet sich nicht für derartige ernste Angelegen­heiten. Uebrigens eilt die Sache überhaupt nicht. Antonie wird im Mai erst 19 Jahre alt, sie hat also zum Heiraten noch genug Zeit. Wenn sich die Umstände nicht ändern, so in zwei, drei Jahren

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So ein Aufschub paßte meinem Urgroßvater aber ganz und gar nicht. Er wagte es, auf die Glutwärme seiner Liebe hinzuweisen und auf die brennende Sehnsucht, die er schon an die zwei Jahre im Verstecke seiner Brust herumtrug.

Doch der Direktor sprach mit einem Nachdruck, der von der Un­beugfamfeit seines Willens zeugte: Ich habe gesprochen und damit basta! Wenn die Flamme diefer Liebesglut so mächtig ist, wir wir behaupten, wird sie auch die zwei Jahre noch überdauern. ,, Uebrigens," fügte er nach einem Weilchen überlegen mit schelmischem Lächeln hinzu, der Herr möchte die Hand seiner Auserwählten nur so spielend erlangen. In früheren Zeiten mußten sich die Ritter solche

Preise in schweren Prüfungen und durch fühne Heldentaten er ringen.... Nun, ich weiß wohl, daß die gegenwärtigen Herrchen nicht mit Lanze und Schwert umzugehen wissen, und daß sie nur mit ihrem Geist glänzen. Jahr für Jahr habe ich den Herrn am ersten April angeführt, wie ich nur wollte, nun denn, versuche Er es jetzt einmal, ob er mir gewachsen ist. Gelingt es Ihm, dann wollen wir gleich morgen die Verlobung feiern, und so Gott will, binnen kurzem auch die Hochzeit."

Aber, wie wollte ich mich denn unterstehen-

Ich erteile hiezu dem Herrn hiemit die regelrechte Erlaubnis. Einmal möge es der Herr morgen versuchen, aber notabene: mur ein einziges Mal. Sollte Ihm wider Erwarten dieser Versuch ge­lingen, so werde ich mein Wort halten. Punctum!

Am andern Tag in der Früh saß der alte Herr ohne Berücke im Schlafrock hinterm Tisch, auf welchen Fräulein Antonie eine geblümte Schale voll Schokolade stellte. Da ließ sich ein zaghaftes Klopfen an der Tür vernehmen und nach einem mürrischen ,, Herein" des Herrn Direktors huschte der eckige Pförtner mit einer tiefen Berbeugung ins Zimmer.

Was gibt's denn so zeitig?" wetterte der alte Herr auf ihn los. Ich bitte ergebenst, gnädiger Herr, es ist vom Herrn Förster

Ich

ein Bote mit einem Lachs angekommen."

,, Mit einem Lachs? Mit was für einem Lachs denn?" Ich bitte ergebenst mit einem Lachs. Er hat ihn in der Kanzlei dem hochgeehrten Herrn( so lautete die Titulatur meines Urgroß paters) abgeliefert und dieser beliebte mich hieher zu entsenden, da­mit ich es dem gnädigen Herrn mitteile."

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,, Ah, ah! Also der hochgeehrte Herr hat Ihn hieher gesandt. Seht euch einmal an aha!" Der alte Herr stand auf und indem er dem Pförtner scharf in die Augen blickte, fragte er strenge: Und haben wir ihn gesehen, ich meine diesen Lachs?"( Der Direktor liebte es, jeden in der ersten Person pluralis anzusprechen.)

Ich selbst habe ihn nicht gesehen. Aber der hochgeehrte Herr äußerte sich, daß er geradezu ein Riesentert sei, und daß er zeit­lebens noch feinen so großen Lachs gesehen hätte."

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,, Und ich habe zeitlebens noch feinen so großen Dummfopf ge­sehen wie wir einer sind verstehen wir?" schrie der alte Herr den Pförtner an. ,, und dem Herrn Berwalter wollen wir bestellen, daß ich ihm diesen ganzen Lachs als Präsent überlasse, und ihm dazu einen guten Appetit wünsche. Nun, was gaffen wir denn da noch, heda!"

Nachdem der erstaunte Pförtner weggegangen war, rieb sich der alte Herr die Hände und lächelte zufrieden, wobei er vor sich hin­brummte: ,, Mit so etwas will er mir fommen! Wenn seine Liebe so groß ist wie sein Mutterwitz, so wird Antonie nicht gerade einen bedeutenden Treffer gemacht haben. Jahaha! Einen Lachs! Wie käme denn unser Förster zu einem Lachs! Bielleicht hat er ihn in unseren Bfügen gefangen! Aber gut ist es so! Antonie ist ohnedies zum Heiraten viel zu jung."

,, Höre Antonie," wandte er sich an diese ,,, bring mir die Sonn­tagsperücke und den Rod; ich werde der Amtshandlung beiwohnen." Wie man sieht, hatte der Lachs meines Urgroßvaters wenig Glüd. Und leider folgte noch eine schlimmere Sache. Als Antonie aus, dem Zimmer weggegangen war, schritt der alte Herr im Zimmer auf und ab und dachte sich, daß mein Urgroßvater heute seinen Unter­gebenen bei der Amtshandlung wohl taum eine besonders freund­liche Miene zeigen werde. Und schon der nächste Augenblick bestätigte Jeine Vermutung auf eine unerwartete Weise. Man vernahm aus der Sanzlei das zornige Geschrei des ersten Schreibers, die Bitten des Robotfröners, eines leibeigenen Bächters, das Geräusch einer Bank und gleich darauf hagelte es Schläge mit dem Haselstod wie mit einem Drechflegel auf eine Loune, Mit diesen Tönen vermengte sich das

Die Stadt der Geier.

Indischer Reisebrief von Andreas Latzko .

Beilage des Vorwärts

Nicht im übertragenen Sinne, nicht in Erinnerung an hab-| bäude mit siebzig Meter hoher Kuppel, und dieser verschwendete süchtige Gastwirte, Fremdenführer und Andentenverkäufer, die Hohlraum von so und so viel hundert Kubikmeter überwölbt- ein übervorteilte Reisende gern den Geiern vergleichen, lebt die Hotel, den Taj Mahal Palace", den ein reicher Parse ,, mit Millionenstadt Bombay als Kapitale dieser grimmen Raubvögel allen Errungenschaften der modernen Hoteltechnik" aufbauen ließ, im Gedächtnis fort. So überwältigend auch die Größenmaße, die damit auch der verwöhnteste Reisende gleich bei seiner Ankunft Mischung von orientalischem Basarleben und amerikanischem Ver- Achtung vor Bombay befomme.. fehr anfangs wirten mögen, auf das Stichwort ,, Bombay " sieht der heimgekehrte Reisende doch nur scharf gebogene Geierschnabel, spitze Klauen, einen tückisch gekrümmten Hals, der nackt wie ein Henkers­arm aus dem zurückgestülpten Gefieder ragt..*

Die Anhänger Zarathustras. Stundentang habe ich aus meinem Fenster dem Schweben der. riesigen Vögel über den glühenden Dächern zugeschaut, erstaunt über die Anwesenheit der dichten Rudel in solcher Nähe des Todfeindes Mensch, bis, über das Geheimnis aufgeklärt, mein Interesse sich ihren Züchtern, besser vielleicht Ernährern, zuwandte, den Barsen, die, geschäfts- und lebenstüchtiger als alle anderen Stämme Indiens , dennoch freiwillig den Schatten ihrer eigenen Todesstimde über ihr ganzes Dasein spannen.

Wer in der riesigen Halle des Hauses, dessen vierhundert Zim­mer selbstverständlich mit ebensoviel Baderäumen versehen sind, den Nachmittagstee trinkt oder gar auf der ins Meer hinausgebauten Terrasse im grellen Lichte der Bogenlampen das Diner der eleganten Welt betrachtet, könnte sich leicht nach Monte Carlo, Biariz oder Oftende verseit wähnen, wären die drei oder vier Tische nicht, die, von Parsen besetzt, aus dem Gleichtlang der schwarzen Fracks und

Dekollettierten Damentoiletten herausschreien. Denn auch, wenn sie weit gereift und in die europäische Kleidung längst eingewöhnt sind, bevorzugen gerade die allerreichsten Parten dennoch hartnäckig die ererbte Tracht, eine Art weißen Kaftan mit Leibbinde, und ihren Frauen, die sie sonst mit allem Lugus überschütten, gestatten sie nicht die geringste Abweichung von dem traditionellen glatten weißen Kleid ohne Ausschnitt und Aufput. Ein mallender weißer Schleier, wie auf den Bildern der Königin Luise von Preußen, um das olivbraunen Gesichter, und der samtene Blick der großen, leuchtenden Kinn zurückgeschlagen, verhüllt nicht, umrahmt nur die schönen, Rehaugen paßt vorzüglich zu dem schlichten Konfirmandenkleidchen. Die Türme des Schweigens.

Ankunft im Reisehandbuch nachzuschlagen oder bei einem Anfäffigen Niemand wird Bombay befuchen, ohne sehr bald nach seiner Auskunft darüber zu verlangen, welchen Prozentsatz der Gesamt­bevölkerung die Parsen Bombays wohl bilden? Die Antwort Mingt wie ein schlechter Scherz, so unwahrscheinlich ist der Gegensatz zwischen der lächerlich geringen Ziffer und der Allgegenwart einer Mit dem kostbarsten Schmuck über dem glatten Kleide thronen Es so einen Minorität und ihrer Wirksamkeit im Städtebild. follen heißt es zerstreut in Asien im ganzen noch etwa hundert die schönen Parsinnen auf der Terrasse des Taj- Mahal- Palace, un­tausend Anhänger des alten Zarathustra - Glaubens ihr heiliges nahbar für alle Mode- und andere Torheiten des Westens, dessen Feuer hüten, und genau die Hälfte dieses geringen Ueberrestes sollmützliche Erfindungen, bis zum elektrischen Bügeleisen und der Warmwasserversorgung, die Wohnlichkeit jeder Parsenvilla auf in Bombay zu Hause sein. Fünfzigtausend Seelen also in der Malabar Hill steigern. Wenn aber das Auto aus dem Lichtmeer der Millionenstadt, nicht mehr als fünf Prozent, und doch verdanken Malabar Hill steigern. Wenn aber das Auto aus dem Lichtmeer der alle großen Fabriten, alle Bantpaläste und Bildungsanstalten ihre großen Hotels hineintaucht, in den Schatten der Palmen und die Existenz diesem Körnchen Gärstoff, ist westlicher Komfort und Lurus prächtigen Kehren der musterhaft gepflegten Chaussee hinaufeilt zu dem Billeiwiertel, dann ragen ganz oben als Endziel gleichsam mitten unter Nacktheit und Schmuh einzig dieser winzigen Ge­über alle Giebel finster die ,, Türme des Schweigens" em= meinde zuliebe da. por, und die Heimkehrenden sehen vor dem mondgrünen Hinter­grund, wie frauses schwarzes Haar, das der Wind bewegt, die Geier auf den Zinnen der Türme sich regen. Jedes weißgekleidete Paar, das hinter dem chauffierenden Hindu oder Moslem( denn ein Parse tut so niedrige Arbeit nicht)' zärtlich die Hände verschlungen, heim­märisrollt, weiß, daß die Glieder, die eben so fiebernd die Süße des Daseins erleben, einmal, unfehlbar, den schwarzen Vögeln dort oben zum Fraße dienen werden!

Als mit der Herrschaft des letzten Artaxerres, lange vor Be­ginn unserer Zeitrechnung, das persische Reich der Sassaniden aus­einanderbarst, wurde mit der blutigen Gründlichkeit jener Zeiten allen Anhängern von Zarathustras Lehre der Garaus gemacht. Die wenigen, die sich retten konnten, zerstreuten sich in Indien , und haben inmitten vieler Millionen Andersgläubiger ihre Religion wohl durch zwei Jahrtausende der Bedrängnis in mafellofer Rein heit bewahrt. In dem Ozean, der, aus zehn Millionen Buddhisten, siebzig Millionen Mohammedanern und einer Viertelmilliarde Brahe seit Jahrtaufenden dieser besondere Tropfen, und hat sich in Bom­ bay eine Kapitale geschaffen, die jeder Parse voll Stolz- und mit Recht seine" Stadt zu nennen pflegt. Es gibt keinen Parten, der arm wäre, in dem furchtbaren Sinne, den dieses böse Wort in den übervölkerten Gebieten Asiens bedeutet, die Barsen von Bombay sind sogar alle reich, und alle, ohne Ausnahme, gebildet. Was immer sie erlernen wollen, können sie in den eigenen Schulen und Hochschulen ihrer kleinen Glaubensgemeinschaft studieren, ein flüch­tiger Rudgang durch ihre musterhaft eingerichteten Lehranstalten brachte mich mit Pädagogen aus fast allen Staaten Europas in Berührung.

manentnechten gemischt, den indischen Kontinent überzieht, fchaufelt

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Was sonst in Indien über das Elendsdasein des Durchschnitts­eingeborenen hinausstrebt, der verschmitzte Zamile sowohl als der fleißige Mohammedaner, begnügt sich stets mit dem Zwischen­gewinn, der auf dem langen Wege vom nackten, mit einigen Reis­förnchen ernährten Kuli bis hinauf zu dem Aufkäufer der großen europäischen Fabriken bei allen Ausfuhrartikeln und Rohstoffen ab= fällt. Einzig die Parfen sind flug, genug, die Reise der Baumwolle nach England, von wo sie als Turban, Halstuch oder Burnus zu­rückkehrt, so zu kürzen, daß sie im Lande bleibt und das ersparte Reisegeld in ihre Taschen gießt. Sie importieren sogar schon fremde Rohstoffe und lassen sie in ihren Fabrifen verarbeiten, fennen die. Bedürfnisse aller Eingeborenen viel besser als der zugereiste Euro­päer, und find so in dieser Heimat der allerbilligsten Arbeitskraft eine Art Traumverwirklichung unserer Großindustriellen.

Taj Mahal Palace.

Man kann einen Stamm, der nur hunderttausend Seelen zählt, feine Nation nennen, und doch wächst in dem Besucher Bombays mit jeder Stunde das Gefühl, in der Hauptstadt des Parsenlandes zu sein, das es nicht gibt. Kein Opfer ist den maßlos reichen Biris listen der winzigen Parsengemeinde zu groß, wenn es die Stadt zu Da steht zum Beispiel schmüden, ihren Ruf zu mehren gilt. auf der Landspitze, die in den mächtigen Hafen hineinragt, ein Ge­

Der europäische Gaft erhält auf Berlangen ohne jebe Schwierig­feit die Erlaubnis, die Türme des Schweigens" zu besichtigen. Er

tritt dann durch eine einfache Pforte in einen weiten Bart, sieht in

einem kleinen Pavillon die heilige Flamme brennen, die nie er­

löschen darf, und steht zuletzt schaudernd zu Füßen der Türme, die,

untereinander mit einer Mauer perbunden, ein steinernes Amphi­theater umgrenzen. Auf die Stufen im Innern, das ganz einem römischen Zirkus nachgebildet scheint, legen die Barsen ihre Toten aus, der Sohn den Vater, der Mann seine Ehefrau, die Mutter ihr Kind, damit die niederstoßenden Raubvögel das Fleisch rasch von dem Skelett hacken, und die Knochen, von der Sonne gebleicht, vom Regen zermaschen, sich langsam auflösen ins Nichts, ohne daß irgend­eines der heiligen Elemente, Feuer, Wasser oder Erde entweih: würde von der Leiche, die für unrein gilt von dem Augenblick an, da die Seele sie verließ.

Zu jeder Tageszeit, wann imuner man in Bombay die Augen zum Himmel hinauf wendet, immer sieht man in der weißblau strahlenden Höhe die großen Rauboögel schweben, als lugten sie der Reihe nach in alle Krankenstuben der Stadt, ähnlich wie bei uns die Hausärzte auf ihrer täglichen Rundfahrt von Patient zu Batient. Der Fabrikant fann nicht zu seinem Schlot, der Bankherr nicht über seinen Schreibtisch hinweg zur Sonne aufblicken, ohne seirre Arbeit, seinen Reichtum, sein häusliches Glück und alles, was feirre Arbeit, ſeinen Reichtum, sein häusliches Glück und alles, was er besitzt und unternimmt, beständig umfreist zu sehen von seinem Tod.

Wie schiebt im Gegenteil die europäische Großstadt ihre Fried­

höfe immer weiter an die Peripherie hinaus, daß, der geschäftige

Mensch im Zentrum dem Tode nur begegnen muß, wenn ab und zu in seiner unmittelbaren Nähe ein Opfer fällt.

Bielleicht ist diese Nemenprobe ein scharfer Sporn, vielleicht ist es Quelle der Kraft, die einem vernichteten heimatlosen Menschen­tropfen eine blühende Millionenstadt so ganz unterwerfen konnte, daß nichts von der bunten Herrlichkeit Bombays scharf genug im Gedächtnis haftet, um nicht überschattet und verdrängt zu werden von dem geruhigen, braunen Blick der Parfen und dem lauernden Schweben ihrer gemästeten Totengräber unter dem azurnen Glas­sturz des Tropenhimmels?...

laute Behgeschrei des Armen, an dem die Exekution vollzogen| aber bemächtigte sich des alten Herrn eine wilde Wut. Zum Glück

wurde.

Dem Herrn Direktor brannte die Stirn vor Zorn. Das über­stieg alles Maß! Die getäuschte Hoffnung des Schreibers sollte der arme Robotpflichtige wahrscheinlich wegen irgendeiner Kleinigkeit vielleicht sogar ganz unschuldig. Und ohne seine abbüßen Direktors Erlaubnis und Ermächtigung! Er riß mit der Glocke am Tische...

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des

In der Türe erschien der Diener. ,, Sofort in die Kanzlei gehen und anzeigen, daß die Bestrafung eingestellt werden möge, bis ich selbst erscheine."

Der Diener verschwand, und der Direktor erwartete, daß der Schreiber die Exekution gehorsamst einstellen werde. Aber weit ge­fehlt! Die Schläge fielen weiter wie Hagelschlag so dicht herunter, und das Jammergeschrei der Erekutierten war herzzerreißend.

Nun aber schritt der Direktor im Zimmer nicht mehr auf und ab, sondern rannte in demselben hin und her. Das ist entseglich," rief er halblaut, so erlaube ich niemals zu bestrafen. Und eigenmächtig, ohne meine Einwilligung!" Er ergriff neuerlich die Glocke und läutete, bis sich in der Tür das erschrockene Gesicht der Magd zeigte. Augenblicklich in die Kanzlei eilen," schrie sie der alte Herr an, baß ich befehle, daß die Bestrafung augenblicklich eingestellt wird." Die Magd verschwand, und der Direktor lauschte ein Weilchen. Doch er vernahm Haselstockstreiche, öfter und heftiger denn zuvor, und das Jammern und Flehen des unglücklichen Robotfröners. Jetzt

trat Antonie gerade mit der Perücke und dem Feiertagsgewand ins Zimmer. Er fuhr mit einem Donnerwetter in die Aermel hinein, setzte die Berücke oberflächlich auf und stürmte in die Kanzlei, daß ihm der Puder vom Kopfe nach allen Richtungen hinstäubte. Das im Gang versammelte Gesinde und die Robotfröner blickten voll Verwunderung auf diese ungewohnte Erscheinung. eine Atemlos stürzte er in die Kanzlei und gewahrte dort leere Bank, welche der erste Schreiber aus aller Kraft mit dem Hafelstocke bearbeitete, während der zweite Schreiber, eine fremde Stimme nachahmend. flägliche Schreie ausstieß.

Einen Augenblick blieb der alte Herr über dieser Erscheinung wie versteinert stehen. Dann begriff er die Bedeutung des Ganzen und rief zornig: Genug mit der Dummheit! Wie konnten wir uns unterstehen

"

,, Sie haben mir doch ausdrücklich gestattet

,, tun wohl, aber bloß einmal. Dieser Lachs ist Ihnen schmählich mißraten...

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,, Dieser Lachs", fiel mein Urgroßvater lächelnd ein, indem er die Türe des Nebenzimmers öffnete, ist mir ausgezeichnet geraten. Er dient mir als Verbündeter, um das Opfer meines Aprilscherzes in die erwünschte. Sorglosigkeit einzuwiegen. Da ist er. Ein Riesen­terl. Er wiegt mindestens sechzig Pfund. Ich ließ ihn durch Bermitt­lung des Herrn Försters in 2.... bestellen für die heutige Vers lobungsfeier!"