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BERLIN

Sonnabend, 30. Juni 1928

Der Abend

Erscheint täglich außer Sonntags. Bugleich Abenbausgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 M. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW 68, Lindenstr. 3

Spätausgabe des Vorwärts

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Nr. 306

B 151 45. Jahrgang.

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Die Lohnsteuer wird gesenkt!

Der sozialdemokratische Reichsfinanzminister hilft der Arbeiterschaft.

Bereits in den interfraktionellen Verhandlungen hatte die Sozialdemokratie die Forderung erhoben, daß die Lohnsteuer bei Einkommen bis zu 8000 Mark jährlich sofort ermäßigt werden.

Die Prüfung dieser Frage im Reichsfinanzministe rium hat ergeben, daß in der Tat der Ertrag der Lohn­steuer so wesentlich über den Voranschlag hinausgeht, daß eine Senkung der Lohnsteuer gerechtfertigt ist. Der neue Reichsfinanzminister Dr. Hilferding ist infolgedessen bereit, einer solchen Vorlage, die wegen der Kürze der Zeit als Initiativgesetz im Reichs­tage von den Parteien eingebracht werden müßte, zu unterstützen.

Man darf annehmen, daß die Regierungserklärung diese Bereitwilligkeit zur Ermäßigung der Lohnsteuer aussprechen wird.

Jm Urteil des Auslandes.

Kabinett Müller- ein bemerkenswerter Kreis von Männern London , 30. Juni. ( Eigenbericht.) Als erste unter den großen bürgerlichen Zeitungen Englands fommentiert Manchester Guardian" das neue deutsche Reichsfabinett, von dem es sagt, es werde wohl imftande sein, sich gegen die Angriffe von links und rechts zu wehren, handele es sich doch um keine durchschnittlichen Menschen. Müller, der Kanzler, fet ein Taftifer von ungewöhnlicher Geschicklichkeit. Wissells Auf­gabe werde besonders schwer sein, da sich gegen ihn die heftigsten fommunistischen Angriffe richten würden. Hilferding sei allein der Mann, dem Deutschland seine finanzielle Wiedergesundung zu verdanken habe. Severing habe Preußen und damit Deutschland als Innenminister vom Faschismus gerettet. Die wichtige Aufgabe der Festigung der deutschen republikanischen Demokratie tönne in feine besseren Hände gelegt werden.

Der Artikel schließt mit der Feststellung, das deutsche Rabinett sei ein so bemerkenswerter Kreis von Männern, wie man ihn heute nur irgendwie in Europa werde finden können".

Beamtendemonstration in Paris .

Die Polizei verhaftet über 200 Demonstration.

Paris , 30. Juni. ( Eigenbericht.)

Das leitende Komitee der Beamtengewerkschaften hatte gestern die Staatsbeamten und Arbeiter zu einer Demonstration auf dem Opernplah in Paris gerufen. Es sollte für die Gehaltser­höhung zugunsten der notleidenden kleinen. Beamten, die von der Kammer nur zu einem Bruchteil bewilligt, von der Finanz­tommiffion des Senats aber schon wieder abgelehnt worden ist, öffentlich demonstriert werden. Ein unegheures Polizeiaufgebot griff mit äußerster Schärfe ein, sobald die ersten Demonftranten auf dem Opernplatz erschienen. Mehr als 200 Berhaftungen wurden vorgenommen.

Gegen den Militarismus.

Erregte Szenen in der belgischen Kammer.

Brüffel, 30. Junk.

In der belgischen Rammer fam es gestern zu erregten Szenen bei der Behandlung des Militärbudgets. Sozialisten und Kommu­nisten forderten mehrmals namentliche Abstimmung. Unter diesen Umständen konnte die Kammer trotz einer zweistündigen Sigung mur den ersten Budgetartikel annehmen. Zuletzt mußte die Sigung aufgehoben werden, da zahlreiche Abgeordnete verärgert den Sigungsfaal verlassen hatten, mas zur Folge hatte, daß das Haus nicht mehr beschlußfähig war.

Granatenexplosion bei Nantes .

In der Nähe von Nantes explodierte ein Minendepot auf der Insel eu. Es handelt sich um Minen, die aus dem Meere gefischt worden waren. Durch die Eplosion wurden 3wel Arbeiter getötet und zahlreiche andere verleht, dar­unter vier schwer. In der Nähe stehende Häuser und eine Schule find teilweise 3erftort worden.

Die neue Reichsregierung.

Die erste Pflicht der neuen Regierung: sie mußte dem Kreuzfeuer der Photographen standhalten. Von links nach rechts sitzend: Koch- Weser , Müller- Franken, Groener, Wissell; stehend: Dietrich, Hilferding , Curtius, Severing, Guérard, Schätzel.

Todesfahrt eines Ehepaares.

Zwei Kraftwagenführer angeklagt.

Der fragische Tod des Pfarrerehepaares Suin de und gegen die Bordschwelle geschleudert wurde. Der Bontemard infolge eines 3ufammenpralls zweier Autos Zusammenprall war so heftig, daß die Kraftdroschke umftürzte und an der Kreuzung der Bayernallee und Bundesallee hatte am die Insassen, das unglückliche Pfarrerehepaar mit einer derartigen Sonnabend das gerichtliche Nachspiel vor dem Großen Bucht hinausgeschleudert wurden, daß Mann und Frau Schädel­Schöffengericht Charlottenburg unter Borfit von Landgerichts-| brüche erliften, an deren Folgen fie ffarben. Auch Bendeleit erlitt direktor Bode. Angeklagt waren der Kraftwagenführer Paul| einen Schlüsselbein- und Rippenbruch und seine Droschke wurde Grellmann und der Kraftwagenführer Otto Bende- start beschädigt. Grellmann blieb unverletzt und auch sein Wagen leit wegen fahrläffiger Tötung. Die Anklage legt beiden ein hat nur geringfügige Abschürfungen gehabt. fahrläffiges Verschulden an dem Zusammenstoß der von ihnen geführten Kraftwagen zur Laft. Grellmann führte ein Privatauto, während Bendeleit der B. hielt an der Haltestelle am Lenter einer Kraftdroschke war. Reichstanzlerplag und wurde am Sonntag, dem 6. November 1927, etwas vor 10 Uhr nach der Wohnung des Pfarrers in der Linden­straße gerufen, um den Pfarrer mit seiner Ehefrau zur Abhaltung des Gottesdienstes nach der Kapelle in der Tannenbergstraße zu fahren. Beim Besteigen der Droschke stellte der Pfarrer fest, daß es noch reichlich Zeit sei, da der Gottesdienst erst um 10 Uhr be gann. Bendeleit hatte schon an der Ecke der Eschenallee mit fnapper Not einen anderen Zusammenstoß im letzten Augenblid vermieden und fuhr dann die Bundesallee in der Richtung der Heerstraße entlang. Er bremste, als von der Bayernallee das von Grellmann geführte Privatauto von ihm ge­fichtet wurde, das die Bayernallee schneiden wollte. Grellmann foll sehr schnell gefahren sein und es erfolgte ein 3usammen ftos, bei bem die Droschte hinten getroffen

Nach der Anklage trifft Grellmann die Hauptschuld. Abge. fehen davon, daß die Kraftdroschte das Vorfahrtsrecht hatte, hätte er, nachdem er das Herannahen des anderen Wagens schon von weitem gesichtet hatte, diesen erst die Kreuzung passieren lassen müssen. Es wird ihm auch vorgeworfen, daß er in übermäßigshnellem Tempo gefahren ist. Dem Angeklagten Bendeleit wirf: die An­flage vor, daß er, als er das Privatauto etwa 16 Schritte vor der Kreuzung bemerkt hatte, mit der Möglichkeit eines Zusammenstoßes rechnen mußte, was sich schon aus seinem Bremsen turz vor der Straßenfreuzung ergibt. Er hätte deshalb durch ein Ausweicher nach der Bordschwelle zu dem anderen Wagen mehr Bewegungs­freiheit geben müssen. Die beiden Angeklagten, die durch die Rechts­anmälte Dr. Marcuse, Zellner und Utsch verteidigt werden, schoben sich gegenseitig die Schuld an dem Autounfall zu. Bendeleit leidet noch jez: unter den Folgen seiner Verlegungen und hatte bei der Schilderung der tragischen Folgen einen mervösen Zu sammenbruh. Zur Berhandlung sind zahlreiche Augenzeugen und eine große Anzahl von Sachverständigen geladen.