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BERLIN Dienstag, 10. Juli

1928

Der Abend

Erscheint täglich außer Sonntags. Zugleich Abendausgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60 m. pro Monat. Redaktion und Erpedition: Berlin SW 68, Lindenstr. 3

Spalausgabe des Vorwärts

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10 Pf.

Nr. 322

B 159 45. Jahrgang.

Anzeigenpreis: Die einspaltige Nonpareillezeile 80 Vf., Reklamezeile 5 M. Ermäßigungen nach Tarif. Boftfcheckkonto: Borwärts- Berlag G. m. b. H., Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Donhoff 292 bis 297

Liebestragödie im Hotel.

Die Freundin erstochen

In einem Hotel in der Eichendorffstraße, in unmiffel­barer Nähe des Stettiner Bahnhofs, spielte sich in der ver­gangenen Nacht eine furchtbare Tragödie ab, die erst heute früh entdedi wurde. Der 18 jährige Drogist Erich Jahrmarkt aus der Schubertstraße 64 in Wittenau tötete seine Geliebte, die 21 jährige Elfriede Fernau aus der Menzelstraße 1 in Friedenau durch zwei Schläfenffiche mit einem langen Dolchmesser. Unmittelbar darauf stürzte sich der Täter aus dem Bodenfenster des Treppenflurs in den Hof hinab, wo er mit zer­fchmetterten Gliedern liegen blieb. Die furchtbare Tragödie, die nach den bisherigen Feststellungen den Ab­schluß einer unglüdlichen Liebe bildete, hat fich wahrscheinlich folgendermaßen zugetragen:

Am Montag abend erschien in dem Hotel ein junges Baar und mietete für die Nacht ein Zimmer. Das Hotelpersonal hatte nach seinen Aussagen weder am Abend noch in der Nacht irgend etwas auffälliges bemerkt. Als heute früh furz vor 7 Uhr ein Mieter des Hauses den Hof überschritt, sah er zu seinem Entsezen einen jüngeren Mann in einer großen Blutlache regungslos liegen. Man benachrichtigte sofort das nächste Polizeirevier, das mehrere Kriminalbeamte entsandte. Der Tote, in dessen Taschen sich Papiere auf den Namen des Drogisten Erich Jahrmarkt befanden, wurde von dem Hotelportier als der junge Mensch erkannt, der am Abend zuvor mit einem jungen Mädchen abgestiegen war. Die Be­amten eilten nunmehr in das Hotel hinauf und begehrten Einlaß in das Zimmer des Jahrmarkts. Da niemand antwortete, drang man in das Zimmer ein und fand in dem start mit Blut besudelten Bett die 21jährige Elfriede F. tot auf. Neben dem Mädchen lag ein großes Dolchmesser, mit dem die tödlichen Stiche geführt worden waren. Auf dem Tisch wurden noch Reste von Beronal vorgefunden, so daß man annimmt, daß das Baar vor dem gemeinsamen Ver­zweiflungsschritt von dem Gift genommen hatte.

In dem Abschiedsbrief schildert der junge Mensch ausführlich, was er und das Mädchen in den letzten Tagen alles unternommen haben. Schon am Freitag trafen sich die beiden, um zusammen in den Tod zu gehen. Jahrmarkt faufte sich zu diefem Zwecke Bero= nal und Strychnin. Beide nahmen auch davon an einer nicht genannten Stelle, wahrscheinlich irgendwo in einem Hotel. Aber am Sonnabend morgen erwachten sie wieder, weil die Dosis zu gering gewesen war. Jezt besorgte sich der junge Mann eine Scheintodpistole und einen Dolch. Abends schnitt er dem Mädchen und sich selbst die Pulsadern an und nahm wieder Veronal. Aber auch diesmal tam das Paar nicht zum Ziel. Am Montag be­schlossen sie dann, unbedingt und mit aller Gewalt ein Ende zu machen. Nachdem beide abermals Veronal genommen hatten, griff Jahrmarkt zum Dolch.

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dann sich selbst aus dem Fenster gestürzt.

Die Taufe des neuen Zeppelin.

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Montag mittag ist in Friedrichshafen am Bodensee das neue Zeppelin- Luftschift getauft worden. Es tiel auf, daß die Farben der deutschen Republik nicht zu sehen waren.

Die Bombe in der Tscheka .

Der Anschlag auf die G. P. u. amtlich bestätigt.

Endlich bequemt sich der russische amtliche Nachrichtendienst| stellen. Die einzige Organisation, von der die Rede war, war die, die angeblich zum Zwecke der Schädigung der Kohlen­gruben ins Leben gerufen war.

Ein aufregender Borfall spielte sich außerdem in der vergangenen dazu, den Bombenanschlag auf das Gebäude der Tscheka zu Nacht im Hause Wrangelstraße 117 ab. Dort stürzte sich aus bestätigen, den er anfangs der Deffentlichkeit vorenthielt. Die Tele. dem Schlafzimmerfenster seiner im vierten Stockwerf gelegenen Woh- graphenagentur der Sowjetunion verbreitet folgende Darstellung des nung der 24jährige Eisendreher Richard Baartsch auf die Attentats: Straße hina b. B., der einen doppelten Schädelbruch und schwere innere Verlegungen erlitten hatte, starb bereits auf dem Wege zur nächsten Rettungsstelle. Krankheit ist das Motiv zu dem Berzweiflungsschritt.

Der Lear von Werder .

Es wäre auch vollendeter Wahnsinn der Freunde der Verurteilten gewesen, wenn sie zu terroristischen Aften gegriffen hätten das hieße, die Verurteilten dem Henke: direkt ausliefern. Denn jedes Kind in Sowjetrußland weiß, daß ein derartiges Attentat zu dem schlimmsten bolſchemisti­

Zwei aus Paris über Bulgarien und Rumänien unter Mithilfe des rumänischen Spionagedienstes hier eingetroffene Weiß- schen Terror führt, dem zahllose Menschen zum Opfer fallen. gardisten warfen am 6. dieses Monats abends eine Bombe in den Bureaus zur Erteilung von Einlaßscheinen für die Staatliche Politische Verwaltung. Ein Rofarmist wurde getötet, ein n3weiter schwer verletzt. Bei der Verfolgung wurde der eine Verbrecher namens Radkewitsch, ein ehemaliger Wrangel­offizier, getötet, während der andere Weißgardist bei der Stadt

Bie den König Lear der Shakespeareschen Tragödie, so be­handelten einen alten Oberamtmann seine beiden älteren Töchter, während nur die Jüngste, gleich der Cordelia der Dichtung, zum Vater hielt.

Podolit im Gouvernement Moskau verhaftet wurde.

Es spricht nicht für die Wahrscheinlichkeit diefer amtlichen Dar­stellung, daß man zu ihrer Fertigstellung volle drei Tage gebraucht hat und daß man in Rußland andere als amtlich zugelassene Mit teilungen über das Attentat zu verhindern wußte.

Lockspikelarbeit oder Wahnsinn?

In einer vornehmen Billa in der Eisenbahnstraße in Werder wohnt seit vielen Jahren der 82jährige Oberamtmann Steinbart. Der Oberamtmann hat drei Töchter, und feit längerer Zeit beflagt sich der alte Herr bei verschiedenen Werderschen Ge­schäftsleuten, daß seine Töchter es am liebsten sähen, wenn er jterben würde. Eines Tages tam nun auf Betreiben der Töchter ein Arzt Dr. Sch. aus Werder in die Villa, untersuchte den alten Herrn und bescheinigte Geistes störung. Noch am selben Tage fuhr ein geschlossenes Auto vors Haus, der alte Herr wurde hinein­geschafft und in eine Irrenanstalt nach Nikolassee gebracht. Die Motive der Tat find trotz der Darstellung des Sowjet­Die jüngste der drei Töchter aber, die treu zu ihrem alten bureaus noch in tiefes Dunkel gehüllt. Soviel steht doch unzweifel Bater hielt, setzte sich mit zwei Werderschen Rechtsanwälten in Verhaft feft: Mit den Berurteilungen im Schahty- Prozeß fann das bindung, und ihr ist es jetzt gelungen, den alten Mann aus der Mostauer Attentat nicht im Zusammenhang stehen. Wede: die Unstalt zu bekommen. Er ist gar nicht geistes gestört ge- Gẞll, noch das Urteil im Schachty - Prozeß fonnten Beziehungen pesen. Die ersten polizeilichen Ermittlungen haben eingesetzt. der Angeklagten zu illegalen monarchistischen Organisationen fest­

Wessen Hände Werk kann nun dies Attentat gewesen sein, Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder war es bestellte Lock­pigelarbeit oder aber die Wahnsinnstat der monarchisti­ichen 2ftivist en gruppe, die gegen die Emigrantenorganisa­tionen, sowohl Sozialisten als auch Demokraten um Miljukow her, sein könnte, spricht der Umstand, daß auch das mißlungene Spreng­um, den härssten Kampf führen. Dafür, daß es Lockspißelarbeit stoffattentat gegen das Verwaltungsgebäude der GPU. im Juli vorigen Jahres erwiesenermaßen Lodipigelarbeit gewesen war, und auch die Tatsache, daß das Bombenattentat auf den Kommunistischen Klub in Leningrad im Juli vorigen Jahres nicht ohne Mitwirkung von Lockspizzeln zustande gekommen war. Damals handelte es sich um ehemalige Mitglieder der Lockspizzel­organisation, des sogenanten Trust. Allerdings hatten auch damals shon die monarchistischen Aktivisten ihre Hände im Spiel. Terroristische Akte gegen das Sowjetsystem, einerlei, von wel­

lleber die Explosion in der Hauptverwaltung der GPU. hören cher Seite fie ausgehen, fönnen an dem Gewaltsystem des Sowjet­wir von fundiger Seite:

regiments nichts ändern. Sie bieten jedoch der Sowjetregierung nur einen erwünschten Anlaß zu verschärftem Terror, dem in erster Linie Unschuldige zum Opfer fallen. Eine Aenderung der politischen Verhältnisse in Sowjetrußland kann allein auf dem Wege der Durhdringung der Arbeitermassen vom Bewußtsein der Unhalt­barkeit der Diktatur eines kleinen häufleins über das Volk zu er­warten sein.