Nr. 355* 45. Jahrgang
-1. Beilage des Vorwärts
Sonntag, 29. Iuli 4925
Seidenrzupenkokons auf Zuchthürden
Was wissen wir heute viel von wirklicher Seide? In unserem Zeitalter hochentwickeltster Technik, die sich noch und nach alle Gebiete eroberte, vor ollem ober das Wirtschaft- liche, zur möglichst ökonomischen Nuhbarmachung aller vorhan- denen Kräfte Führende beherrscht, Hot die Kunstseide der reinen Seide den Rang abgelaufen. AU die seidig-glänzenden Strümps- chen, Kleidchen, gehören heute fast zum täglichen Bedarf. Mögen si? auch nicht so lange vorhalten, mögen sie auch nicht die edle Qum lität besitzen und fehlt ihnen also die gewisse letzte Schönheit. Haupt- fache ist: Sie sind im Augenblick für den Geldbeutel erschwing. l i ch. Die Kunstseide behauptet siegreich das Feld, und der lang- wierige Entstehungsprozeß der Naturseide, der sich noch dazu in allzu fernen Ländern abspielt, hat für uns fast etwas Fremdartig- märchenhaftes bekommen. Eine heimische Seidenraupenzüchterei. Darum gestaltete sich ein Einblick in da? Wesen einer heimischen Seidenraupenzüchterei und den Werdegang der Seiden- gewinnung dopepU interessant. Auf der Redllher Strecke, knapp hinter Berlia-Buchholz, folgt der Autobus der Fährte eines Weg- weisers, der die Aufschrist trögt:„Zur Eeidcnfar m". Ein kleiner Wiesenweg, links und rechts Bäume und Sträucher, darunter eine kleine M a ul b e c rp f l a n z u n g, dann kommt ein Ziegel- bau, vor dem friedlich ein paar Hühner gackern, und wir sind am Ziel angelangt. Der Gemeinnützige Verein für Seiden- b a u in Deutschland , Berlin-Dahlem, unterhält hier eine praktische Lehr- und Versuchsanstalt für Seidenbau. An Hand eines außer- ordentlich zahlreichen Tiermaterials— 40 000 Seidenraupen in ihren verschiedenen Doseinsstadicn bevölkern zurzeit den Zuchtraum — soll die Daseinsberechtigung des heeimischen Seidenbaues de- m'nstriert werden. Ob dieser Kampf, den die oerschiedeyen heimischen Seidenbauvereine immer wieder aufnehmen, zu Recht oder zu Unrecht erfolgt: Iedensalls steckt Mühe und anerken- nenswerter Fleiß hinter diesen Bestrebungen. Der Seidenspinner(Boindyx rnori) macht 4 Entwicklungsstadien durch: Ei, Raupe, Puppe mit Kokon und Faller. Ein Weibchen legt 200— 300 Eier, 15 Gramm Groins geben 14 000 bis 20 000 Raupen. Die überwinterten oder importierten Eier— bei
der hier beschriebenen Seidenrauperei wird die Brut aus der deutschen Nachzuchtstation Kerntal bei Stutt- gart bezogen— werden in Bruträumen ooan IS bis 22 Grad Celsius auegebrület, die zuerst auskriechenden Raupen werden zur Eiergewinnung besonders ge- pflegt. Innerhalb von 10 Togen entwickelt sich die Raupe im Ei, nach 3—4 Tagen schlüpft sie aus dem Ei. Die Raupe nährt sich ausschließlich von Maulbeerblättern. Sie macht 4 Häutungen durch und braucht Z5 Tage bis zum Einspinnen. In dieser Zeit nimmt sie das 800fache an Gewicht und das ZOfache an Länge zu. Wenn die Raupe s p i n n r e i f ist, stellt sie die Nahrung ein. Oer Faden wird gesponnen. Die Raupe spinnt ungefähr 3 Tage am Kokon, der bis 3000 Meter Fodenlänge messen kann: hier- von sind 800 bis 1000 Meter abhaspelbar. Dieser feine, massive, glänzende, sehr feste Faden ist ein aus den Spinndrüsen der Seidenraupe abgesonderter, aus zwei unter ihrem Mund gelegenen Oeffnungen austretender flüssiger Stoff, der an der Lust sofort erhörtet. Aus diesem Stöfs spinnt die Raupe den Kokon, um sich darin zu verpuppen. Dieser Faden bestellt aus etwa 06 Prozent Sendensiib- stanz,(Fibroin), verunreinigt mit seimartiger Substanz, etwas Fett« ftojf, Farbstoff, Wachs usw.. Der einfache Kokonsoden ist 0.013 bis 0,020 Alillimeler dick. In 14 Togen schlüpft dann der Falter aus dem Kokon. Der auskriechend« Schmetterling durch- bohrt den Kokon und zerreißt dadurch den Faden. Man tötet deshalb die Puppen bei 60— 75 Grad, bringt die Kokons dann in heißes Wasser und wickelt nun die verspinnbore Seid« ob, wobei man 3—20 Kokonfäden vereinigt durch einen gläsernen Ring zieht, um sie mit der ihnen anhaftenden Leimsubstonz zu einem stär- kcren Faden zu vereinigen. Ausländischer und heimischer Seidenbau. China ist bekanntlich die Heimatdes Seidenbaues, und schon im Jahre 550 kamen die ersten Raupeneier und Maulbeer. pflanzen nach Konstantinopcl. Di« ersten Ansänge des hei. mischen Seidenba ues liegen aber auch schon mehr als zwei Jahrhundert« zurück. Unter den Industrien früherer Zeiten nahm die Textilindustrie den ersten Rang ein. Sie war führend und ihr vornehmster Zweig war die Seidenindustri«. Nach dem Jahre 1800 hatte die Seidenindustrie nur ein kümmer- lichcs Dasein gesristet: in der Mitte der 1820er Jahre war dann tatkräftigen Privatmännern die Wiederbelebung des Seidenbaues ge- lungen. Potsdam ging' als Muster voran, und Regierungsvot von Türk legte am Griebnitzfee eine Maulbeerplantage an. Er machte dos Glienicker Schloß, dos zu Friedrichs II. Zeiten Tapeten- fabrik von Joel gewesen war, zur Seidenbauanftalt. Diese Be- strebungen fanden mit dem verschwinden der von Krefeld über- nommcnen Seidenindustrie ein Ende. Seit 1857 vernichtete eine durch einen Schmorotzerpilz bomb)') hervorgebrachte Fleck- oder Korperkrankheit(Pebrine, Gattine) die Zuchten Südeuropas fast vollständig. Diese Krankheit wurde später durch die Methode, pilzsreic Eier zu erziehen, erfolgreich bekämpft. Die Bestrebungen der Seidenbauverbände. Die verschiedenen Seidenbauoerbände erstreben, dem heimischen Seidenbau als landwirtschaftlich cn Nebenerwerb seinen
Platz zu sichern, und hoffen, auf diese Weise die fremdländisch« Seideneinfuhr für Deutschland verringern zu können. Nach ihren Errechnungen soll sich die Seidenraupenzucht, die weiter nichts als einige Maulbeerbäume und einen geschlossenen Raum zu Brut- zwecken erfordert, im Laufe der Jahre als äußer st lukrativ gestalten. Das Vorurteil, daß Maulbeerbäume in Deutschland nicht gedeihen, b e st r e i t e n sie auf das entschiedenste. Ein Anlagekapl. tal von 300 bis 500 Mark für die Anschaffung von Manlbeer- sträuchern und-Hecken, die bereits nach zwei Iahren ertragssähig sind, bildet die einzige größere Auslage. Die Bruteier kosten 0,50 Mark pro Gramm, und 1 Gramm Brut enthält 1000 bis 2000 Raupen, die sich, den Abfall abgerechnet, zu ungefähr 1000 lebensfähigen Raupen entwickeln, Jede Raupe spinnt wiederum 1 Kokon und für 1 Kilogramm Kokons(1000— 1200 Stück) werden 15 bis 20 Mark von den Aunehmern bezahlt, so daß sich bei Lieferung von 30 000 Stück ein Verdienst von 400 bis 000 Märt ergeben soll. �. kW » Die Seidenraupenzucht, die absolut keine kräftefordernde Ar« bcit ist, sondern eigentlich nichts anderes als eine liebevolle Bastelei, kann natürlich von jedermann ohne besondere Anstren- gung oder Kunstfertigkeit betrieben werden. Die Nahrung der Seidenraupen, die Maulbeerblätter, müssen täglich viermal, morgens,
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Abgetötete Kokons. mittags, nachmittags und abends erneuert werden, außerdem muß der Brutraum sehr rein, luftig und den erforderlichen Wärme- groben entsprechend geholten werden. Die Raupeneier aus deutscher Nachzucht sind s c u ch e n f r e i, und die hier gezüchteten Kokons sollen bei amtlicher Prüfung stets als qualitativ unbedingt wertvoll bezeichnet worden sein._ Grzesinski spricht am Verfaffungstag. Im Lust garten wird am 11. August bei der Kundgebung des Reichsbanners Schwarz. Rot- Gold der preußische Minister des Innern, Albert Grzesinski , sprechen. Das republ>ka»nische Berlin wird, daran ist kein Zweifel, in Massen aus dem Platze sein, um einen der hauplvertreter repobli. kanisch-demokralischer Politik gegenüber zu bezeugen, daß wir ihm folgen und seinen Kurs billigen. i
Aie Aach! nach demVemi. 20] Roman von Liam O'Flaheriy. tSlu» dem Englischen übersetzt von K. Häuser.) Gallagher fuhr sehr leise fort:„Soviel will ich dir sagen, Gypo, nur mir hast du's zu verdanken, daß du damals so leicht davongekommen bist. Es Hot andere gegeben, die wollten dir wegen Nichtbefolgung der Befehle das da zu tosten geben." Er bewegte plötzlich seine rechte Hand unter dem Regen- mantel und stieß Gypo in die Rippen. Gypo fühlte die Be- rührung von stumpfem, hartem Metall. Er wußte, es war die Mündung von Gallaghers Pistole, aber Gypo nahm keine Notiz von der' Pistole. Er hatte vor der Pistole keine Angst. Aber Angst hatte er vor Gallaghers Augen, in die er unab- lässig hineinstarrte. Er konnte sie nicht leiden. Sie waren so kalt und blau und geheimnisvoll. Der �Himmel mochte wissen, was hinter ihnen verborgen war. Sein Gesicht ge- riet in unregelmäßige, aufgelöste Bewegung. Sein Äinn, die Backenknochen, Nase, Mund und Stirn zuckten in ent- gegengesetzter Richtung, als ob ein Windstoß sich unter die .Haut seines Gesichts gestohlen hätte und sie flattern ließe. Dann kam das Gesicht zur Ruhe. Der Nacken schwoll, die kleinen Augen traten ihm vor. „'s hat keinen Zweck, deine Tricks an mir zu probieren, Danny Gallagher." Mit einer leichten Bewegung seiner rechten Hand schlug er die Pistolenmündung weg. Obwohl der Schlag nicht schwer war, machte er Gallagher zwei Schritte rückwärts taumeln, ehe er sein Gleichgewicht wiederfand. Sein Gesicht verdun- kclte sich einen Augenblick, dann lächelte er wieder. Mit hallender, trauriger Stimme fuhr Gypo fort: >, Gallagher.'s nutzt dir nichts,'s waren lauter Lügen, was du da eben erzählt hast, daß du versucht hättest, meine Haut zu retten, als ich im Oktober vorm Untersuchungstribunal stand. Ich weiß sebr gut. daß's Lügen waren. Mann, willst du mir vielleicht erzählen, daß du nicht der Ehef und Gott weiß was noch alles in der Organisation bist?— Wer sonst hat denn Da noch was zu sagen außer dir? Iomoll. Ich> Miß von dir Mchts wissen. Du lügst. Du taugst nichts. Und l
ich wär' heut noch in meiner Stellung bei der Polizei, wenn du nicht gewesen wärst mit deinem Schmus. Du bist es ge- wefen, der mich meine Stellung hat verlieren lasten mit deinen ZZerfprechungen von Gott weih was. Ich erkläre beim all- mächtigen Gott, daß ich mehr für deine verfluchte Organisation getan habe als irgendein anderer Mann in Irland . Ich habe Dinge getan, wie sie kein anderer fertigbringen könnte, ohne gehängt zu werden. Und du bist gekommen und hast mich rausgeschmissey wegen'nem niedergeknallten alten Baper. Mich und McPhillip. Was haben wir dafür gekriegt? Was... ihr verrotteten.. Ohne Zusammenhang rasselte Gypo eine lange Reihe lästerlicher Flüche herunter; seine Stimme wurde dabei immer lauter. Seme Arme waren nach auswärts gekrümmt und angehoben, und der Kopf gesenkt, als wollte er Schwimm- Übungen machen. Schaum trat ihm vor den Mund, und er starrte von einem der drei Männer zum anderen, wie in Un- gewißheit, welchen er zuerst angreifen sollte. Plötzlich wurde ein kleines hölzernes Schiebefenster rechts in der Wand herausgeschoben und in der Oeffnung erschien ein hübscher, rothaariger Kops. Es war Kitty, die Kellnerin. „Gott bewahr' uns," schrie sie und legte die Finger an die Lippen, als sie Gypo erblickte.„Was ist das für'n Kerl? Was will der hier, Dan?" Gallagher antwortete mit einem leichten Lachen:„Das ist in Ordnung. Kitty, er ist ein Freund von mir. Wir machen hier ein Wettfluchen." Und er lachte herzllch, während er mit dem Stummel seiner Zigarette zum Spucknapf ging. Gypö drehte sich um und blickte in das erschrockene Ge- ficht der Kellnerin. Als er ihr schönes Gesicht sah und das bübsche, weiche Haar, das in dem künstlichen Licht schimmerte, schwindelle ihm der Kopf, und seine Augen wurden naß. Augenblicklich wich der Zorn aus seinem Körper, so daß er leer zusammenzusinken schien. Er war so starr gewesen wie ein Baumstamm. Jetzt wurde er lose und ahne Halt. Er stand mit gebücktem Kopf und verwunderten Augen und sah die Kellnerin an. Die Kellnerin, die die Veränderung sah,, die sie durch ihre Gegenwort in dem unbeherrschten Riesen hervorgerufen hatte, lächelte geschmeichelt unp strich sich ordnend über das Haar. Sie sah sich nach den anderen um, als wollt« sie sagen: „Seht ihr das auch alle?" Gallagher ging aufgerichtet zu« Schalter,»ah« chr» l
beiden Hände in die seinen und schaute bestrickend in ihre Augen. Ihre Augen verdrehten sich für eine Sekunde, als ob sie sich plötzlich fürchtete. Dann lächelte sie sanft und müde wie eine leidenschaftlich liebende Frau. Gallagher neigte seinen Kopf und flüsterte etwas in ihr Ohr. Sie brach in ein lautes Lachen aus. Gallagher lächelte. Dann seufzte er plätzlich und klopfte abgehackt an den Laden. „Bier Glas Whisky, aber schnell, sagte er mit leiser� scharfer kalter Stimme. Die Kellnerin hörte so schnell auf zu lachen, als ob ein plötzlicher Schmerz sie befallen hätte. Sie schob die Klappe herunter und lispelte dabei:„Ja, Dan." Gallagher kam zu Gypo zurück und legte seine Hand wiederum auf Gypos Schulter. Gypos Hände waren jetzt in feinen Hosentaschen. Nach seinem erfolglosen Ausbruch fühlte er sich müde. Er wünschte irgendwohin zu gehen, sich hinzu- legen und zu schlafen, tage- und nächtelang. In seinem Kopf Sing alles durcheinander. Er war sehr müde. Als er iallagher ansah, fühlte er sogar ein Berlangen, ihm sein Ge- heimms anzuvertrauen. Gallaghers Augen besaßen eine so teufsiche Anziehungskraft. Sie schienen Dinge aus Gypo her- auszuziehen, zu sich hinüber. Sie würden imstande sein. einen Plan zu machen und... Gypo hatte eine Silbe von Gallaghers Namen geäußert, ehe er sich des wirklichen Amtes des Mannes bewußt wurde und der Folgen eines ihm gemachten Geständnisies. Der Name erstarb auf seinen Lippen. Gallagher lächelte. In ferundlichem Ton sagte er:„Gypo. alter Junge, vergiß lieber, was gewesen ist. Wir haben jetzt etwas an der Hand, das dich ebensoviel angeht wie uns. So können wir also auch gemeinsam dabei vorgehen. Das ist es, weshalb ich Bartly Mulholland zu McPhillips Haus schickte, um dich zu suchen. Ein Freund von dir ist von der Polizei hingemacht worden. Die Sache sieht aus wie Spitzelarbeit. Wir müssen den Spitzel erwischen. Tatsächlich ist das nicht Sache der Or- ganisation. weil Francis nicht mehr Mitglied war. Er war nur ein gewöhnlicher Zivilverbrecher, was uns angeht. Aber ein Spitzel ist ein Spitzel. Er muß ausgerottet werden wie das erste Zeichen der Pest, sobald wir wissen, wer es ist. Cr ist ein Feind von uns allen. Er muß gefaßt werden, Gypo. Und dir kommt es zu, uns an die Hand zu gehen, den Verräter auszumachen, der deinen Freund w den Tod geschickt hat. Weil.. ä (Fortsetzung folgt} j