Morgenausgabe
Nr. 357 A 182
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Aeriiner VottSvIatt
Oiensiag 31. 3uli 1928 Groß-Äerlin 10 Pf- Auswärts 15 pf. Sic• i n i p q 1 1 1 0 f'.'tonpantllcicilt 80 Pscmiig. Reklame»»« 5.— Seid)»- mcrt. �kleine anzeigen" da» i«K(U- druckt» SBort 25 Pteailig«zulMg zwei lettacdruckt« Worte),«de» weitere Wort 12 Vieania. Siellengeiuche da»-rsie Wae« 15 Memiig, lede» weitere Wort 10 Dseimig. Worte über 15 Buchstaben »Ohl«» für zwei Worte. Arbeitsmarki Zeil« 00 Pfennig, gamilienanzeigen für Abonnenten Zeil« 40 Pfennig. Anzeigen- annahm« im chauptgefchäfl Linden- rast» 8. wocheniägl. von 8>/, bis 17 llhr.
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London . 30. Zoll. �Eigenbericht.) Das Entgegenkommen der Vereinigten Staaten an China ist auf Japan nicht ohne Eindruck geblieben. Vach Berichten aus Tokio hat sich das japanische Kabinett bereit erklärt, mit China über den Zolltarif zu verhandeln, falls die Regierung von Nanking die Kündigung des Vertrages zurückziehe. Die neu« ame rikanische Regierung hat der Vankingregierung mitgeteilt, daß sie bereit ist. unverzüglich In Verhandlongen über die Ver- träge einzutreten. Die Japaner haben, da Marschall Zengjuhsiang angekündigt hat. daß er gegen die Truppen Tschongtsungschangs vorgehen will. die Zurückziehung ihrer Truppen eingestellt. Die Militäranleihe in Peking hat fünf Millionen Tael ergeben. Die Pariser Agentur Indopacifique berichtet aus C h a r b i n : In Mukiden besteht ein scharfer Kampf zwischen den verschle- denen Parteien. Während die linksstehenden Elemente sich für«ine Verständigung mit der Vatlonalregierung einsehen, tritt die kon- servaüoe Richtung für die politische Unabhängighell der Man- dschvrei ein. Aus guter Quelle wird behauptet, daß die Konservativen von denIapanernunterstützt werden und daß unter ihrem Druck sich die Verhandlungen zwischen den Regierungen von Nanking und MuWen in die Länge ziehen. Auf japanischen Druck sei es auch zurückzuführen, daß Tschangjuehliang beschlossen habe, für die Mandschurei nicht die Nationalfahne anzunehmen. Er habe offiziell seine» Vertreter in Peking angewiesen, vorläufig die Verhandlungen mit der Nationalregierung auszusetzen. Die gleiche Agentur meldet aus Peking , daß die Nationalregie- rung in einem' Erlaß ausländischen Kapitalisten verbiete, die Petroleum-Gebiete auszubeuten und hierzu bestimmte Untere nehmungen zu leiten. In Zukunft sollen ausländische Fachleute nur als Angestellt« beschäftigt werden.
London . 30. Itlti. Im Unterhaus antwortele Chamberlain auf eine Anfrage, ihm sei mitgeteilt worden, daß die Unterzeichnung des amerikanisch- chinesischen Zolltarisvertrages der Anerkennung der füd- chinesischen Regierung durch Amerika gleichkomme. Da aber Amerika bereits zehandekl Hab«, ohne mit den übrigen Mähten zu be- raten, so wäre es diesen Mächten unmöglich, mit Amerika zu- sammen ein« gleichzeitige Anerkennung der südchinesischen Regierung zu verabreden. Auf die weitere Frage, ob er nicht bei dem Wiederaufbau der ostasiatischen Politik die Führung über- nehmen wolle, erwiderte Chamberlain, er lege keinen beson- deren Wert daraus, anderen zuvorzukommen. England Hab« sein« politischen JR'chKinien bekanntgegeben und werde bereit sein, ihnen nach Erledigung der Ranklng-Episode zu folgen. Chamberlain sagt« u. a.: Der erste Schritt der Regelung muß die Regelung des Nankingzwischenfalles sein. Ich h o f s e. die Nankingregierung wird mit dem ihr freundlich gesinnten England eine ebenso freundliche Regelung treffen, wie bereits mit der amerikanischen Regierung. Wenn dies geschehen ist, können wir die Frage der Dertragsrevision in Angriff nehmen: wir sind zum Beispiel bereit, einen neuen Handelsvertrag zu vereinbaren. Was die Truppen in China betrifft, so wird wahr- scheinlich m ab sehbarer Zeit eine weitere Verminderung «intreten. In der Mandschurei erblicki Großbritannien nichts weiter als einen Teil Chinas . Wir erkennen an. daß Japan großes Interesse an der Man- dschurel hat und bezüglich de» Schatzes der dortigen Japaner zu einer gewistea Besorgnis berechtigt ist. Aber Großbritannien hat ein Interesse an einem geeinten China und an einer einzigen Regierung, die im Namen Chinas Verpflichtungen eingehen und einhalten kann. In derselben Rede besprach der Außenminister, auch Aegypten , tue Abrüstungs- und sonstige Fragen.
Seeabrüstungs-Kompromiß. Einigung Sngland-Zrankreich. London . 30. Juli. Im Unterhaus erklärte Chamberlain zur Abrüstungsfrage: Wir hätten uns um die Förderung der Rüstungseinschrän- t u n g«n bemühen müssen, auch wenn der Kellogg/Vorschlag nicht gemacht worden wäre. Gegenwärtig tagt die Abrüstungskommisston nicht und«in endgültiges Datum für ihre Tagung ist nicht festgesetzt. Aber es sind Besprechungen zwischen uns und der französischen Re- gierung, um die bestehenden Meinungsverschiedenheiten zu ver- mindern, erfolgreich gewesen, und ich bin im Begriff, den anderen wichtigsten Seemächten ein Kompromiß mit- zuteilen, das wir erreicht haben in der Hoffnung, daß es auch für sie annehmbar sei und daß auf diese Weise ein großes Hindernis be- seitigt werden und ein Fortschritt gemacht werden wird. Ein Arbeitervertreter fragte Chamberlain, ob er bei der ameri- konischen Regierung anregen könne, daß die russische Regierung zur Mitunterzeichnimg des Kellogg -Paktes eingeladen werde. Cham - berlain erwiderte, er halt« dies nicht für angebracht. Die Ab- fendung der Einladung sei Sache der amerikanischen Regierung, die dabei zweifellos die französische Regierung zu Rate ziehen werde, da die Unterzeichnung in Paris erfolgen soll. Auf die Frog«, ob Chamberlain eine Einladung Rußlands durch die Dereinigten Staaten, wenn sie erfolgen sollt«, unterstützen werde, erwiderte der Staatssekretär: Nein. Ich würde sie weder unterstützen, noch dagegen Einwendungen erheben. Die Einladung Stresemanns nach Paris . Verlln. 30. Juli. Der französische Botschafter hat am Montag nachmittag die offizielle Einladung an Dr. St res« mann iiberbracht, zur Unter- zeichnung des Kriegsächtungspaktes am 27. August nach Paris zu kommen. Kein belgischer Sozialist zum Völkerbund entsandt. Brüssel , 30. Juli. sCigenbericht.) Di« belgisch « Regierung hat de»»«raten Iustizminister Ianfsv« und die frühere» katholischen Minister P oullet und Ca rtvn de Wiart zu Völkerbunds delegierten bestimmt— also feinen Sozialisten mehr, während bisher mit einer einzige» Ausnahme immer Vertreter aller drei großen Part««» delegiert wurden. Diese Ausnähme war während der Ruhvbefetzung, als der damalige Innenminister Iaspar davon absah, einen Vertreter der Sozialdemokratischen Partei zu dslogieren, die tue Ruhrbesetzung stark interessier f«. Der gogenwärtig« Beschluß der Rogierung hat Aussehen erregt, um so mehr, atf die sozialkstlschen Delegierten stet» besand-rz hervorragenbe Persönlichkeiten waren, wie Bänder- «« l d e und de Broucker«, die in Genf fthr»ermißt wrrden dürft«, �________
Oer Siaatsstreich in Aegypten . Protest des„aufgelösten" Parlaments. London , 30. Juli. (Eigenbericht.) Das aufgelöste ägyptische Parlament hat trotz aller Polizeimaßregeln am Sonntag in einem Privathaus in Kairo getagt. Es wurde eine Entschließung angenommen, in welcher die Auflösung des Parlaments als verfassungswidrig ge- kennzeichnet und alle Gesetzgebung des gegenwärtigen Ministeriums als null und nichtig erklärt wird. Im Unterhaus ging Chamberlain aus die Lage in Aegypten ein und sagte: Welche Regierungsform der ägyptische König und das ägpptische Volt auch erreichen mögen, so muß Aegypten doch die britische Erklärung von 1922 mit ihren Vor behalten in Rechnung stellen. Ich glaube nicht, daß die gegenwärtige Zeit geeignet für neue Verhandlungen ist.— Da» heißt: Macht in Aegypten , was ihr wollt, unter britischer Herrschaft bleibt ihr! •>— Halbe Begnadigung der Elsäffer. Strafe nachgesehen, Ehrenrechte und Freizügigkeit nicht wiedergegeben? Part», 30. Juli. (Eigenbericht.) Di« Angelegenheit der beiden elsässischen Abgeordnete» Rick. lin und Rossä ist durch deren Begnadigung keineswegs erledigt: es bleibt fraglich, ob sie ihr Mandat ausüben können. Durch die Begnadigung ist weder die Aberkennung der politischen Rechte noch die Aufenthaltsbeschränkung für Paris und chr Wohnung»- departemeM aufgehoben. Bevor nun irgendwelche Schritte getan werden, um auch hier Abhilfe zu schaffen, scheinen die beiden Abgeordneten selbst den Ausweg gefunden zu haben, sich einfach über die Bestimmungen hinwegzusetzen.„Oeuvre' weiß zu berichten, daß Ricklin, der wie Rosie nach seiner Freilassung bereits Der- fammlungen abgehalten hat, in de» nächsten Tag« nach Pari« kommen und sich dem Kammerpräsidenten Bouissvn vorstellen will. Ricklin hat auch bereits die Absicht ausgesprochen, bei der Generalratswahl im Oktober zu kandidieren.
Ausweisung statt Kriegsgerichi. Immerhin noch die bessere Methode. Landau (Pfalz ), 30. Juli. De « trünmaioberkommiffar B a u er ist im französischen Militär- gefängnl« der Ausmeifungsbefehl zugestellt worden. Bauer Hot gegen diesen Ausweisungsbefehl bei der Rheinlandkommission Einspruch erhaben. Bauer war wegen angeblich« mm* tu** Beraede»***** hi* fiefoitmui
Immer noch Anschlußdebatte. pariser Linkspresse gegen L6on Blum. Die Pariser Aufregung über die Anschlußkundgebungen beim Wiener Sängerfest war schon im Abflauen begriffen, als sie vor zwei Tagen plötzlich von neuem auflebte. Anlaß — oder Vorwand— zu diesen neuen Wellen der Entrüstung
ist anscheinend in einem langen Artikel unseres Genossen Leon Blum zu suchen, der im„P o p u l a i r c" vom 27. Juli erschienen ist. Mit dem Mut, der ihn in allen
außenpolitischen Fragen auszeichnet, hat Blum, auf eine Aufforderung des„Temps", den Standpunkt der franzö- fischen Sozialisten zum Anschlußproblem zu präzisieren, den Stier bei den Hörnern gepackt und. eine klare Antwort erteilt. Er schrieb unter anderem: „Der ftanzosische und der internationale Sozialismus haben wiederholt das Selbstbestimmungsrecht der Völker ver- kündet, jenes Recht, das meines Wissens in den 14 Punkten Wilsons enthalten war. C» gibt, m. C.. keinen Grund, warum dieses Recht dem jetzigen Oesterreich ebenso wie ollen übrigen Nationen der Welt nicht zuerkannt werden sollte. Gewiß: der Versailler Vertrag hat in diesem Punkt eine kategorisch« Ausnahme festgelegt. Aber der Vertrag steht ja seine eigene Revision vor. Er beauftragt den Völkerbund mit dieser Revision. Die Ariedensklausel, die Oesterreich betrissl, ist eine von jenen, die in einer vielleicht nahen Zukunft unvermeidlich wird revidiert werden müssen. Ebenso wie der Vertrag im ooraus das Verfahren sür seine eigene Revision eröffnet hat, hat er auch selbst dafür gesorgt, daß die Revision unvermeidlich werde. Denn er hat ein Oesterreich gc- schaffen, das nicht lebensfähig ist, das seiner ungarischen und tschechaslawatischen Absatzmärkte beraubt wurde, das unfähig ist, sich zu ernähren, und das bisher nur durch finanzielle Hilf« der Groß- mächte leben kannte. Es war unvermeidlich, daß dieses Oester- reich über die eigenen Grenzen hinweg Cxistenzmöglichkeiten suchen und der Anschluß ist vor allein der A u s d r u ck dieses L c- b e n s b e d ü r s n i s s« s. Nun sagt man uns: durch den Anschluß läuft man Gefahr, ein großes Deutschland zu schaffen, das für ganz Europa gefährlich fein würde. Die schlimmste Heuchelei unserer Presse in dieser Frage liegt darin, daß sie stets die Vorstellung des V o r k r i e g s- Oesterreich wachruft und nicht jenes winzige und schwächliche Oesterreich, das bei der Ausarbeitung des Friedensvertrages wie durch ein Versehen entstanden ist. Die Bevölkerung Deutschlands würde sich durch«ine klein« Vermehrung ihres Geburtenüberschusses nach IS Jahren genau so vergrößern wie jetzt durch den Anschluß. Will man etwa auch die Geburten in Deutschland zwangsweisebesäiränken? Das sind unsere Gründe, über die der„Temps" durchaus im Bilde war. Er weiß auch, daß indem wir diese Grundsätze ausstellen, die wir nicht gewillt sind, preiszugeben, wir uns niemals irgendwelchen Illusionen über die Schwierig- keit ihrer Durchführung und über die Gefahren hin- gegeben haben, die vorzeitige Initiativen in sich bergen. Darüber enthält unser Wahlprogramm klare Formulierungen, die dem„Temps" nicht entgangen sein können. Wir wissen, daß diese Ausgabe nicht ungefährlich ist, wir fordern, daß sie a u s s ch l i e ß- lich mit friedlichen Mitteln erfüllt werde, aber wir erwarten den Erfolg von den Fortschritten der Demokratie und des Sozialismus." Es gibt in diesem Aufsatz van Blum keinen Satz, den wir nicht restlos unterschreiben. Das gilt insbesondere für die Schlußsätze. Auch die deutsche Sozialdemokratie ist sich aller Schwierigkeiten des Anschlußproblems bewußt, auch sie bekennt sich�zur Verwirklichung des Anschlusses mit rein Mitteln, auch sie warnt vor übereilten
zritten. Von den Reden des Genossen P a u l L ö b e irgend- wie abzurücken, hat sie aber keinen Anlaß, weil gerade in diesen Reden immer wieder der Gedanke hervorgehoben wurde, daß die Verwirklichung des Anschlusses nur durch friedliche Mittel erstrebt werden dürfe und nur der Stärkung des Friedens und der Demokratie in Europa dienen dürfe. Man mag darüber streiten, ob die WienerKundgebungen lovprozentig„zeitgemäß waren, weil sie für die sonstigen dringlicheren außenpolitischen Ziele des deutschen Volkes eine indirekte„Belastung" bilden könnten, aber kein deutscher oder österreichischer Sozialdemokrat hat in Wien , Graz oder sonstwie einer„übereilten Initiative" das Wort ereoet. Dagegen erblicken wir alle unsere Aufgabe und licht darin, die Aufmerksamkeit der Welt auf das Anschluß- Problem zu lenken. Daß die internationale Anschlußdebatte, die durch die Wiener Kundgebung ausgelöst wurde, auch ihre nützlichen Seiten hatte, geht schon daraus hervor, daß in fast allen Ländern— einschließlich sogar der unmittelbar inter - essterten Staaten der kleinen Entente— Stimmen laut wurden, die sich zur Idee der Vereinigung Deutschlands und Oesterreichs sympathisch äußerten und vor einer kurz- fichtigen, störrischen Bekämpfung einer ebenso unvermeid- lichen wie ungefährlichen Entwicklung warnten. Wir würden aus die Angelegenheit nicht zurückgekommen sein, wenn nicht gerade Pariser Blätter, die sich sonst zur Linken zählen, von neuem gegen den Anschluß zu polemisieren anfingen. Wir erklären uns diese Erscheinung nicht »M mit der politischen Sauregurkenzett dt» den LpitartMei" w jeder Hauptstadt manche Verlegenheit bereitet. La diesem