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Morgenausgabe

Rr. 371

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45.Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Bolksblatt

Mittwoch

8. August 1928 Groß- Berlin 10 Pf. Auswärts 15 Pf.

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Bentralorgan der Sozialdemokratischen Bartei Deutschlands

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Agram und Belgrad .

Politische Hochspannung in Südslawien .

Von Hermann Wendel .

Diesmal knallten die Schüsse von der anderen Seite: ein überzeugter Kroate hat in der kroatischen Hauptstadt einen überzeugten Serben, Wlada Ristowitsch, faltblütig und mit Vorbedacht durch ein halbes Dugend Revolverschüsse tot niedergestreckt. Das ist ein erschreckendes Zeichen: Mano­meter auf 99!

Vorwärts Verlag G.m.b. H.

und die Personalunion als einzigem Band zwischen belden erzählt hat, ist dennoch eine unholde Utopie. Serben und Kroaten gehören gewiß verschiedenen Kulturtreisen an, und eine verschiedene historische Entwicklung hat beiden ihre Spuren unvermischbar aufgeprägt, aber es steht in diesem Betracht mit ihnen nicht anders wie mit den Deutschen in der deutschen und denen in der österreichischen Republik. Nicht umsonst verzeichnet gerade darum die südslamische Sozialdemokratie den nationalen 3ufam menschluß der drei Stämme in einen Staat als das wichtigste Datum in der Geschichte des Südflamentums. Das Rad der Entwicklung würde unheilvoll zurückgedreht, wenn sich das Trennungsgelüft wirklich für einige Zeit zur Freude des nach dem Balkan spähenden italienischen Imperialisten durchsetzte. Der nor­

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male Weg geht nach ganz anderer Richtung, wie es ein be­sonnenes Belgrader Blatt, Trgovinski Glasnit", dieser Tage auseinandersezte: Südslawien muß größer, nicht tleiner werden. Statt daß die Kroaten abgehen, müssen die Bulgaren dazukommen. Nur Groß- Südslawien wird politisch und ökonomisch gesichert und mächtig sein." Damit dieses Ziel Wirklichkeit wird, muß allerdings die Willkürherrschaft einer fleinen Clique niedergezwungen wer­den. Nicht Zentralismus gegen Föderalismus heißt der wahre Gegensat, sondern Despotismus gegen Demofrație.

Die Demokratie muß siegen, wenn Süd­slawien leben soll, und wird auch bis zu diesem Sieg noch manches Wasser die Donau , Same und Drina herablaufen, so ist es schon ein großer Gewinn, wenn fürder wenigstens tein Blut mehr fließt.

Internationale Solidarität.

Der Tag der unterdrückten Parteien nnd Völker.

Brüssel, 7. Auguft.( Eigenbericht.)

Ran Tao, entgegen, der zunächst die Leiden des chinesischen Volkes schilderte und die Abschaffung der ungerechten Verträge als das ein­3ige Mittel zur Vermeidung neuen Blutvergießens bezeichnete. Der Redner wandte sich scharf gegen den Kuomintang, der ein chinesischer Bürgerblod sei und der die Arbeiterschaft, auch die sozia­liſtiſche, verfolge. Von einer dauernden Unterſtügung des Kuomin­tang dürfe keine Rede sein, nur in manchen Fällen, wo es sich um Reformen handele, die für das Proletariat nüßlich seien, müsse der Kuomintang unterstützt werden. Der Bolschewismus habe in China völlig abgewirtschaftet. Er wollte sich zunächst im Kuomintang einschmuggeln und mit Hilfe des Lumpenproletariats putschen, unter völliger Verkennung der wahren Machtverhältnisse und der wirtschaftlichen Entwicklung. Die Kuomintang- Generäle hätten diese Torheit benutzt, um Ströme von Proletarierblut fließen zu laffen. Die Sozialisten Chinas mürden sowohl die Unterdrückungs­methoden des Kuomintang als auch die verbrecherische Taktik der Bolschemiken befämpfen, sie stehen zur sozialistischen Internationale, die allein willens ist und fähig sei, dem chinesischen Volk in seinem Befreiungskampf zu helfen.

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Zwar war der Erschossene nicht ganz mit Unrecht Gegen­stand des Abscheues für jene, die die Ermordung kroatischer Abgeordneter in der Stupschtina betrauern. Aus dem serbi­ schen Schabah gebürtig, hatte der 37jährige in Paris die Rechte studiert und war schon vor dem Kriege Chefredakteur eines Belgrader Boulevardblattes, des Kleinen Journal", gewesen. Nach dem Weltkrieg saß er in der Redaktion ver­schiedener Belgrader Blätter, die eine durchaus gemäßigte Richtung innehielten und vor allem nicht im groß- serbischen, sondern im südslawischen Fahrwasser schwammen. Risto­mitsch war überhaupt ein Mann nicht ohne Kultur, der Dramen Oskar Wildes und Leo Tolstois ins Serbische über­tragen hatte, aber während er als Leiter des überhigt natio­nalistischen, Baltan" sich noch hauptsächlich mit Wirtschafts­fragen befaßte. verfiel er in seiner feit Mai erscheinenden Jedinstvo"( Einheit) mehr und mehr in die unerträgliche Die dritte Plenarsigung des Kongresses am Dienstag vormittag groß- serbisch- chauvinistische Tonart. Ja mehr, die Gegner galt den unterdrüdten Parteien und Völkern. Das der Regierungsfront führten lebhafte Beschwerde, daß er Bekenntnis zur internationalen Solidarität, der Sozialisten aller gegen sie zum Mord aufreize; noch nach dem blutigen Bänder mit den Opfern des Faschismus, des Bolschewismus und des 20. Juni in der Strupschtina verwies Ristowitschs Blatt auf Imperialismus tam auch in der Zusammensetzung des Präsidiums den nahen Augenblick, der den kroatischen Damen Gelegen der heutigen Sigung zum Ausdrud: den Vorfig.führten gemeinsam heit geben merde. das Grab Svetofar Brivitschemitichs mit Blumen zu schmüden". Wenn ihn dafür ein froatischer Fabrei im Eril lebende Genoffen, Führer von unterdrückten Parteien, natifer über den Haufen schoß. fällt der ferbische Fanatifer ein Italiener, Filippo Turati , und zwei Ruffen, der Sozialdemo­von den Kugeln eines Revolvers, den er selber geladen hat. trat Abramowitsch und der Sozialrevolutionär Rosanow . Aber Mord bleibt Mord, und Blut ist in jedem Falle Der fast 71jährige und noch erstaunlich frische Turati nahm als ein ganz besonderer Saft. Obwohl das neue Verbrechen zur erster das Wort, um eine leidenschaftliche Antlage gegen das Beruhigung der Gemüter beitragen fönnte, da Opfer jekt auf Regime Mussolinis zu erheben. Aber wie er selbst betonte, briden Seiten liegen, also der Blutrache" Genüge geschehen wollte er nicht nur dem Faschismus den Prozeß machen, sondern ist, wird die neue Gewalttat den Abarund zwischen den beiden Lagern noch tiefer aufreißen. Stürmischer denn je auch die Sozialisten aller Länder ermahnen, aus den eigenen, bitteren wird in Aaram der Ruf erschallen: Los von Belgrad ! Erfahrungen der italienischen Genoffen die Lehre zu ziehen, niemals und derbiffener denn je wird aus Belgrad die Antwort vom Wege der Demokratie abzuweichen. fommen: Wer gehen will, mag sein Bündel schnüren! Erst recht wird, menn der nicht nur durch seine Verwundung schmerfranke Stefan Raditich den Folgen des 20. Juni er Stegen sollte, das südslawische Staatsschiff in einen Wirbel bineingerissen werden, der seine Blanken frachen läßt, aber fofern nicht alles trügt, wird es auch diesen Sturm überstehen. Wer allerdings in Wien und Budapest , in Rom und Sofia gern die südslawische Einheit zerschellen sähe, über treibt gefliffentlich die Gefahr der füdslamischen Staatsfrije, die auch für unparteiische Betrachter gewiß nicht gering ift. Aber es zeugt von Bequemlichkeit im Denten oder von Mangel an Tatsachenfenntnis, wenn man den ganzen Wider­streit leicht auf die Linie bringt: Gerben gegen Kroaten . Daß ein Bollblutferbe wie Svetosar Pri­bitschewitsch einer der Feldherren der gegen Belgrad ge fchloffenen Front ist, ergibt bereits diese allzu einfache Formel. Richtigere Beobachtung sieht in dem einen Lager die Be­wohner des alten Königreichs Serbien und im anderen die der ehemals österreichisch- ungarischen Gebiete stehen, aber auch diese beiden Fronten sind nicht ungebrochen und unge mischt. Hinter den vier Parteien, die unter Korofchez mie unter Wukitschewitsch die Regierungsmehrheit bilden, Ra­dikalen, Demokraten, Moslems und Chriftlichsozialen, ballen fich 1,2 Millionen von insgesamt 2,3 Millionen oder 56,8 Proz. aller Wähler zusammen hinter der Koalition Raditsch- Pribitfchemitich 628 000 oder 27 Broz. aller Wähler. Aber auch von den Christlichsozialen in Slowenien abgesehen, wurzelt die Regierungsmehrheit feineswegs nur in dem früheren Königreich Serbien, sondern in den ,, drübigen" Ge­bieten verfügen die vier Regierungsparteien zusammen in Slowenien über 63 Pro3., in der Mojmodina über 54 Pro3., in Bosnien- Herzegowina über 44 Broz.. in Dalmatien über 34 Proz. und selbst in Kroatien über 16 Proz. aller abgeführungen eines Vertreters der sozialistischen Partei Chinas , y a n g- Arbeiterinternationale die Offensive übernehmen. Wir wollen gebenen Stimmen. Das heißt: In jedem der beiden Lager stehen Serben, Kroaten und Slome­nen; über jedem der beiden Lager weht die Fahne des süd­slawischen Gedankens, wenn er vorläufig auch in Agram sehr viel anders ausgedeutet wird als in Belgrad .

Aber mag der ſtumpfsinnige Ausweg der Belgrader Machthaber, unter Koroschetz die Regierung Wukitschewitsch neu zu bilden, statt unter einer wirklich neutralen Regierung wirklich freie Wahlen auszuschreiben, die Massen hinter Raditsch und Pribitschewitsch noch so sehr erbittern, mag die demokratisch- bäuerliche Koalition auf ihrer Agramer Tagung noch so schwerwiegende Entschlüsse gegen Belgrad und die Rumpfstupschtina angenommen haben, mögen die Leiden­schaften nech so sehr wallen und brausen und zischen, was Raditsch auf seinem Krantenbett fremden Journalisten über eine staatspolitische Trennung zwischen Serben und Kroaten

Nach ihm klagte Genosse Dan von den russischen Menschewiten die andere Form der Diktatur an. Er lehnte aber ausdrücklich jedes 3usammenwirken mit der Reaktion im Kampfe gegen. den Bolsche­wismus ab. Denn der Bolschewismus sei eine interne Rrantheitserscheinung der Arbeiterbewegung. Dan nahm den Fehdehandschuh auf, den der gerade jetzt in Moskau tagende Kommunistische Weltkongreß der Sozialistischen Internatio­nale zugeworfen hat. Dort ist die Parole des verschärften Kampfes gegen die internationale Sozialdemokratie ausgegeben worden. Wir müffen zur Gegen offensive übergehen, unsere eigenen Grund­fäße den bolschewistischen Grundsäzen entgegensetzen. Der Moskauer Internationale der Diftatur, des Krieges und der Spaltung feßen wir entgegen die Internationale der Demokratie, des Friedens und der Einigung des Proletariats!

Als Vertreter der britischen Arbeiterpartei überbrachte Ch. R. Burton ein Bekenntnis der Solidarität mit den unter­drüdten Völkern Afrikas und Asiens , insbesondere mit den Aegyptern und Chinesen. Er gab offen zu was man was man leider feit längerer Zeit nur allzusehr wußte, daß die englische Arbeiterbewegung dem Problem des Faschismus und des Bolsche mismus nicht das gleiche Interesse entgegenbringt, wie die sozialisti chen Parteien des Kontinents. Was aber an diefer Rede wertvoll war, das war die entschlossene Kampfanfage der Labour- Party gegen die imperialistische Politik der konservativen Regierung Englands, das Bekenntnis zur völligen Unabhängigkeit Aegyptens , zur Inter­nationalisierung des Suezkanals, zur Abschaffung der ungleichen China - Berträge und zur völligen Gleichstellung der Völker des Westens und des Ostens.

Mit großem Interesse nahm schließlich der Kongreß die Aus­Yang­

Katastrophe in Holländisch - Indien.

Viele Menschenopfer.- 20 Schiffe vernichtet. Die Sunda - Insel Flores wurde in der Nacht vom Sonn­abend zum Sonntag von einem Vultanausbruch und einer Springflut heimgesucht. 3wanzig Schiffe follen unter­gegangen fein. Das Unglück foll viele Menschenopfer ge­fordert haben. Einzelheiten fehlen noch.

Auf der benachbarten Insel So embama wurden am Sonn­abend um Mitternacht die starken Bulkanausbrüche wahr genommen. Den ganzen Sonntag über fiel ein leichter Aschen regen,

Brüffel, 7. August.( Eigenbericht.)

Die Sigung wird um 9% Uhr von Abramowitsch- Ruß­

land eröffnet. Außerdem hat die Exekutive als Vorfißende für die heutige Sigung Turati Italien und Rosanow - Rumänien

bestimmt.

Die Sigung beginnt mit einer Begrüßungsansprache des ita­lienischen Delegierten Turati, der vor allem die Leiden der italienischen Arbeiterschaft und die Schrecken des faschistischen Regimes ausführlich schildert. Turati gibt die Hoffnung nicht auf, daß auch den italienischen Sozialisten bald ein Erfolg be­schieden sein möge.( Lebhafter Beifall.)

Dan- Rußland

von der russischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei spricht dann zu dem ersten Punkt der Tagesordnung, die weltpolitische Lage". Er führt aus: Der Faschismus und der Bolschewismus find

Brüder. Beide stüßen sich auf einen militärischen Apparat, der von

Korruption geradezu strogt. Meine Partei ist stolz darauf, daß sie auch unter den Schlägen der Dittatur niemals aufgehört hat, die zu bringen, diese Lehren, die uns klar machen, daß wir im schärfſten Lehren ihres großen Führers Martow immer wieder zum Ausdruck Rampf gegen die Diftatur nie die Gemeinsamkeit unserer Endziele vergeffen dürfen.

Der Kampf gegen die bolichemistische Diktatur ist nur durch­zuführen bei einem gleichzeitigen Kampf gegen die bürgerliche Konterrevolution.

In Moskau tagt zurzeit der Kongreß der 3. Internationale. Er hat den Vernichtungsfampf gegen die Sozialdemokratie und die Gewerk­schaften aller Länder beschlossen. In vielen Ländern haben die Bol­schewisten ähnliche Methoden, Spaltung und Berrat, schon längst an­gewandt. In der Abwehr dieses Kampfes muß die Sozialistische

uns dabei niemals der von den Bolschewisten benußten Mittel be­dienen. Wir wollen und müssen den Kampf um die Seele der Ar­beiterschaft führen, und wir führen ihn, indem wir, die Internatio­nale des Friedens, der Internationale der Spaltung

die Internationale der Einheit entgegenstellen. Die Möglichkeiten der bolichemistischen Diktatur sind durch die Tatsachen der wirtschaftlichen Weltkräfte beschränkt. Die Bauern haben auf die Maßnahmen der bolfchemistischen Regie­rung mit passivem Widerstand geantwortet, die Hand­werter haben die Läden geschlossen. Heute befindet man sich in Rußland in einem fatastrophalen wirtschaftlichen Zustand. Aus der Agonie des Nepp ist eine Agonie des Bolschewis­mus geworden. Erschüttert durch den ewigen Zickzackkurs geht die Diktatur heute wieder nach rechts. Innere Konflikte sind unter diesen Umständen zu erwarten, außenpolitische nicht ausgeschlossen. Die bolschewistische Dittatur ist zweifellos eine Quelle außenpolitischer