föelfage Donnerstag 13 September 1928,
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eise Ein Paradies,, aber nicht für die Armen.
Weißblitzend in der südlichen Sonne, bunt, malerisch baut sich die Stadt an Weinhängen aus: Palmen ragen auf den Terrassen; Zitronen schimmern gelb durch das satte Grün der wunderbaren Gärten, Ein Paradies, meint der Fremdling aus der herben, spar- !c>men Landschaft des Nordens, ein Paradies! Aber dieses paradiesische Antlitz der alten portugiesischen Städte täuscht. Am Fuße der Palmenhänge Portos zieht sich die R u a das Taypas do Bellomonte entlang, die typische Straße der Altstadt, Schmale, steile Seitengassen zweigen von ihr ab, in
zu nehmen, liegen weit in den Fluß hinaus große, schwerfällige, schwarze Kähne, Leichter, die den Lastverkehr zwischen Ufer und Dampfern besorgen. Das ist ungeheuer zeitraubend, schwierig und teuer. Zwischen Ufer und Dampfern sind nur wenig« Meter Zwischenraum; ein paar Kräne würden das Beladen und Eni- laden schnell, gefahrlos und billig besorgen. Aber die Portugiesen stellen keine Kräne auf. Weil an der Verladung mit Leichtern viele Leute verdienen, weil ein Teil der Bevölkerung auf diesen Verdienst angewiesen ist. Der alte Kampf des Handarbeiters gegen die Maschine, in dem bisher immer die Maschine Sieger blieb.
Ochsenkarren in den Straßen Portos.
denen sich die Bewohner vom Fenster aus über die Gasie die Hände reichen können. Zwei Frauen sehen aus gegenüberliegenden Fenstern und keifen: während sie sich wütend aus dem Fenster beugen, berühren sich fast die fuchtelnden Fäuste. Europäische Kaufläden gibt es hier nicht; in einem großen viereckigen Loch in der Mauer, ohne Türe, Schaufenster, Rohmen liegt die Ware, halb im Haus, halb auf der Straße. Von der Straße aus kann man in die Wohnungen sehen: ein einziger Raum mit ein paar primitiven Möbelstücken. Zerlumpt«, verschlampte, schmutzige Wesen kriechen darin herum: das einzige Bett ist zerwühlt und wohl seit Wochen nicht mehr gelüftet. Ein« halb angezogene Frau sitzt auf dem Boden und ruft, da sie den Fremden sieht:„k'ennx, Lenbor!" Und der Ruf bekommt ein tausendfaches Echo. Aus hundert Löchern kommen Kinder, in Hemden, zerschlissenen Hosen und un- definierbaren Fetzen, umringen den Reisenden und schreien, dieweil sie ihm die schmutzigen 5?ände entgegenstrecken, unaufhörlich: „Penny, Penny, Pennyl... Penny, Penny, Penny!" Nichts kann sie vertreiben. Nichts kann sie zum Schweigen bringen. Am wenigsten die Erfüllung ihres Wunsches, ein Penny. Ein trommelfellzerrüttendes Gebrüll erhebt sich, wenn du eine Handvoll Centavos unter sie wirfst und die umliegenden Türlöcher speien nochmals hundert Bettelkinder aus. Wie der Rattenfänger von Hameln ziehst du dann durch die Straßen, gefolgt von Hunderten von bettelnden, pennyheischenden, zerlumpten Kindern. Mussolini hat in Italien das Betteln verboten. Carmona noch nicht. Es ist viel besser, Carmona verbietet es nicht, sondern schafft Arbeit und Brot für die Millionen Armer. Dann hört das Betteln von selbst auf. * Wir gehen zu dreien über den Praca d o P e ix«, den Fisch- markt. Da bleiben olle Frauen stehen, mit ihren Fischkörben auf dem Kopfe. Sie betteln nicht, schreien nicht: Penny!; sie sehen uns mit offenem Munde an. Endlich ruft die vorderste mit schreckverzerrtem Gesicht: „O seht, seht: da... da... in der Mitte, da geht ja der Teufel!" Der in unserer Mitte ging, war ein deutscher Doktor, groß. stämmig und mit einem rotblonden Vollbart. So— mit einem roten Bart und mit Riesenwuchs— stellen sich diese schworzhaari- gen Kindergemüter den Teufel vor. Während man ihn hierzu- lande— im blonden Norden— sich schwarz vorstellt Freilich glaubt man im nüchternen Norden nicht mehr so an den schwarzen Teufel wie im südlichen und katholischen Portugal an den roten. Eine der Frauen deutete auf unseren rechten Flügelmann, dessen wohlgenährtes Aeußere augenscheinlich ihr Wohlgefallen erregte: „Seht, welch ein hübsches und wohlhabendes Gesicht!" Es ist für diese verhärnUen Frauen schon ein Genuß, ein wohl- habendes d. h. ein gutgenährtes Gesicht zu sehen. •k Als wir abends vom Campo das Martyres da Patria kamen, stießen wir auf ein seltsames, erschütterndes Idyll. Im Schatten eines Hauses standen Pflastersteine aufgestapelt. Als wir Menschen- stimmen aus dem Stapel vernahmen, traten wir näher und sahen eine Frau, die hier sich und zwei Kindern ein Nachtlager inmitten der Pflastersteine zurechtmachte. Sie drehte die Steine so, daß die glatte Seite nach oben sah, breitete ein paar dünne, zerschlissene Lumpen darüber, legte die Kinder darauf und dann sich selbst: dann holte sie aus ihrem Bündel eine Flasche Landwein und ein Stück Maisbrot, gab den Kindern zu essen und zu trinken und faltete die Hände: „... gib uns heute unser tägliches Brot... und erlose vns von allem liebet! Amen." Dann schliefen die Armen«in. Sie sind nicht die einzigen, die hier so nächtigen. Tausend« schlafen unter freiem Himmel, an Straßenecken, an Wiesenhängcn. Weil sie kein Heim, kein Haus, kein Geld haben. * An den Ufern des Dour«, in dem die geoftan UabccfM- hompfer einlaufen, um ihre Ladung zu löschen und neue Ladung
Solcher Kamps gegen die Maschine ist immer ein Zeichen für den Mangel an geistiger Entwicklung solcher maschinenstürmender Prole- tarier: denn es geht ja nicht für oder gegen die Maschine, son- dern um den Besitz der Maschine. Taschendiebe gibt es überall. Also auch in Portugal (obwohl im übrigen Eigenwmsoergehcn trotz der Armut der breiten Masse hier verhältnismäßig selten sind, wie die Statistik nachweist). Im Gedränge beim Stierkampf im Campo Pequeno kam einem Reisegefährten die Briestasche abhanden. Er meldete den Verlust der Polizei und meinte:„Wenn ich nur wenigstens meine Papiere, die in der Tasche waren, wieder bekommen könnte. dann ließe sich der Verlust des Geldes immer noch verschmerzen!" Der Polizeibeamte lächelte: „Sorgen Sie sich nicht: Sie bekommen die Papiere bestimmt wieder: wallen Sie bitte morgen vormittag nochmals anfragen!" Am nächsten Morgen bekam der Bestohlene in der Tat seine Brieftasche zwar ohne Geld, aber mit sämtlichen Papieren— wieder zurück. Die Taschendiebe haben hier eine hübsche Methode, ihren Opfern das für die Taschendiebe selbst Wertlose, für den Bestohlenen
ober oft außerordentlich Wertvolle an der Beute zuverlässig zurück- zuerstotten: sie werfen die Brieftasche umgehend in den nächsten Briefkasten, von wo der Briefträger, der diese Methode bereits kennt, sie stehenden Fußes zur Polizei bringt. Sr Eine Stund« Eifenbahnfohrt von Lissabon entfernt liegt die schöne Kehrseite der Medaille: Cintra, der sommerliche Sammelpunkt des vornehmen Lissabon . Hier haben sich die portu- giesischen Könige angebaut, ehe noch im Jahre 1910 die tödlichen Schüsse auf König Carlos und seinen Sohn den Thron ins Wanken und schließlich ins Stürzen brachten. Eine paradiesische Sommer» residenz der portugiesischen Großverdiener. Kühn und phantastisch reckt sich aus sanftem, weinbedecktem Hügelgeländ« plötzlich die Sierra empor: ragende, steile Felsen, wuchtige erratische Blöcke. Auf dem südlichsten der Gipfel starrt das alte Maurenkastell ins weite, fruchtbare Land und über den Atlantik. Wie Schützengräben ziehen sich die Zinnen, von denen aus vor vielen hundert Jahren die Mauren das eroberte Land beherrschten, von Fels zu Fels. Und auf dem zweiten Gipfel gegenüber ist der Palast der portugiesischen Könige aufgebaut: geschmacklos, so wie Neureiche bauen, pompös, verschwenderisch. kostbar. Jahrelang haben die braven Untertanen Steine und Bau- Material auf i>en unzugänglichen Berggipfel geschleppt, auf daß eine königliche Laune befriedigt sei. Das Maurenkastell ist kahl, einfach, ein Zweckbau für kühne Fahrer, Forscher und Eroberer, Der Königspalast ist üppig, zwecklos, stillos, ein Lotternest für Drohnen. Ringsum zu Füßen dieser beiden so verschiedenen Herrscher- Wahrzeichen' sproßt nun und ragt und gipfelt sich eine zau be, rische Vegetation: Eukalyptus-, Oel-, Mandel-, Lorbeerwälder und das Wunder des Gartens von Monserrate: Palmen aus allen Erdteilen, die Blumenpracht aller Zonen, alle Farben und Ueppigkeiten der Tropen. Ein Zaubergarten, der einst Richard Wagners Phantasie befruchtete. Seit die portugiesischen Könige aus diesem Paradies vertrieben sind, hat sich das Bild etwas gewandelt: über die Serpentinen schaukeln nicht mehr die königlichen Kutschen, sondern jagen die Autos. Wer immer noch nicht die Autos des Volkes, sondern jene der internationalen Millionäre. Aus dem Paradies der Könige ist das der Millionäre geworden. it Als die Pena noch von den Königen bewohnt wurde, hauste am anderen Ende der Sierra ein merkwürdiges Häuflein von Menschen: die Strasmönche der iberischen Halbinsel. Zwischen riesigen Felsblöcken, in wilder Einsamkeit, fern allem Lebendigen, hatten die geistlichen Machthaber«in Höhlensystem er- bauen lassen, in das sie jene Männer verbannten und verdammten, die wieder den Stachel gelökt hatten. Unsichtbar stand über diesen Felslöchern geschrieben, was Dante über den Hölleneingang schrieb; „Laßt all« Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet!" Ein dunkles Labyrinth von engen, düsteren Korridoren und Zellen. Die Wände bald natürlicher Fels, bald Mauerwerk, mit Korkholz verkleidet. Die Türen fo eng und niedrig, daß höchstens ein dreijähriges Kind sie aufrecht durchschreiten kann. Die Zellen so eng und niedrig, daß«in erwachsener Mensch weder aufrecht darin stehen, noch ausgestreckt darin liegen kann. Der gemeinsame Eßtisch: ein langer, flacher, unbehauener Stein. Wer in diesem„Kloster " leben mußte, war lebendig begraben. Heute ist Capuchos, das Zuchthaus der Mönche, leer: so wie der königliche Palast am anderen Ende der Sierra. Die Zwilisation hat heute andere Formen für Residenz und Zuchthaus gefunden, Heiiw Eisgruber.
Das schnelle Wachsen der Städte hat viele Probleme aufgerollt und unter ihnen ein Problem, das unter kapitalistischen Verhält- nissen kaum lösbar ist: nämlich das Problem des ständigen Ver- schwindens und der Vernichtung der alten Stadtteile, des rationellen Ausbaues der neuen Stadt, der den modernen Forderungen entspricht, ohne die alten Kulturwert« zu vernichten. Der Wert der alten Städte ist nicht nur in ihrer malerischen oder architektonischen Bedeutung zu suchen. Diese alten Steine, grau von Zeit und Unwetter, wecken in uns nicht nur ästhetische Emp- findungen. Sie sind getreue Zeugen unserer geschichtlichen Ver- gangenheit. Sie dokumentieren diese Vergangenheit häufig besser und anschaulicher als irgendwelche überlieferte Moterialienfammlung. Sie bilden«in« Dekoration zu den Ereignissen der Vergangenheit und erzeugen mit diesen eine enge und intime Fühlung. Paris ist besonders reich an solchen geschichtlichen Ueber- lieferungen. Sein« alten Stadtteile und Gebäude bilden vielleicht die hauptsächlichste Anziehungskraft dieser Weltstadt. Sein« modernen Quartiere sind weniger originell sie lassen sich mit gewissen Variationen in allen großen Städten vorfinden. Aber das alt« Paris ist Zeug« der Weltgeschichte, Geburtsort der Weltideen. Mehr als tausendjährige Geschichte ist dort ein« gemauert, nicht nur in den weltberühmten Gebäuden wie N ö t r e
Place Luden.
Pakk fiuU.v; Eines der ältesten Häuser in Paris . Dame oder Louvre, sondern auch in ganzen Stadtteilen, bei denen gerade die Gefahr der Vernichtung immer näher rückt. Man darf die kulturhistorische und künstlerische Bedeutung dieser Stadtteile nicht verkennen. Wenn man in diesen alten, krummen Gassen herumstreift, so erlebt man ein seltsames Empfinden: man erlebt fast körperlich die Vergangenheit. Hier war das Schloß der Römer, von dem aus sie das alte keltische Reich beherrschten: hier die Gassen des quartier latin , wo im Laufe von Jahrhunderten die studierende Internationale wirbelte und von wo aus die Ideen der Freiheit und der Revolution in alle Weltteil« ver- breitet wurden. Ja, die Revolution: Wie gut, wenn sie mit Hilfe dieser alten Stein« studiert und verstanden würde! Und wenn jetzt das Wachsen der Stadt und die Bodenspekulation diese alten Stadtteile bedrohen, so erkennt man um so mehr die Notwendigkeit, nach Mitteln zur Lösung des Problems des rationellen Ausbaues der modernen Stadt und des Schutzes des Alten zu suchen. Mit der Vernichtung der alten Städte wird die Menschheit ärmer. Man konserviert Kunstwerke, alt« Manuskripte. Es ist dringend notwendig, auch ein Mittel zu finden zur Erhaltung dieser alte« Stadtteile, die gleichzeitig Dokumente und Kunstwerke sind. A. Dubais .