Morgenausgabe
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Freitag
14. September 1928
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Räumungs-, Reparations: und Kontrollfrage.
V. Sch. Genf , 13. September. ( Eigenbericht.) Die erfte Räumungsverhandlung am Dienstag hat, das tann man ruhig sagen, nicht den geringsten Fortschritt gebracht. Der zweiten Aussprache am Donnerstagvormittag sah man beider. feits recht steptisch entgegen. Sie sollte nach den ursprünglichen Reisedispositionen Briands und Hermann Müllers die letzte fein, die jetzt auf Genfer Boden stattfinden könnte. Die Tatsache, daß wider Erwarten eine dritte Begegnung der Großen Sechs" für Sonntagvormittag anberaumt worden ist, hat nun begreif licherweise die
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Hoffnungen auf ein pofitives Ergebnis neu belebt. Gie beweist zumindest, daß die Unterhändler auf beiden Seiten eine Einigung für möglich halten. Die Versteifung der ersten Aus Sprache hat sich gelöst Es sind neue Anregungen, neue Formeln in die Diskussion geworfen worden. Fest umrissene Borschläge liegen zwar noch nicht vor, aber die Grundlinien einer Einigung find fixiert worden. Die deutsche Delegation besteht darauf, daß die Rheinlandräumung mit dem Reparations. problem nicht verknüpft wird. Sie hat indessen um so weniger Anlaß, Berhandlungen über eine endgültige Lösung der Reparations frage an sich abzulehnen, als diese Lösung im wirtschaftlichen Interesse Deutschlands selber dringend zu wünschen ist. Das gilt insbesondere für die Frage der endgültigen Festsetzung der gesamten Reparationssumme, die bisher bekanntlich offen geblieben ist und damit einen für die deutsche Wirtschaft und die deutschen Finanzen sehr störenden Faktor darstellt. Man fcheint sich über das Prinzip von zwar getrennten, aber
parallelen Berhandlungen über Räumung und Reparationen einigen. Das Bug- um- 3ug- Geschäft", das stets von den Fran3pfen propagiert wurde, wird nicht akzeptiert. Aber die Ein fegung einer besonderen Kommission von Sachverständigen, etwa ähnlich dem Dames- Ausschuß 1924, täme wohl in Frage. Anderer
seits sind die Besatzungsmächte geneigt, das Problem der Gefamträumung zu diskutieren. Als Beweis dafür ist von der Gegenseite zum ersten Male in der heutigen Sigung die Bereit willigkeit zum Ausdruck gekommen, in fürzester Frist die zweite Rheinlandzone zu räumen. In diesem Zusammenhang ist wieder
der Faktor der Sicherheit"
in der Diskussion aufgetaucht. Deutschland hat unter der Regierung Marg- Stresemann im Dezember 1926 bei der endgültigen Beseiti gung ber interalliierten Militärkontrolle dem Brinzip ber Bölferbundsinvestigationen von Fall zu Fall zugestimmt. Dieses Prinzip gilt schon jetzt für das ganze deutsche Gebiet, einschließlich natürlich des Rheinlandes. Es geht weiter als das, was die internationale sozialistische Konferenz in Luremburg im November 1926 angeregt hatte. Nun wird jetzt die Frage er. mögen, ob im Rheinland nach einer früheren Räumung eine besondere zivile Instanz geschaffen werden fönnte, die etwaige Beschwerden zu prüfen und zu schlichten hätte. An diese Inftanz, die übrigens teinen permanenten Charakter tragen soll, fönnten sich beide Teile wenden. Ueber die Zusammensetzung, den Charakter, die Zeitdauer dieser Einrichtung wird voraussichtlich am Sonntag gesprochen werden. Davon hängt natürlich noch vieles ab. Man kann daher noch nicht sagen, ob hier das endgültige Ergebnis dieser Genfer Besprechungen positiv ausfallen wird oder nicht. Deutschland fann natürlich nur eine solche Lösung annehmen,
Demonstration der Heimwehren.
Ein Marsch nach Wiener Neustadt .
Wien , 13. September. ( Eigenbericht.) Die Heimwehren planen für den 7. Oktober einen Aufmarsch aller Heimwehren aus Defter reich nach Wiener Neustadt . Darüber herrscht in der Arbeiterschaft dieser Industriestadt große Erregung. Die Heimwehrzentrale hat sich deshalb zu der Er tlärung veranlaßt gesehen, daß sie nicht alle Scimwehren aus Cesterreich, sondern nur aus den angrenzen den Ländern nach Wiener Neustadt kommen lassen will. Die Vertrauensmänner der Eisenbahner in Wiener Neustadt haben nun am Mittwoch eine Versammlung abgehalten und eine entschiedene Protest kundgebung gegen die Provokation der Heimwehren beschlossen. Sie erklären, daß die Erregung unter den Eisenbahnern infolge dieser Provokation wächst und die Vertrauens. männer sich veranlaßt fühlen, auf die Gefahren aufmerk sam zu machen, die das für die Arbeitsfreudigkeit der Eisenbahner zur Folge haben könnte. Die Eisenbahner stehen geschlossen mit der übrigen Arbeiterschaft in der Abwehr und werden alle Maßnahmen treffen, die
die sich im Rahmen des Dezemberabkommens von 1926 hält und die sich im Rahmen des Dezemberabkommens von 1926 hält und die sich mit bem Geift Don Locarno verträgt.
Berhandlungen über Räumungsvorschläge.
in der Räumungsfrage ist folgendes Rommuniqué ausgegeben morUeber die heute vormittag abgehaltene gemeinsame Besprechung ben: Heute vormittag fand die in Aussicht genommene gemeinsame Besprechung statt, in welcher die Diskussion fortgesetzt wurde. Dabei ergab sich, daß einige Puntte noch weiterer Ueberlegung be. bürfen. Die Besprechungen werden daher Sonntag vormittag 10 Uhr 30 Minuten fortgesetzt.
Wie weiter verlautet, tommt eine Reise des Reichstanzlers nach Berlin nicht in Betracht, da die Delegation in ständiger Fühlung mit dem Reichskabinett ist. Näheres über die Besprechungen, in deren Berlauf der deutsche Standpunft unverändert blieb und formulierte Vorschläge nicht eingebracht wurden, ist im jeßigen Zeitpunkt nicht zu erfahren. Benngleich die Tatsache der Fortsetzung der Besprechungen irgendwelche Schlüffe nicht zu läßt, wird sie doch als ein im allgemeinen befriedigendes Anzeichen aufgenommen.
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Deutscher Ministerrat am Sonnabend. Am Sonnabend wird sich eine Sitzung des Reichs an der der Reichstanzler natürlich fabinetts in Berlin nicht teilnehmen wird mit den Fragen beschäftigen, die durch die bisherigen Räumungsverhandlungen in Genf aufgeworfen worden sind.
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England nochmals für Räumung. London , 13. September. ( Amtlicher Funkdienst.) Es verlautet in London , daß die Haltung der britischen Regierung in der Rheinlandfrage genau die gleiche bleibe, die die Regierung in ihrer Antwort auf eine Anfrage im Parlament vor einiger Zeit bekannt gegeben habe. Diese Antwort erklärte, daß nach der britischen Ansicht die allgemeine Räumung des Rhein landes vor der im Versailler Vertrag festgesetten Frist nur durch eine Abmachung zwischen den Mächten, deren Truppen durch die Räumung berührt werden, und solche Abmachung möglich sein, so würde dies der der deutschen Regierung erfolgen könne. Sollte eine britischen Regierung sehr willkommen sein, die bereit sei, jeden Vorschlag in freundliche Erwägung zu ziehen, der zum Zweck der Räumung von den direkt beteiligten Parteien gemacht werden könnte.
Briand berichtet über seine Rede.
In dem morgen in Rambouillet unter dem Vorsiz des Präsidenten der Republit stattfindenden Ministerrat wird Minister des Aeußeren Briand , der heute abend in Paris eintrifft, über die Arbeiten des Bölferbundes Bericht erstatten und, wie die Agentur Havas erfährt, auseinandersetzen, unter welchen Umständen er dazu gebracht wurde, seine Rede von Montag zu halten. Er werde gleichzeitig über den Stand der mit Reichskanzler Müller wegen der Rheinlandräumung aufgenommenen Besprechungen
berichten.
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Die neue Ostmark.
Burgenland und Deutsches Reich .
R. Bn. Bad Tahmannsdorf, im September. Seit 1922 ist das Burgenland ein Gliedstaat der Republik Deutschösterreich. Der Frieden von St. Germain hatte den nicht deutschen Bölkern der Habsburger Monarchie eigene Staaten geschaffen oder sie ihren Nationalreichen angegliedert, Deutschösterreich aber wurden weite Gebiete, die fich zu ihm bekannt hatten, abgeriffen. Dagegen fügte das Friedensdiktat der Republik Deutschösterreich das deutsche irgendeiner der im Weltkrieg besiegten Staaten territorial e ft ungarn hinzu. Ungarn ist damals schwerer als beeinträchtigt worden. Irredenta ist seitdem in Ungarn offizielle Staatsparole und nach ihrem Mißerfolg unter fommunistischer Führung gegen die Tschechoslowakei , der Ru mänien und Frankreich beistanden, versuchte sie in der Richtung auf den geringsten Widerstand, auf den schwächsten Gegner, das Verlorene wiederzugewinnen. Irreguläre Banden putschten im Burgenland , das sich schon Ende 1918 ohne irgendwelches Butun von außen, freiwillig und begeistert Deutschösterreich angeschlossen hatte. Statt dem Diktatfrieden Geltung zu verschaffen, zwakte man mit Hilfe einer Bolksabstimmung" unter ungarischem Terror, von italienischer Proteftion gefördert, dem Burgenland die Hauptstadt Dedenburg und weitere deutsche Gebiete ab, wobei man ihm eine verzwickte und gefährliche Grenze aufnötigte. Dreieinhalb Jahre mußten vergehen, ehe Deutschösterreich en lid das ihm zugesprochene Land wirklich eingliedern du: fte. aufgerüstete Ungarn , das unter hoher britisch- italieniDrohend steht aber jenseits der Grenze das friegsmäßig scher Brotektion das Trianondiktat verspotten, so gut wie allgemeine Wehrpflicht durchführen und seine Jugend zur Wiedereroberung der verlorenen Gebiete ungehindert aufheben kann.
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Deutschösterreich und die Burgenländer haben wader gearbeitet, aus dem verschlampten Grenzgebiet ein würdiges Glied Mitteleuropas zu machen. Allüberall im Land werden Straßen, Häuser, Verkehrsmittel angelegt, gleiches Recht für Alle, demokratische Verfassung herrschen. Ueberraschend start ist in dem fast ganz agrarischen Land die Sozialdemokratie, die, nach den Christlichsozialen die zweitstärkste Partei, durch die Person unseres Genossen Leser, des Landeshauptmann- Stellvertreters, starken Anteil an der Landesverwaltung übt.
Dreißig reichsdeutsche Pressevertreter, unter ihnen vier Sozialdemokraten, haben sich gegenwärtig zum Besuche dieses Landes zusammengefunden und sind freudig überrascht durch Anschluß an Deutschland , der sich jedem Beobachter die allgemeine Befundung des Willens zum aufdrängt. Allen Begrüßungsreden und Privatgesprächen gemeinsamer Grundton: Wir sind uralt deutsches Land und Bolt, wie haben jahrzehntelanger Madjarisierungspolitik erfolgreich getroßt, wir sind endlich nationale Fremdherrschaft los, nun wollen wir heim ins Reich, aus dem unsere Vorfahren als Kolonisten hierhergekommen sind!
Unter den 300 000 Bewohnern dieses Landes sind auch eine ansehnliche Menge Kroaten . Sie sprechen alle deutsch , manche ihrer Dörfer reden untereinander Altkroatisch- aber gerade auch diese Burgenländer slawischer Herkunft haben in Not und Drang treu zu Deutschösterreich gestanden und wollen nun erst recht mit ihrer Heimat zu Deutschland . Es gibt an dieser allgemeinen Volksüberzeugung nicht Zweifel, noch ist Widerspruch gegen sie vorhanden, obschon er unter der freien Verfassung Deutschösterreichs vollkommen gefahrlos geäußert werden könnte. Und als in diese Tage die Genfer Nachricht hineinfiel, Frankreich habe dort wieder einmal den Anschluß
geeignet sind, die Angriffe der Neaktion mit aller Ent. zu verbieten" das demokratische Bedürfnis gefühlt, da gab
schiedenheit abzuwehren.
Mieterschutz auf dem Parteitag.
Am Freitagabend beginnt im Arbeiterheim des 10. Biener Begirls der Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie. Auf seiner Tagesordnung steht als wichtigster Punkt der Mieterschuß und die sozialdemokratische Wohnungspolitik, worüber Dr. Otto Bauer den Bericht erstatten wird. Außerdem wird der Kampf um die Abgabenteilung" behandelt. Diese Abgabenteilung entspricht dem Finanzausgleich in Deutschland .
Merifo übertrumpft Moskau . Gerichtsverhandlung durch Radio verbreitet.
Megifo, 13. September. Die Regierung hat befhloffen, die Berhandlungen im Prozeß gegen den Mörder Obregons, Toral, durch Funk verbreiten zu lassen, was eine Neuerung in den Annalen der Kriminalistik darstellt. Der Prozeß wird in einem großen Rinotheater abgehalten werden, um einem möglichst großen Bublifum die Teilnahme an den Berhandlungen zu ermöglichen.
es nur eine Antwort der einfachen Menschen: Wenn Ungarn uns in Jahrhunderten nicht entdeutschen und madjarifieren fonnte, werden wir ebenso auch mit Verboten fertig werden, die uns Deutschen das vermehren wollen, was den Slawen und Romanen im Namen des Selbstbestimmungsrechtes ge geben worden ist!
So ist dem deutschen Volk eine neue Ostmark cr standen. Sie hat schon deutsches Land vor fremdem Zugriff Volk geschüßt, aber sie fühlt, daß das ganze deutsche Boll seine Vorposten nicht sich selbst überlassen würde. nicht ein militaristisches Bollwert wie die alte Ostmark der Karolinger ist das Burgenland eine Ost mart deutscher Kultur, aus der ein Haydn, Liszt , Joseph Kainz entsprossen sind, stellt es dar und außerdem ein Borwert deutscher sozialer Demofratie. Von Anfang an ist hier die Republit selbstverständlich, fie steht außerhalb jeder Debatte, es gibt überhaupt feine Monarchisten. Armes Kleinbauerntum erwartet nur von der Sozialdemokratie jene Bodenreform, die den Besitz des ungarischen Fürsten Esterhazy auf ein erträgliches Maß herabjeßt, während es heute ungeheuerlich überwuchert. Die Sozialdemokratie erscheint den Burgenländern als die Partei, auf die sie sich für den Fortschritt im Innern wir für den Schuß nach außen verlassen tönnen.