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Nr. 455* 45. Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts

Mittwoch- 26. September 4925

Oer Prozeß Bergmann-Lakoby. Interessante Enthüllungen über Geldgeber und Juristen.

Der Angeklagte Bergmann gibt auf Befragen an. daß er 1870 in Berlin geboren ist. Nach dem Abiturium ist er in einem Bankhaus in die Lehre getreten. Aus dem weiteren Lebenslauf Bergmanns ist zu entnehmen, daß er Angestellter in einem Ab- zahlungsgeschäft war, nach dem Ausland ging, wegen Unterschlagung bestraft wurde und daß er sich schließlich in Berlin mit einer Möbel- Handlung selbständig machte. Hierbei geriet er in Konkurs und wurde wegen betrügerischen Konkurses wieder bestrast. Er war dann Taxator m einem Lombardgeschäst und eröffnet« 191 l, nach- dem er genügend Kenntnisse erworben hatte, das Allgemeine Lombard- und Lagerhaus. Inzwischen wurde er wieder, diesmal wegen Heiratsschwindels, bestraft. Er behauptet aber, unschuldig gewesen zu sein. Sein Lombardgeschäft befand sich erst in der Grunewaldstraße, dann in der Schwedter Straße und wurde von ihm 1922 oerkauft. Mit dem Erlös beteiligte er sich an der Wechsel- stub« Aronsohn u. Co. in der Passage, wurde aber von seinen Sozien hinausgedrängt und eröffnet« mit der Abfindungssumme eine eigene Wechselstube in der Georgenstraße. Hier habe er Staatsanwaltschoftsrat Dr. Jacob y kennenge- ! e rn t.Dr. Iacoby ist bei mir entweder durch Rechtsanwalt Dr. Iolenberg oder den Sohn eines südamerikanischen MilltärattachcS eingeführt worden."' Mit dieser Wechselstube zog sich Bergmann Ansang 19924 wieder eine Strafe wegen Betrugs von sieben Bio- nateu zu. Nun mietete er im nächsten Jahre drei Räum« in der Passage, in denen er ein Lombardhaus eröffnete, für das er später die alte Firma.Allgemeine» Lombard- und Lagerhaus" wieder aufnahm. In diesem Geschäft habe er gleich Dr. Iacoby beschäftigt. Schon 192Z hat Staatsanwaltschaftsrat Dr. Iacoby mir den ersten juristischen Rat gegen Honorar erteilt, er ist dann dauernd für mich tätig gewesen." Der Angeklagte Kraatz war Flugzeugführer im Felde und Inhaber sehr hoher Orden. Er trat später bei Bergmann als Angestellter ein. Als letzter Angeklagter nmrde Staatsanwaltschoftsrat Dr. Zacoby vernommen. Der Angeklagt« begann feine Ausführungen mit den Worten:Ich soll mich an dieser Stelle wegen eines Deliktes ver- antworten, das ich nicht begangen habe, wegen eines Detrugsdeliktes, das mir so fern wie irgend etwa» im Leben liegt." Landgerichtsrat Dr. Wartenberger(unterbrechend): Wir wollen doch lieber gleich auf die Sache tingehen. Angekl. Dr. Iacoby: Meine Bor» namen habe ich schon angegeben. Ich bin 1888 in Königsberg in Preußen geboren als Sohn des Geheimen Konststvrialrats und Pro- fessors der Theologie an der Universität Königsberg , Dr. D. Iacoby, und habe Iura studiert.(Der Angeklagte konnte mit tränenerstickter Stimm« eine Weile nicht weitersprechen.) Im Jahre 1920 wurde ich als Staatsanwaltschoftsrat bei der Staatsanwaltschaft I in Berlin angestellt. Mit Bergmann wurde ich 1922 oder Anfang 1923 be- könnt, weil ich ein kleine« Efsekknkonto in der Georgenstraß« bei ihm unterhielt. Ich habe ihn kaum persönlich gesprochen, vielleicht nur einmal als den Bankinhaber gegrüßt. Anfang 1924 löste ich mein Konto auf. Ganz gegen Schluß hatte er mir einmal eine Rechtsfrage vorgelegt, dann sah ich ihn lange nicht mehr und Hab« ihn zwei- bis dreimal noch zufällig in einem Eafä getroffen. Wir waren vollständig auseinander gekommen. Dorf. : Sie sind dann mit ihm wieder zusammengekommen, als er da» Lombardhaus in der Passage eröffnet hatte? Angekl. Dr. Jacob h: Da» geschah nach 2 Vi Iahren ganz durch Zufall. Ich traf mit ihm und Rechts- anwalt Iolenberg zufällig in einem Cafä zusammen und Bergmann bat mich um Rat in einer Angelegenheit. Damit kam ich mit Berg- mann wieder in Berblndung Bors.: Angeklagt«? Bergmann, als Sie da» neu« Lombard» geschäft einrichteten, welche Man« v«rfolgt«n Sie da? Angekl. Berg- mann: Wenn«in Schneidermeister«inen Posten Stoffe hat und

Geld braucht, muß er die War« bei uns einlagern, und er bekommt einen Lagerschein. Bon den Darlehusnehmern nahm ich S bis 10 proz. monatlich an Zinsen, Provisionen und Lagerspesen ein. Das entsprach den Be- stimmungen der Spediteure. Ich zahlt« anfangs den Geldgebern 5 proz. im Monat. Vors.: Also 60 proz. Jahreszinsen? Angekl.: Jawohl. Es blieb mir also ein reichlicher Ueberfchuß. Der Haupt- gewinn für uns kam. wenn die Waren versteigert wurden. Es ist üblich, daß der Inhaber de« Lombardhauses bei der Ver- steigerung die Waren zurückkaust, damit kein anderer den Ver- dienst hat. Vors.: Ihr Hauptverdienst lag demnach darin, daß kein anderer Bieter kam und daß die Waren unter Wert verkauft wurden? Angekl. Bergmann: Die Händler kamen gar nicht zu den Versteigerungen, da nur Lagerscheine versteigert wurden. Es waren immer nur die vorschriftsmäßigen drei Personen da. Die Ware wird zu einem ganz minimalen Preise verkaust, um die Stempelgebühren und die Auktionskosten zu verringern. Vors.: Wie wollten Sie die verfallenen Waren an den Mann bringen? Angekl. Bergmann: Es melden sich täglich Dutzende Kommissionäre. Vors.: Es war demnach ein glänzendes Geschäft? Vert. Feblo- wicz: Hundert Prozent Gewinn. Vors.: Also Herr Bergmann, wie haben Sie sich dl« Sache gedacht, als Sie da» Pafsagegeschäft gegründet hatten und es immer mehr vergrößerten? Angekl. Bergmann: Zuerst hatte ich nur drei Räume, jeden Tag kamen ober neue Waren, und ich hatte nicht» weiter zv hin. als immer zum Hauswirt zu laufen und neue Räume zuzunehmen. Bei dem Berkaus der Waren wurde auch manchmal weit mehr als 100 Proz. verdient. Häufig gerieten die Darlehnsnehmer in Kon- kur» und die Pfänder wurden vom Konkursverwalter eingelöst. Das war dann ein schönes Geschäft. Manchmal wurde auch weniger ver- dient. Vors.: Zur Bergrößerung des Geschäftes wurden dann auch auswärts Filialen errichtet. Angekl. Bergmann: Da» Geschäft wurde von selbst immer größer. Täglich wurden Waren aus Waren abgeladen. Das Lager füllt« sich. Es kamen so viel« Leut« von auswärts mit Angeboten, weshalb sollten wir nur in Berlin arbeiten? Der Gedanke mit den Filialen wurde mir auf- oktroyiert. Schließlich errichtete ich Filialen in Breslau , Hamburg und München , Agenturen in Hannover und Saar- brücken, und es war noch ein« Filiale in Prag geplant. Nach der Mittagspause wurde Bergmann befragt, wie die Taxen bei den Lombardierungen zustandegekommen seien. Der Angeklagte erklärt«, daß Kraatz sie gemacht habe. Vors.: Si« haben doch den Geldgebern auch oft mehr als 48 Proz. Jahreszinsen gogeben? Angekl. Bergmann: Ausnahmsweise, aber nie mehr als S Proz. monatlich. Vors.: Nicht auch 6 Proz.? Angekl.: Nein, niemals. Dorf. : Hat nicht Frau v. Rücker 6 Proz. bekommen? Angekl. Bergmann: Sie glauben gar nicht» wie mich die Geldgeber gequält und welch« Finessen sie angewendet hoben, um mehr herauszuschlagen. Die Baronin Rücker hat allerdings nicht nur 6 proz. Zinsen monatlich herausgepreßt, sondern noch 10 proz. Provision. Sie erklärte, daß sie mit einem Bankdirektor befreundet sei, und daß sie bei einer Großbank weit mehr bekommen könne. Da habe ich ihr das auch gegeben. Da war noch die Frau Geheimrat v. kühlwein, die auch 6 proz. heran». gepreßt hat. Sie brachte mir 500 M. und sagte, es wäre ihr letztes Geld, sie fei blutarm und auf die Zinsen angewiesen. Es könne doch bei uns nicht darauf ankommen, ob wir monatlich fünf Mark mehr zahlen oder nicht. Da war ich großzügig und übernahm die fünf Mark auf Geschäftsunkosten. Nachher stellte sich heraus, daß die Geheim- rätin eine schwerreiche Frau war. Si« kam plötzlich mit 50 000 M.

Einlage und fußt« nun auf ihren Revers mit 6 Proz. Monats­zinsen. Staatsanwaltschaftsrat Schumacher: Haben Sie nicht Frau v. Rücker mehrmals aus Dankbarkeit Blumen in die Wohnung ge- bracht? Angekl. Bergmann: Frau v. Rücker hat mir immer Ge- schenke gemacht und da mußte ich mich doch revanchieren. Vors.: In den Inseraten sprachen Sie von einwandesreien Sicherheiten und müudelsichereu Anlagen gegen Faustpfand. Diesen Standpunkt hat Ihnen wohl Staatsanwaltschaftsrat Dr. Iacoby beigebracht? An- geklagter Bergmann: Staatsanwalt Iacoby ebenso wie Rechtsanwalt Iolenberg und andere Juristen, die in meinem Haufe ein- und aus- gingen, haben mir das angeraten, indem sie sagten, daß in der Abgabe der Logerscheine an die Geldgeber ein« Faustpsandsicherheit liege. Ich bin nicht Jurist genug, um jetzt zu sagen, wie sie das begründeten. Für die Werbebricfe bin ich nicht verantwortlich. Ich Hab« sehr oft nicht gewußt, was ich tat. Ich war zu schwach und kränklich und ließ mir allerhand einreden und einflüstern. Bei meinem Gefundheitszustand konnte ich das Lager gar nicht besich- tigen. In den ganzen zwei Iahren bin ich nur«in- oder zweimal im Lager gewesen und habe mich voll- kommen auf mein Personal verlassen. An der Abfassung der Werbe- briese hat Rechtsanwall Fritz Meyer, der Syndikus der Treuhand- gesellfthast, einen großen Anteil gehabt. Oberstaatsanwalt Binder: Was der Angeklagte hiev angibt, ist ja ganz neu.(Große Bewe- gung.) Vors.: Das ist derselbe Anwalt, der die adsigen Geldgeber heran­gebracht hat und monatlich 4000 M. verdient hat. (Erneute große Bewegung.) Angekl. Bergmann: Rechtsanwalt Fritz Meyer jagte: Si« brauchen sich nicht nach meinen Verträgen mit den Geldgebern zu richten. Ich bin dafür bekannt, daß ich jeden Vertrag verdrehen kann. Auch Staatsanwaltschaftsrat Dr. Iacoby sagte mir: Sie können das mit den mündelsicheren Anlagen unbe- dingt in Ihrem Prospekt bringen. Auf dem gleichen Standpunkt stand auch Rechtsanwalt Iolenberg, der mir dies und das gesagt hat. Vors. Amtsgerickit.-vat Dr. Wartenberger: Mit demdies und das" kommen wir nicht weiter, Sie müssen uns nähere Angaben machen. Der Angeklagte Bergmann begann darauf zu weinen und erklärte schließlich unter Schluchzen: Ich bin so erregt, ich kann jetzt nicht antworten. Vors.: Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als heute die Verhandlung abzubrechen. Unter allgemeiner Bewegung wurde darauf die Verhandlung am Dienstag nachmittag abgebrochen und auf Mittwoch früh 9 Uhr vertagt.

Fahrt er oder fährt er nicht? Heuliger Zeppelinflug ungewiß. Friedrlchshasen, 25. September. Wie der Sonderberichterstatter des WTB. erfährt, sind die Umänderungsarbeiten an den Motorengondeln des Lustschifses heute abend noch nicht fertig geworden, vielmehr werden sie mindestens noch die ganze Nacht in Anspruch nehmen. Ob die geplant« Fahrt am Mittwoch stattfinden kann, hängt natürlich davon ab, ob das Schiff rechtzeitig klar wird. Im anderen Falls beabsichtigt Dr. Eckener, das Schiff am Donnerstag aufsteigen zu lassen. Bei dieser Fahrt wird das Schiff nur im Bodens««gebiet bleiben, um die notwendigen technischen Prüfungen vorzunehmen. Dazu gehört auch die Funkstation, die jetzt klar ist. Unter den Teil- nehmern der Fahrt befinden sich auch die aus Berlin eingetroffenen Vertreter des Reichsverkehrs Ministeriums und der deutschen Versuchsanstalt für Lustfahrt. Uebrigens sind auch heute die bekannten englischen Lustschlfssachverständigen, Major Scott und Major Booth, angekommen. Da England äugen- blicklich beabsichtigt, zwei große Luftschiffe nach dem Zeppelinsystem zu bauen, interessiert das deutsche Luftschiff natürlich auch drüben.

Soziasistische Schülergemeinschafk. Der Heimabend findet heute, Mittwoch, 19 Uhr, im Kaiser-Friedrich-Realgymnasium, Neukölln, Kalser-Friedrich-Straß«(Gesangssaal), statt. Thema:W i e denken wir uns die Arbeit der Sozialistischen Schlllergemeinschaft in der SA I.?" Sozialdemokratische Lehrer, Elternbeiräte und Schüler sind willkommen.

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Der Fall 5arcier. Dou Tristan Bernard . (Einzig berechtigt« T1»b«rs»tzung von 0t.(Sellin .)

Ich verließ also am nächsten Morgen, gleich nachdem ich angezogen war, die Kaserne. Der einzige Kamerad, den ich um diese Zeit treffen konnte, war ein Untsrofftzier. der die Wache hatte und vor der Tür der Kaserne stand. Schnell lief ich an ihm vorbei, und wie jemand, dem nicht daran liegt, sich in eine Unterhaltung einzulassen, nickte ich ihm flüchtig zu. Ich kannte die Ansichten aller dieser Leute, ich wußte, mit welcher versteckten Schadenfreude sie mit mir sprachen, wie nett und liebenswürdig sie gegen mich sein würden, jetzt, wo das Schicksal ihnen diese Genugtuung be- reitet hatte, meinen unglücklichen Freund als«inen Ver- brecher zu betrachten. Als ich mich mit großen Schritten von der Kaserne ent- fernte. rief mich der diensttuende Offizier an. Ich habe Urlaub bekommen. Herr Leutnant," sagte ich. Er erwidert« nur:Ach!" Ich glaubte, er würde an- fangen, von Larcier zu sprechen, und der Gedanke, was ich wieder zu hären bekommen würde, machte mich schon Nervös. Aber wahrscheinlich fielen ihm nicht die geeigneten Worte ein. denn er nickte nur mit dem Kopf, um mich zu verad- schieden, und ging nach der Kaserne zurück. Es wäre mir peinlich gewesen, mit ihm zu sprechen, jedoch war ich ein wenig enttäuscht, als er mir gar nichts sagte. Diese Erzählung ist eine Beichte, und ich muß alles be- richten, was in mir vorging. Seit gestern abend war ich unglücklich, wie von körper- lichen Schmerzen taten mir alle Glieder weh. Schon«ine Stunde vor der Abfahrt des Zuges, der mich nach Saint- Renaud bringen sollte, saß ich dem Bahnhof gegenüber. In diesem Augenblick empfand ich eine Art Enstpannung und verbrachte eine Stunde frohen, ja, wirklich frohen Ausruhen». Ich war glücklich. Urlaub zu haben, ich war glücklich, die Be- kanntschaft von Lareiers junger Freundin zu machen. Dieser Empfindungen war ich mir noch nicht so recht bewußt, glücklicherweise wagte ich in jenem Moment nicht mir die

Gründe meines Behagens klarzumachen, den» ich wäre ent- setzt darüber gewesen. Aber es ist jetzt sicher, daß dieser Eindruck von Freiheit und auch diese Hoffnung, eine junge Frau zu sehen und zu trösten, mich einen Augenblick eine Menge Dinge vergessen ließen. 4. Das kleine Cafch in dem ich saß, lag im Erdgeschoß eines Gasthauses. Reisende, die durch eine schlechte Zugverbindung gezwungen waren, einen Teil der Nacht zu warten und in der Nähe der Station bleiben wollten, oerweilten hier. Zu dieser frühen Morgenstunde waren außer mir noch zwei Gäste anwesend. Viehhändler, die eine Partie Ecart6 mit alten abgenutzten Karten spielten. Gegenüber von mir stand ein altes Billard; an der Wand hing«ine Karte, die eine Reihe Stöße, Kopfftöße und Rückstöße angab. Jene unbestimmte müde Zufriedenheit dauerte während der kurzen Eisenbahnfahrt bei mir an. Ganz allein saß ich in meinem Abteil, lieber der Landschaft, durch die wir fuhren, lag etwas Frisches, Einsames und Klares. Ich hatte es gar nicht eilig, an meinen Bestimmungsort zu gelangen, denn ich wußte,' daß ich gezwungen sein würde, in den Straßen der kleinen Stadt spazieren zu gehen, bevor Ich Frau Chiron aufsuchen konnte. Nachdem der Zug eine halbe Stunde gefahren war, hielt er auf einem netten kleinen Bahnhof, dessen Stationsgebäude mit Blumentöpfen geschmückte Fenster zeigte und von einem hübschen Gärtchen umgeben war. Vor der Tür wartete ein Omnibus auf den Zug. Der Kutscher, der von seinem Sitz heruntergestiegen war, führte eine gemächliche Unterhaltung mit einem alten Vagabunden des Ortes. Ich ging den Weg, der zu den ersten Häusern führte, entlang. Dann schritt ich weiter bis zu dem Mittelpunkt der Stadt. Die Post, ein großer Materialwarenladen, eine Kon- ditorei, eine Tankstelle für Automobile, eine kleines Caf6 und ein Schnittwarengeschäft lagen um einen ziemlich großen Platz herum, auf dem in der Mitte die Statue eines Ge- neral» stand, den ich mir ansah, weniger aus Neugierde, als aus Langeweile. Aber der Name war mir unbekannt. Dieses fleißige Städtchen war schon erwacht. An den Fenstern waren die Gardinen schon zurückgezogen, die Kauf- Wen wurden geöffnet. Als ich über den Platz gmg. sah ich

«in großes Ochsengespann in einer der anstoßenden Straßen. Die Ochsen zogen einen gewaltigen Baumstamm, der den Eindruck erweckte, als wäre er dahingestellt worden, das Ländliche des Bildes noch mehr hervorzuheben. Ich setzte mich auf eine Bank und wollte einige Augen- blicke die Ruhe und den Reiz dieses kleinen Platzes genießen, aber schon nach zwei Minuten merkte ich, daß ich nicht in der Stimmung dazu war und mich zwingen mußte, um noch Freude an der Romantik dieses Ortes zu haben. Ich ent- schloß mich, in das kleine Caf6 zu gehen und einen Brief an Frau Chiron zu schreiben, in dem ich ihr meine Ankunft mitteilte mit der Bitte, mich in zwei Stunden zu erwarten. Ich wollte sie auf meinen Besuch vorbereiten. In diesem Sinne schrieb ich ein paar Zeilen und schickte ihr das Briefchen durch einen Jungen, der sich vor der Tür des Caf«?s umhertrieb. Nachdem ich noch eine zweite Tasse schwarzen Kaffee getrunken und festgestellt hatte, daß die kleine Gaststube die typische Einrichtung der Provinzcafös hatte, ließ ich mir das Adreßbuch der Provinz geben und vertiefte mich lange in ein geographisches Studium des De- partements Meurthe-et-Moselle. Ich langweilte mich, ich hätte gern mit jemandem ge- sprochen, aber die einzige Person, die sich im Eafis befand, war die Wirtin, eine ältere Frau, schwerfällig, weil sie sehr dick war, und deren Gesicbt kein Entgegenkommen zeigte... Die beiden Stunden wollten kein Ende nehmen. Ich ver- suchte zu schlafen, aber ich saß auf der mit glattem, schwarzem Möbelplüsch bezogenen Bank sehr schlecht. Aber immerhin war es noch besser als in den Straßen oder auf den Feldern umherzulaufen. Ich hätte mir ein Puch in dem nahen Papiergeschäft kaufen können... Doch hatte ich keine Lust, zu lesen und mich in eingebildete Ge- schichten zu vertiefen, denn ich war selber in ein tragisches und wirkliches Abenteuer verwickelt. Und dann hat das Lesen nur Netz für mich, wenn ich keine Zeit habe, mich der Lektüre hinzugeben... Endlich geschah das, was ich für nicht mehr möglich ge- halten hatte: der große Zeiger der Uhr hatte zweimal den Kreis, den er beschreiben mußte, zurückgelegt, und ich konnte mich nach der kleinen Straße begeben, wo Frau CH6ron wohnte. (Fortsetzung folgt.)