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Abendausgabe
Rr. 472
B.234
45. Jahrgang
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Der Borwärts erscheint mochentag lich zweimal, Sonntags und Montags einmal, die Abendausgaben für Berlin und im Handel mit dem Titel„ Der Abend, Jllustrierte Beilagen Bolt, und Zeit" und Kinderfreund". Ferner Unterhaltung und Wissen", Frauen. timme. Technit"," Blid in die Bücherwelt" und Jugend- Borwärts"
Freitag 5. Oftober 1928
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Nachdem in den Abendblättern vom Donnerstag eine Havas meldung veröffentlicht worden war, daß die französische und eng lische Regierung die Absicht hätten, die Dokumente zum französischenglischen Flottenkompromiß zu veröffentlichen, bringt das„ Echo de Paris" eine Enthüllung über die Vorgeschichte des englisch - französischen Marineabkommens, die der sensationellen Beröffentlichung der Hearst- Bresse gleichzusehen ist. Das Blatt gibt nämlich eine detaillierte Inhaltsangabe des Rotenwechsels, der zu diesem Abkommen geführt hat. Die erste Note, vom Foreign Office ausgehend, enthält die Anfrage, ob eine private Anregung des französischen Bölkerbunddelegierten Paul Boncour , die alle Schiffe mit einer Bestückung über 20 Jentimeter einer Beschrän tung unterwerfen wollte, die offizielle These der französischen Regierung darstelle. Im bejahenden Falle wäre England bereit, diese These anzunehmen und als Gegenleistung dafür seine Oppo lition gegen die Stärke der franzöfifchen Reserve armee fallen zu lassen. Diese Note stammt vom 28. Juni.
Am 20. Juli nun antwortete Briand bejahend und hob dabei vor allem die englische Gegenleistung hervor. Dann stellte er, aber die Bedingung, daß zwischen den Unterfeebooten über und unter 600 Tonnen ein Unterschied gemacht werde, und daß nur Die Unterseeboote über dieser Tonnenzahl, die als Offensivmaffen anzusehen seien, einer Beschränkung unterworfen würden. Dabei bedauert es Briand , daß England nicht jenen Vorschlag Frankreichs vom März 1927 unterstügt habe, der den Seemächten innerhalb einer genau festzuseßenden Gesamttonnage vollkommen frete Hand hinsichtlich der Ausnügung laffe.
Schon am 28. Juli erklärte sich England bereit, die letzten fran zösischen Bedingungen anzunehmen und stellte dann in seiner Rote eine Liste aller derjenigen Schiffseinheiten auf, die nach dem jezt zustande gekommenen Rompromiß einer Beschränkung untermorfen werden sollen. Diese Liste bildet den sachlichen Inhalt des bertraulichen Rundschreibens des Quai d'Orsay, das von der Hearst. preffe veröffentlicht worden ist.
Nur diese Liste ist, wie das„ ,, Echo de Paris" betont, Amerita, Japan und Italien zur Kenntnisnahme übergeben worden. Als dann aber Amerika die Rückfrage stellte, ob das Abkommen noch andere Bestimmungen enthalte, wurde ihm eine Inhaltsangabe der dritten Note übersandt.
Ein böswilliger Zufall will es, daß gerade heute der sozialistische Parteiführer Beon Blum im„ Populaire" die Schlußfolgerungen einer längeren tritischen Artikelferie über das englisch - franzöfifche Marineabkommen veröffentlicht. Als Quintessenz aller Strititen, erklärt Blum, daß das Abkommen in seiner Gesamtheit wie in feinen Einzelteilen nur verständlich sei, wenn man annehme, daß ein präzises Militärbündnis feine Ergänzung bilde. Dies lei nicht der Fall, weil man sich vielleicht vor allzu genauen Formeln gefürchtet habe. Damit ergebe sich allein aus dem fachlichen Inhalt des Abkommens, daß eine militärische Zusammenarbeit vor
gefehen sei.
Schwindelnachricht über den Auswärtigen Ausschuß. Die Berhandlungen des Auswärtigen Ausschuffes find vertralich, also glaubt die„ Deutsche Zeitung" über sie schwindeln zu tönnen, wie fie mill. Sie erzählt ihren Lesern, daß der Reichsabgerüdt" sei. Das gerade Gegenteil ist der Fall. Der Reichs tangler hat erklärt, daß er von Breitscheid stets über die Befprechungen, die dieser führte, unterrichtet worden sei, und daß er feinen Anlaß zur Mißbilligung gefunden habe, da, was bon Breitscheid unternommen wurde, ganz im Sinne der Delegations : führung gewesen fei. Eine alberne Erfindung ist es auch, wenn das aldeutsche Blatt behauptet, die Sozialdemokraten feien so vorsichtig gewesen, Breit. Scheid von der Sizung fernzuhalten." Auch hier ist das Gegenteil mahr. Die Sozialdemokraten hatten Breitscheids Teilnahme ge wünscht, Breitscheid war jedoch von Genf zur Erholung nach dem Süden gefahren, und sein Gesundheitszustand gestattete ihm
nicht die Rückkehr.
Also ist alles, was die Deutsche Zeitung erzählt, genau so, mie man es von einem altdeutschen Blatt erwarten tann: es ist lein Bort baran wahr!
Wohnungen, die man verfallen läßt.
Während, die Berliner Stadtverordnetenversammlung endlich der Vorlage über den Bau von Kleinwohnungen zugestimmt hat, geht die halbtertige Spandauer Schuposiedlung auf dem städtischen Gelände an der Heerstraße ihrem Verfall entgegen, weil es nicht gelingt, die fehlenden Mittel zur Vollendung des Baues aufzubringen.
Die Tragödie des frommen Heims
Ein Nachwort zum Prozeß Anthony.
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Hätte die Stenotypistin Erna Anthony zufällig eine Volksschule besucht, an der ein tdealistischer Junglehrer rhythmisch- gymnastische Uebungen mit seinen Schülerinnen veranstaltete, wäre sie Mitglied einer freien Jugendorganisation gewefen gewiß, die Frommen von Hugenberg bis Claß würden nicht verfehlen, ihre Bluttat als Folge der modernen Jugenderziehung anzuprangern. Aber nichts von dem. Erna Anthony stammt aus einer jener altmodisch- fleinbürgerlichen Familien, die nach Beteuerungen aller Nationalgesinnten das Fundament von Staat, Sittlichkeit und Moral bilden. Reputierlichkeit und Ehrbarkeit nach außen hin gelten in diesen Sphären alles. Der grauhaarige Bater betont, daß die Sorge um die Ehre feines Namens" in seinem Leben an erster Stelle geftanden habe.
Wir sind weit entfernt, an der Ehrlichkeit dieser Befundung zu zweifeln. Bater Anthony hat manchen Wesenszug gemein mit einem Bater ähnlichen Namens, dem Meister Anton aus Hebbels Maria Magdalena ". Wie bei diesem aber sehen wir auch die Kehrseite der Ehrbarkeit: furchtbar ausbrechenden Jähzorn, der sich auf die Tochter
pererbt.
Was ist Jähzorn? Der plögliche Durchbruch des Geftauten, des lange Zurüdgehaltenen. Er ist die plögliche Entladung all der äußeren Ehrbarkeit bedingt sind. Der Bater ahnt dunkel, daß er Hemmungen und Berdrängungen. Die durch die Atmosphäre der mit der Ehrbarkeit auch ihren Widersacher Jähzorn großzieht. Aber er fennt nur ein primitives Borbeugungsmittel dagegen: Frömmigkeit und Gebet. Ich habe mein Kind sehr religiös er bogen, es angehalten, morgens und abends zu beten."
Berichte 2. Seite.
Und troßdem?-Nein, nicht froßdem, sondern deswegen. Erna Anthony litt an funttionellen Störungen ihrer Segualorgane auf Grund angeborener Mängel. Es gibt wenige förperliche Störungen, die mit ähnlicher Heftigkeit sich in Störungen des Seelenlebens widerspiegeln. Zweifellos hat Erna Anthony schwer unter diefen Störungen zu leiden gehabt. Aber wo sollte sie im Heim ber Chr barkeit bamit hin, wem sich anvertrauen, wem beichten? Man hätte sie nicht verstanden, vielleicht hätte man sie ausgescholten, vielleicht hätte es einen Jähzornanfall des Baters gegeben, bestenfalls würde man ihr zum Morgen- und Abendgebet noch ein drittes, ein Tisch gebet empfohlen haben..
So führt die fromme und bescheidene Haustochter außerhalb des Hauses ein Leben, von dem niemand in der Familie etwas. ahnt. Sie gibt sich mehreren Männern hin, ihrem Chef, hat einen Bräutigam, unterstützt daneben noch einen rätselhaften Dritten, aber wohl feinem hat sie mit voller Leidenschaft, mit reifen Liebesgefühlen angehört. Gerade in der Unftetheit ihrer Liebeleien zeigt sich die Unterentwicklung und Dürftigkeit ihrer seruellen Ber
anlagung. Man muß sich vor dem naheliegenden Trugschluß hüten, in der Bügellosigkeit und dem Wechsel der Liebe etwa ein Merkmal besonders starter und hochentwickelter Geschlechtlichkeit zu sehen. nahmefall, fie stellt einen weitverbreiteten Typus dar. Aber es iſt Gewiß bedeutet in dieser Beziehung Erna Anthony teinen Aus Dies im Grunde der Typus des in der Großstadt verkümmerten und entarteten Zivilisationsmenschen, dem Amusement und Abmechslung die für ihn unerreichbaren Güter Glüd und Lebens.
inhalt erseyen müssen.
Denn ein Lebensinhalt ist hier nicht vorhanden. Trog bes frommen Heims und des zweimaligen Gebets am Tage fehlt eine höhere Lebensauffassung. Es fehlen Ideale und eine über den All. tag hinausgehende Zweckfegung. Das dürftige bißchen Liebelei genügt nicht, um die angestauten pathologischen Triebe zu entladen. Die von Freud so genannte„ Sublimierung, die Erhebung des Triebüberschuffes zu geistigem Shaffen und Wirten muß