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Morgenausgabe

Nr. 569

A 288

45.Jahrgang

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Vorwärts

Berliner Boltsblatt

Sonntag

2. Dezember 1928

Groß- Berlin 15 pf. Auswärts 20 Pf.

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Disfuffion.

Nach einer Kabinettfißung- vor einer Gewerkschaftskonferenz Bon***

Heinrich: Ich muß schon sagen, für mich war es die schlimmste Enttäuschung. Soviel Instinktlosigkeit hätte ich nicht für möglich gehalten. Das mußte doch jeder im ersten Augenblic fehen: Sepering als höchster Schiedsrichter vorgeschlagen und von den Unternehmern, die nicht mehr ein und aus wissen, angenommen das ist ein Triumph.... Adolf: Ja, ein Triumph für die Unternehmer, wie er größer nicht gedacht werden kann. Gestern waren sie noch in der Patsche, jetzt sind sie fein heraus. Esel wären fie ge­wesen, wenn fie abgelehnt hätten. Nie haben die Arbeiter glänzender dagestanden: die öffentliche Meinung, die Rechts­lage, alles war für fie. Das Reichsarbeitsgericht mußte die Gültigkeit des Schiedsspruchs, bestätigen, dann hafte jeder Arbeiter auf den neuen Lohnsaß ein flagbares Recht..

Heinrich Schön, und während prozessiert wird, geht die Wirtschaft zugrunde. Mir wäre schon ein magerer Ber­gleich lieber als ein fetter Prozeß. Und ob er mager ist, bas muß sich doch erst zeigen. Soziale Kämpfe sind Macht fämpfe, die fann man nicht führen mit der Brille auf der Nase und mit dem Finger auf dem Paragraphen: Da steht es, das ist mein Recht!" Was nügt mir mein Recht, wenn ich es nicht durchießen fann? Wer zwingt die Unternehmer, ihre Betriebe wieder zu öffnen. Etwa die Regierung

Adolf:... in der vier Sozialdemokraten fizen! Heinrich Die Regierung, die eben auch nur ein Rotbehelf fein tann, meif 153 zur Oppofition zubiel find und zum Regieren zu wenig. Aber immerhin: glaubst bu wenn wir im Reich und in Breußen nicht mit drin wären, würde man solche Unterstützungen zahlen? Glaubst bu ,, wenn wir eine Bürgerblodregierung oder eine Regierung der Mitte hätten, mäte Severing vorgeschlagen worden und die Unter nehmer hätten ihn afzeptiert?

Adolf: Du fpricht immer von Severing . Keiner von uns hat etwas gegen ihn, und der Mut, mit dem er seinen Kopf in diese Geschichte geſtedt hat-alle Achtung! Aber es geht um das Berfahren, es geht um das Prinzip, um den Schiedsspruch, der für verbindlich erklärt ist und der gehalten merden muß.

Heinrich um den Schiedsspruch des Herrn Jötten, den die Gewerkschaften für Pfuschmerf erklärt haben! Adolf: Ja, willst du mir vielleicht einreden, daß jest etmas Befferes herauskommen wird? Severing hat den Auf trag von den Unternehmern...

Heinrich... und den Arbeitern.

Adolf: Er hat aber auch den Auftrag von den Unter nehmern, und er wird fich hüten, einen Spruch zu fällen, der fie etwa faputt macht.

Heinrich Natürlich wird er sich davor hüten, weil er dos, wie die Dinge liegen, auch vor den Arbeitern nicht verantworten könnte. Wir leben nun einmal leider noch in einer fapitalistischen Wirtschaft. Könnte man innerhalb des Kapitalismus von oben her Löhne in beliebiger Höhe diftie: ren, dann wäre der Kapitalismus die idealste Wirtschafts­ordnung, und wir hätten es nicht nötig, Sozialisten zu sein. Aber als Sozialisten wiffen wir doch. daß mir das große Wirtschaftsproblem nicht von der Lohnfeite allein bemältigen tönnen. Auch ein sozialistischer Schlichter tann nicht Löhne diftieren, die zum Banfrott führen.

Die Effener Konferenz.

Die Entscheidung wird heute fallen.

Eisen, 1. Dezember.

11- f?

diefem Rufe Folge zu leisten. Sie ftimmten der Auffassung des zwischen den beiden Barteien geboten fei, daß sich beide Parteien der Herrn Reichskanzlers dahin zu, daß es bei der jezigen Lage und wegen der unwahrscheinlichkeit einer unmittelbaren Berständigung zwischen den beiden Barteien geboten sei, daß sich beide Parteien der Autorität einer mit den wirtschaftlichen Verhältnissen des Bezirks vertrauten Persönlichkeit als neutralem Schiedsrichter fügten. Die Arbeitgeber glaubten, diese Stellungnahme um so mehr verant morten zu können, als nach Wunsch des Reichskabinetts der Schieds­richter die von ihnen wiederholt angebotene Rachprüfung der Wirtschaftslage des Bezirks vornehmen, und zur Grund­

im Städtischen Saalbau die große Delegierten Am. Sonatag nachmittag um 14,30 hr tagt in Essen Konferenz des Deutschen Metallarbeiter verbandes, die etwa 60 Personen umfaßt. Diese Ta­gung, in der die Verhandlungskommission wortführend ist, wird für die Stellungnahme der Mtigliedschaft im Stampfe in der Nordwestgruppe maßgebend sein. Zuvor tagte der erweiterte Beirat des Deutschen lage seiner Entscheidung machen wird. Metallarbeiterverbandes, der die Delegierten aus dem ganzen Reiche umfaßt.

Eine Erflärung der Unternehmer.

Düffeldorf, 1. Dezember.

Der Arbeitgeberverband Nordwest teilt mit: Nachdem das Reichstabinnett im Einvernehmen mit dem Regierungspräsidenten Bergemann wegen der weitreichenden Auswirkungen des Eisen fonflifts auf die deutsche Wirtschaft Vertreter der Arbeitgeber und Gewerkschaften zur Erörterung der Frage, ob und in welchem Sinne fich eine Vermittlungsaktion zur baldigen endgültigen Erledigung des Eisenfonflifts einleiten laffe, nach Berlin berufen hatte, haben die Arbeitgeber es für eine selbstverständliche Pflicht gehalten,

Auch in der schwierigen Frage der Auswahl dieses Schieds­richters haben die Arbeitgeber naheliegende Bebenten gegen= über dem Borshlag des Reichstabinetts, Herrn Reichsminister Severing mit der Aufgabe zu betrauen, zurüdgestellt. Dies fonnten fie um so mehr, als hierdurch erneut der Beweis er­bracht wird, daß die in der Oeffentlichkeit vielfach verbreitete An­sicht, der Arbeitsfampf bei Nordmest richte sich gegen die gegen wärtige Regierung oder gegen die gegenwärtige Staatsautorität, eine durchaus unrichtige Unterstellung war, Die Arbeitgeber verbleiben vielmehr durch die Annahme des vom Reichskabinett gemachten Borschlags bei der stets von ihnen ver­folgten Linie, die strittigen Arbeitsbedingungen ihrer Berte nur unter Berücksichtigung der Wirtschaftslage des rheinisch- westfälischen Bezirts geregelt zu sehen."

Straßenkampf in Agram.

Beim füdslawischen Staatsjubiläum.

Graz , 1. Dezember.

Die Tagespost " meldet aus Agram: Die 3ehn Jahrfeier der Selbständigkeit Jugoslawiens begann heute in gram sehr stürmisch und nahm einen blutigen Ber la uf. In den ersten Morgenstunden zeigte die Stadt fein außer gewöhnliches Bild. Staatsfahnen wehten nur auf den öffentlichen Gebäuden. Auf dem Gebäude der froatischen Frank- Partei wurde eine große Trauerfahne gehißt. Kurz vor Beginn des Festgottes­dienstes letterten drei hochschüler auf den Turm der Kathedrale und hißten dort drei große Trauerfahnen. Bublifum die Fahnen bemerkte, erfolgten Sundgebungen gegen die Regierung und das Regime, und es fielen auch Rufe gegen das Militär. Die Soldaten begannen ihre Gewehre zu laden und die Bajonette aufzupflanzen. Inzwischen hatten Polizeibeamte die drei

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Als das

darum hört der Kampf auf? Du fagit, wenn die Gemert­schaften zustimmen, dann geben sie das Schlichtungswesen preis. Du warst nicht immer vom Schlichtungswesen und von der Berbindlichkeit so begeistert aber wenn du fagft, das foll jetzt preisgegeben werden, so ist das eben dein Grund­irrtum. Was wird denn am Schlichtungswesen aufgegeben, wenn an Stelle des Jötten, der doch wirklich nie der Ver­heraustauensmann der Gewerkschaften war, Carl Severing Schlichier wird? Und wird das Prinzip der Verbindlichkeit aufgehoben, wenn ein Spruch, noch ehe er gefällt worden ist, als verbindlich anerkannt wird?

Adolf: Wenn die Dinge so liegen, darf eben fein Sozialist das Schlichteramt übernehmen. Heinrich: Nein, wenn die Dinge fo liegen, müssen Sozialisten Schlichter werden. um für die Arbeiter heraus­zuholen, was herauszuholen ist.

"

Adolf: Nur hör aber auf. Das fenne ich schon! Jetzt tommen die Machtpositionen". Was nügen mir die Macht pofitionen, wenn unsere Leute nicht regieren fönnen, wenn fie so unerhörte Sachen machen...

Heinrich: Du meinst, wenn sie anständige Unter stügungen durchjeßen und den Unternehmern Severing als legte Instanz aufzwingen.

Adolf: Madh feine Wize. du weißt ganz gut, was ich meine. Sie haben die Gewerkschaften, die gestern noch so glänzend dastanden, in eine elende Lage hineinmanövriert. Nehmen sie an, so geben sie alles preis, was sie bis jetzt ver treten haben. Lehnen sie ab, jo werden alle Svießbürger heulen, daß sie geaen die Sozialdemokraten in der Regierung re bellieren, daß fie Karl Severing das Mißtrauen potiert haben. Chriften und Hirsch Dunderich werden die Gelegen heit benützen, sich in die Büsche zu schlagen. Aber trotz im sage ich, sie sollen nur ablehnen, troßdem und gerade t recht! Es mird uns gut tun, wieder einmal allein zu 1. Klaffenkampf oder Koalition! Ich sage Klaffenfampf! Heinrich: Und ich sage: Klaffenkampf mit den Mitteln, der Kampfloge entsprechen, auch mit den Mitteln der Balition. Glaubst du, well unfere Genossen und die Bürger then en einander im Reichstag zuniden und Pfötchen geben, il Unternehmer und Arbeiter miteinander am grünen Tisch jen, ohne die Tintenfäffer einander an den Kopf zu werfen,

Adolf: Was vom Schlichtungswejen aufgegeben wird? Nichts als das große Prinzip, das Hilferding in Riel gefeiert hat, von dem Sinzheimer jagt, daß es das Herz des Arbeits rechts fei. Hast du dich wirklich noch nicht gefragt, warum denn die Unternehmer alatt Severing geschluckt haben? Aus Angst? Vielleicht sind sie heute zahmer als vor vier Wochen, aber die Hauptsache ist doch, daß sie nun friegen, was sie wollten! Was wollen sie? Den Schiedsspruch beseitigen, weil fie fich nicht einen Schiedsspruch aufzwingen lassen wollten! fie fich nicht einen Schiedsspruch aufzwingen lassen wollten! nicht um ein paar Pfennige Lohnerhöhung ging es ihnen, fondern fie wollten den Arbeitern zeigen, daß die vielgerühmte Demokratie ohnmächtig ist gegenüber dem Kapital. daß ihre Artienpalete mehr wiegen als der Stimmzettel! Sie pfeifen auf das durch den Stimmzettel geschaffene Recht, und nun sollen wir dies Recht, das Schlichtungsrecht, unser Recht, felbft preisgeben. Da fragst du noch, was mir denn am Schlichtungswesen aufgeben? Stelle dir einmal vor, eine Regierung wollte ein ordentliches Gerichtsurteil in einem bürgerlichen Rechtsstreit so behandeln, wie jetzt der verbind liche Schiedsspruch behandelt wird. Da würde das ganze Bürgertum schön schreien! Und jetzt sollen wir unser Recht preisgeben?

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Studenten verhaftet. Die Menge drang auf die Polizisten ein, um die Studenten zu befreien. An der Ede des Jellacicplages und der Betrinftostraße tam es zu 3ufammenstoßen, wobei die Polizei mit Steinen beworfen wurde, Es ist noch nicht festgestellt, auf welcher Seite dann die ersten Schüsse fielen, die eine regelrechte Schießerei einleiteten, bei der über 100 Schüsse abgegeben wurden. Ein Student war auf der Stelle tot, ein Polizist und ein Arbeitsloser wurden schwer verletzt nach dem Krankenhaus gebracht, auch ein zehnjähriger Knabe wurde erschossen.

Bei Demonstrationen am Jellatschitschplatz ging die Bache mit blanker Waffe vor und machte auch von der Schuh­waffe Gebrauch. Dabei erhielt ein 50jähriger Mann einen Schu in den Kopf und war auf der Stelle tot.

Heinrich Du sprichst nun wieder wie Michael Kohl­haas. Recht muß geschehn, mag auch die Welt zugrunde gehn! Aber wir dürfen nicht die Welt an einem Rechtsstreit zugrunde gehen laffen, wir sind feine Paragraphenreiter, fondern Arbeitervertreter. Wohl und Wehe für Millionen hängen von unseren Entscheidungen ab. Auch im bürger­lichen Rechtsstreit kommt es vor, daß sich ein Gläubiger mit einem böswilligen Schuldner vergleicht, weil er sich nicht in einem jahrelangen Prozeß, den er schließlich gewinnen müßte, ruinieren will. Das Arbeitsrecht ist junges Recht, noch im Werden. Da kommt es mir weniger auf die Form an, ob die gewahrt wird oder nicht, und mehr auf den Geist, der nicht verloren gehen darf.. Du sagst, den Unternehmern ist es gelungen, einen Schiedsspruch zu beseitigen, der rechtsver­bindlich war. Dafür haben sie geloben müssen, die Betriebe wieder zu öffnen und sich einem neuen Schiedsspruch zu beugen, der von einem Sozialdemokraten gefällt werden wird. Das ist feine Niederlage für die Arbeiter, teine Niederlage für den Geist des Arbeitsrechts. Aber es ist ein Erfolg der Demokratie, über die du spottest, ein Erfolg der Republik , denn in der Monarchie wäre ein solcher Kampf ganz anders ausgegangen. Das Aktienpatet ist schwächer und der Stimmzettel ist stärter geworden und noch lange haben Aber nicht alle den richtigen Gebrauch von ihm gemacht. so fommen wir doch ziemlich weit vom Thema ab, und bie Genossen, die uns zugehört haben, beginnen schon sich zu verlaufen.

Adolf: Dann will ich dir nur noch sagen, daß du mich nicht überzeugt haft. Im übrigen haben wir ja nicht zu entscheiden, das werden heute die in Essen tun..

Heinrich: Ja, und wie immer es fommt, werden wir meiter miteinander marschieren.

Adolf: Na das ist doch selbstverständlich!