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2. Beilage des Vorwärts

Nr.-t» 46. Jahrgang st»» U�Ui K» OienStag. Januar �92«

Rückblick und Ausblick. Von Oswald Schumann , M.d.B. Vorsitzender des Deutschen Vorkehrsbundes. An welchem Punkte der Entwicklung stehen wir? Haben sich die Bedingungen und Voraussetzungen für eine weitere erfolgreiche Tätigkeit der Gewerkschaften gebessert oder verschlechtert? Ist die bisher angewandte Taktik richtig gewesen und bringt sie uns den sozialistischen Zielen näher? Das sind die Fragen, die den verantwortungsbewußten Gewerkschafter dauernd beschäftigen und ihn zwingen, die Entwicklung unseres gesamten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens nicht nur zu studieren, sondern auch den Versuch zu machen, sie im Sinne der sozialistischen Ideenwelt zu beeinflussen. Als die Revolution von 1918 Deutschland von der Herr» schaft der Junker und Imperialisten befreit und dem Volke die polnische Freiheit und Demokratie gebracht hatte, fand die zur Macht gelangte deutsche Arbeiterklasie einen w i r t» schaftlichen Trümmerhaufen vor. Unter diesen Umständen war der Aufbau einer auf sozialistischen Grund- sätzen basierenden Wirtschaft unmöglich. Dag größte Un- glück aber war die politische Zerrissenheit der Ar» beitcrklasse. Die deutschen Gewerkschaften sind erfreulicherweise von dem Zersetzungsprozeß, der auf den Zusammenbruch im Weltkriege folgte, im allgemeinen verschont geblieben. Ihre Position erfuhr außerdem«ine wesentliche Stärkung da» durch, daß Teile wichtiger Arbeitnehmerschichten wie Beamte, Staatsarbeiter und-Angestellte, denen die politische Umwäl- zung die staatsbürgerliche Gleichberechtigung gebracht hatte, an die Seite der kämpfenden Arbeiter geführt wurden. Die Gewerkschaften bildeten deshalb«inen wichtigen Faktor im Kampfe der Arbeiterklasse um Erhaltung der durch die politische Umwälzung errungenen Position. Die Mehrheit ihrer Mitglieder hat sich allen Versuchen, sie von dem richti- gen Wege gewerkschaftlicher Betätigung abzulenken und sie für die Idee derWeltrevolution" zu begeistem, als un- zulänglich erwiesen. Diese erfreuliche Tatsache ist zweifellos ein Beweis daft'ir, daß die jahrzehntelange Erziehungsarbeit d?r Gewerkschaften in der Lorknegszest nicht erfolglos gc- blieben ist. Mitten im Wirtschaftsgetriebe stehend haben die Gewerkschafter gelernt, ihr Hauptaugenmerk z u n ä ch ft auf die Erfüllung der Gegenwartsaufgaben zu richten und außerdem durch systematische zielsichere Arbeit zukünftige Erfolge vorzubereiten. » So haben die Gewerkschaften die Periode der Dauer- krise während der Inflation und der ihr folgenden Zeit schwerster wirtschaftlicher Depression, wenn auch unter großen Opfern, überstanden. Sie waren während dieser Zeit

auch erfolgreich bemüht, das Ledenshalrungsnioeau der Ar-! beiter vor dem völligen Abgleiten zu schützen. Gewiß waren! die Mitgliederverluste der Gewerkschaften während dieser Zeit recht erheblich, aber bereits Ende 1926 war der Tiefstand überwunden und der Wiederaufstieg begann. Es ist zweifellos ein deutlicher Deweis der den Gewerk- schasten innewohnenden Kraft, daß es ihnen in dieser schweren Zeit gelungen ist, die Kämpfe um Erhöhung der Löhne und Verbesserung der Arbeitsbedingungen erfolgreich zu gc- stalten und die Versuche des koalierten Unternehmertums, den Achtstundentag völlig zu beseitigen, zum wesenUichen Teile abzuwehren. Während nach den Erhebungen des ADGB. in der zweiten Hälfte des Jahres 1924 nur 45 Proz. der befragten Arbeiter den Achtstundentag besaßen, waren es Ende 1927 bereits 56 Proz. Aber nicht nur auf dem Gebiete der Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen haben die Gewerkschaften sich als wirksamste Interessenvertretung der Arbeiter erwiesen. Aus- gehend von der Erkenntnis, daß der moderne Kapitalismus seine Kraft immer mehr konzentriert, um sich einen über- ragenden Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung dauernd zu sichern, haben die Gewerkschaften in der Nachkriegszeit ebenfalls eine weitgehende Konzentration ihrer Kräfte durch Zusammenschluß kleinerer Gewerkschaften zu leistungsfähigeren Verbänden vorgenommen. In gleichem Maße hat sich die innere Konsolidierung vollzogen, wodurch die Attions- und Kampfkraft der Gewerkschaften erheblich gesteigert wurde. Die Gewerkschaften haben ferner in der Nachkriegszeit ihren Aufgabenkreis wesentlich erweitert. Auf sozialpolitischem, arbeitsrechtlichem, wirtschaftlichem, wirtschaftspolitischem und kulturellem Gebiete waren sie be- müht, in immer steigendem Maße Einfluß zu gewinnen. * Das Jahr 1928 war insbesondere für die Gewerkschaften ein Jahr erfolgreicher Arbeit auf allen Gebieten ihrer viel- seitigen Tätigkeit. In konsequenter Fortführung ihrer bis- herigen Taktik gelang es ihnen, die Interessenvertretung der arbeitenden Volksschichten in wirtschaftlicher und wirtschafte- politischer Beziehung immer wirksamer gestalten. Im Mittelpunkt der Erörterungeil des Jahres 1928 stand neben anderen wichtigen Fragen vor allem die der Wirt- schaftsdemokratie. Die immer mehr fortschreitende Konzentration des Kapitals, die Bildung und Entwicklung von Trusts, Kartellen und Monopolen birgt große Gefahren für die Arbeiterklasse in sich. Wenn die Arbeitersäzaft nicht rechtzeitig versucht Einfluß aus diese Entuncklung zu ge­winnen, dann wird die mit Riesenschritten sich vollziehende ökonomische Entwicklung sich ausschließlich zugunsten des Privotkapitals auswirken. Die Gewerkschaften erblicken des- halb mst Recht eine ihrer Hauptaufgaben darin, den privat- wirtschaftlichen Einfluß des Kapitals auf die Gestaltung unseres Wirtschaftslebens immer mehr zurückzudrängen und gemeinwirtschaftlichen Ideen den Boden zu bereiten. Der Hamburger Gewerkschaftskongreß, der zweifellos den Höhepunkt gewerkschaftlicher Aktivität im Jahre 1928

darstellt, hat auch zu dieser Frage Stellung genommen. Der Kongreß war einig in der Auffassung, daß die Durchführung. der Wirtschaftsdemokratie als wichtigste Aufgabe der Ge- werkschaften zu betrachten sei. Nicht um Wirtschaftsdemo- kratie als Ersatz für den Sozialismus handelte es sich in Hamburg , sondern darum, durch systematische, planmäßige Steigerung des Einflusses der Gewerkschaften auf die Ent- wicklung der Wirtschaft, die Entwicklung im Sinne unserer Auffassungen zu beeinflussen, sie mit gemeinwirtschaftlichen Ideen zu durchdringen mit dem Ziel der Verwirk-, lichung des Sozialismus. * Das abgelaufene Jahr war Zeuge eines gewaltigen' Ringens zwischen dem kapitalkräftigen koalierten Unter- nehmertum der Großeisenindustrie im Westen und deren Arbeiterschaft. Dieser Kampf und besonders das Eingreifen der Reichsregierung in denselben zeigt deutlich, daß sich die Situation doch wesentlich zugunsten der orga- visierten Arbeiterschaft verschoben hat. Das enthebt jedoch die Arbeiter und ihre berufenen Organe nicht' der Pflicht, die Forderung nach gesetzlichen Schutzmaßnahmen. gegen Willkürakte der Unternehmer zu erheben. Die weitere Forderung der Arbeiter nach tätiger Mitwirkung der Ar- beiterschaft im Wirtschaftsorganismus überhaupt ist eine Selbstverständlichkeit. Wenn in der Presse offenbar in übertriebenem Opti- mismus davon die Rede war, daß es sich im Eisenwirt- schaftskonflikt vielleicht um das letzte stärkere Aufbäumen des Unternehmertums gegen den Staat gehandelt hat, so muß vor einem derartigen Optimismus gewarnt werden. Wer das deutsche Unternehmertum kennt, weiß, daß es so leichr den Kampf um Wiedererlangung seiner früheren Macht- Position nicht aufgeben wird. Wir müssen uns im Gegenteil. darüber klar sein, daß uns eine Periode schwerster Wirtschaftskämpfe sicher noch bevorsteht. Trotzdem dürfen wir hoffen, auch diese Kämpfe erfolgreich zu bestehen. denn der heutige Staat ist nicht mehr allein der Staat der Unternehmer, sondern auch der Einfluß| der Arbeiterschaft macht sich immer mehr geltend und die Gewerkschaften sind, auch zahlenmäßig betrachtet, heute ein M a ch t f a k t o r, mit dem unbedingt gerechnet werden muß. Es kann also festgestellt werden, daß die Position der Gewerkschaften im Jahre 1928 namentlich auch durch den Wahlerfolg der Sozialdemokratischen Partei sich günstiger gestaltet hat, und daß eine weitere erfolgreiche. i Tätigkeit der Gewerkschaften auch in Zukunft zu erwarten ist. In den bevorstehenden schweren Kämpfen wird schließ- lich derjenige Teil den endgültigen Sieg davontragen, der über die beste Kampfestaktik oerfügt. Wenn die Gewerk- ichaften ihre Kräfte noch mehr als bisher konzentrieren und durch inniges Zusammenwirken mit ihrer politischen Inter- cssenvertrening, der Sozialdemokratischen Partei und deren- Fraktion, den politischen Einfluß der organisierten Arbeiter­schaft stärken, dann werden sie auch in Zukunft von Erfolg zu Erfolg schreite».

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