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&et1a$e Dienstag, 6. Januar 1929

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Noch einmal die Strafanstalt Wittlich *>

Annäherung des Anstallslebens an das Leben in Freiheit ist für den Kriminal pädagngen etwas Selbstverständliches� Daß Cr« Ziehung zur Gemeinschaft nur durch Gemeinschastserleben verwirk« licht werden kann, steht bereits seit langem außerhalb der Diskusston. Diesen beiden elementaren For. derungen der modernen Anstalts- «Ziehung wird dos Jugendge- fängnis Wittlich nicht gerecht. Die Kreizeit. Im Dienste des Crziehungs- gedankens steht die Arbeit in gleichem Maße auch die Freizeit. Die Arbeit in Wittlich hat nur geringen erzieherischen Wert. Es fehlen moderne Werkstätten, es fehlen Arbeitsaufträge, die Be- schäftigung in den Wohnzellen ist gesundheitsschädlich und pädago« gisch unhaltbar. Der junge Mensch fühlt sich hier nicht als(Blied des Pro­duktionsprozesses. Loip Bücherlesen abgesehen, ist er den ganzen Tag sich und seinen Gedon- ken überlassen. Seine Phantasie füllt er mit Bildern aus seiner Der- gangeicheit. Mit seinesgleichen trifft er nur während der Turn- stunde, am Sonntag wahrend der Spielstunde, höchstens noch bei einigen wenigen anderen offiziellen Gelegenheiten zusammen. Das gilt für die gesamte erste Stufe. Die Gefangenen der Zweiten Stufe ar- beiten in Werkstätten, im übrigen' ist auch hier jeder junge Mensch auf seine eigene Gesellschaft an- gewiesen. Aehnlich liegen die Dinge auf d« dritten Stufe. Die erzieherischen Vorteile der Selbswerwaltung genießen von 160 nur 18 junge� Leute. Aber auch diese füllen. ihre Freizeit in rein zu- fälliger Weise aus, vom Erzieherischen ist hier wenig zu merken. Die Masse spürt wohl die durchaus nicht gering einzuschätzenden persönlichen Einwirkungen des Direktors, Fürsorgers. Lehrers, Pfarrers, der Inspektoren und der Wochtmeist«. Wechselbeziehun- gen und Wechselwirkungen unter den jungen Leuten, soweit sie außerhalb der gemeinsamen Arbeit bestehen, sind gemisisrinaßen verbotener, unerlaubter Natur. Sie beruhen auf Znwiderhand- wngen gegen die Anstoltsordnung, stärken deshalb die negativen, nicht aber die positiven Seiten der jungen Leute. Dem Bedürfnis zum Gemeinschaftsleben, das in diesem Alter doch recht stark ist, wird nicht Rechnung getrogen. Das Schöpferische, das jeder Ge­meinschaft bei richtiger Führung und Durchdrin- gnng mit sozialen Werten innewohnt, wird dem Erziehungsgedanken nicht dienstbar gemocht. Einen Festausschuß für Feierstunden gibt es nicht nur einmal im Jahr, zu Weih- nachten, findet eine Ausführung statt: auch keinen Sportausschuß, weder eine Fußballmannschaft, noch eine Vereinigung für Leicht« athletik, weder ein Schachklub, noch Sanmriterkurse, weder eine eigene Anstaltszeibmg, noch irgendwelche Arbeitsgemeinschaften. Selbst eine Musikkapelle ist nicht vorhanden: bloß die Sänger sind in einem Anstaltschor: er gibt fein Können für die Allgen, einhett beim Einschlußgesang(das ist der Gesang auf dem Gefängnis- korridor vor dem Schlafengehen) zum besten. Selbstverständlich erfordert eine richtige Erziehung eine genügend große Anzahl von Fürsorgern. Die fehlen ober in Wittlich . Auch ent- sprechende Räuipe sind erforderlich. Wittlich besitzt sie nicht. Die Kirche. Da ist z. B/ die Kirche in Wittlich . In modernen Gesängniflen dient sie gleichzeitig als Raum für Vorführungen, für Kinoauf- führungen und für Lichtbildervorträge: so der neue Gemeinschafts- räum in der Fraucnabteilung des Untersuchungsgefängnisses Moabit zu Berlin . Die Kirche in Wittlich zeigt noch die un- leidlichen BoxenAffenkaften" nennen sie die jungen Leute. chier sitzen sie, durch hohe Holzwände voneinander getrennt, damit sie während des Gotlesdicisstes einander nicht sehen und einander nicht stören. Undenkbar, daß hierbei eine weihevolle Slimmung entstehen kann, die doch ein religiöses Band zwischen den Andacht- «sültten schaffen soll.Sie sind immer noch da, die Boren," meint melancholisch der Direktor,obgleich ich dagegen bin.". Ja, sie sind immer noch da. Und oiclleicht sind sie ein Symbol dasür, daß es noch manches in Wittlich wegzuräumen gibt, das den Einwirkungen eines neuen Geistes cntgegenstehtt Die Turnstunde. Dient die Kirche nicht der erzieherischen Ausfüllung der Frei- zeit denn sie steht fast die ganze Woche über leer so hat auch die Turnstunde nur in geringem Maße erzieherischen Wert. Aller- dings ist hier die ganze Anstalt versammelt: die Art, wie sie ertellt wird, mutet aber nicht modern an Die Gefangenen schreien militärisch die Reihenfolge ab. wobei sie sich fast den Hals ver­renken und führen dann unter Kommandos eines Gefangenen- Wachtmeisters milttärische Freiübungen aus. Sie klappen exakt. Es folgen Turnübungen an verschiedenen Geräten nach Riegen geteilt. Ich frage den Direktor, ob Leichtathletik getrieben wird. Rein, höchstens Springen. Es gibt also auch keine Sportseste, kein Wetteifern in Leistungen? Nein. Gibt es eine Fußballmannschaft? Nein, nur Handball wird gespiell. Das ist also die Turnstunde. Auch sie steht nicht im Dienste des Gemeinschastserlebnisses. Im übrigen wird der Hof kaum bemitzt. Selbst an Sonntogen habe» die Leute nur zwei Stunden Spielen, bloß die aus der Selbstoer- waltung dürfen den ganzen Tag über draußen sein.

Raub au der Freizeit ist auch dos frühere Einschließen in die Zelle. Nach Arbeitsschluß kehren die jungen Gefangenen dahin zurück, sofern sie nicht ihr Tagesrverk dort verrichtet hoben. Ilm 7 Uhr wird dos Licht gelöscht. Vor jeder Tür liegt auf einem

Irriilhungm auf dem Qefängtüshofe. Schemel, in vorgeschriebener Weise zusammengelegt, die Kleidung. Darüber das Eßbesteck. Neben dem Schemel stehen die Stiefel. Auch das gehört zur Ordnung des Iugendgefängnisses. Bloß die Celbstoerwaltungsftufe wird erst um 8 Uhr in ihre Zellen ein. geschlossen: bis dahin darf man im Gemeinschastszimmer beisam- men sein. Auch Licht kann noch ein Weilchen in den Zellen brennen. Kleidungsstiü�e und ihr Eßbesteck brauchen nicht herausgestellt zu werden. Nach 8 Uhr herrscht im Iugendgefängnis Totenstille. Kein Ton stört die Ruhe, nur der bewaffnete Gesängniswachtnzeister

geht leisen Schrittes durch die Korridore. Und morgen ist wieder ein Tag, der schwerlich den jungen Menschen viel neue innere Werte für ihr zukünftiges Leben vermittelt. «» Das ist das eigentümliche in der Jugendstrafanstalt Wittlich: Jugend ge fängnis und Jugend er Ziehung sind hier in ge- wisiem Sinne»erquickt. Man weiß aber, daß das preußische Justiz- Ministerium genau die Linie kennt, in der sich die Erziehung d« jugendlichen Gefangenen unh seine Vorbereitung zum Leben st, der Freiheit bewegen muß. Das bewies«st vor kurzem der Vortrag des aus Kiel für das Ressort des Strafvollzuges tu das preußische Justizministerium berufene Ob«justizrat Dr. G e n z überDas Sexualproblem im Strafvollzug" auch der Sexual­not wird in Wittlich nicht entgegengearbeitet. Dr. Genz sprach dos Wort von der Notwendigkeit, an die schöpfe« rischen Kräfte der Gefangenen zu appellieren. Wo anders müßte damit begonnen werden, als bei jungen Rechts- brechern? Die guten Ansätze, die in Wittlich vorhanden sind, sollten systematisch und pädagogisch ausgebaut werden. Dann«st wird Wittlich eine Mustererziehungsanstalt genannt m«den dürfen.- Leo Rosenthal . Rekordbeten in Amerika Sechstagerennen find uns schon längst keine Neuigkeit mehr. und wir sind durch den eisernen Gustav und seine Nachfolger au allerlei kuriose Rekordsägerei gewöhnt, ober den Rekord kurioser Re. kardc hält augenblicklich Amerika . In der Kolvcrienkirche der Bop- tisten gemeinde von Stt Jose in Kalifornien fand nämlich vor kurzem ein Achtundvierzigstundenbeten statt, meistenteils in Form einer stillen Anrufung Gottes ". Frauen, die den Schwur achtundvierziq- stündigen Fastens abgelegt hatten,»«sammelten sich im Erdgeschoß der Kirche, zugleich trafen sich die Männer in einem kleineren Raum oben, um an der Gebetsübung teil.zunehmen. Das Ganze wurde von einer Predigt eingeleitet, dann folgte diestille Andacht", die nur selten durch eine hymnensingende Frau oder durch das laute Gebet eines Mannes unterbrochen murde.Sie arbeiteten mit Ablösung, etappenweise," erklärte der Sekretär der Kirche, denn noch zwei StundenGebetsarbeit" gingen die Gläubigen nach Hause, um sich auszuruhen und dann wieder einzuspringen also eine ganz dem Sechstagerennen nachgeahmte Taktik. Ob es auch Gebetsspurts und Punktwertungen gab, wurde leider nicht mitgeteilt. Kurios mutet uns auch die Schlußprsdigt überJesus als Blitzableiter Gottes " an. DasLamm Gottes , unschuldig" scheint im Lande der Technik ein schwerverständliches Beispiel geworden zu sein. Trotzdem die Gebet»- kolonne dieses Rekordbetens zeitweilig 25"Frauen und 15 Männer stark war, klagte der Geistliche doch, daßmir ein wahrer Gottes« streiter aus 1000 Kirchenmilglieder käme". Auf diese Elitetrupps scheint« sich ab« verlassen zu können, denn die meisten maren intzz des Achtundnierzigstundenbetens noch ein« kurzen Frühstückspause zum gewöhnlichen Sonntagsgottesdienst am selben Tage wieder in der Kirche. Dieser Bericht aus demunbekannten Amerika " kann uns erst das Milieu, in demAfsenprozesle" noch heute möglich sind, be- greiflich wachen.

Der Rücktritt Ben Lindseys Ein Schöpfer neuer Jugendgerichte

) Siehe Nr. 590 vom Freitag, dem 14. Dezember 1928.

In der Gestalt des Jugendrichters Ben Lindsey verkörpert sich das Heldentum einer Persönlichkeit, die in dem Kampfe der sittlichen Freihen gegen den Zwang konventioneller Moral das so- ziale Gewissen Amerikas und der europäischen Welt aus dos inten- sioste aufgerüttelt Hai. Ben Lindsey . alssittlicher Dynamo" einmal von dem Kongreß der Verewigten Staaten gekennzeichnet, ist Schap- sex des. Jugendgerichts in. D e n v e r in Kolorado Das Wesen dieses Jugendgerichts ist es. alle Jugendlichen außerhalb eines ordentlichen ösfenilichen Kriminalversahrens zu stellen und durch persönliche pädagogische Maßnahmen den jungen Menschen zu helfen. sie unter Umständen dauernd zu leiten, nicht aber zu bestrafen. Lindsey übernimmt eine Grundcinsicht der modernen Psycho- logie des jugendlichen Menschen darin, daß er das Eigenrecht des Kindes gegenüber dem des Erwachsenen anerkennt. Der Staat, der Kinder wie Erwachsene behandelt, ihnen zwar kein Recht aus eigene staatspolitische Maßnahmen zugesteht, sie aber gleich reifen Män­nern ins Gefängnis steckk, verfährt nicht nur grausam und ungerecht gegen diese, sondern auch zuletzt. gegen sich selbst.Ich denk«." sagt Lindsey,wenn die Welt besser um die Gedanken und Beweggründe der Jugend wüßte, wie natürlich und arglos, wie naiv sie ist. wie heilig in ihrer ungekünstelten Ehrlichkeit und Einsachheil, selbst wenn sie höchst unklug ist. würde die Gesellichaft ihre Gesundheit wieder- finden." Die erste Tat Lindseys war darum die Abschaffung des Gefängnisses für die Jugendlichen. I» persön­lichem eingehenden Gespräch suchte er das Vertraue » der Kinder zu gewinnen und vermvchte die einen soweit moralisch zu kräftigen, daß sie selbst von sich aus die rechte Bahn beschreiten konnten, die anderen welche der Beaufsichtigung bedursten, schickte er in die FürsorgeonstaU. wohin sie alle auf Ausforderung des Richters ohne jede Begleitung freiwillig, km guten Kinderglauben anL i t t l e B e n". gingen.. So entstanden noch dem Beispiel Denvers in ganz Kolorado jene Jugendgerichte die. durch keinerlei politische Machenschaften zerstörbar, ihrenz Urheber di« Dankbarkeit der gerecht empfindenden Menschhett sichertt Sittlichfeit im Kampf mit der Sitte. Aber Lindseys Jugendfürsorge ging weit üb« dös Maß bloß« Iugendgerichtsbarkeit hinaus. Zu Tausenden wendeten sich funge Menschen an Lindsey und baten in allen den Fällen, in denen sie sich gegen die herrschende Sitte besonders auch auf geschlechtlichem Gebiete vergangen hotten, um Rat So halte d« Jugendgerichts- hos m den Iahren 1920 und 1921 allein mit 769 Mädchen im Alter von 14 bis 17 Jahren wegen sittlicher Berfehlungen zu tun. Und in fast allen Fällen war es Lindsey gelungen, den jungen Menschen zu Helsen . Ost vermochte er die Ellern zu überzeugen, daß gerade m solchen Zeiten der inneren Röte sie chren Kindern den Beweis wahr« Liebe zu geben hätten. Wo chm dies nicht gelang, half er «den ohne d«en Unterstützung, ja in manchen Fällen auch gegen

deren Willen.Ich bin zuerst für die Kinder." sagt Lindsey,denn ich bin zuerst für die Gemeinschaft. Die Kinder von heute sind die Gemeinschaft von morgen. Ich verlange, daß die Gemeinschaft vorher durch Erziehung richtig leitet und nicht nachher oerfolgt, wenn der Schaden getan ist, verfolgt mit einer Grausamkeit, die zur Verzweiflung, ja zum Mord« treibt." Wenn Ben Lindsey in jedem Falle für die Mutter als einemheiligen Kanal des Lebens" Ehrfurcht fordert, so bedeutet das keineswegs. wie seine Gegner ihm oft zugeschoben haben, daß er die Institution der Ehe angreift. Für ihn ist die Ehe, allerdings nur wenn sie nicht auf unerträglichem Zwang, sondern auf seelischer Freiheit basiert, eine notwendige Einrichtung der Gesellschaft. Was er hin» gegen nicht müde wird zu fordern, ist Gerechtigkett für alle unge- borenen Kinder, von denen eine Unzahl vor ihrer Geburt durch Mord und nachher mit Schande bedroht wird. Es tonnte nicht ausbleiben, daß Ben Lindsey, durch 30 Jahre von den«konventionellen Barbaren" mit alle» Machtmitteln ver- solgt, äußerlich unterliegen mußte. Ende 1927 wurde Lindsey ge» zwungen, sein Richteramt abzugeben, nicht ohne vorher sein Werk am Kinde und an der Menschheit durch einen Akt seelischer Größe zu besiegeln. Die Akten sind vor Mißbrauch sicher. Während seiner 30jöhrigen Richtertätigkeit nahm Richter Lind» sey eine Unzahl Protokolle Aussagen einiger tausend Mädchen aus dcni ganzen Reiche Kolorado aus. Man hatte schon, während Lindsey im Amte war wiederholt versucht, die im vollen Vertrauen aus die Verschwiegenheit Lindseys gegebenen schriftlichen Aussagen zu rauben: es waren hauptsächlich Diebe gewesen, die diese Akten zu Erpressungen aller Art oerwenden wollten. Nunmehr ab« mit dem Abgange.Lindseys wurde diese Gefahr ganz besonders drohend. Unter allen Umständen mußte ein solches Unglück oerhütet werden Als er daher sein Richteramt niederlegte, nahm er die Prolokolle zirka 5000 an der Zahl, mit sich. Die Staatsanwall- schaft forderte unter Androhung von Strafe und Gewalt die Akten zurück In diessm Konflikt zwischen äußerem Recht und innerer Gerechtigkeit entschloß sich Lindsey. der Ge- fährdung seiner eigenen Person nicht achtend, diese Protokolle auch der Well zu schaffen, indem er sie o e r b r a n n t e. An dem lodern- den Scheiterhausen sprach Ben Lindsey folgende Worte:Ihr, arme Mädchen, die ihr einst das Geheimnis eurer Erniedrigung mir an- vertraut habt, ihr könnt ruhig sein: seht, euer Geheimnis bleibt bei nur. sich« aufbewahrt. Jene Bösen, die eure Aussagen für das Gericht oder für die Oefsentlichkeit verwerten wollen, bekommen nun gar nichts in die Hände, bloß diesen Hausen einer grauen, formlosen Aschenmenge." Dieser zugleich reale und symbolische Akt bezeichnet den vor- läufigen Abschluß einer Wirksamkeit, deren sittliches Pathos V« konventionellen Erfordernisse der Gesellschaft überdauern wird. Brot HL Werner.