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BERLIN Dienstag 29. Januar

1929

Der Abend

Erideint täglich aufer Sonntags. Bugleich Abenbausgabe des Vorwärts". Bezugspreis beide Ausgaben 85 Pf. pro Woche, 3,60. pro Monat. Redaktion und Expedition: Berlin SW 68, Lindenftr. 3

10 Pf.

Nr. 48

B 24

46. Jahrgang.

66 anzeigenpreis: Die einfaltige Nonpareillezeife

Spätausgabe des Vorwärts

80 Vf., Reklamezeile 6 M. Ermäßigungen nach Tarif. Bokfedtoute: Vorwärts- Verlag G. m. b. H.. Berlin Nr. 37536. Fernsprecher: Donhoff 292 bis 297

Deutsch - russisches Locarno .

Schlichtungsvertrag mit der Sowjetunion .

Das am 25. Januar in Moskau von dem deutschen Botschafter von Dirksen und dem zurzeit amtierenden Volkskommissar für Aeußeres, Litwinow , gezeich nete" Abkommen über das Schlichtungsber fahren wird im Wortlaut veröffentlicht. Wie bei allen derartigen Verträgen, handelt es sich darum, die Schlich tung von Streitigkeiten zu erleichtern, über die die bei­den Regierungen auf dem Verhandlungswege fich nicht einigen konnten. Insofern setzt das Abkommen das Dutzend Schiedsverträge fort, das Deutschland bisher mit europäischen Staaten abgeschlossen hat; es verlängert so. zusagen den in Locarno mit Warschau geschlossenen Schiedsvertrag bis nach Moskau hin. Zugleich aber unterscheidet es sich in zwei bemerkenswerten Punkten von den üblichen Schiedsgerichtsverträgen.

In den gewöhnlichen Schiedsgetichtsverträgen mer­ben die Schiedsrichter und in den üblichen Vermittlungsverträgen werden die Vermittlungsfommissionen nur von Fall zu Fall; nur dann einberufen, wenn ein unlösbarer Konflikt ausgebrochen ist. Im Gegensatz dazu sieht das deutsch - russische Abkommen die regel mäßigen Tagungen der Schlichtungskommission vor, Sie versammelt sich einmal jährlich um die Mitte des Jahres zur ordentlichen Tagung", heißt es im Artikel 2 des Ab­kommens. Das Abkommen macht somit die Besprechungen, die über die Auslegung der deutsch - russischen Wirtschaftsvereinbarungen gegen Jahresende notwendig geworden waren, zu einer dauernden Ein­richtung. Sie ist eben deshalb notwendig geworden, weil die Sowjet­regierung als Nichtmitglied des Bölterbundes teine regelmäßige Gelegenheit hat, mit maßgebenden deutschen Bertretern amtlich zusammenzukommen. Somit ist der Bertrag eine Art von Völkerbundseria z. Die Beratungen deutscher und ruffischer Bertreter sollen so regelmäßig stattfinden wie die Zusammenfünfte der Außenminister der Völkerbundstaaten in Genf . Deshalb ist die Schlichtungskommission auch nicht ständig aus den gleichen Mit­gliedern zusammengesetzt, sondern wird für jede Tagung beson

Doppelselbstmord in der Bank.

Die Katastrophe eines Bankhauses.

Die aufschenerregende Nachricht von dem Selbst.| Ob zwischen den beiden Männern ein Einverständnis bestanden hat, mord zweier bekannter Berliner Bankiers, Dukas bedarf noch der näheren Feststellung. und Böttcher, Inhaber des Bankhauses Kaz u. Wohlaner, durcheilte heute vormittag die Berliner Cith.

In seiner Wohnung in der Münchener Straße 42 wurde der 56jährige Banfier Karl Böttcher , Mitinhaber des bekannten Berliner Bankhauses Razz u. Wohlauer, Behrenstraße 64/65, erschoffen aufgefunden. Briefliche Hinterlassenschaften, die über das Motiv zur Tat hätten Aufschluß geben können, wurden nicht vor­gefunden. Kurze Zeit darauf wurden die Sozien Böttchers, der Banfier Mar Dutas und Hermann Raß von dem Borgefallenen in Kenntnis gelegt. Die beiden Mitinhaber erschienen in größter Aufregung in der Bant Behrenstraße 64/65. Dukas , der in der Bahnallee 4 in Westend eine größere Billa bewohnt, begab sich sofort in sein Privatbureau. Er wollte nicht gestört sein und bat, niemand vorzulassen. Plöglich frachte ein Schuß stellten in das Zimmer eindrangen, fanden sie Dufas vor seinem und als die Ange­Schreibfisch tot auf. Neben dem Selbstmörder lag eine Mehrlade pistole. Dufas ist verheiratet und hinterläßt eine Frau und zwei

fleine Kinder.

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Auch das Motiv zu dem tragischen Ende Dukas ' schwebt noch im Dunkeln. Wie es heißt, soll sowohl Böttcher als auch Dutas durch große verfehlte Spetulationen Riefenfummen einge­Banthaus, das zu den angesehenſten in Berlin zählt, diese Belastung büßt haben. Möglicherweise glaubten Böttcher und Dufas, daß ihr nicht tragen fönne und zogen es vor, aus dem Leben zu scheiden.

ders gebildet. So ist also die Möglichkeit gegeben, daß zum Bei- 70 Milliarden Schulden Amerikas

spiel Stresemann und Tschitscherin oder von Schubert

Tragödie eines Beamten.

Weil er die Berfehlungen eines Kollegen deckte.

Wie in der Morgenausgabe mitgeteilt, wurde gestern von einem D- Jug auf dem Bahnhof Adlershof ein zu­nächst unbekannter Mann überfahren. Er war sofort tot und wurde später festgestellt als der Stadfoberinspet­for August Storch aus der Weserstr. 153 zu Neukölln, der im Zusammenhang mit Berunfrenungen bei der Giro­taffe 53 der Stadtbant genannt wurde.

Bei der Stadtbank hatte ein Rassierer Rohwoldt, dessen selbst deckte diese Veruntreuungen auf. Mit Rücksicht auf die Vorgesetzter Storch war, 135 000 m. unterschlagen. Storch Familie des Kassierers machte er zunächst eine Anzeige, uni ihm die Möglichkeit zu verschaffen, noch für Deckung zu sorgen. Storch selbst hatte davon persönlich nicht den geringsten Borteil. Erschwerend aber war für ihn, daß er schon zwei Jahre vorher eine andere Beruntreuung Rohwoldts ebenfalls nicht gleich angezeigt hatte. Er war dem Kassierer auch damals Rohwoldt festgenommen worden war, sollte eines Tages Storch in bei der Beschaffung der Deckung behilflich gewesen. Nachdem seiner Wohnung von einem Magistratsbeamten vernommen wer­den. Dieser traf ihn jedoch nicht an und man fand ihn endlich schwer verletzt im Keller auf. Storch hatte sich dort mit einem Rasiermesser einen tiefen Schnitt in die Kehle bei= gebracht und sich lebensgefährlich verletzt. Im Krankenhause wurde er aber wieder hergestellt. Vom Dienst enthoben, verfiel Storch

und Litwinow oder Juriſten und Wirtschaftsfachleute beiber Kapitalsmacht der Sozialdemokratic mehr und mehr in Schwermut, so daß sich seine Angehörigen

Regierungen in der Schlichtungstommiffion miteinander verhandeln und so einen Erfaß für die über Genf fehlende Verbindung der beiden Staaten schaffen.

Jedoch hat die Schlichtungskommission nicht das Recht, eine Entscheidung zu fällen; sie ist( Artikel 5) mur beauftragt ,,, den beiden Regierungen eine gerechte und für beide Teile befriedigende Lösung der ihr norgelegten Fragen vorzuschlagen, insbe sondere um emaigen fünftigen Meinungsverschiedenheiten zpi­schen beiden Parteien in denselben Fragen vorzubeugen". Rommi die Schlichtungskommiffion zu teinem einheitlichen Vorschlage, so soll fie binnen vier Monaten noch einmal zusammentreten, um noch­mals eine Einigung zu versuchen. Der Bericht wird beiden Regie­rungen zur freien Entscheidung über Annahme oder Ab­lehnung vorgelegt. So fehlt in diesem Schlichtungsvertrage die über die Auslegung von Rechtsfragen entscheidende Instanz. Das liegt daran, daß die Moskauer Regierung in dem Dogma der ,, Souve ränität der proletarischen Diktatur" ebenso befangen ist wie der Senat der fapitalistischen Großmacht Ameritas oder die Regierung der konservativen Kapitalisten Englands in dem Dogma der Sou­veränität imperialistischer Machtpolitif. Mostau jo wenig wie London und Washington wollen die Entscheidung über nationaler Instanzen anerkennen, während unter dem Drud der Sozialdemokraten die deutsche Regierung das Obliga­torium, die Unterwerfung unter den internationalen Richter­spruch, anerkannt hat.

So entspricht der Bertrag Berlins mit Moskau den in der kapi­ talistischen Welt zurzeit herrschenden Ideologien. Das wird nicht ausschließen, daß, wie 1922 und 1926, dies Abkommen bei der Deffentlichkeit der Westmächte großes Aufsehen erregen wird. Das liegt aber feineswegs an dem Inhalt der Vereinbarung mit Mostay, sondern daran, daß die Verhandlungen darüber mit einer Heimlich­feit geführt worden sind, als ob es sich um ein Militärbündnis handelte. Die Ueberraschung löst die Bermutung aus, es habe sich wieder einmal um eine deutsche Intrige" gehandelt. Wenn die Wilhelmstraße in den nächsten Tagen es sich wieder angelegen fein Lassen muß, zu beruhigen", so ist das ausschließlich der unglücklichen Hand zuzuschreiben, die sie in Dingen der Pressepolitik aus der Tradition früherer Zeiten her noch immer hat.

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Berichte 2. Seite

mit dem Gedanken trugen, ihn in einer Anstalt unterzubringen. Um dem zu entgehen, suchte er den Tod auf den Eisenbahnschienen.

Albert Thomas in Japan .

Der Direktor des Inter­nationalen Arbeitsamts, A1­bert Thomas, hat por einiger Zeit eine Reise nach Ostasien angetreten, um die dortigen sozialen Verhältnisse zu stu­dieren und die Verbindung zwischen seinem Amt und den Regierungen des fernen Ostens zu feftigen. Seine Stellung­nahme zu den chinesischen Fragen hat Aufsehen erregt. Unser Bild zeigt ihn bei der Begrüßung durch den Führer der japanischen Opposition Yuto Hamaguchi in Tokio .